Zweifelhafte Erweckungen, die man lieber hätte bleiben lassen sollen
Ist es umgekehrt möglich, Lebloses zum Leben zu erwecken? Diese Frage kam zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Europa auf, als man die Kräfte und Wirkungen von Magnetfeldern und des aus ihnen entstehenden elektrischen Stroms entdeckte.
Nicht nur, dass man Birnen zum Glühen und Motoren zum Laufen bringen konnte: In den Hörsälen von Universitäten experimentierten Professoren mit Amphibien und Vögeln, die sie an einem Draht aufhängten und Strom durch den Draht leiteten. Dass die Gliedmaßen der leblosen Versuchsobjekte beim Durchfluss des Stroms zu zucken begannen, ließ die Zuschauerinnen und Zuschauer glauben, die Elektrzität hätte die toten Tiere erneut zum Leben erweckt.
Da das Experiment an Tieren glückte, versuchte man es auch mit den Leichen von Selbstmördern und hingerichteten Verbrechern – hier ist die Wissenschaft zum Teil der Lust an der Sensation und am Spektakel erlegen -, und da das Resultat dieselben Zuckungen der Gliedmaßen waren, erschrak das Publikum nicht wenig und meinte, es sei durch Elektrizität möglich, Tote wieder ins Leben zurückzuholen.
Auf dieser Annahme beruht Mary Shelleys Roman Frankenstein – Der moderne Prometheus. Er erschien erstmals im Jahr 1818 und hat seither die Welt derart fasziniert, dass über Generationen hinweg immer wieder Adaptionen dieses Stoffes und im 20. Jahrhundert zahlreiche Verfilmungen daraus entstanden sind.
Der Ursprung war eine stürmische, verregnete Nacht im Juni 1816, als Mary, die damals noch ihren Mädchennamen Wollstonecraft trug, ihr späterer Ehemann Percy Bysshe Shelley, ihre Stiefschwester Claire Clairmont und Lord George Gordon Byron in der Villa Diotati am Genfer See als Gäste einquartiert waren. Sturm und Dauerregen machte es den vier jungen Menschen unmöglich, auszugehen und etwas zu unternehmen; und da kamen sie auf die Idee, jede und jeder von ihnen sollte eine Schauergeschichte zu Papier bringen und sie den anderen erzählen, um gemeinsam zu entscheiden, welche Geschichte die beste war.
Alle hatten sich zuvor mit den von mir beschriebenen Experimenten mit der Elektrizität und auch mit den Schriften der Alchimisten des 15. und 16. Jahrhunderts wie Albertus Magnus und Paracelsus befasst, und in neuerer Zeit mit den Aufzeichnungen Friedrich Messmers zu Themen wie Hypnose, Seelenwanderung, der Aura des Menschen und dergleichen mehr; und diese Studien hatten bei Mary Wollstonecraft Shelley einen Alptraum ausgelöst, der zum Grundgerüst ihres Frankenstein-Romans wurde: die Erschaffung und Belebung eines künstlichen Menschen.
Wie genau dies geschehen sein soll, darüber schweigt sie sich aus und berichtet nur, dass der Arzt und Forscher Victor Frankenstein, der an der Universität von Ingolstadt wirkte, über Monate hinweg Geräte und Körperteile von Leichen sammelte, dass er sich danach monatelang in seiner Dachkammer einschloss und an seinem Experiment arbeitete, und dass ihm schließlich die Erweckung seiner Kreatur – nie hat er sie anders genannt – gelang.
Viel interessanter und relevanter sind für Mary die Folgen von Frankensteins Experiment: der 2,40 Meter große Riese und seine teils vollkommene, teils abstoßende Erscheinung erfüllt den jungen Arzt und Forscher derart mit Grauen und Abscheu, dass er unmittelbar nach der Belebung seines Geschöpfes auf und davon läuft und sich radikal von dem abwendet, was er geschaffen hat.
