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Blog

Besonderheiten aus München und Oberbayern

Seit 31 Jahren lebe ich nun schon in und um München und Oberbayern...



Vorwort zu meinem Blog-Bereich „Brauchtum, Feste, Märkte und Besonderheiten in München und Bayern“

Seit 31 Jahren lebe ich nun schon in und um München und Oberbayern – ursprünglich komme ich aus dem Frankenland – und kann immer noch nicht sagen, dass ich München und das, was sich darin und darum so alles tut, wie meine Westentasche kenne. Zum einen verschlägt es mich immer wieder in neue Münchner Stadtteile, Orte in Oberbayern oder auch im Frankenland, an denen ich noch nicht war, weil sie vorher irgendwie nicht in mein Bewusstsein gerückt sind. Zum anderen gab und gibt es in München und ganz Bayern Bräuche, Feste, Märkte und Besonderheiten, und diese sind entweder

  • uralt und waren schon immer da,
  • uralt, wurden aber erst in unserer Zeit wieder neu zum Leben erweckt oder
  • Im Lauf der Jahre und Jahrzehnte neu und auf sehr originelle Weise dazugekommen.
Von solchen „Phänomenen“ im weitesten Sinn möchte ich in diesem Bereich erzählen und würde mich freuen, wenn auch Ihr dazu etwas zu erzählen hättet.


20.11.2021 - Wenn es etwas Besonderes sein soll - Das Spanische Fruchthaus im Ruffiniblock
Genau am entgegengesetzten Ende der Sendlinger Straße, dort, wo sie in das Roseneck übergeht, steht ein denkwürdiges Gebäude, das ebenso wie Haidhausen und die Sendlinger Straße dem Zahn der Zeit noch heute unbeirrbar Stand hält. Obwohl das Ruffinihaus so groß und mächtig ist, dass es zwischen Roseneck und Rindermarkt einen ganzen Häuserblock einnimmt – daher auch sein anderer geläufiger Name „Ruffiniblock“ - und seine reich stuckierte Fassade mit den blau-gelben Ornamenten und Wappen, die sich um die gesamte Front ranken, durchaus ins Auge fällt, steht es seit jeher immer ein wenig im Schatten des Marienplatzes mit der Front des neugotischen Neuen Rathauses und der Mariensäule. Zwei Jahre lang hat es sich hinter Gerüsten verschanzt, aus denen es erst in diesem Frühjahr geschält wurde. Doch die Generalsanierung hat sich aus meiner Sicht gelohnt; denn hier hat ein echtes Alt-Münchner Denkmal überlebt. Es wurde gegen Ende des 19. Jahrhunderts von Gabriel von Seidl erschaffen, dem wir unter anderem auch die Gestaltung des Käfer-Stammhauses und des Prinzregententheaters in der gleichnamigen Straße verdanken. Hier haben sich einst die vornehmsten und einflussreichsten Münchner Kaufleute zusammengeschlossen, um ihre Ware in ihren eigenen Geschäften, aber unter einem Dach zu präsentieren. Während die von mir zuvor erwähnten Dorf- oder Tante-Emma-Läden dazu dienten, den Alltagsbedarf aller Bürger zu decken, wurde ein Feinkost- oder Delikatessenladen nur von Kunden mit gut gefülltem Geldbeutel aufgesucht, die aus Anlass eines Jubiläums oder Festes auf der Suche nach etwas Besonderem, eben Nicht-Alltäglichem waren.


Wenn es etwas Besonderes sein soll -
Das Spanische Fruchthaus im Ruffiniblock


Genau am entgegengesetzten Ende der Sendlinger Straße, dort, wo sie in das Roseneck übergeht, steht ein denkwürdiges Gebäude, das ebenso wie Haidhausen und die Sendlinger Straße dem Zahn der Zeit noch heute unbeirrbar Stand hält.

Obwohl das Ruffinihaus so groß und mächtig ist, dass es zwischen Roseneck und Rindermarkt einen ganzen Häuserblock einnimmt – daher auch sein anderer geläufiger Name „Ruffiniblock“ - und seine reich stuckierte Fassade mit den blau-gelben Ornamenten und Wappen, die sich um die gesamte Front ranken, durchaus ins Auge fällt, steht es seit jeher immer ein wenig im Schatten des Marienplatzes mit der Front des neugotischen Neuen Rathauses und der Mariensäule.

Zwei Jahre lang hat es sich hinter Gerüsten verschanzt, aus denen es erst in diesem Frühjahr geschält wurde. Doch die Generalsanierung hat sich aus meiner Sicht gelohnt; denn hier hat ein echtes Alt-Münchner Denkmal überlebt.

Es wurde gegen Ende des 19. Jahrhunderts von Gabriel von Seidl erschaffen, dem wir unter anderem auch die Gestaltung des Käfer-Stammhauses und des Prinzregententheaters in der gleichnamigen Straße verdanken. Hier haben sich einst die vornehmsten und einflussreichsten Münchner Kaufleute zusammengeschlossen, um ihre Ware in ihren eigenen Geschäften, aber unter einem Dach zu präsentieren. Während die von mir zuvor erwähnten Dorf- oder Tante-Emma-Läden dazu dienten, den Alltagsbedarf aller Bürger zu decken, wurde ein Feinkost- oder Delikatessenladen nur von Kunden mit gut gefülltem Geldbeutel aufgesucht, die aus Anlass eines Jubiläums oder Festes auf der Suche nach etwas Besonderem, eben Nicht-Alltäglichem waren.

