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Blog

Besonderheiten aus München und Oberbayern

Seit 31 Jahren lebe ich nun schon in und um München und Oberbayern...



Vorwort zu meinem Blog-Bereich „Brauchtum, Feste, Märkte und Besonderheiten in München und Bayern“

Seit 31 Jahren lebe ich nun schon in und um München und Oberbayern – ursprünglich komme ich aus dem Frankenland – und kann immer noch nicht sagen, dass ich München und das, was sich darin und darum so alles tut, wie meine Westentasche kenne. Zum einen verschlägt es mich immer wieder in neue Münchner Stadtteile, Orte in Oberbayern oder auch im Frankenland, an denen ich noch nicht war, weil sie vorher irgendwie nicht in mein Bewusstsein gerückt sind. Zum anderen gab und gibt es in München und ganz Bayern Bräuche, Feste, Märkte und Besonderheiten, und diese sind entweder

  • uralt und waren schon immer da,
  • uralt, wurden aber erst in unserer Zeit wieder neu zum Leben erweckt oder
  • Im Lauf der Jahre und Jahrzehnte neu und auf sehr originelle Weise dazugekommen.
Von solchen „Phänomenen“ im weitesten Sinn möchte ich in diesem Bereich erzählen und würde mich freuen, wenn auch Ihr dazu etwas zu erzählen hättet.


28.06.2022 - Von großen und kleinen Comebacks
Im Zeitraum von Christi Himmelfahrt über Pfingsten bis Fronleichnam - Feiertage, die einander in diesem Jahr rascher als sonst gefolgt sind, weil Ostern diesmal relativ spät dran war - ist es mir gelungen, mir mit Hilfe von zwei “Brückentagen” Zeit freizuschaufeln, um wieder einmal nachzusehen, was sich in meiner Stadt aktuell so alles regt und tut. Nach einem unbeständigen, von wolkenbruchartigen Regenfällen und Stürmen geprägten Frühling hat jetzt eindeutig der Sommer bei uns Einzug gehalten, mit blauem Himmel und Temperaturen um die 30°C, der die Münchnerinnen und Münchner mit aller Macht hinaus aus den Wohnungen und Häusern ins Freie lockt. Da in den städtischen Parkanlagen und Schwimmbädern und auch in allen Kultureinrichtungen, Geschäften und Gaststätten alle Einschränkungen und Maßregeln endgültig außer Kraft gesetzt worden sind, fühlt sich das Leben und die Atmosphäre auf den Straßen und Plätzen endlich wieder so an, wie ich es seit gut dreißig Jahren kenne. Ohne das im Hintergrund lauernde “Affenpocken-Szenario” und die Möglichkeit einer bevorstehenden “Sommer-Pandemie” groß zu beachten, und trotz der Inflation und Energiekrise als Folge des Ukraine-Krieges gehen die Menschen wieder aus und treffen sich, setzen sich zusammen, wo immer es eine Bank im Freien und etwas Ess- und Trinkbares gibt, feiern wieder öffentlich Junggesellinnen-Abschiede (im Olympiapark gesehen) und große Hochzeiten (vor etwa vier Wochen im Wirtshaus am Rosengarten im Westpark). Und so kann ich mit großer Freude und Genugtuung von zwei großen und zwei kleinen Ereignissen berichten, die sich während der letzten vier “Ferienwochen” (so fühlt sich das Leben in unserer Stadt im Moment irgendwie an) zugetragen haben, und fange meinen neuen Artikelreigen bewusst klein und bescheiden an.


Das kleine Musikfestival im Theatron


Meine geneigten Leserinnen und Leser mögen sich gewundert haben, dass ich mich nach meinem begeisterten Report über das Isarflux-Musikfestival im Gasteig HP8 nicht auch in die Lange Nacht der Musik gestürzt habe, die heuer zum ersten Mal nach zwei Jahren am ersten Samstag im Mai wieder stattfand.

Doch genau an diesem Abend war ich mit drei langjährigen Freunden, die ich ebenfalls lange nicht mehr gesehen hatte, zum Abendessen im Werksviertel verabredet; von meinem Probeessen im Riederstein im Vorfeld zu unserem Treffen habe ich unlängst berichtet. Zum einen wollte ich unser Beisammensein nicht durch meinen frühen hastigen Aufbruch abrupt beenden; und zum anderen gebe ich zu, dass mir das Abendessen und die Lange Nacht der Musik zusammen nach zwei Jahren völliger Kultur- und Ausgeh-Abstinenz schlicht zu viel geworden wäre.

Doch nicht lange nach unserem gemeinsamen Abendessen und Plaudern über die Dinge des Lebens, die uns Freude machen, fiel mir in der U-Bahn auf dem Weg zur Arbeit ein Plakat ins Auge, das ein kleines Musikfestival für den Samstag nach Christi Himmelfahrt ankündigte. Die Organisation und Durchführung dieses Festivals ging von Ars Musica aus, ein kleiner, aber einst sehr rühriger Musikverein, der hauptsächlich in Sendling, aber auch in anderen Münchner Stadtteilen kleine Solo- und Kammerkonzerte mit ortsansässigen Musikerinnen und Musikern veranstaltet.

Der Ort, an dem das erste Freiluft-Konzert der Saison stattfinden sollte, ließ mich ein wenig stutzen: Theatron, Westpark. Im Olympiapark, nur einen Steinwurf weit vom Coubertinplatz und der Olympiahalle entfernt, gibt es ein Theatron, in dem im Sommer früher immer ein Wochenende lang junge vielversprechende Bands aus völlig unterschiedlichen Richtungen des Rock und Pop aufgetreten sind; das weiß und kenne ich.

Aber wo, bitte sehr, gibt es ein Theatron im Westpark? Mit der Seebühne hat es nichts zu tun; die ist allen Fans des Open-Air-Kinos unter freiem Himmel (zu dem man von seinem Sitzplatz in einer der marmornen Reihen besorgt aufblickt, wenn sich bei Einbruch der Dunkelheit und kurz vor dem Beginn des Films Regenwolken ballen und zusammenziehen) durch die Filmreihe Kino, Mond und Sterne seit Jahren bekannt und vertraut. Vage erinnerte ich mich an eine sich nach innen verjüngende Reihe konzentrischer Steinkreise, die zu einem großen runden Kreis hinabführen, und wusste, dass dieses Gebilde in dem mir vertrauten Teil des Westparks liegt, aber nicht zwischen der Seebühne und den asiatischen Ziergärten und Pagoden.

