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~ Auszug aus meinen Blogs ~




30.04.2026 - "The Division Bell" - Von der Rückkehr zu den Elementen unserer Erde und von Abschieden
Im 14. und letzten Album "The Division Bell", das Pink Floyd 1994 herausbrachte, verlässt die Band sowohl die Sphäre des Weltalls als auch die metaphysische Ebene des Individuums und kehrt zu den einfachen und zugleich so machtvollen Elementen der Erde zurück, vor allem in der „Ouvertüre“, dem reinen Instrumentalstück "Cluster One". Es beginnt mit dem Knistern und Prasseln eines Lagerfeuers, das von plätscherndem Regen abgelöst wird, der auf die Erde fällt und von ihr zurückprallt, bis Erde und Wasser nach und nach ineinander aufgehen. Als letztes Element folgt das Sausen und Rauschen des Windes, so wie man es nachts zur Zeit der Äquinoktialstürme oft hört. Im vagen Raunen und Säuseln des Synthesizers entsteht das Bild von Schäfchenwolken, die sich gleich weißen Wattebäuschen am blauen Himmel ballen ("cluster" ist der englische Ausdruck für diese Wolkenform). In den leisen, zögernd anmutenden Tönen, die Richard Wright mal auf dem Flügel, mal auf dem Keyboard tupft, folgt man einer dieser Schäfchenwolken auf ihrer sanften, federleichten, von keinerlei Schwere belasteten Reise über das Blau des Himmels hinweg; und langsam, träumerisch und ebenso dezent gesellt sich David Gilmours Fender Stratocaster hinzu. Auf meiner kleinen persönlichen Kinoleinwand liege ich im Sommer im Gras und folge sinnend dieser einen Wolke auf ihrer Bahn über den Himmel hinweg. Und dann tut sich einmal mehr die Dimension der sphärischen Weite und Tiefe auf, jene Klangdimension, die ich im ersten Kapitel mit „Der Raum klappt auf“ umschrieben habe: Meine Seele löst sich aus den Banden der irdischen Schwere, die meinen Körper auf der Erde festhalten, steigt zum Blau des Himmels empor und legt sich auf die Schäfchenwolke, geht auf und mit ihr auf die Reise und betrachtet gelassen und ohne Druck und Zwang die Welt eine Weile lang von oben…


The Division Bell - Von der Rückkehr zu den Elementen der Erde und von Abschieden
 

Im 14. und letzten Album The Division Bell, das Pink Floyd 1994 herausbrachte, verlässt die Band sowohl die Sphäre des Weltalls als auch die metaphysische Ebene des Individuums und kehrt zu den einfachen und zugleich so machtvollen Elementen der Erde zurück, vor allem in der „Ouvertüre“, dem reinen Instrumentalstück Cluster One.

Es beginnt mit dem Knistern und Prasseln eines Lagerfeuers, das von plätscherndem Regen abgelöst wird, der auf die Erde fällt und von ihr zurückprallt, bis Erde und Wasser nach und nach ineinander aufgehen. Als letztes Element folgt das Sausen und Rauschen des Windes, so wie man es nachts zur Zeit der Äquinoktialstürme oft hört.

Im vagen Raunen und Säuseln des Synthesizers entsteht das Bild von Schäfchenwolken, die sich gleich weißen Wattebäuschen am blauen Himmel ballen (cluster ist der englische Ausdruck für diese Wolkenform). In den leisen, zögernd anmutenden Tönen, die Richard Wright mal auf dem Flügel, mal auf dem Keyboard tupft, folgt man einer dieser Schäfchenwolken auf ihrer sanften, federleichten, von keinerlei Schwere belasteten Reise über das Blau des Himmels hinweg; und langsam, träumerisch und ebenso dezent gesellt sich David Gilmours Fender Stratocaster hinzu.

Auf meiner kleinen persönlichen Kinoleinwand liege ich im Sommer im Gras und folge sinnend dieser einen Wolke auf ihrer Bahn über den Himmel hinweg. Und dann tut sich einmal mehr die Dimension der sphärischen Weite und Tiefe auf, jene Klangdimension, die ich im ersten Kapitel mit „Der Raum klappt auf“ umschrieben habe:

Meine Seele löst sich aus den Banden der irdischen Schwere, die meinen Körper auf der Erde festhalten, steigt zum Blau des Himmels empor und legt sich auf die Schäfchenwolke, geht auf und mit ihr auf die Reise und betrachtet gelassen und ohne Druck und Zwang die Welt eine Weile lang von oben…

Eine auf ähnliche und doch wieder andere Weise atmosphärische Nummer ist das andere reine Instrumentalstück auf diesem Album, Marooned.