Die verwaiste und verlassene Kreatur hat zunächst Glück im Unglück: Sie wird von einem blinden Mann und seinen beiden Enkeltöchtern aufgenommen, eingekleidet, versorgt und erzogen. Da der Blinde das Geschöpf nie zu sehen bekommt, behandelt er es stets freundlich und mit Respekt, und seine beiden Enkelinnen überwinden ihr Grauen vor seiner gelben Haut und dem Geflecht der Adern und Sehnen, das sich deutlich darunter abzeichnet; zumindest soweit, dass auch sie sich mit Empathie und Fürsorge um ihn kümmern. Und so wird aus dem Geschöpf ein gebildeter, empathischer, tief und lebhaft empfindender Mensch.
Doch sobald sich dieser künstlich erschaffene Mensch aus dem Haus wagt und Kontakt zu anderen Menschen aufnimmt, stößt er auf Angst, Abscheu und Ablehnung, wo er Empathie, Anteilnahme und Freundschaft sucht. Sein blinder Ziehvater eröffnet ihm, auf welche Weise er entstanden ist; und fortan entsteht in ihm der Entschluss, die Spur seines Schöpfers aufzunehmen und sich an ihm für das Leben zu rächen, zu dem er ihn verdammt hat.
Er folgt Frankensteins Spuren über die Alpen bis zum Haus seiner Familie am Genfer See. Als Victor Frankenstein ihn erneut abweist und von sich stößt, tötet er seinen jüngsten Bruder Wilhelm und schiebt die Tat dem langjährigen Dienstmädchen der Familie in die Schuhe. Frankenstein erscheint nicht im Prozess vor Gericht, um auszusagen und die Unschuld der treuen Dienerin seiner Familie zu beweisen; zu sehr fürchtet er die Ächtung und Verstoßung durch die Menschen im Gerichtssaal, ja in der ganzen Stadt, wenn er bekennt, wer seinen Bruder getötet hat und weshalb. Und so lässt er das Fehlurteil und die aus ihr resultierende Hinrichtung geschehen.
Schließlich fragt er den von ihm erschaffenen künstlichen Menschen, was er tun muss, damit er von seiner Rache absieht und ihn künftig in Ruhe und unbehelligt leben lässt. Da verlangt er von seinem Schöpfer, dass er ihm eine gleichartige, ebenbürtige Gefährtin erschaffen soll, die sein Leben mit ihm teilt und ihm Gesellschaft leistet. Wenn Frankenstein dies für ihn tut, wird er sich mit ihr in die Stille zurückziehen und ihn verschonen. Wenn nicht, wird er ihn auf ewig dafür strafen, dass er ihn vom Tag seiner Entstehung an von der Gemeinschaft mit Menschen, ja von der bloßen Annäherung an sie ausgeschlossen hat.
In der Tat schickt sich Victor Frankenstein daraufhin an, die Bestandteile zusammenzusuchen, um für seine Kreatur eine gleichwertige, ebenbürtige Gefährtin zu erschaffen. Doch er hat gelernt, die Rachsucht seines Geschöpfes zu fürchten, und schreckt vor dem Gedanken zurück, aus der Verbindung der beiden könnten Kinder hervorgehen:
Was für eine neue Gattung von Menschen wäre das? Und mit welchen Merkmalen, vor allem mit welchen körperlichen, geistigen und seelischen Gebrechen und Defekten wären sie womöglich geschlagen?
Und so zerstört und vernichtet Frankenstein sein neues Geschöpf, noch bevor er es zum Leben erweckt. Mit dem Fluch und Racheschwur des künstlichen Menschen im Nacken flieht er aufs Neue vor ihm: „Wenn du mit deiner Braut Hochzeit hältst, werde ich in der Hochzeitsnacht da sein und sie töten, weil du mir meine Braut verweigert hast!“
Und so geschieht es. Nicht nur, dass er in der Hochzeitsnacht tatsächlich Victors Braut Elisabeth tötet; ihr Tod kostet auch seinen Vater das Leben, der nach dem Tod seines jüngsten Sohnes diesen erneuten, nicht weniger grausamen Schlag nicht übersteht.