Als ich mich an dem besagten Samstag nach Christi Himmelfahrt über die stille kleine Reulandstraße und am Steinskulptur-Brunnen meines “Mini-Stonehenge” vorbei zum Wiesengrund ins Tal hinunter schlängelte, war mir zu Mute wie bei meinem Ausflug nach der ersten Pandemie-Welle: So lange war ich schon nicht mehr im Westpark gewesen, dass die Erinnerung, was wo lag, bei mir zu verblassen begann...

Das Theatron befindet sich irgendwo in diesem Teil, aber es liegt nicht bei der Seebühne und auch nicht zwischen den Orakelhügeln (die Hügel beim Wirtshaus am Rosengarten und beim Asien-Ensemble, die Gegenstand meines Neujahrsrituals sind)”, sagte ich mir und begann, an den Terrassen des Rosengartens links vorbei zu wandern und nicht rechts, wie es sonst meine Gewohnheit ist, wenn ich hier unterwegs bin; vorbei am ebenerdig gelegenen Biergarten und auf den großen, liebevoll gestalteten Abenteuerspielplatz zu.

Gefunden habe ich den Gegenstand meiner Suche schließlich aufs Geratewohl, als ich den Spielplatz durchquerte und auf die von hohen, spitz zulaufenden weißen Zeltplanen überwölbten Musikpavillons zu ging, die hinter den Toiletten liegen. Ja, da waren sie, jene konzentrischen, nach unten absteigenden Steinkreise, die zu einem kleinen erhöhten Podium und zum großen Kreis im Mittelpunkt hinunter führten, die Keimzelle und Urform des Theaters aus dem antiken Griechenland, schnörkellos und auf das Wesentliche reduziert: ein großer leerer Raum, der allein mit der Kunst der Sprache, der Musik und der Darstellung zu füllen ist.

Und genau das schlichte, archaisch einfache Amphitheater bietet einen großen Vorteil, das ihm niemand nehmen kann: eine hervorragende Akustik. Da die Bühne zwar leicht erhöht liegt, aber genau in der Mitte und am tiefsten Punkt des Raumes, wird jedes Wort und jeder Ton von den gleichmäßig ansteigenden Sitzreihen wie von einem riesigen Schalltrichter verstärkt und nach oben weitergeleitet, bis hinauf zu den Zuschauern im obersten und letzten Rang.

Leider waren die Stufen des Amphitheaters nur zur Hälfte besetzt, und die Zuschauerinnen und Zuschauer rückten in den Rängen weit auseinander, wenn es sich nicht um Familien handelte, die beisammen saßen.

Unten auf dem erhöhten Holzpodest saßen die vier Damen eines Streichquartetts im Kreis: die erste Geigerin und zugleich die musikalische Leiterin , eine zweite Geigerin sowie eine Dame an der Bratsche und am Cello. Sendlinger Saitenmusi nannte sich dieses Quartett, und ich stutzte: Hatten diese vier Damen nicht 2019 im Gasteig bei der Langen Nacht der Musik gespielt, im Foyer vor dem Carl-Orff-Saal? Eine kurze, aber vielseitige Reise durch die Epochen und Stile der Musik?

Ich ließ mich auf der obersten Stufe des Amphitheaters nieder, im Schatten der weit ausladenden Krone einer Linde.

Unten auf dem Podest hob die erste Geigerin kurz den Bogen zum Auftakt, die anderen Damen setzten ihre Bögen auf ihren Instrumenten an; und durch die Lüfte tänzelte und gaukelte leicht, verspielt und anmutig wie ein Schmetterling die Melodie der Humoreske von Antonín Dvořak. Die vier Saiteninstrumente waren genau richtig eingesetzt - mit zu vielen Instrumenten erschlägt man die heitere Anmut und Leichtigkeit dieses Stückes -, und die Melodien und Harmonien entstiegen klar und rein den Saiten...

Wer hätte gedacht, dass dieses kleine, einfache, alles andere als komplexe und tiefgründige Stück derart in meinem Herzen wühlte, als sei es zwischen die Saiten und den Bogen eines der Instrumente geraten? Aber, meine Güte, das hier war echte Musik! Ein Moment der Schönheit und Anmut, die hier und jetzt wieder in ihr Recht trat, die sich wieder offen und im Freien hören ließ und von nicht gerade vielen, aber aufmerksam und bedächtig lauschenden Zuhörerinnen und Zuhörern gehört wurde...

An Dvořaks Humoreske schloss sich Here Comes The Sun an, der kleine aber feine Song von George Harrison, dem stillsten und bescheidensten der vier Beatles; und die vier Streicherinnen, die vorher getänzelt hatten wie Schmetterlinge, zeigten sich durchaus fähig, auch einen Rock-Rhythmus hörbar und spürbar zu machen und voranzutreiben. Wobei Here Comes The Sun zwar dynamisch, aber weder grob noch gar wuchtig rocken sollte; auch dieses Lied sollte ein fröhlicher Tanz sein.

Auch dies konnten die Damen von der Sendlinger Saitenmusi ebenso wie die verführerisch und geheimnisvoll wogenden und rauschenden Walzerklänge des 2. Walzers von Dimitri Schostakowitsch, mit denen der Stanley Kubrick-Film Eyes Wide Shut mit Tom Cruise und Nicole Kidman in den Hauptrollen beginnt.

Als letztes Stück, das ihnen laut Programm und Spielzeit zustand, hatte das Damenquartett die Ballade As Time Goes By aus dem Film Casablanca gewählt; und auch hier gelang es den vier Musikerinnen mühelos, in ein völlig anderes musikalisches Genre zu wechseln und ihre Instrumente cool, lässig und mit einem Hauch Melancholie swingen zu lassen.

Gerade bei einem Quartett, wo es auf die Präzision jedes einzelnen Musikers und auf einen ebenso reinen wie harmonischen Zusammenklang ankommt, zeigt sich das Können jedes Einzelnen und des Ensembles als Ganzes. Denn jedes Instrument ist klar und deutlich zu hören, und doch müssen die vier Streichinstrumente fähig sein, einen dichten, tragenden Klangteppich zu weben.

Auch wenn die Sendlinger Saitenmusi womöglich nicht den Sprung in die ganz großen Konzerthallen schaffen wird und es vielleicht auch gar nicht will: Alle vier Damen spielen auf einem qualitativ hochwertigen Niveau!

Dann aber mussten sie ihre Instrumente und Noten zusammenpacken und das Podium räumen, denn als nächstes stand die finnische Sängerin Sarumaa mit ihrem musikalischen Begleiter am Bandoneon auf dem Programm, mit Tango-Liedern des argentinischen Komponisten Astor Piazzolla.