Seit der Entdeckung des Nahen und Fernen Ostens und des amerikanischen Kontinents - und zwar noch bis in die 1980er Jahre hinein - fand man ausschließlich in einem Feinkost- oder Delikatessenladen Gewürze wie Kreuzkümmel, Koriander, Sternanis oder Kardamom, Kaffee, Tee oder Kakao aus Übersee und andere Köstlichkeiten.

In Barbierläden gab es Brennscheren und Kinnbinden für Schnurr-, Voll- und Backenbärte bzw. für jene, die Wangen ohne Haarwuchs bevorzugten, Rasiermesser, Seifenschaum und die feinen, dick aufgebauschten Haarpinsel, die man brauchte, um ihn zu schlagen; und in Tabakläden wurde die Kunst des Pfeiferauchens zelebriert, das mit hastigem, suchtgetriebenem Ziehen an einer Zigarette ebenso wenig gemein hat wie ein Schnellimbiss bei McDonald’s mit einem Drei-Gänge-Menü in einem Sternerestaurant.

Nicht, dass ich das Rauchen propagieren möchte; aber eine Pfeife erfordert Können. Der Tabak muss richtig in den Pfeifenkopf gestopft werden, nicht zu wenig, nicht zu viel, nicht zu fest, nicht zu locker; und es braucht Übung, um ihn richtig anzuzünden, zum Glühen zu bringen und die Glut zu erhalten, bis der Tabak im Pfeifenkopf aufgebraucht ist. Daher erfordert eine Pfeife mindestens eine halbe Stunde Zeit und ist dem bedächtigen, bewussten Genuss geweiht.

Genau diese Geschäfte gibt es im Ruffiniblock bis auf den heutigen Tag: Barbierbedarf... Tabak und Rauchwaren...Bücher...Handschuhe und Schals...und nicht zuletzt das Spanische Fruchthaus.

Wenn man es betritt, fällt der Blick nicht als erstes auf die reich bestückte Vitrine zur Linken oder die Regalfächer zur Rechten, sondern auf die riesigen Fächer aus Sevilla an der Front gegenüber, deren Speichen aus leichtem, feinem Kastanienholz gefertigt sind und zwischen denen sich filigrane Spitze oder schillernde Seide spannt; manchmal sogar beides.

Auch sollte man ruhig einmal bewusst einen Blick auf den Boden werfen, denn er besteht aus Fliesen mit einem schwarz-golden-braunen Azulejo-Muster auf weißem Grund. So lange bin ich schon in und um München unterwegs, und durch Zufall stoße ich ausgerechnet hier, in einer mir vertrauten Gegend, auf jene besondere Kunst der dekorativen Gestaltung, die ich jenseits der iberischen Halbinsel nicht erwartet habe!

Doch genug davon, denn in diesem Azulejo-Haus wird einer Gattung von Süßwaren gehuldigt, die aus Spanien und Südfrankreich stammen und bei uns in Deutschland nicht üblich sind: Weichkaramell, im Spanischen “turrón” genannt und bei uns als türkischer Honig bekannt, Veilchen- und Rosenpastillen sowie kandierte Früchte in allen Variationen.

In diesem Zusammenhang sollte ich vielleicht erwähnen, dass im südeuropäischen Mittelmeerraum Schokolade oder Pralinen als Süßigkeit nicht üblich sind; allein wegen der hohen Temperaturen am Tag auf Grund des starken Sonnenlichts, das Schokolade in Windeseile zerlaufen lässt, so dass von ihr kaum mehr übrig bleibt als eine riesengroße Schweinerei an den Fingern.

Was sich in Südeuropa hingegen recht gut hält, sind Früchte, die in Zuckersirup gekocht und getrocknet werden; und darin haben es französische und vor allem spanische Konditoren zu wahrer Meisterschaft gebracht. Es gibt kaum eine Frucht, die sie nicht kandieren: Orangen-, Zitronen- und Pomeloschalen, Ingwer, Datteln, Feigen. Sogar Hibiskus-, Rosen- und Veilchenblüten präsentieren sich hier eingekocht und getrocknet, sind allerdings eine absolute Luxusware, für die man einen horrenden Preis zahlt.

Als besondere Köstlichkeit gibt es nur im Spanischen Fruchthaus marrons glacés, geröstete und in Sirup getauchte Esskastanien. Solch ein marron glacé will mit Bedacht und Genuss verspeist werden, nicht in Hast und Eile verschlungen! Was selbstverständlich auch für die Kleinodien an Früchten gilt, die hier serviert werden...

 



20.11.2021 - Seit Menschengedenken da und erstmals entdeckt - Omas Köstlichkeiten am Sendlinger Tor
Wer wie ich in einem Dorf auf dem Land bzw. In einer Kleinstadt aufgewachsen ist, erinnert sich gewiss noch an den “Tante-Emma-Laden”, an dem sich am Freitagnachmittag oder Samstagmorgen die Dorfbewohner trafen, um ihre Einkäufe für die Woche zu erledigen und mit der Inhaberin des Ladens - meist war sie weiblich - und den Nachbarn ein kleines Schwätzchen zu halten. Hinter der Inhaberin türmten sich auf den Reihen der einfachen Regalbretter die bunten Kartons und Flaschen mit den Wasch- und Putzmitteln, daneben die großen Papiertüten mit den unverderblichen Lebensmitteln - Reis, Mehl, Zucker, Nudeln -, und vor der Inhaberin blitzte eine große dreistöckige Glasvitrine. Auf der untersten Ebene gab es Fleisch und Wurst, darüber Brot und Brötchen, und auf dem obersten Regalbrett Trüffelpralinen und Geleebananen, Bonbons zum Lutschen und Brausepulver-Tabs zum Draufbeißen sowie Weichgummi-Drops und -Schnüre in allen Farben des Regenbogens zum Kauen. Auch Omas Köstlichkeiten am Sendliger Tor sind in solch einem Tante-Emma-Laden untergebracht.