Hier gelingt es Richard Wright, beim Auftakt auf seinem Synthesizer das hohle, klagende Heulen von Kegelrobben wiederzugeben, wie man es an Steilküsten hin und wieder über die See hallen hört.

Dann schwingt sich dieses hohle dumpfe Heulen in einer Art Bogen nach oben, tönt mit einem Mal klar, hell und schwebend. Nun ist es der Flug der Möwen, die sich an der Steilküste von der Thermik tragen lassen und auf schmalen, weit gespreizten Schwingen mühe- und schwerelos über den Himmel hinweg segeln, mit den höheren und tieferen Luftschichten auf und ab gaukeln, als Inbegriff der grenzenlosen Freiheit und Weite von Himmel und Meer.

Erst jetzt mischt sich David Gilmours Gitarre ein, nimmt zuerst wie selbstverständlich den Flug der Seevögel auf, fügt ihm dann das Tosen und Donnern der Brandung gegen die Steilklippe hinzu und spinnt eine Art Dialog zwischen der reglos und steil verharrenden Riffkante und dem grimmigen, wütenden Ansturm der Brandung.

Mehr geschieht in diesem Instrumentalstück kaum, aber dieses Bild von der Steilküste, der wogenden See, der tosenden Brandung und den Seevögeln, die am Himmel schweben, ist der/dem Zuhörenden genug Futter für die Sinne und zugleich für die Seele!

Ein anderer wichtiger Aspekt, dem dieses Album zu Grunde liegt, liegt in der Bedeutung des Titels dieses Albums, The Division Bell, den ich als „Die Scheideglocke“ übersetzen möchte.

In Großbritannien ist mit dem Läuten der Scheideglocke gemeint, dass die Abgeordneten des britischen Parlaments zur Abstimmung über einen Gesetzentwurf in den Sitzungssaal zurückkehren, wobei sich ihr Weg an den Türen scheidet, die für „Ja“ oder „Nein“ stehen. Diese Form der Abstimmung, die man auch weniger förmlich „Hammelsprung“ nennt, war seit jeher und ist heute noch eine Methode, mit der „Ja“- und „Nein“-Stimmen klar und eindeutig ausgezählt werden können.

Für mich, die ich mit dem britischen Parlament noch nie etwas zu schaffen hatte und daher auch die Entscheidung durch das Durchschreiten einer „Ja“- oder „Nein“-Tür nicht kenne, hat der einsam hallende Klang der Scheideglocke eine andere Bedeutung:

Bei uns läutet sie, wenn nach einem Trauergottesdienst die Gemeinde die Aussegnungshalle verlässt und einen Verstorbenen in seinem Sarg zu seinem frisch ausgehobenen Grab begleitet, und verstummt, wenn der Sarg in die Erde hinab gelassen wird. Sprich, die Scheideglocke verkündet bei uns einen endgültigen, unwiderruflichen Abschied.

Und es gibt mindestens zwei Songs, die in The Division Bell von solch einem Abschied handeln:

In Poles Apart versammelt sich eine Trauergemeinde und begleitet den Sarg zu seinem Grab, darunter ein langjähriger Freund, der von dem Verstorbenen Abschied nimmt. Er erinnert sich, dass das so hoffnungsvolle und vielversprechende Leben seines Freundes keinen guten Lauf nahm und am Ende sang- und klanglos erlosch.

Doch nachdem die Beerdigung vorüber ist und ein leichter Regen auf den Friedhof und das Grab des Verstorbenen fällt, erinnert sich der Trauergast auch wieder an das Feuer und die Brillianz seines Geistes, die seinen Freund in seiner Jugend auszeichnete.

Nach meiner Vermutung war Poles Apart das Lebewohl von Pink Floyd an ihren einstigen Gründer und kreativen Kopf Syd Barrett, der nach jahrzehntelanger privater Betreuung starb und damit endgültig und unwiderruflich erloschen war...


Auch der letzte Song des Albums, High Hopes, handelt von einem Abschied:

An einem Sonntagmorgen tönen aus der Ferne Kirchenglocken über eine Sommerwiese hinweg, über der Bienen summen, bis von dem lebhaften Glockengeläut, das die Gemeinde aus dem Gottesdienst entlässt und verabschiedet, eine einzelne, hell, klar und weit tönende Glocke übrig bleibt, deren Läuten sich als roter Faden durch den gesamten Song zieht.

High Hopes handelt von den hoffnungsvoll-zuversichtlichen Träumen, die man in seiner Jugend hatte, und von denen man sich im Lauf des Lebens nach und nach verabschiedet.