Es ist ein wenig merkwürdig, wie es kam, dass gerade die Finnen eine besondere Neigung zum Tango entwickelt haben; man sollte meinen, im rauen, nüchternen, schnörkellosen hohen Norden mit seinen langen Monaten der Dunkelheit und Kälte hätten die Menschen für die von schmelzender, samtiger Glut getragene Erotik und Tragik, die der Tango Argentino verströmt, weder Verständnis noch Verwendung.

Vielleicht ist es die tiefgründig-melancholische Schwere, die den Tango seine unverwechselbare Klangfarbe verleiht, die sowohl die Argentinier als auch die Finnen von jenseits des Polarkreises anspricht und anzieht. Denn ebenso wie die Argentinier das Lebensgefühl der saudade kennen - wie auch die Portugiesen und Brasilianer, ihre Verwandten in Übersee -, haben die Finnen wie so viele Menschen des Hohen Nordens die Neigung zum Tiefsinn und zur Schwere des Denkens und Fühlens.

So erhebt sich die Stimme der Sängerin Sarumaa aus einer volltönenden, ein wenig rauchig klingenden Tiefe, schwillt und steigt langsam empor, weich, sanft und geschmeidig, und erzählt Geschichten von Hoffnung und Enttäuschung, vom Sich-Finden und Sich-Verlieren, in Klängen von zeitloser Schönheit.

Seltsam: Wir assoziieren lateinamerikanische Musik hauptsächlich mit dynamischen, mitreißenden Rhythmen und prägnanten Melodien, die sofort ins Ohr gehen, dort hängenbleiben und einen zugleich zum Tänzeln bringen. So klingt und funktioniert ein Cha-Cha, Samba oder Paso Doble; aber der Tango Argentino ist auch hier anders.

So wird hier das Lied von keinem klaren, greifbaren Rhythmus getragen. Wie schon erwähnt, setzt die Stimme wie aus einem tiefen Grund ein, schlängelt und windet sich nach und nach empor; ein melodischer Fluss, der ständig weiter und weiter strömt, ohne Zäsur und Wiederholung. Ein klassisches Tango-Lied empfindet man beim Zuhören als angenehm und faszinierend, kann es aber nur schwer im Gedächtnis behalten und selbst singen, wenn man in dieser Musik und dieser Art des Gesangs keine Übung und Erfahrung hat.

Gegen Ende ihres Auftritts schlug die Sängerin plötzlich eine ganz andere Bahn ein: von der Weite und Leere der argentinischen Pampa zu den dunklen, endlosen Wäldern der finnischen Taiga. Auch hier blieb der dunkle, weiche, volltönende Grund ihrer Stimme, doch nun klang sie auf einmal mystischer, geheimnisvoller als vorher, als sei sie von ihrem Ausflug nach Hause zurückgekehrt und erzähle nun vom Leben der Bäume und der Tiere im Wald...



28.06.2022 - Das Sommer-Tollwood ist wieder da!
Vom Sommer 1989 bis 2019 - mithin dreißig Jahre lang - war ein Sommer in München ohne Tollwood, den großen Basar der Nationen und Ideen, schlicht und einfach nicht denkbar; und so machte sich in den Jahren 2020 und 2021 im südlichen Teil des Olympiaparks, der sonst von Mitte Juni bis Mitte Juli von Zelten, Lauben, Buden und Ständen und Scharen von Besuchern bevölkert ist, stattdessen gähnende, trostlose Ödnis breit. Doch seit dem 16. Juni brutzelt und zischt es wieder in allen Wok-Pfannen und auf allen Grillrosten; an den Kleiderstände wehen leichte bunte Sommerstoffe im Wind; auf sage und schreibe sechs Bühnen erklingt echte, handgemachte Live-Musik: Das Sommer-Tollwood ist wieder da! An den ersten Tagen nach der Wiedereröffnung strömten die Besucherinnen und Besucher zuerst ein wenig zögerlich herein, doch bald wurden es mehr und mehr; und jetzt, am zweiten Wochenende, ist der Andrang und Zuspruch der Gäste aus München und dem Umland so rege wie eh und je. Nur, dass man in den Gesichtern der Menschen ein stilles freudiges Leuchten sieht, das vor der großen Zäsur so nicht zu sehen war... Was ist eigentlich so besonders an dieser Zelt-und-Buden-Stadt, dass sie mich und viele andere Gäste Jahr für Jahr aufs Neue in den Olympiapark lockt und zieht?


Das Sommer-Tollwood ist wieder da!


Vom Sommer 1989 bis 2019 - mithin dreißig Jahre lang - war ein Sommer in München ohne Tollwood, den großen Basar der Nationen und Ideen, schlicht und einfach nicht denkbar; und so machte sich in den Jahren 2020 und 2021 im südlichen Teil des Olympiaparks, der sonst von Mitte Juni bis Mitte Juli von Zelten, Lauben, Buden und Ständen und Scharen von Besuchern bevölkert ist, stattdessen gähnende, trostlose Ödnis breit.

Doch seit dem 16. Juni brutzelt und zischt es wieder in allen Wok-Pfannen und auf allen Grillrosten; an den Kleiderstände wehen leichte bunte Sommerstoffe im Wind; auf sage und schreibe sechs Bühnen erklingt echte, handgemachte Live-Musik: Das Sommer-Tollwood ist wieder da!

An den ersten Tagen nach der Wiedereröffnung strömten die Besucherinnen und Besucher zuerst ein wenig zögerlich herein, doch bald wurden es mehr und mehr; und jetzt, am zweiten Wochenende, ist der Andrang und Zuspruch der Gäste aus München und dem Umland so rege wie eh und je. Nur, dass man in den Gesichtern der Menschen ein stilles freudiges Leuchten sieht, das vor der großen Zäsur so nicht zu sehen war...

Was ist eigentlich so besonders an dieser Zelt-und-Buden-Stadt, dass sie mich und viele andere Gäste Jahr für Jahr aufs Neue in den Olympiapark lockt und zieht?

•    Alle Speisen erfüllen die Kriterien des Bio-Siegels, werden mit frischen Zutaten vor den Augen der Gäste zubereitet und sind hervorragend gewürzt. In all den Jahren bin ich noch nie mit einem Essen “baden gegangen”.

•    Alle Schals, Hüte, Kappen, Shirts, Röcke und Kleider sind in klaren, leuchtenden Farben gehalten, so dass die Stände und Buden einem Kaleidoskop oder Prisma gleichen, welches das Licht der Sonne einfängt und in allen Farben des Regenbogens bricht.