Seit Menschengedenken da und erstmals entdeckt -
Omas Köstlichkeiten am Sendlinger Tor

Über den Kahlschlag unter den alteingesessenen Kaufhäusern und Geschäften in der Münchner Fußgängerzone habe ich in einem meiner vorausgegangenen Artikel berichtet; aber auch über die Ecken und Winkel in Haidhausen, in denen manches Kleine, Versponnene, Persönliche überlebt hat, das unserer Stadt Flair und Lebensqualität verleiht.

Noch eine Gegend gibt es in unserer Stadt, in der manch Kleines, nicht gerade Lebensnotwendiges, aber Liebenswertes überlebt hat, und sie liegt nur einen Katzensprung vom Marienplatz entfernt: die Sendlinger Straße, die beim Rosental beginnt und sich bis zum Sendlinger Tor hinunter zieht, dem ältesten Stadttor, das aus dem Mittelalter übrig geblieben ist. Die mächtigen, dicken Mauern und Türme aus dunkelrotem Backstein lassen keinen Zweifel am hohen Alter dieses Tores, das einst - genau wie das Isartor im Osten und das Karlstor im Westen - von Schildknappen bewacht wurde und an dem vormals die Kaufleute ihren Zoll entrichteten, um überhaupt die Stadt betreten und darin Handel treiben zu dürfen.

Direkt an den rechten Turm schließt sich ein Anbau aus mattgelbem Sandstein an, der erst in einer viel späteren Epoche hinzugefügt wurde; und in diesem Anbau befindet sich einer der ältesten Läden unserer Stadt, den es schon gibt, seit ich denken kann. Bei dem Anblick der ausgetretenen Stufen, der kleinen schmiedeeisernen Treppe, die zu dem runden Torbogen hinaufführt, und des Schriftzuges Omas Köstlichkeiten, der in gotischer Frakturschrift über der Vorderfront prangt, eilt mein Geist jedes Mal in meine Kindheit zurück...

Wer wie ich in einem Dorf auf dem Land bzw. in einer Kleinstadt aufgewachsen ist, erinnert sich gewiss noch an den “Tante-Emma-Laden”, an dem sich am Freitagnachmittag oder Samstagmorgen die Dorfbewohner trafen, um ihre Einkäufe für die Woche zu erledigen und mit der Inhaberin des Ladens - meist war sie weiblich - und den Nachbarn ein kleines Schwätzchen zu halten.

Hinter der Inhaberin türmten sich auf den Reihen der einfachen Regalbretter die bunten Kartons und Flaschen mit den Wasch- und Putzmitteln, daneben die großen Papiertüten mit den unverderblichen Lebensmitteln - Reis, Mehl, Zucker, Nudeln -, und vor der Inhaberin blitzte eine große dreistöckige Glasvitrine. Auf der untersten Ebene gab es Fleisch und Wurst, darüber Brot und Brötchen, und auf dem obersten Regalbrett Trüffelpralinen und Geleebananen, Bonbons zum Lutschen und Brausepulver-Tabs zum Draufbeißen sowie Weichgummi-Drops und -Schnüre in allen Farben des Regenbogens zum Kauen.

Auch Omas Köstlichkeiten am Sendliger Tor sind in solch einem Tante-Emma-Laden untergebracht. Wenn man die niedrigen ausgetretenen Stufen emporsteigt, vorbei an kleinen zweistöckigen Etageren aus weißem Emaille, in denen dekorative Servietten oder liebevoll von Hand gemalte Grußkarten ausliegen, und sich durch das kleine hölzerne Portal zwängt, erhebt sich zur linken Hand die große gläserne Vitrine mit den vielen verschiedenen Trüffelpralinen und -kugeln und bunt leuchtenden Bonbons; nur, dass dahinter ausnahmsweise einmal keine Verkäuferin steht, sondern ein stiller, schmaler älterer Herr mit einem ebenso scheuen wie liebenswerten Lächeln, der ganz genau in diesen Laden und sein Sortiment passt.

Zur rechten Hand findet man weitere Dekor-Servietten und kleine München-Souvenirs in Herzform, die großen weichen Amaretto-Kekse, die sich bereits beim ersten Biss in Wohlgefallen auflösen, Regenschirme aus Schokolade - und die bereits von mir erwähnten handgefertigten Grußkarten.

Übrigens auch welche mit Techniken, die heute nahezu in Vergessenheit geraten sind und nur hier und auf der Auer Dult noch überlebt haben; so z. B. Karten mit Scherenschnitten, schwarzen Konturen auf blütenweißem Papier, die jemand aus schwarzem Karton herausgeschnitten oder eher -ziseliert hat; manche Ranken-, Girlanden- und Blumenmotive kringeln sich wie kreisende Spiralen oder die hochtoupierten Frisuren und Perücken von Damen aus dem Rokoko-Zeitalter.