So bleiben beide, Schöpfer und Geschöpf, durch das Band aus Schuld und Rache aneinander gekettet. Bis ans Ende seines Lebens, das zerstört und zerbrochen ist, bereut Victor Frankenstein sein vermessenes Experiment, und sein Geschöpf, das von seinem „Vater“ ein Leben lang abgelehnt, verleugnet und verlassen wurde, wählt angesichts der Hofflungslosigkeit seines Daseins den Tod in den Flammen eines Scheiterhaufens, den es selbst errichtet und anzündet.
Doch Frankensteins Kreatur ist nicht das einzige künstlich erschaffene Geschöpf, das in die Kulturgeschichte der Menschheit eingegangen ist. Im späten 16. Jahrhundert soll es in Prag ein Wesen gegeben haben, das aus Lehm entstand und mit vorgeschriebenen Gebeten und einem einzigen Wort zum Leben erweckt wurde: der Golem des Rabbi Löw, mit vollem Namen Jehuda ben Bezal’el Löw, der von 1524 bis 1609 lebte und zu den bedeutendsten Persönlichkeiten des Judentums zählt.
Er verbrachte seine Kindheit und Jugend in einem Dorf bei Posen in Polen und zeichnete sich schon früh durch seine rasche Auffassungsgabe, die Tiefe seines Glaubens an das Wirken des lebendigen Gottes Israels und die Schärfe und Kühnheit seines Denkens aus. Gleichwohl wirkte er zunächst in einer kleinen Gemeinde in Mähren, bevor er 1578 nach Prag zog, wo er zum Oberrabbiner und Vorsteher der jüdischen Gemeinde wurde und zum persönlichen Berater des Kaisers Rudolf II. aufstieg, der Löws Interesse an philosophischen Fragen, wissenschaftlicher Forschung wie auch an Alchimie und den Lehren des Talmud und der Kabbala teilte.
Gegen 1580 flackerte in Böhmen und auch in Prag einmal mehr das alte und weitverbreitete Gerücht auf, Juden würden umherziehen und die Kinder von Christen stehlen, um sie als Blutopfer zu verwenden. Da entstand im Zehnerrat der jüdischen Gemeinde der Vorschlag, man bräuchte einen ständigen Wächter, der abends und nachts an den Grenzen des jüdischen Viertels auf Patrouille ging, um Zusammenstöße oder auch nur kritische Vorfälle zwischen Juden und Christen zu verhindern.
Und so beschlossen Rabbi Löw, sein Schwiegersohn Isaak Kohen und ein Talmudschüler des Rabbi, einen solchen Wächter zu erschaffen, der ihnen auch grobe Arbeiten abnehmen konnte: Holz hacken, Wasser aus dem Brunnen ins Haus holen, Getreide zur Mühle und Mehl nach Hause bringen, die Synagoge fegen und putzen und dergleichen mehr.
Am 17. März 1580 zogen dese drei Männer um vier Uhr morgens, noch weit vor Sonnenaufgang, aus den Toren der Stadt Prag hinaus, auf eine Wiese nahe am Ufer der Moldau, wo niemand hinkommen und Zeuge ihres Tuns werden würde. Aus dem feuchten Lehm des Flussbetts formten sie eine menschliche Figur mit Kopf, Armen und Beinen.
Alle drei stellten sich zu Füßen der Lehmfigur auf. Löws Schwiegersohn Isaak Kohen, der das Element Feuer verkörperte, sollte als erster sieben Mal die Figur im Uhrzeigersinn umkreisen und bei jeder Umkreisung ein bestimmtes Gebet sprechen. Schon nach der ersten Umkreisung begann die Lehmfigur von innen heraus zu glühen und beständig zu wachsen, und bis zur siebten Umkreisung war der Lehm zu Ton gebrannt und die Figur gut 1,80 Meter groß.