•    Die Düfte und Aromen der vielen Imbiss-Stände wie auch der Essig- und Öl-Kreationen und der Duftseifen und -öle kitzeln einem anregend in der Nase und steigen einem auch immer ein wenig zu Kopf.

•    Über dem  gesamten Gelände meint man, jenen locker-lässigen, entspannenden und zugleich anregenden “Doo-wap, Doo-wap”-Rhythmus zu spüren, der Ende der 1970er Jahre von Jamaika zuerst nach Großbritannien, dann auf den europäischen Kontinent und schließlich um die ganze Welt schaukelte und wippte; ebenso wie die positive, zuversichtliche Grundstimmung des Mannes, der diese Musik und ihre Botschaften einst getragen und verkörpert hat: Bob Marley, der an der großen Wand mit den vielen Sinnsprüchen kluger Köpfe mit seinem Zitat “Emancipate yourself from mental slavery” auftaucht und dem in diesem Jahr auf dem Tollwood sogar eine eigene Bar gewidmet ist.

•    Jedes Mal, wenn ich auf dem Tollwood unterwegs bin und mich irgendwann mit einem gut gekühlten Drink in einer der schattigen Lauben im Freien niederlasse, scheint die Welt in ihrer ganzen Fülle, Farbigkeit und Vielfalt um mich herum zu wabern, an mir vorbei zu ziehen und zu strömen, und ich muss nichts anderes tun, als sie mit allen Sinnen in mich aufnehmen. 

Zwar sind in diesem Jahr weniger Stände und Buden als bis 2019 aufgebaut, und wo sie vorher dicht an dicht gedrängt standen, rücken sie jetzt deutlich weiter auseinander. Doch das schadet dem Festgelände im Ganzen durchaus nicht: im Gegenteil, man scheint mehr Raum, buchstäblich mehr Luft zum Atmen zu haben als früher. Die Hütten, Lauben, Buden und Stände stehen auch wieder kunterbunt über das Gelände verteilt, nicht mehr in Reih und Glied wie seit Beginn der 2000er Jahre.

Vor allem aber: Es ist die ruhige, unaufgeregte Gelassenheit zurückgekehrt, die ich aus den Anfangsjahren des Tollwood gekannt habe. Die Menschen nehmen und lassen sich wieder deutlich mehr Zeit als früher, um den großen Welt-Basar, dessen Angebot und auch einander zu genießen. 
 



28.06.2022 - Das Deutsche Theater
“Bist du blind bei Geburt? Siehst du alles bei Nacht? Beherrscht dich kein König? Sitzt du auf seinem Thron? Hat Manchen dein Biss schon in Panik gebracht? Gehst du einsam und stolz ganz allein unterm Mond? Weil es Jellicles sind und Jellicles tun...” Mehr als fünfzehn Jahre ist es jetzt her, dass ich ein paar Urlaubstage in Hamburg verbrachte und die Gelegenheit nutzte, um mir Andrew Lloyd Webbers weltweit bekanntes Musical CATS live anzusehen; in dem eigens für dieses Stück erbauten Theater an den St. Pauli Landungsbrücken, das seither auch vielen anderen Musiktheater-Produktionen als Bühne gedient hat. Und vier Jahre ist es her, seit ich zum letzten Mal im Deutschen Theater an der Schwanthalerstraße war, meinem Leib- und Magentheater in München, dem ich noch länger und tiefer verbunden bin als dem Blutenburgtheater in der gleichnamigen Straße - im Grunde, seit ich in und um München wohne und berufstätig bin. Denn zum einen haben die Intendanten seit jeher darauf geachtet, ihrem Publikum ein abwechslungsreiches und attraktives Programm zu bieten, und zum anderen waren die Ticketpreise im Gegensatz zur Olympiahalle oder dem Olympiastadion seit jeher recht zivil. Schon ab € 35,-- aufwärts bekam man eine Karte für die Ränge oder Balkone unter dem Dach. Und wenn man in der richtigen Ecke sitzt, hat man von dort oben oft einen besseren und umfassenderen Blick auf die Bühne als vom Parkett aus, bezahlt aber erheblich weniger - wie es mir auch diesmal mit CATS erging. Ich saß im linken Seitenbalkon vorne in der mittleren Reihe und hatte die komplette Bühne im Blickfeld, ohne meinen Hals verrenken zu müssen. Gut, die Zuschauerinnen und Zuschauer im Parkett hatten den Vorteil, dass dort unten im Saal die Tänzerinnen und Tänzer ihr Unwesen trieben, durch die Reihen huschten und die Leute hier und da erschreckten. Doch ich gebe zu, dass mich Unbehagen, ja Beklemmung überkommt, wenn sich plötzlich im Dunkeln die Hand eines Wildfremden auf meinen Arm oder meine Schulter legt. Auch in dieser Hinsicht war es mir lieber, dass ich den Anblick der grünen Augen mit den sichelförmigen Pupillen und der schemenhaften Gestalten der “Katzen” im Dunkeln aus sicherer Entfernung und von oben genoss.


Das Deutsche Theater


“Bist du blind bei Geburt?
Siehst du alles bei Nacht?
Beherrscht dich kein König?
Sitzt du auf seinem Thron?
Hat Manchen dein Biss
schon in Panik gebracht?
Gehst du einsam und stolz
ganz allein unterm Mond?

Weil es Jellicles sind und Jellicles tun...”

 

Mehr als fünfzehn Jahre ist es jetzt her, dass ich ein paar Urlaubstage in Hamburg verbrachte und die Gelegenheit nutzte, um mir Andrew Lloyd Webbers weltweit bekanntes Musical CATS live anzusehen; in dem eigens für dieses Stück erbauten Theater an den St. Pauli Landungsbrücken, das seither auch vielen anderen Musiktheater-Produktionen als Bühne gedient hat.

Und vier Jahre ist es her, seit ich zum letzten Mal im Deutschen Theater an der Schwanthalerstraße war, meinem Leib- und Magentheater in München, dem ich noch länger und tiefer verbunden bin als dem Blutenburgtheater in der gleichnamigen Straße - im Grunde, seit ich in und um München wohne und berufstätig bin.

Denn zum einen haben die Intendanten seit jeher darauf geachtet, ihrem Publikum ein abwechslungsreiches und attraktives Programm zu bieten, und zum anderen waren die Ticketpreise im Gegensatz zur Olympiahalle oder dem Olympiastadion seit jeher recht zivil. Schon ab € 35,-- aufwärts bekam man eine Karte für die Ränge oder Balkone unter dem Dach. Und wenn man in der richtigen Ecke sitzt, hat man von dort oben oft einen besseren und umfassenderen Blick auf die Bühne als vom Parkett aus, bezahlt aber erheblich weniger - wie es mir auch diesmal mit CATS erging. Ich saß im linken Seitenbalkon vorne in der mittleren Reihe und hatte die komplette Bühne im Blickfeld, ohne meinen Hals verrenken zu müssen.