Doch hin und wieder erwacht die Erinnerung an die Visionen, die man einst hatte, und lässt im Gemüt Unruhe, ja Unbehagen zurück, als sei man irgendwann in seinem Leben in eine Richtung abgebogen, in die man ursprünglich nicht wollte, und hätte sich schlecht und recht in seinem Dasein eingerichtet, ohne dass es einen befriedigen oder gar erfüllen würde.

Das Ende dieser Jugendträume und -hoffnungen bleibt ebenso wie das Gefühl des Unbehagens und Ungenügens, dass sie endeten. Als hätte man an bestimmten Wegkreuzungen resigniert, wo man weitermachen und vorwärts hätte gehen sollen; aber nun ist es zu spät dafür...



30.04.2026 - "The Wall" - Mauern im metaphysischen und im konkreten Sinn
"The Wall", das berühmteste und anspruchsvollste Epos, das Pink Floyd 1980 auf die Menschheit losließ, handelt von der Mauer der Isolation, die ein Mensch um seinen Geist und seine Seele errichtet, um sich vor Verletzungen und Enttäuschungen zu schützen, und worin die Ursachen liegen, weshalb sich ein Mensch vor seinen Mitmenschen zurückzieht und in seinen Traumgebäuden einigelt. Roger Waters nennt in seinen Songtexten und Klanggebäuden als Ursachen * einen Vater, der im Krieg als Pilot der Royal Air Force diente und dessen Flugzeug bei einem Einsatz getroffen wurde; dessen Tod im Leben seiner Frau eine durch nichts zu füllende und zu ersetzende Lücke riss und der seinem Sohn nichts als ein großes Fragezeichen hinterließ, wer sein Vater überhaupt war; * eine ebenso allmächtige wie allgegenwärtige Mutter, die ihren Sohn vor allen tatsächlichen und auch vermeintlichen schädlichen Einflüssen entschlossen und vehement beschützt, was dazu führt, dass er dem Leben nackt und hilflos gegenüber steht; * ein rigides, von Stoff- und Lehrplänen bestimmtes Schulsystem, das die Gehirne und Seelen der Kinder in das Schema „Gehorchen und als Rädchen im Getriebe funktionieren“ zwängt und das von Lehrkräften getragen und gestützt wird, deren Aufgabe es ist, Kinder dazu zu bringen; und nicht zuletzt * von einem geliebten Lebensmenschen im Stich gelassen zu werden. Zuerst fühlt sich der Sich-Selbst-Isolierende in dem Elfenbeinturm, den er errichtet und in dem er sich eingerichtet hat, durchaus wohl und funktioniert auf seine Weise; doch nur zu bald breitet sich in ihm das Gefühl von Leere, Einsamkeit und Sinnlosigkeit aus. Der Sich-Selbst-Isolierende beginnt sich zu fragen: „Wer bin ich? Hat das, was ich tue, überhaupt Sinn? Was will ich eigentlich vom Leben?“ Zumindest beginnt er zu fühlen und zu ahnen, dass er das Leben, das er jetzt führt, gewiss nicht so haben wollte. Kaum gibt er diesem Gefühl und der Ahnung nach, ist er schlagartig unfähig, aufzubrechen, um mit seinen Mit-Musikern und Roadies seinen Gig auf der Bühne einzurichten und vorzubereiten. Prompt wird er vom Tourneearzt mit einer Spritze ruhiggestellt, damit er schlicht und einfach funktioniert. Einreißen kann der Sich-Selbst-Isolierende die Mauer um seinen Geist und sein Gemüt nur, wenn es ihm gelingt, die Strukturen und Systeme hinter sich zu lassen, die ihn blockieren und lähmen. Doch inwieweit ist er dazu fähig? Und lässt die Gesellschaft einen solchen Ausbruch zu, oder tut sie alles, um denjenigen wieder als Rädchen in ihre Raster einzupassen?


The Wall - Von Mauern im metaphysischen und im konkreten Sinn
 

The Wall, das berühmteste und anspruchsvollste Epos, das Pink Floyd 1980 auf die Menschheit losließ, handelt von der Mauer der Isolation, die ein Mensch um seinen Geist und seine Seele errichtet, um sich vor Verletzungen und Enttäuschungen zu schützen, und worin die Ursachen liegen, weshalb sich ein Mensch vor seinen Mitmenschen zurückzieht und in seinen Traumgebäuden einigelt.