Dann war Rabbi Löws Talmudschüler an der Reihe, der für das Element Wasser stand. Auch er sollte die Figur sieben Mal umkreisen und bei jeder Umkreisung ein bestimmtes Gebet sprechen. Als er dies tat, schien der Lehm von innen heraus feucht und nass zu werden, und bis zur siebten Umkreisung waren ihm Kopf- und Barthaare, Finger- und Zehennägel gewachsen.
Als Letzter war Rabbi Löw als Vertreter des Elementes Luft mit seinem Gebet und den sieben Umkreisungen an der Reihe. Zum Schluss reihten sich die drei Männer am Fußende der Figur auf, und Löw sprach die Worte: „Und Gott hauchte ihm seinen Atem ein und erweckte ihn zum Leben“ aus dem 1. Buch Mose, Kapitel 1. Er schob der Gestalt aus Ton einen Zettel in den Mund, auf dem das Wort „Schem“ geschrieben stand, einer der erlaubten Namen Gottes.
Da begann sich die Gestalt zu regen, richtete sich auf und stellte sich auf die Füße.
Isaak Kohen hüllte den nackten Mann in die Gewänder eines Synagogendieners, und gemeinsam brachten die drei ihn ins jüdische Viertel zu Rabbi Löws Haus. Stehen, gehen und greifen konnte er, tat auch alles, was man ihm sagte, nur sprach er nie ein Wort. Löw gab ihm den Namen Joseph und stellte ihn als künftigen Diener der Gemeinde vor.
Sobald Löw ihm das Schem aus dem Mund nahm, saß der Golem still in einer Ecke, tat nichts, rührte sich nicht. Allein das Wort, in dem sich der lebendige Gott Israels verkörperte, erweckte ihn zum Leben; und er gehorchte nur Löws Worten und Anweisungen und niemand anderem.
Bald begab sich Joseph stumm und schweigend auf seine abendlichen und nächtlichen Patrouillerunden um das jüdische Viertel und erwies sich im Haushalt des Rabbis als tatkräftige Hilfe.
Doch einmal, an einem Sabbat, vergaß Rabbi Löw, dem Golem das Schem aus dem Mund zu nehmen, bevor er zur Synagoge ging. Und Joseph, der nicht wusste, was er tun sollte, begann aus gottfreien Stücken mit einem Knüppel um sich zu schlagen, verwüstete die Auslagen vor den Läden der Händler und Handwerker, schlug alles kurz und klein, was ihm in die Quere kam.
Eilends holte man Rabbi Löw zur Hilfe. Es soll genügt haben, dass er dem Golem gegenüber stand und ihm zurief: „Joseph, bleib stehen!“ Alsbald wurde er fromm wie ein Lamm und folgte seinem Herrn nach Hause, und künftig achtete Löw stets darauf, am Sabbat auf jeden Fall das Schem aus Josephs Mund zu nehmen.
Zu einer anderen Zeit forderte Löws Frau Joseph auf, für sie Wasser vom Brunnen für das Bad zur Reinigung vor dem Sabbat zu holen, damit die Badewanne später für sie bereit war, während sie zum Gebet in die Synagoge ging. Und dies tat Joseph. Eimer um Eimer schleppte er vom Brunnen ins Haus und leerte ihn in die Wanne aus – doch er hörte damit nicht auf! Als Löws Frau zurückkehrte, schwamm bereits der Boden des Badezimmers, und das Wasser lief über sämtliche Flure im Erdgeschoss; doch Joseph hörte nicht auf ihre Worte und Rufe. Dann kehrte Rabbi Löw in sein Haus zurück und rief erneut: „Joseph, bleib stehen!“ Allein auf ihn hörte er.
Im Jahr 1593 erließ Kaiser Rudolf II. auf Löws Bitte und Fürsprache hin ein Dekret, dass alle Juden, die in Prag oder sonstwo im Reich Böhmen und Mähren lebten, unbehelligt leben sollten und unter seinem Schutz standen.