Gut, die Zuschauerinnen und Zuschauer im Parkett hatten den Vorteil, dass dort unten im Saal die Tänzerinnen und Tänzer ihr Unwesen trieben, durch die Reihen huschten und die Leute hier und da erschreckten. Doch ich gebe zu, dass mich Unbehagen, ja Beklemmung überkommt, wenn sich plötzlich im Dunkeln die Hand eines Wildfremden auf meinen Arm oder meine Schulter legt. Auch in dieser Hinsicht war es mir lieber, dass ich den Anblick der grünen Augen mit den sichelförmigen Pupillen und der schemenhaften Gestalten der “Katzen” im Dunkeln aus sicherer Entfernung und von oben genoss.

Sechs Jahre lang - von 2008 bis 2014 - stand das Schicksal der Münchner Musicalbühne mehr als einmal auf der Kippe. Denn sowohl die Bühnentechnik als auch der Parkettboden und die Sprinkleranlage waren seit den 1960er Jahren zusehends marode geworden, so dass eine umfassende Generalsanierung notwendig wurde.. Drei Jahre sollte der Umbau dauern, und sechs Jahre wurden daraus, weil immer mal wieder ein wichtiger Sponsor absprang und die Intendanz trotz der Produktionen, die im Theaterzelt in Fröttmaning stattfanden, mehr als einmal knapp an der Insolvenz vorbei schrammten.

Doch 2014 war es endlich soweit - das frisch renovierte Deutsche Theater lud zur Premiere der West Side Story! Keine Frage, dass ich dort hin musste. 

Was hat sich seit der Renovierung geändert? Sowohl das Foyer im Erdgeschoss als auch der Zuschauerraum wurde in einem satten, aber nicht aggressiv wirkenden Rot gestrichen, in dem weiße Linien und Bögen Akzente setzen. Leider gibt es den barock verschnörkelten Bühnenrahmen von einst nicht mehr - heute ist er glatt und anthrazitgrau -, und auch nicht mehr den schweren mitternachtsblauen Samtvorhang; er ist jetzt karmesinrot wie bei den meisten Theaterbühnen in Deutschland und Europa.

Nach wie vor verfügt der Zuschauerraum über Ränge und Seitenbalkone. Doch hier begrüße ich es sehr, dass die Umrandung ebenso glatt, klar und schlicht wie die Wände des Theaters gehalten sind, denn die seltsamen bleigrauen Röhren, die vor der Generalsanierung die Umrandung der Ränge und Balkone bildeten, haben mich immer an leere Toilettenpapier-Rollen erinnert.

Gestört hat mich dieses Dekor aber nicht sehr, denn was sich auf der Bühne zutrug, fand ich immer weit interessanter als die Gestaltung und Ausstattung dieses Theaters. Zu den besten und faszinierenden Produktionen, die ich mir im Lauf der Jahre und Jahrzehnte ansah, zählen aus meiner Sicht:

-    das Musical AIDA von Elton John, ebenso ergreifend und tragisch wie Giuseppe Verdis gleichnamige Oper, nur in eine der Jahrtausendwende angepasste Text- und Musiksprache übertragen;

-    die Programme der Alvin Ailey Dance Company vom New Yorker Broadway, die öfters bei uns in München zu Gast war, auf der Bühne für packenden, elektrisierenden Drive und beim Publikum für Begeisterung sorgte;

-    die wundersamen, zauberhaften Bilder und Geschichten, die die Akteure von Shadowland allein mit ihren Körpern und Gliedmaßen als schwarze Silhouetten hinter einem hell erleuchteten Vorhang vor unseren Augen entstehen ließen;

-    die packende, sowohl die Sinne als auch den Geist und das Gemüt ansprechende deutschsprachige Inszenierung von Der Glöckner von Notre Dame nach Disneys berühmtem Zeichentrickfilm etc. etc.

 Die letzte große Produktion, die ich mir live ansah, war Thriller, die Hommage an Michael Jackson und sein musikalisches Vermächtnis, die acht Jahre nach seinem jähen und frühen Tod um die Welt ging. Um sein ungeheuer vielfältiges Spektrum als Sänger und Live-Performer abzudecken, gab es drei Sänger und eine Sängerin, und jede/r von ihnen war in einer bestimmten Klangfarbe und einem den Fähigkeiten angemessenen Tonbereich unterwegs. Sprich, es brauchte vier Leute, um zu zeigen, was einst ein Mensch alleine hinbekam..

Und dann - wie jeder weiß - fielen in Deutschland, Europa und weltweit alle Vorhänge. Alle Bühnen und Konzertsäle waren und blieben dem Publikum verschlossen. Aus den Theater-und Musikbühnen wurden leere, kahle Mausoleen, in denen zwar Stücke inszeniert und gestreamt wurden; doch da war stets der kalte, leere, schwarze, tote Raum, den vorher die Zuschauerinnen und Zuschauer gefüllt hatten...

Theaterkunst, ganz gleich ob mit oder ohne Musik, die nicht von Menschen zur Kenntnis genommen und gewürdigt wird, verliert sich in einem leeren, sterilen Nichts, und die Darstellerinnen und Darsteller singen, tanzen und spielen in dieses leere, sterile Nichts hinein; ein Zustand, der unzähligen von ihnen bei jedem Auftritt das Herz im Leib umgedreht haben mag. 

Ich selbst kann die tiefe Freude und Genugtuung, die ich empfunden habe, als ich nach Jahren in diesem Leben mein Theater wiedersah, nur schwer in Worte fassen. 

Nur wer das Theater um seiner selbst willen liebt, weiß um die Mischung aus gespannter Vorfreude und gehobener Festlichkeit, die man empfindet, wenn man durch den Torbogen in den  Innenhof einbiegt und die hohen schweren Portaltüren durchschreitet...wenn man über den großen weiten Treppenaufgang zu seinem Rang hinauf steigt...wenn man in der Reihe seinen Platz einnimmt und um sich herum die Reihen der roten Samtsessel und den langen schweren Bühnenvorhang sieht...

Wenn ernst, tief und feierlich die Gongschläge durch die Stockwerke hallen, die Zuschauerinnen und Zuschauer in den Saal strömen und die Reihen und Ränge füllen; und wenn nach dem dritten Gong die Lichter im Saal erlöschen, der Vorhang sich langsam und lautlos hebt und den Blick auf die Bühne freigibt...