Oder wer erinnert sich noch an die dreidimensionalen Karten, die man aufklappt, und vor dem Auge entfaltet sich ein riesiger Blumenstrauß, eine explodierende Sektflasche mit Feuerwerk oder ein Ensemble tanzender Schmetterlinge? Diese in tausend winzigen Fitzeln zurechtgeschnittenen und -gefalteten Dioramen sind wahre Kunstwerke en miniature; fast zu schade, um sie zu versenden....

Auch Omas Köstlichkeiten gehört zu den kleinen Refugien, in denen die Zeit stillzustehen scheint bzw. die aus der Zeit gefallen sind...

 

 



20.11.2021 - Von der Rückkehr des Menschlichen - Mein Wiedersehen mit dem Kloster Fürstenfeld
Meine geneigten Leser dürften inzwischen bemerkt haben, dass ich unter anderem einen Hang zu Dingen habe, die man nicht unbedingt zum Leben braucht, die mich aber mit ihrer Farbe und Form ansprechen und von denen etwas Anheimelnd-Liebenswertes ausgeht. So zum Beispiel muss man keinen Kranz oder kein Herz aus geflochtenen Kornähren, Moos und Ringelblumen an die Tür hängen oder auf den Tisch legen; aber der Zusammenklang von blassem, dezentem Gelb, dunklem, sattem Grün und leuchtendem Orange tut dem Auge wohl, das darauf ruht, und hellt das Gemüt auf. Auch ist Gelee oder Sirup aus echten Rosenblüten nicht unbedingt etwas, das man jeden Morgen zum Frühstück isst; aber wenn es an einem Wochenende etwas zu feiern gibt, oder wenn man es sich mit einer Tasse Tee und einem Rosinen- oder Franzbrötchen auf dem Sofa gemütlich macht, scheint einen der Rosenduft förmlich einzuhüllen, und der feine, liebliche Geschmack scheint einem ein kleines Kissen aus Samt unter das Herz zu schieben. Oder man stelle sich eine Seifenkugel oder Badebombe aus Schaf- oder Eselsmilch vor, vermengt mit Lavendelblüten und Verbenen, die sich langsam im einlaufenden Wasser auflöst und eine schlichte Badewanne in einen Garten der Provence verwandelt. Falls zur Schafmilch etwas geraspeltes Zedern- oder Sandelholz hinzukommt, auch in einen Hamam... Da waren sie wieder nach schier endlos langer Zeit, all die kleinen Augen-, Gaumen- und Nasenfreuden, die einfach nur sind, wie sie sind, an denen es nichts zu drehen und zu deuteln gibt, aber viel zu träumen und zu sinnieren!


Von der Rückkehr des Menschlichen -

Mein Wiedersehen mit dem Kloster Fürstenfeld

Als ich im letzten Jahr über bemerkenswerte Orte und Besonderheiten in und um München berichtete, habe ich an Pfingsten mein Bedauern darüber zum Ausdruck gebracht, dass der Reigen der Feste und Veranstaltungen, die einst das lichte, weitläufige Areal meiner Lieblings-Pilgerstätte Kloster Fürstenfeld zum Leben erweckt haben, im Zuge der Corona-Pandemie völlig zum Erliegen kam.

Doch im Herbst des Jahres 2021 haben sich die Betreiber des Veranstaltungszentrums und die Stadträte von Fürstenfeldbruck entschlossen, das gesellige Treiben vor und in den Gebäudetrakten zu neuem Leben zu erwecken, und luden die Münchner und Bewohner des Umlandes zur Kirchweih rund um den Stadtsaalhof und die Tenne ein.

Im Innenhof spielte ein kleines Musikensemble bayerische Stub’nmusi - keine lärmenden, “kracherten” Bierzelthymnen, wie man sie von der Wies’n-Zeit kennt, sondern die leisere und dezentere Kammervariante der bayerischen Volksmusik. Doch wenn man Klarinette, Gitarre, Zither und Ziehharmonika schon lange nicht mehr live gehört hat, muntert einen allein der klare, helle Zusammenklang der Instrumente und der gemessen schaukelnde Rhythmus eines Ländlers oder Zwiefachen auf und beschwingt das Gemüt, vor allem, wenn die Sonne ungetrübt von einem klaren, tiefblauen Herbsthimmel strahlt.

Dazu drehte sich ein buntes, nostalgisch verschnörkeltes Kinderkarussell im Kreis, und einen Steinwurf weit entfernt waren ein paar einfache Schiffschaukeln aufgebaut (die mir aber seinerzeit als Kind mehr Spaß machten als etwa eine Fahrt im Autoscooter, die oft nur ein ständiges Gerempel und Geramme war).

Und es gab auch die drei Dinge, ohne die eine Kirchweih ganz einfach nicht vollständig ist: ein Grill mit Steaks, Brat- und Currywürsten, ein Getränkeausschank und ein Stand mit gebrannten Mandeln und Zuckerwatte. Nichts gehört so sehr zu einem Markt oder einer Kirchweih wie das Aroma von Karamell und Zuckerfäden, das mit der deftigen Note von gegrilltem Fleisch auf dem Rost verschmilzt und über dem die Dunstglocke des Festbiers wabert.