Daraufhin meinte Rabbi Low zu seinem Schwiegersohn Isaak Kohen und seinem Schüler, da die Gefahr eines Pogroms nun vom jüdischen Volk abgewendet sei, bräuchte man die Dienste des Golems als Wächter nicht mehr. Möglich ist auch, dass ihm sein zuweilen unberechenbares Verhalten ein wenig unheimlich war.
Und so wiesen die drei Männer Joseph eines Nachts an, sich auf den Dachboden der Altneusynagoge zu begeben und dort schlafen zu gehen. Als er eingeschlafen war, stellten sich Rabbi Löw, Isaak Kohen und Löws Schüler diesmal am Kopfende der Gestalt auf. Löw nahm dem Golem den Zettel mit dem Schem aus dem Mund. Jeder der drei Männer umkreiste seine Gestalt sieben Mal entgegen dem Uhrzeigersinn und sprach ein Gebet; und währenddessen fiel die Gestalt in sich zusammen, schrumpfte und wurde wieder zu einer Lehmfigur, nur, dass sie diesmal Kleidung trug.
Als aus dem Mann wieder Lehm geworden war, ließ Rabbi Löw die Tür zum Dachboden der Altneusynagoge versiegeln und erließ ein Gebot, dass niemand diesen Dachboden betreten solle. Und so geschah es auch bis heute.
Alle hatten sich zuvor mit den von mir beschriebenen Experimenten mit der Elektrizität und auch mit den Schriften der Alchimisten des 15. und 16. Jahrhunderts wie Albertus Magnus und Paracelsus befasst, und in neuerer Zeit mit den Aufzeichnungen Friedrich Messmers zu Themen wie Hypnose, Seelenwanderung, der Aura des Menschen und dergleichen mehr; und diese Studien hatten bei Mary Wollstonecraft Shelley einen Alptraum ausgelöst, der zum Grundgerüst ihres Frankenstein-Romans wurde: die Erschaffung und Belebung eines künstlichen Menschen.
Wie genau dies geschehen sein soll, darüber schweigt sie sich aus und berichtet nur, dass der Arzt und Forscher Victor Frankenstein, der an der Universität von Ingolstadt wirkte, über Monate hinweg Geräte und Körperteile von Leichen sammelte, dass er sich danach monatelang in seiner Dachkammer einschloss und an seinem Experiment arbeitete, und dass ihm schließlich die Erweckung seiner Kreatur – nie hat er sie anders genannt – gelang.
Viel interessanter und relevanter sind für Mary die Folgen von Frankensteins Experiment: der 2,40 Meter große Riese und seine teils vollkommene, teils abstoßende Erscheinung erfüllt den jungen Arzt und Forscher derart mit Grauen und Abscheu, dass er unmittelbar nach der Belebung seines Geschöpfes auf und davon läuft und sich radikal von dem abwendet, was er geschaffen hat.
Die verwaiste und verlassene Kreatur hat zunächst Glück im Unglück: Sie wird von einem blinden Mann und seinen beiden Enkeltöchtern aufgenommen, eingekleidet, versorgt und erzogen. Da der Blinde das Geschöpf nie zu sehen bekommt, behandelt er es stets freundlich und mit Respekt, und seine beiden Enkelinnen überwinden ihr Grauen vor seiner gelben Haut und dem Geflecht der Adern und Sehnen, das sich deutlich darunter abzeichnet; zumindest soweit, dass auch sie sich mit Empathie und Fürsorge um ihn kümmern. Und so wird aus dem Geschöpf ein gebildeter, empathischer, tief und lebhaft empfindender Mensch.
Doch sobald sich dieser künstlich erschaffene Mensch aus dem Haus wagt und Kontakt zu anderen Menschen aufnimmt, stößt er auf Angst, Abscheu und Ablehnung, wo er Empathie, Anteilnahme und Freundschaft sucht. Sein blinder Ziehvater eröffnet ihm, auf welche Weise er entstanden ist; und fortan entsteht in ihm der Entschluss, die Spur seines Schöpfers aufzunehmen und sich an ihm für das Leben zu rächen, zu dem er ihn verdammt hat.