Wie gesagt, man muss die Atmosphäre, die Ausstattung, die Rituale, schlicht den Zauber des Theaters um seiner selbst willen lieben, um nachzuempfinden, wie es ist!

 



28.06.2022 - Von großen und kleinen Comebacks
Im Zeitraum von Christi Himmelfahrt über Pfingsten bis Fronleichnam - Feiertage, die einander in diesem Jahr rascher als sonst gefolgt sind, weil Ostern diesmal relativ spät dran war - ist es mir gelungen, mir mit Hilfe von zwei “Brückentagen” Zeit freizuschaufeln, um wieder einmal nachzusehen, was sich in meiner Stadt aktuell so alles regt und tut. Nach einem unbeständigen, von wolkenbruchartigen Regenfällen und Stürmen geprägten Frühling hat jetzt eindeutig der Sommer bei uns Einzug gehalten, mit blauem Himmel und Temperaturen um die 30°C, der die Münchnerinnen und Münchner mit aller Macht hinaus aus den Wohnungen und Häusern ins Freie lockt. Da in den städtischen Parkanlagen und Schwimmbädern und auch in allen Kultureinrichtungen, Geschäften und Gaststätten alle Einschränkungen und Maßregeln endgültig außer Kraft gesetzt worden sind, fühlt sich das Leben und die Atmosphäre auf den Straßen und Plätzen endlich wieder so an, wie ich es seit gut dreißig Jahren kenne. Ohne das im Hintergrund lauernde “Affenpocken-Szenario” und die Möglichkeit einer bevorstehenden “Sommer-Pandemie” groß zu beachten, und trotz der Inflation und Energiekrise als Folge des Ukraine-Krieges gehen die Menschen wieder aus und treffen sich, setzen sich zusammen, wo immer es eine Bank im Freien und etwas Ess- und Trinkbares gibt, feiern wieder öffentlich Junggesellinnen-Abschiede (im Olympiapark gesehen) und große Hochzeiten (vor etwa vier Wochen im Wirtshaus am Rosengarten im Westpark). Und so kann ich mit großer Freude und Genugtuung von zwei großen und zwei kleinen Ereignissen berichten, die sich während der letzten vier “Ferienwochen” (so fühlt sich das Leben in unserer Stadt im Moment irgendwie an) zugetragen haben, und fange meinen neuen Artikelreigen bewusst klein und bescheiden an.


Das kleine Musikfestival im Theatron


Meine geneigten Leserinnen und Leser mögen sich gewundert haben, dass ich mich nach meinem begeisterten Report über das Isarflux-Musikfestival im Gasteig HP8 nicht auch in die Lange Nacht der Musik gestürzt habe, die heuer zum ersten Mal nach zwei Jahren am ersten Samstag im Mai wieder stattfand.

Doch genau an diesem Abend war ich mit drei langjährigen Freunden, die ich ebenfalls lange nicht mehr gesehen hatte, zum Abendessen im Werksviertel verabredet; von meinem Probeessen im Riederstein im Vorfeld zu unserem Treffen habe ich unlängst berichtet. Zum einen wollte ich unser Beisammensein nicht durch meinen frühen hastigen Aufbruch abrupt beenden; und zum anderen gebe ich zu, dass mir das Abendessen und die Lange Nacht der Musik zusammen nach zwei Jahren völliger Kultur- und Ausgeh-Abstinenz schlicht zu viel geworden wäre.

Doch nicht lange nach unserem gemeinsamen Abendessen und Plaudern über die Dinge des Lebens, die uns Freude machen, fiel mir in der U-Bahn auf dem Weg zur Arbeit ein Plakat ins Auge, das ein kleines Musikfestival für den Samstag nach Christi Himmelfahrt ankündigte. Die Organisation und Durchführung dieses Festivals ging von Ars Musica aus, ein kleiner, aber einst sehr rühriger Musikverein, der hauptsächlich in Sendling, aber auch in anderen Münchner Stadtteilen kleine Solo- und Kammerkonzerte mit ortsansässigen Musikerinnen und Musikern veranstaltet.

Der Ort, an dem das erste Freiluft-Konzert der Saison stattfinden sollte, ließ mich ein wenig stutzen: Theatron, Westpark. Im Olympiapark, nur einen Steinwurf weit vom Coubertinplatz und der Olympiahalle entfernt, gibt es ein Theatron, in dem im Sommer früher immer ein Wochenende lang junge vielversprechende Bands aus völlig unterschiedlichen Richtungen des Rock und Pop aufgetreten sind; das weiß und kenne ich.

Aber wo, bitte sehr, gibt es ein Theatron im Westpark? Mit der Seebühne hat es nichts zu tun; die ist allen Fans des Open-Air-Kinos unter freiem Himmel (zu dem man von seinem Sitzplatz in einer der marmornen Reihen besorgt aufblickt, wenn sich bei Einbruch der Dunkelheit und kurz vor dem Beginn des Films Regenwolken ballen und zusammenziehen) durch die Filmreihe Kino, Mond und Sterne seit Jahren bekannt und vertraut. Vage erinnerte ich mich an eine sich nach innen verjüngende Reihe konzentrischer Steinkreise, die zu einem großen runden Kreis hinabführen, und wusste, dass dieses Gebilde in dem mir vertrauten Teil des Westparks liegt, aber nicht zwischen der Seebühne und den asiatischen Ziergärten und Pagoden.

Als ich mich an dem besagten Samstag nach Christi Himmelfahrt über die stille kleine Reulandstraße und am Steinskulptur-Brunnen meines “Mini-Stonehenge” vorbei zum Wiesengrund ins Tal hinunter schlängelte, war mir zu Mute wie bei meinem Ausflug nach der ersten Pandemie-Welle: So lange war ich schon nicht mehr im Westpark gewesen, dass die Erinnerung, was wo lag, bei mir zu verblassen begann...

Das Theatron befindet sich irgendwo in diesem Teil, aber es liegt nicht bei der Seebühne und auch nicht zwischen den Orakelhügeln (die Hügel beim Wirtshaus am Rosengarten und beim Asien-Ensemble, die Gegenstand meines Neujahrsrituals sind)”, sagte ich mir und begann, an den Terrassen des Rosengartens links vorbei zu wandern und nicht rechts, wie es sonst meine Gewohnheit ist, wenn ich hier unterwegs bin; vorbei am ebenerdig gelegenen Biergarten und auf den großen, liebevoll gestalteten Abenteuerspielplatz zu.