Und im schlicht und roh gemauerten, in seiner Höhe und Weite gleichwohl eindrucksvollen Gewölbe des Stadtsaalhofes waren wieder die Stände der Kleinkünstler, Manufakturen und Handwerker, die ich von früher kannte...

Meine geneigten Leser dürften inzwischen bemerkt haben, dass ich unter anderem einen Hang zu Dingen habe, die man nicht unbedingt zum Leben braucht, die mich aber mit ihrer Farbe und Form ansprechen und von denen etwas Anheimelnd-Liebenswertes ausgeht.

So zum Beispiel muss man keinen Kranz oder kein Herz aus geflochtenen Kornähren, Moos und Ringelblumen an die Tür hängen oder auf den Tisch legen; aber der Zusammenklang von blassem, dezentem Gelb, dunklem, sattem Grün und leuchtendem Orange tut dem Auge wohl, das darauf ruht, und hellt das Gemüt auf.

Auch ist Gelee oder Sirup aus echten Rosenblüten nicht unbedingt etwas, das man jeden Morgen zum Frühstück isst; aber wenn es an einem Wochenende etwas zu feiern gibt, oder wenn man es sich mit einer Tasse Tee und einem Rosinen- oder Franzbrötchen auf dem Sofa gemütlich macht, scheint einen der Rosenduft förmlich einzuhüllen, und der feine, liebliche Geschmack scheint einem ein kleines Kissen aus Samt unter das Herz zu schieben.

Oder man stelle sich eine Seifenkugel oder Badebombe aus Schaf- oder Eselsmilch vor, vermengt mit Lavendelblüten und Verbenen, die sich langsam im einlaufenden Wasser auflöst und eine schlichte Badewanne in einen Garten der Provence verwandelt. Falls zur Schafmilch etwas geraspeltes Zedern- oder Sandelholz hinzukommt, auch in einen Hamam...

Da waren sie wieder nach schier endlos langer Zeit, all die kleinen Augen-, Gaumen- und Nasenfreuden, die einfach nur sind, wie sie sind, an denen es nichts zu drehen und zu deuteln gibt, aber viel zu träumen und zu sinnieren!

Als ich an jenem Nachmittag zur Tenne emporstieg, wurde mir auch wieder bewusst, wieviel Wärme und Geborgenheit dieses hohe, geräumige Gewölbe aus Kiefernholz verströmt. Wie habe ich sie vermisst, die wuchtigen, schräg geneigten Dachbalken, den warmen, milden Schimmer des Kiefernholzes, hell und dunkel, licht und gedämpft zugleich, der einen umhüllt und willkommen heißt, das leise dunkle Knarren der Holzbohlen, die unter den Füßen immer ein wenig nachgeben und mit den eigenen Schritten mitschwingen!

Nicht nur mir erging es an diesem Nachmittag so. Wohin ich auch blickte, überall sah ich Menschen, die sich umsahen und mit den Verkäuferinnen und Verkäufern an den Ständen gedämpft, aber angeregt unterhielten, sah manch ein Augenpaar aufleuchten und manch einen Mund leise schmunzeln... Einen kostbaren Nachmittag lang war mir zu Mute, als dürfe man sich wieder als Mensch fühlen und frei ergehen, als dürfe man einfach nur sein und den Augenblick genießen...

Als ich die Tenne und den Stadtsaalhof schließlich verließ und wieder in den Außenbereich zurückkehrte, stellte ich ernüchtert fest, dass sich trotz des milden, klaren Herbstwetters vor der langgestreckten Front des Klosterladens und auch vor dem Klosterstüberl kaum etwas rührte. Sollte dieses beschaulich-gediegene Kleinod etwa wegen mangelnder Rentabilität aufgegeben worden sein?

Hm! Es gibt einen “offiziellen” Klostergarten, der sich zwischen der Basilika, dem Flügel des Diözesan- und Heimatmuseums und dem des Klosterstüberls erstreckt; und es gibt die andere Seite, vor der ein Seitenkanal der Amper vorbeifließt und die zu einem umzäunten Wirtsgarten mit Kastanien und Sträuchern führt. Nebendran liegt ein kleiner Parkplatz, von dem man auf dem Schnellweg ins Zentrum von Fürstenfeldbruck gelangt.

Also schlüpfte ich durch den Torbogen zwischen Klosterstüberl und -laden hindurch, und was sahen meine erfreuten Augen? Eine mit durchsichtigen Planen umfriedete und ein paar Heizstrahlern versehene Terrasse, auf der sich etliche Besucher niedergelassen hatten und die Gesellschaft ihrer Freunde und Bekannten ebenso genossen wie Speis und Trank!

An jenem Nachmittag musste ich ein Weilchen warten, aber dann gelang es mir, einen kleinen Tisch und einen Stuhl zu finden, die noch frei waren. Und dort winkte mir der krönende Abschluss dieses Tages: einer jener Riesen-Windbeutel, großzügig mit Sahne und Preiselbeeren gefüllt, die das Klosterstüberl weit über Fürstenfeldbruck hinaus zur Legende gemacht haben und heute noch seine Gäste aus München und dem Umland herbeilocken!

Als ich in der Abenddämmerung aufbrach und an der weiten ebenen Wiesenflur und dem niedrigen bewaldeten Hügelkamm entlang ging, um zur S-Bahn-Station zurückzukehren und nach Hause zu fahren, sah ich zum ersten Mal in meinem Leben etwas, das ich vorher nur aus Büchern oder Erzählungen kannte: Nebel, der sich nicht wie sonst als bleischwere weißgraue Watte auf die Welt herabsenkte und sie gleichsam dem Blick des Betrachters entzog.