Er folgt Frankensteins Spuren über die Alpen bis zum Haus seiner Familie am Genfer See. Als Victor Frankenstein ihn erneut abweist und von sich stößt, tötet er seinen jüngsten Bruder Wilhelm und schiebt die Tat dem langjährigen Dienstmädchen der Familie in die Schuhe. Frankenstein erscheint nicht im Prozess vor Gericht, um auszusagen und die Unschuld der treuen Dienerin seiner Familie zu beweisen; zu sehr fürchtet er die Ächtung und Verstoßung durch die Menschen im Gerichtssaal, ja in der ganzen Stadt, wenn er bekennt, wer seinen Bruder getötet hat und weshalb. Und so lässt er das Fehlurteil und die aus ihr resultierende Hinrichtung geschehen.
Schließlich fragt er den von ihm erschaffenen künstlichen Menschen, was er tun muss, damit er von seiner Rache absieht und ihn künftig in Ruhe und unbehelligt leben lässt. Da verlangt er von seinem Schöpfer, dass er ihm eine gleichartige, ebenbürtige Gefährtin erschaffen soll, die sein Leben mit ihm teilt und ihm Gesellschaft leistet. Wenn Frankenstein dies für ihn tut, wird er sich mit ihr in die Stille zurückziehen und ihn verschonen. Wenn nicht, wird er ihn auf ewig dafür strafen, dass er ihn vom Tag seiner Entstehung an von der Gemeinschaft mit Menschen, ja von der bloßen Annäherung an sie ausgeschlossen hat.
In der Tat schickt sich Victor Frankenstein daraufhin an, die Bestandteile zusammenzusuchen, um für seine Kreatur eine gleichwertige, ebenbürtige Gefährtin zu erschaffen. Doch er hat gelernt, die Rachsucht seines Geschöpfes zu fürchten, und schreckt vor dem Gedanken zurück, aus der Verbindung der beiden könnten Kinder hervorgehen:
Was für eine neue Gattung von Menschen wäre das? Und mit welchen Merkmalen, vor allem mit welchen körperlichen, geistigen und seelischen Gebrechen und Defekten wären sie womöglich geschlagen?
Und so zerstört und vernichtet Frankenstein sein neues Geschöpf, noch bevor er es zum Leben erweckt. Mit dem Fluch und Racheschwur des künstlichen Menschen im Nacken flieht er aufs Neue vor ihm: „Wenn du mit deiner Braut Hochzeit hältst, werde ich in der Hochzeitsnacht da sein und sie töten, weil du mir meine Braut verweigert hast!“
Und so geschieht es. Nicht nur, dass er in der Hochzeitsnacht tatsächlich Victors Braut Elisabeth tötet; ihr Tod kostet auch seinen Vater das Leben, der nach dem Tod seines jüngsten Sohnes diesen erneuten, nicht weniger grausamen Schlag nicht übersteht.
So bleiben beide, Schöpfer und Geschöpf, durch das Band aus Schuld und Rache aneinander gekettet. Bis ans Ende seines Lebens, das zerstört und zerbrochen ist, bereut Victor Frankenstein sein vermessenes Experiment, und sein Geschöpf, das von seinem „Vater“ ein Leben lang abgelehnt, verleugnet und verlassen wurde, wählt angesichts der Hofflungslosigkeit seines Daseins den Tod in den Flammen eines Scheiterhaufens, den es selbst errichtet und anzündet.
Doch Frankensteins Kreatur ist nicht das einzige künstlich erschaffene Geschöpf, das in die Kulturgeschichte der Menschheit eingegangen ist. Im späten 16. Jahrhundert soll es in Prag ein Wesen gegeben haben, das aus Lehm entstand und mit vorgeschriebenen Gebeten und einem einzigen Wort zum Leben erweckt wurde: der Golem des Rabbi Löw, mit vollem Namen Jehuda ben Bezal’el Löw, der von 1524 bis 1609 lebte und zu den bedeutendsten Persönlichkeiten des Judentums zählt.