Gefunden habe ich den Gegenstand meiner Suche schließlich aufs Geratewohl, als ich den Spielplatz durchquerte und auf die von hohen, spitz zulaufenden weißen Zeltplanen überwölbten Musikpavillons zu ging, die hinter den Toiletten liegen. Ja, da waren sie, jene konzentrischen, nach unten absteigenden Steinkreise, die zu einem kleinen erhöhten Podium und zum großen Kreis im Mittelpunkt hinunter führten, die Keimzelle und Urform des Theaters aus dem antiken Griechenland, schnörkellos und auf das Wesentliche reduziert: ein großer leerer Raum, der allein mit der Kunst der Sprache, der Musik und der Darstellung zu füllen ist.

Und genau das schlichte, archaisch einfache Amphitheater bietet einen großen Vorteil, das ihm niemand nehmen kann: eine hervorragende Akustik. Da die Bühne zwar leicht erhöht liegt, aber genau in der Mitte und am tiefsten Punkt des Raumes, wird jedes Wort und jeder Ton von den gleichmäßig ansteigenden Sitzreihen wie von einem riesigen Schalltrichter verstärkt und nach oben weitergeleitet, bis hinauf zu den Zuschauern im obersten und letzten Rang.

Leider waren die Stufen des Amphitheaters nur zur Hälfte besetzt, und die Zuschauerinnen und Zuschauer rückten in den Rängen weit auseinander, wenn es sich nicht um Familien handelte, die beisammen saßen.

Unten auf dem erhöhten Holzpodest saßen die vier Damen eines Streichquartetts im Kreis: die erste Geigerin und zugleich die musikalische Leiterin , eine zweite Geigerin sowie eine Dame an der Bratsche und am Cello. Sendlinger Saitenmusi nannte sich dieses Quartett, und ich stutzte: Hatten diese vier Damen nicht 2019 im Gasteig bei der Langen Nacht der Musik gespielt, im Foyer vor dem Carl-Orff-Saal? Eine kurze, aber vielseitige Reise durch die Epochen und Stile der Musik?

Ich ließ mich auf der obersten Stufe des Amphitheaters nieder, im Schatten der weit ausladenden Krone einer Linde.

Unten auf dem Podest hob die erste Geigerin kurz den Bogen zum Auftakt, die anderen Damen setzten ihre Bögen auf ihren Instrumenten an; und durch die Lüfte tänzelte und gaukelte leicht, verspielt und anmutig wie ein Schmetterling die Melodie der Humoreske von Antonín Dvořak. Die vier Saiteninstrumente waren genau richtig eingesetzt - mit zu vielen Instrumenten erschlägt man die heitere Anmut und Leichtigkeit dieses Stückes -, und die Melodien und Harmonien entstiegen klar und rein den Saiten...

Wer hätte gedacht, dass dieses kleine, einfache, alles andere als komplexe und tiefgründige Stück derart in meinem Herzen wühlte, als sei es zwischen die Saiten und den Bogen eines der Instrumente geraten? Aber, meine Güte, das hier war echte Musik! Ein Moment der Schönheit und Anmut, die hier und jetzt wieder in ihr Recht trat, die sich wieder offen und im Freien hören ließ und von nicht gerade vielen, aber aufmerksam und bedächtig lauschenden Zuhörerinnen und Zuhörern gehört wurde...

An Dvořaks Humoreske schloss sich Here Comes The Sun an, der kleine aber feine Song von George Harrison, dem stillsten und bescheidensten der vier Beatles; und die vier Streicherinnen, die vorher getänzelt hatten wie Schmetterlinge, zeigten sich durchaus fähig, auch einen Rock-Rhythmus hörbar und spürbar zu machen und voranzutreiben. Wobei Here Comes The Sun zwar dynamisch, aber weder grob noch gar wuchtig rocken sollte; auch dieses Lied sollte ein fröhlicher Tanz sein.

Auch dies konnten die Damen von der Sendlinger Saitenmusi ebenso wie die verführerisch und geheimnisvoll wogenden und rauschenden Walzerklänge des 2. Walzers von Dimitri Schostakowitsch, mit denen der Stanley Kubrick-Film Eyes Wide Shut mit Tom Cruise und Nicole Kidman in den Hauptrollen beginnt.

Als letztes Stück, das ihnen laut Programm und Spielzeit zustand, hatte das Damenquartett die Ballade As Time Goes By aus dem Film Casablanca gewählt; und auch hier gelang es den vier Musikerinnen mühelos, in ein völlig anderes musikalisches Genre zu wechseln und ihre Instrumente cool, lässig und mit einem Hauch Melancholie swingen zu lassen.

Gerade bei einem Quartett, wo es auf die Präzision jedes einzelnen Musikers und auf einen ebenso reinen wie harmonischen Zusammenklang ankommt, zeigt sich das Können jedes Einzelnen und des Ensembles als Ganzes. Denn jedes Instrument ist klar und deutlich zu hören, und doch müssen die vier Streichinstrumente fähig sein, einen dichten, tragenden Klangteppich zu weben.

Auch wenn die Sendlinger Saitenmusi womöglich nicht den Sprung in die ganz großen Konzerthallen schaffen wird und es vielleicht auch gar nicht will: Alle vier Damen spielen auf einem qualitativ hochwertigen Niveau!

Dann aber mussten sie ihre Instrumente und Noten zusammenpacken und das Podium räumen, denn als nächstes stand die finnische Sängerin Sarumaa mit ihrem musikalischen Begleiter am Bandoneon auf dem Programm, mit Tango-Liedern des argentinischen Komponisten Astor Piazzolla.

Es ist ein wenig merkwürdig, wie es kam, dass gerade die Finnen eine besondere Neigung zum Tango entwickelt haben; man sollte meinen, im rauen, nüchternen, schnörkellosen hohen Norden mit seinen langen Monaten der Dunkelheit und Kälte hätten die Menschen für die von schmelzender, samtiger Glut getragene Erotik und Tragik, die der Tango Argentino verströmt, weder Verständnis noch Verwendung.

Vielleicht ist es die tiefgründig-melancholische Schwere, die den Tango seine unverwechselbare Klangfarbe verleiht, die sowohl die Argentinier als auch die Finnen von jenseits des Polarkreises anspricht und anzieht. Denn ebenso wie die Argentinier das Lebensgefühl der saudade kennen - wie auch die Portugiesen und Brasilianer, ihre Verwandten in Übersee -, haben die Finnen wie so viele Menschen des Hohen Nordens die Neigung zum Tiefsinn und zur Schwere des Denkens und Fühlens.