Dieser Nebel waberte in federleichten Schleierfetzen direkt über dem Rasen, und darüber leuchtete klar und tiefblau der Nachthimmel. Über den Wipfeln des Hügelkamms stand der Vollmond und erhellte die Wiesenflur mit seinem Silberlicht, so dass sich die kahlen Äste der Weiden und die Spitzen der Fichten auf dem Hügel als klare schwarze Konturen gegen das Firmament abhoben. Wenn ich durch solch einen Schleier lief, schienen die Äste und Zweige der Weiden in einem Nebelmeer zu schwimmen..

Mit einem Mal kamen mir Verse aus Goethes “Erlkönig” in den Sinn:

“O Vater, mein Vater, siehst du nicht dort
 Erlkönigs Töchter am düsteren Ort?”

“Mein Sohn, mein Sohn, ich seh’ es genau:
 Es scheinen die alten Weiden so grau.”


Doch nur wenige Schritte vom Nebelschwaden entfernt lag das stille Land wieder klar und tiefblau unter dem Silbermond...

Alles in allem ein Nachmittag wie ein Geschenk und eine verzauberte Nacht!



20.11.2021 - Auf zum Krimi im Wohnzimmer - Das Blutenburgtheater hat überlebt!
Seit Corona und alle Umstände, die damit zusammenhängen, in unser aller Leben getreten ist, werden Politiker und Medien nicht müde, für uns Schutzmaßnahmen und -konzepte zu erörtern und zu entwickeln. Fast in jeder Lebenslage stellt sich inzwischen die Frage, ob man dies oder jenes überhaupt tun sollte, um sich und andere vor der Ansteckung zu schützen; und nicht einmal die Tatsache, dass viele von uns mindestens eine, wenn nicht bereits zwei Schutzimpfungen hinter sich haben, ändert etwas daran, dass im Moment die Inzidenzzahlen wieder in die Höhe klettern. Nach und nach schleicht sich bei mir eine Frage ein: Wir stehen einer ernsten Gefahr für Gesundheit und Leben gegenüber, das haben wir im Lauf der letzten anderthalb Jahre begriffen. Doch hilft es uns allen wirklich, wenn wir mit Bedenken und Vorbehalten an alles herangehen, was wir tun,und auch, wenn wir einander als Menschen begegnen? Wo bleibt die menschliche Natur mit all den Wahrnehmungen, Gedanken und Gefühlen, die zu ihr gehören und sich nicht einfach abstellen oder umprogrammieren lassen, sondern früher oder später ihr Recht auf Sein verlangen? Wo bleibt die Lebensqualität eines jedes einzelnen von uns? Alles, was auf dieser Welt geschieht, was sich vor unseren Augen und Ohren oder auch in unserer Gedanken- und Gefühlswelt abspielt, existiert und hat in dem Moment, da es sich zeigt, das Recht dazu. Wer gibt irgendjemandem in diesem Land oder in Europa oder auf der Welt das Recht, darüber zu urteilen, wer und was auf dieser Welt eine Daseinsberechtigung hat und was nicht? Was dem Ernst unserer Zeit und der Lage der Nation angemessen ist oder nicht?


Auf zum Krimi im Wohnzimmer -

Das Blutenburgtheater hat überlebt!


Nach meinem Appell im Zusammenhang mit der Auer Dult - übrigens gab es dieses Jahr wieder eine Herbstdult am Mariahilfplatz - galt einer meiner ersten Artikel, die ich auf meiner Website unter der Rubrik Brauchtum, Feste, Märkte und Besonderheiten in München und Oberbayern hochgeladen habe, dem Blutenburgtheater, der ersten und einzigen Münchner Kriminalbühne in der gleichnamigen Straße.

Keine Ahnung, auf welche Weise die Intendantinnen die beiden Lockdowns überbrückt haben und welche Klimmzüge sie vor den Behörden des KVR vollführen mussten, um die Genehmigung zur Wiedereröffnung zu erhalten - doch seit Ende Juni dieses Jahres ist auch dieses gerade einmal hundert Quadratmeter große “Hutschachteltheater” wieder da!

Und so war ich gegen Ende September mit einer Ex-Kollegin an einem Samstagabend unterwegs, um mir den Klassiker Sherlock Holmes und der Hund von Baskerville anzusehen.

Da dem Theater derzeit nicht viele Mittel für Requisiten, Klang- und Lichteffekte und vor allem für ein großes Ensemble zur Verfügung stehen, hat man die Besetzung auf drei  Schauspieler reduziert, von denen jeder zwei, zum Teil sogar drei Rollen übernimmt; und es geht auch weniger um die ausreichend bekannte Handlung, sondern eher um den Wettstreit dreier Schauspieler, wie man ein Stück angehen und es herüberbringen soll, um das Publikum bei Laune und vor allem im Saal zu halten; wie man Sherlock Holmes, Dr. Watson, Sir Henry Baskerville, seinen Freund Dr. Mortimer oder den Naturforscher Stapleton spielen soll und wie sich die Jagd auf den Geisterhund im Dartmoor mit spärlichen Mitteln inszenieren lässt.