Er verbrachte seine Kindheit und Jugend in einem Dorf bei Posen in Polen und zeichnete sich schon früh durch seine rasche Auffassungsgabe, die Tiefe seines Glaubens an das Wirken des lebendigen Gottes Israels und die Schärfe und Kühnheit seines Denkens aus. Gleichwohl wirkte er zunächst in einer kleinen Gemeinde in Mähren, bevor er 1578 nach Prag zog, wo er zum Oberrabbiner und Vorsteher der jüdischen Gemeinde wurde und zum persönlichen Berater des Kaisers Rudolf II. aufstieg, der Löws Interesse an philosophischen Fragen, wissenschaftlicher Forschung wie auch an Alchimie und den Lehren des Talmud und der Kabbala teilte.
Gegen 1580 flackerte in Böhmen und auch in Prag einmal mehr das alte und weitverbreitete Gerücht auf, Juden würden umherziehen und die Kinder von Christen stehlen, um sie als Blutopfer zu verwenden. Da entstand im Zehnerrat der jüdischen Gemeinde der Vorschlag, man bräuchte einen ständigen Wächter, der abends und nachts an den Grenzen des jüdischen Viertels auf Patrouille ging, um Zusammenstöße oder auch nur kritische Vorfälle zwischen Juden und Christen zu verhindern.
Und so beschlossen Rabbi Löw, sein Schwiegersohn Isaak Kohen und ein Talmudschüler des Rabbi, einen solchen Wächter zu erschaffen, der ihnen auch grobe Arbeiten abnehmen konnte: Holz hacken, Wasser aus dem Brunnen ins Haus holen, Getreide zur Mühle und Mehl nach Hause bringen, die Synagoge fegen und putzen und dergleichen mehr.
Am 17. März 1580 zogen dese drei Männer um vier Uhr morgens, noch weit vor Sonnenaufgang, aus den Toren der Stadt Prag hinaus, auf eine Wiese nahe am Ufer der Moldau, wo niemand hinkommen und Zeuge ihres Tuns werden würde. Aus dem feuchten Lehm des Flussbetts formten sie eine menschliche Figur mit Kopf, Armen und Beinen.
Alle drei stellten sich zu Füßen der Lehmfigur auf. Löws Schwiegersohn Isaak Kohen, der das Element Feuer verkörperte, sollte als erster sieben Mal die Figur im Uhrzeigersinn umkreisen und bei jeder Umkreisung ein bestimmtes Gebet sprechen. Schon nach der ersten Umkreisung begann die Lehmfigur von innen heraus zu glühen und beständig zu wachsen, und bis zur siebten Umkreisung war der Lehm zu Ton gebrannt und die Figur gut 1,80 Meter groß.
Dann war Rabbi Löws Talmudschüler an der Reihe, der für das Element Wasser stand. Auch er sollte die Figur sieben Mal umkreisen und bei jeder Umkreisung ein bestimmtes Gebet sprechen. Als er dies tat, schien der Lehm von innen heraus feucht und nass zu werden, und bis zur siebten Umkreisung waren ihm Kopf- und Barthaare, Finger- und Zehennägel gewachsen.
Als Letzter war Rabbi Löw als Vertreter des Elementes Luft mit seinem Gebet und den sieben Umkreisungen an der Reihe. Zum Schluss reihten sich die drei Männer am Fußende der Figur auf, und Löw sprach die Worte: „Und Gott hauchte ihm seinen Atem ein und erweckte ihn zum Leben“ aus dem 1. Buch Mose, Kapitel 1. Er schob der Gestalt aus Ton einen Zettel in den Mund, auf dem das Wort „Schem“ geschrieben stand, einer der erlaubten Namen Gottes.
Da begann sich die Gestalt zu regen, richtete sich auf und stellte sich auf die Füße.
Isaak Kohen hüllte den nackten Mann in die Gewänder eines Synagogendieners, und gemeinsam brachten die drei ihn ins jüdische Viertel zu Rabbi Löws Haus. Stehen, gehen und greifen konnte er, tat auch alles, was man ihm sagte, nur sprach er nie ein Wort. Löw gab ihm den Namen Joseph und stellte ihn als künftigen Diener der Gemeinde vor.