So erhebt sich die Stimme der Sängerin Sarumaa aus einer volltönenden, ein wenig rauchig klingenden Tiefe, schwillt und steigt langsam empor, weich, sanft und geschmeidig, und erzählt Geschichten von Hoffnung und Enttäuschung, vom Sich-Finden und Sich-Verlieren, in Klängen von zeitloser Schönheit.

Seltsam: Wir assoziieren lateinamerikanische Musik hauptsächlich mit dynamischen, mitreißenden Rhythmen und prägnanten Melodien, die sofort ins Ohr gehen, dort hängenbleiben und einen zugleich zum Tänzeln bringen. So klingt und funktioniert ein Cha-Cha, Samba oder Paso Doble; aber der Tango Argentino ist auch hier anders.

So wird hier das Lied von keinem klaren, greifbaren Rhythmus getragen. Wie schon erwähnt, setzt die Stimme wie aus einem tiefen Grund ein, schlängelt und windet sich nach und nach empor; ein melodischer Fluss, der ständig weiter und weiter strömt, ohne Zäsur und Wiederholung. Ein klassisches Tango-Lied empfindet man beim Zuhören als angenehm und faszinierend, kann es aber nur schwer im Gedächtnis behalten und selbst singen, wenn man in dieser Musik und dieser Art des Gesangs keine Übung und Erfahrung hat.

Gegen Ende ihres Auftritts schlug die Sängerin plötzlich eine ganz andere Bahn ein: von der Weite und Leere der argentinischen Pampa zu den dunklen, endlosen Wäldern der finnischen Taiga. Auch hier blieb der dunkle, weiche, volltönende Grund ihrer Stimme, doch nun klang sie auf einmal mystischer, geheimnisvoller als vorher, als sei sie von ihrem Ausflug nach Hause zurückgekehrt und erzähle nun vom Leben der Bäume und der Tiere im Wald...



27.03.2022 - Von der Tapferkeit der Kleinen - Keep Banana am Sendlinger Tor
Neben den von mir erwähnten Oasen der Ruhe, die eher der gehobenen Gastronomie angehören, gibt es ein winziges Bistro, dem ich auf Grund der prekären Lage der Hotels und Gaststätten in und um München keine lange Lebensdauer einräumen wollte, das sich aber seit seiner Gründung vor anderthalb Jahren recht tapfer und wacker behauptet. Es nennt sich "Keep Banana" und hat sich in die rechte Hälfte des sandfarbenen Anbaus gezwängt, der sich unmittelbar an das Sendlinger Tor anschließt. (Über den Süßwaren- und Souvenirladen "Omas Köstlichkeiten" in der linken Gebäudehälfte habe ich letztes Jahr in einem separaten Beitrag berichtet.) Der Innenraum ist in dem knalligen Gelb gestrichen, das ein blaues Logo einrahmte, mit dem früher die meisten der nach Deutschland importierten Bananen beklebt waren. Bis vor etwa drei Jahren reiften die Bananen in einem Kühlhaus direkt neben der S-Bahn-Station Mittersendling, das heute nicht mehr dort steht. Die Sitzgelegenheiten sind einfach und rustikal, aber unverwüstlich: eine schlicht gezimmerte Holzbank an der Längsseite gegenüber der großen Glastheke und ein paar einfache niedrige Holzwürfel, die sich über den Rest des Raumes verteilen. Das Konzept des jungen Pärchens, das diese Café-Bar betreibt, klingt auf den ersten Blick nicht unbedingt aufregend: Die beiden verstehen sich als “Bananenretter”, die von den Wochenmärkten im Münchner Stadtgebiet die übriggebliebenen Bananen aufkaufen, die niemand mehr haben will.


Von der Tapferkeit der Kleinen - Keep Banana am Sendlinger Tor

Neben den von mir erwähnten Oasen der Ruhe, die eher der gehobenen Gastronomie angehören, gibt es ein winziges Bistro, dem ich auf Grund der prekären Lage der Hotels und Gaststätten in und um München keine lange Lebensdauer einräumen wollte, das sich aber seit seiner Gründung vor anderthalb Jahren recht tapfer und wacker behauptet.

Es nennt sich Keep Banana und hat sich in die rechte Hälfte des sandfarbenen Anbaus gezwängt, der sich unmittelbar an das Sendlinger Tor anschließt.

(Über den Süßwaren- und Souvenirladen Omas Köstlichkeiten in der linken Gebäudehälfte habe ich letztes Jahr in einem separaten Beitrag berichtet.)

Der Innenraum ist in dem knalligen Gelb gestrichen, das ein blaues Logo einrahmte, mit dem früher die meisten der nach Deutschland importierten Bananen beklebt waren. Bis vor etwa drei Jahren reiften die Bananen in einem Kühlhaus direkt neben der S-Bahn-Station Mittersendling, das heute nicht mehr dort steht.

Die Sitzgelegenheiten sind einfach und rustikal, aber unverwüstlich: eine schlicht gezimmerte Holzbank an der Längsseite gegenüber der großen Glastheke und ein paar einfache niedrige Holzwürfel, die sich über den Rest des Raumes verteilen.

Das Konzept des jungen Pärchens, das diese Café-Bar betreibt, klingt auf den ersten Blick nicht unbedingt aufregend: Die beiden verstehen sich als “Bananenretter”, die von den Wochenmärkten im Münchner Stadtgebiet die übriggebliebenen Bananen aufkaufen, die niemand mehr haben will.

Anstatt sie zu entsorgen und die Münchner Müllberge zu mehren, verquirlen diese beiden jungen Leute die “verwaisten” Bananen mit Wasser, geriebenen und gerösteten Haselnüssen und machen einen veganen Kuchen daraus, den sie Banana Bread nennen; oder vermengen sie mit Hafermilch und Speisestärke und machen Softeis daraus; oder schnippeln sie in ein Müsli oder einen Haferbrei.

Kurz, die junge Frau und der junge Mann lassen sich rund um die Banane allerhand einfallen und fahren aus meiner Sicht gut und vor allem sehr preisgünstig damit; kein Gericht kostet in dieser Café-Bar über zehn Euro.

Hinzu kommt, dass das junge Pärchen hinter der großen gläsernen Vitrine stets gut gelaunt und entspannt ist; beide scheinen ihre Idee und das, was sie tagein, tagaus daraus machen, zu genießen und mit wahrer Lust und Liebe zu betreiben. Auch unter dem Aspekt der Nachhaltigkeit finde ich, dass das Keep Banana am Sendlinger Tor Beachtung und vor allem Gäste verdient!