Soweit die Handlung des Stückes an sich, die aber nicht wirklich ausschlaggebend ist. Wichtiger erschien dem Publikum und mir eher, was für ein Feuerwerk an Gesten, Mienen und Grimassen, an Wort- und Sprachspielen die drei Schauspieler auf uns losließen, in welcher Geschwindigkeit sie Rollen- und Charakterwechsel bewältigten und mit welch tänzerischer, fast schon akrobatischer Eleganz sie ihre Scheinkämpfe auf der kleinen Bühne des Blutenburgtheaters zeigten.

Was sie dort oben veranstalteten, lässt sich mit Worten nur schwer wiedergeben, weil für ihr blitzschnelles Spiel der Mienen  und Gesten und ihre Sprechakrobatik Worte im Grunde zu schwerfällig sind; es ist Körper- und Mundwerkskunst, die nur durch jahrzehntelange Übung entsteht und dafür sorgt, dass man mal gebannt auf der Stuhlkante hängt und verfolgt, was dort vorne passiert, mal eine Tanz- oder Gesangspassage mitklatscht - oder, was an diesem Abend am häufigsten vorkam, sich schlicht und einfach schieflachte.

Ist so etwas unnötig oder überflüssig?

Seit Corona und alle Umstände, die damit zusammenhängen, in unser aller Leben getreten ist, werden Politiker und Medien nicht müde, für uns Schutzmaßnahmen und -konzepte zu erörtern und zu entwickeln. Fast in jeder Lebenslage stellt sich inzwischen die Frage, ob man dies oder jenes überhaupt tun sollte, um sich und andere vor der Ansteckung zu schützen; und nicht einmal die Tatsache, dass viele von uns mindestens eine, wenn nicht bereits zwei Schutzimpfungen hinter sich haben, ändert etwas daran, dass im Moment die Inzidenzzahlen wieder in die Höhe klettern.

Nach und nach schleicht sich bei mir eine Frage ein: Wir stehen einer ernsten Gefahr für Gesundheit und Leben gegenüber, das haben wir im Lauf der letzten anderthalb Jahre begriffen. Doch ist uns wirklich geholfen, wenn wir mit Bedenken und Vorbehalten an alles herangehen, was wir tun,und auch, wenn wir einander als Menschen begegnen?

Wo bleibt die menschliche Natur mit all den Wahrnehmungen, Gedanken und Gefühlen, die zu ihr gehören und sich nicht einfach abstellen oder umprogrammieren lassen, sondern früher oder später ihr Recht auf Sein verlangen? Wo bleibt die Lebensqualität eines jedes einzelnen von uns?

Alles, was auf dieser Welt geschieht, was sich vor unseren Augen und Ohren oder auch in unserer Gedanken- und Gefühlswelt abspielt, existiert und hat in dem Moment, da es sich zeigt, das Recht dazu. Wer gibt irgendjemandem in diesem Land oder in Europa oder auf der Welt das Recht, darüber zu urteilen, wer und was auf dieser Welt eine Daseinsberechtigung hat und was nicht? Was dem Ernst unserer Zeit und der Lage der Nation angemessen ist oder nicht?

Als ich an jenem Abend mit meiner Ex-Kollegin im Theatersaal saß und gemeinsam mit ihr das Interagieren der Schauspieler auf der Bühne verfolgte, gelang es zumindest ihr und mir und vielen anderen Zuschauerinnen und Zuschauern, all die Bedrückung, Beklemmung und Drangsal wenigstens zwei Stunden lang zu vergessen und wegzulachen; und allein dafür erscheint mir das Blutenburgtheater und sein Ensemble daseinsberechtigt genug.

Gerne spendeten wir beide und viele andere im Publikum hinterher einen kleinen Obolus für den Erhalt der kleinen Münchner Kriminalbühne, denn - wie einer der Schauspieler am Ende des Stückes zu uns allen sagte - : “Ohne Unterstützung keine Stücke. Ohne Stücke keine Schauspieler. Ohne Schauspieler keine Zuschauer. Ohne Zuschauer keine Einnahmen. Ohne Einnahmen kein Theater.”

 

 



06.11.2021 - Wo München am stillsten ist - Das Café Bla
Seit der Jahrtausendwende ragen in meiner Stadt auch die ersten Wolkenkratzer über die Türme des Liebfrauendoms hinaus, so z.B. die Doppeltürme der Hypo-Vereinsbank in Bogenhausen, der O2 und Oracle Tower zwischen dem Olympiapark und dem OEZ, oder die ADAC-Zentrale und das Fraunhofer- Institut am Heimeranplatz. In solchen Regionen drängt sich mir hin und wieder der Vergleich mit “Mainhattan” auf, dem Frankfurter Bankenviertel, in dem die wuchtigen Türme der EZB, der Deutschen Bank und der Commerzbank sowie die Zentralen vieler deutscher Versicherungsgesellschaften das Mainufer säumen; eine Gegend, die ich im Zuge von Dienstreisen im Zusammenhang mit meiner früheren Berufstätigkeit kennengelernt habe. Doch neben all diesen sichtbaren Wahrzeichen der Urbanität findet man immer noch ein paar stille, fast weltabgeschiedene Winkel, in denen München bis heute ein Dorf geblieben ist; und an einen solchen Winkel möchte ich hier erinnern. Er beginnt am weitläufigen Quadrat des Mariahilfplatzes und zieht sich in Gestalt der Zeppelin- und der Lilienstraße eine kleine Anhöhe empor, deren Scheitelpunkt die stark frequentierte, wiederum sehr urbane Zweibrückenstraße bildet.