Sobald Löw ihm das Schem aus dem Mund nahm, saß der Golem still in einer Ecke, tat nichts, rührte sich nicht. Allein das Wort, in dem sich der lebendige Gott Israels verkörperte, erweckte ihn zum Leben; und er gehorchte nur Löws Worten und Anweisungen und niemand anderem.
Bald begab sich Joseph stumm und schweigend auf seine abendlichen und nächtlichen Patrouillerunden um das jüdische Viertel und erwies sich im Haushalt des Rabbis als tatkräftige Hilfe.
Doch einmal, an einem Sabbat, vergaß Rabbi Löw, dem Golem das Schem aus dem Mund zu nehmen, bevor er zur Synagoge ging. Und Joseph, der nicht wusste, was er tun sollte, begann aus gottfreien Stücken mit einem Knüppel um sich zu schlagen, verwüstete die Auslagen vor den Läden der Händler und Handwerker, schlug alles kurz und klein, was ihm in die Quere kam.
Eilends holte man Rabbi Löw zur Hilfe. Es soll genügt haben, dass er dem Golem gegenüber stand und ihm zurief: „Joseph, bleib stehen!“ Alsbald wurde er fromm wie ein Lamm und folgte seinem Herrn nach Hause, und künftig achtete Löw stets darauf, am Sabbat auf jeden Fall das Schem aus Josephs Mund zu nehmen.
Zu einer anderen Zeit forderte Löws Frau Joseph auf, für sie Wasser vom Brunnen für das Bad zur Reinigung vor dem Sabbat zu holen, damit die Badewanne später für sie bereit war, während sie zum Gebet in die Synagoge ging. Und dies tat Joseph. Eimer um Eimer schleppte er vom Brunnen ins Haus und leerte ihn in die Wanne aus – doch er hörte damit nicht auf! Als Löws Frau zurückkehrte, schwamm bereits der Boden des Badezimmers, und das Wasser lief über sämtliche Flure im Erdgeschoss; doch Joseph hörte nicht auf ihre Worte und Rufe. Dann kehrte Rabbi Löw in sein Haus zurück und rief erneut: „Joseph, bleib stehen!“ Allein auf ihn hörte er.
Im Jahr 1593 erließ Kaiser Rudolf II. auf Löws Bitte und Fürsprache hin ein Dekret, dass alle Juden, die in Prag oder sonstwo im Reich Böhmen und Mähren lebten, unbehelligt leben sollten und unter seinem Schutz standen.
Daraufhin meinte Rabbi Low zu seinem Schwiegersohn Isaak Kohen und seinem Schüler, da die Gefahr eines Pogroms nun vom jüdischen Volk abgewendet sei, bräuchte man die Dienste des Golems als Wächter nicht mehr. Möglich ist auch, dass ihm sein zuweilen unberechenbares Verhalten ein wenig unheimlich war.
Und so wiesen die drei Männer Joseph eines Nachts an, sich auf den Dachboden der Altneusynagoge zu begeben und dort schlafen zu gehen. Als er eingeschlafen war, stellten sich Rabbi Löw, Isaak Kohen und Löws Schüler diesmal am Kopfende der Gestalt auf. Löw nahm dem Golem den Zettel mit dem Schem aus dem Mund. Jeder der drei Männer umkreiste seine Gestalt sieben Mal entgegen dem Uhrzeigersinn und sprach ein Gebet; und währenddessen fiel die Gestalt in sich zusammen, schrumpfte und wurde wieder zu einer Lehmfigur, nur, dass sie diesmal Kleidung trug.
Als aus dem Mann wieder Lehm geworden war, ließ Rabbi Löw die Tür zum Dachboden der Altneusynagoge versiegeln und erließ ein Gebot, dass niemand diesen Dachboden betreten solle. Und so geschah es auch bis heute.