Café Blá - Wo München am stillsten ist


Entlang der Hauptverkehrsadern, durch die jeden Morgen und Abend die Verkehrsströme stadtein- oder -auswärts drängen und brausen - die Ungererstraße im Norden, die fast in Unterföhring beginnt und schließlich in die Leopoldstraße übergeht; die Landsberger Straße, die in Pasing beginnt und den Münchner Westen mit dem Hauptbahnhof verbindet; die Wolfratshauser Straße im Süden, die in Pullach beginnt und durch Solln führt, am Neuhofener Berg in die Plinganser Straße mündet und auf den Harras zustrebt; und schließlich die Rosenheimer Straße als Zubringer zwischen Ramersdorf, Ostbahnhof und dem Gasteig - zeigt sich München ganz und gar urban und großstädtisch: schier endlos lange vierspurige Asphaltpisten, über die ganze Kolonnen von Schwertransportern und Fahrzeugen jeglichen Typs ohne Unterlass und Unterbrechung hinwegrauschen; Unterführungen und Tunnelsysteme, um die geballte Wucht der Blechlawinen ein wenig zu entzerren und zu dämpfen; und links und rechts davon die sechs- bis zehnstöckigen Wälle der Wohnblöcke und Bürotürme.

Seit der Jahrtausendwende ragen in meiner Stadt auch die ersten Wolkenkratzer über die Türme des Liebfrauendoms hinaus, so z.B. die Doppeltürme der Hypo-Vereinsbank in Bogenhausen, der O2 und Oracle Tower zwischen dem Olympiapark und dem OEZ, oder die ADAC-Zentrale und das Fraunhofer- Institut am Heimeranplatz. In solchen Regionen drängt sich mir hin und wieder der Vergleich mit “Mainhattan” auf, dem Frankfurter Bankenviertel, in dem die wuchtigen Türme der EZB, der Deutschen Bank und der Commerzbank sowie die Zentralen vieler deutscher Versicherungsgesellschaften das Mainufer säumen; eine Gegend, die ich im Zuge von Dienstreisen im Zusammenhang mit meiner früheren Berufstätigkeit kennengelernt habe.

Doch neben all diesen sichtbaren Wahrzeichen der Urbanität findet man immer noch ein paar stille, fast weltabgeschiedene Winkel, in denen München bis heute ein Dorf geblieben ist; und an einen solchen Winkel möchte ich hier erinnern. Er beginnt am weitläufigen Quadrat des Mariahilfplatzes und zieht sich in Gestalt der Zeppelin- und der Lilienstraße eine kleine Anhöhe empor, deren Scheitelpunkt die stark frequentierte, wiederum sehr urbane Zweibrückenstraße bildet.

Im engen aber langgezogenen Zwickel zwischen Lilien- und Zeppelinstraße herrscht fast immer Ruhe und Stille. Ein paar Gaststätten gibt es, aber die kopfsteingepflasterten Plätze, auf denen kleine Trinkwasserbrunnen glucksen und plätschern und die von schlichten Wohnblocks gesäumt werden, scheinen den ganzen Tag vor sich hin zu dämmern und zu dösen, bei Nebel und Sprühregen und auch bei strahlendem Sonnenschein. Noch stiller, ja geradezu dörflich mutet die kleine Sammtstraße an, die von der Lilienstraße abzweigt und deren natürliche Grenze die hölzerne Brücke über dem Auer Mühlbach bildet, der im Schatten des dichtbewaldeten Nockherbergs leise vor sich hin gluckst, murmelt und plätschert.

Gerade in dieser stillen, dörflich anmutenden Idylle hat sich 2018 eine neue Gaststätte eingenistet: das kleine Café Blá mit seiner blau-weiß gestreiften Markise, das im Schlagschatten des mächtigen Zwiebelturms, der den gegenüberliegenden Paulaner in der Au krönt, schier zu versinken scheint.

Auch um dieses kleine Nest habe ich während der beiden Lockdowns gebangt. Doch siehe da, auch hier drängen sich seit Anfang Juni die Gäste wieder vor der Tür bzw. stehen auf der Straße Schlange. Das Konzept des jungen franko-isländischen Ehepaares geht anscheinend auf.

In einer schlichten zweistöckigen Glasvitrine bieten sie eine kleine, aber stets frisch zubereitete Auswahl an Salaten, Quarkspeisen und Kuchen an; und ich gestehe, dass ich so gut wie nie an der Heidelbeertorte mit Skyr vorbeikomme, wenn ich dort bin. Rund und voll im Geschmack sind die Schokoladenkekse und die Sand- und Hafertaler, die hier als Riesenapparate herüberkommen. Und den Kaffee - sie verwenden nur Arabica-Sorten, von deren Qualität sie sich persönlich überzeugt haben - mahlen und brühen sie grundsätzlich selbst und mit der Hand, nie in der Maschine; und dies schmeckt man. So rund und gehaltvoll erlebt man sonst den Geschmack von Kaffeebohnen selten.

Das einzige Problem bei diesem Café ist, dass es gemessen an dem Andrang der Gäste sehr klein und eng ist; entweder sollte man von vornherein reservieren oder sich darauf einstellen, in der Schlange zu warten. Doch ich kann nur aus eigener Erfahrung bestätigen und versichern, dass es sich lohnt!