Roger Waters nennt in seinen Songtexten und Klanggebäuden als Ursachen

* einen Vater, der im Krieg als Pilot der Royal Air Force diente und dessen Flugzeug bei einem Einsatz getroffen wurde; dessen Tod im Leben seiner Frau eine durch nichts zu füllende und zu ersetzende Lücke riss und der seinem Sohn nichts als ein großes Fragezeichen hinterließ, wer sein Vater überhaupt war;

* eine ebenso allmächtige wie allgegenwärtige Mutter, die ihren Sohn vor allen tatsächlichen und auch vermeintlichen schädlichen Einflüssen entschlossen und vehement beschützt, was dazu führt, dass er dem Leben nackt und hilflos gegenüber steht;

* ein rigides, von Stoff- und Lehrplänen bestimmtes Schulsystem, das die Gehirne und Seelen der Kinder in das Schema „Gehorchen und als Rädchen im Getriebe funktionieren“ zwängt und das von Lehrkräften getragen und gestützt wird, deren Aufgabe es ist, Kinder dazu zu bringen;

und nicht zuletzt

* von einem geliebten Lebensmenschen im Stich gelassen zu werden.

Zuerst fühlt sich der Sich-Selbst-Isolierende in dem Elfenbeinturm, den er errichtet und in dem er sich eingerichtet hat, durchaus wohl und funktioniert auf seine Weise; doch nur zu bald breitet sich in ihm das Gefühl von Leere, Einsamkeit und Sinnlosigkeit aus.

Der Sich-Selbst-Isolierende beginnt sich zu fragen: „Wer bin ich? Hat das, was ich tue, überhaupt Sinn? Was will ich eigentlich vom Leben?“ Zumindest beginnt er zu fühlen und zu ahnen, dass er das Leben, das er jetzt führt, gewiss nicht so haben wollte.

Kaum gibt er diesem Gefühl und der Ahnung nach, ist er schlagartig unfähig, aufzubrechen, um mit seinen Mit-Musikern und Roadies seinen Gig auf der Bühne einzurichten und vorzubereiten. Prompt wird er vom Tourneearzt mit einer Spritze ruhiggestellt, damit er schlicht und einfach funktioniert.

Einreißen kann der Sich-Selbst-Isolierende die Mauer um seinen Geist und sein Gemüt nur, wenn es ihm gelingt, die Strukturen und Systeme hinter sich zu lassen, die ihn blockieren und lähmen. Doch inwieweit ist er dazu fähig? Und lässt die Gesellschaft einen solchen Ausbruch zu, oder tut sie alles, um denjenigen wieder als Rädchen in ihre Raster einzupassen?

Soweit das ursprüngliche Grundkonzept, das hinter dem Album und der Gestaltung von The Wall auf den Konzertbühnen dieser Welt steht.

Als 1989 in ganz Deutschland, vor allem aber am Brandenburger Tor in Berlin die Mauer zwischen Ost- und Westblock fiel, gewann The Wall eine weitere und tiefere Bedeutungsebene dazu. Ab 1989 wurde die Mauer zwischen zwei völlig unterschiedlichen Gesellschaftsstrukturen und -systemen buchstäblich eingerissen, und dieses Ereignis verlieh den Songs dieses Artrock-Epos einen konkreten, greifbaren Sinn.

In dem spektakulären Konzert, das Roger Waters und seine Mitstreiter 1990 in Berlin auf dem Potsdamer Platz inszenierten und aufführten, haben sogar die Bühnenarbeiter, die das Publikum während eines Gigs sonst nicht zu sehen bekommt, eine wichtige, ja im wahren Sinn des Wortes tragende Rolle:

Während des gesamten ersten Aktes dieser konzertanten Rockoper bauen die Roadies aus Schaumstoff-Puzzleteilen nach und nach eine haushohe Mauer auf, die schließlich den kompletten vorderen Bereich der Bühne ausfüllt, bis Roger Waters als Hauptdarsteller nur noch durch ein offenes Fenster in der Mitte blickt und singt, bis auch das letzte Puzzlestück geschlossen wird und er endgültig hinter der Mauer verschwindet.

Nachdem man im zweiten Akt das, was sich hinter der Mauer abspielt, konzertant von den Musikern zu hören bekommt, wird die komplette riesige Mauer am Ende binnen weniger Minuten eingerissen wie bei einem Dominospiel, nur, dass hier die Steine nicht in einer Kette fallen, sondern nach vorne.

Zu diesem gigantischen Spektakel kamen 1990 auf dem Potsdamer Platz einige hochkarätige Auftritte hinzu:

So kündigten die Scorpions den Beginn der Show mit einem für diese Sonderausgabe von The Wall komponierten Song an und waren bei On the Run für Roger Waters die Begleitband. Ute Lemper, Cyndi Lauper, Sinéad O’Connor, Joni Mitchell, Bryan Adams, Jerry Hall und Van Morrison traten bei den essentiell wichtigen Songs als weitere Gäste auf und wurden vom Chor und Orchester des Berliner Rundfunks unterstützt.

Mein persönliches Fazit:

Ich sollte als Warnung vorausschicken, dass The Wall sowohl im Inhalt als auch in der musikalischen Gestaltung der meisten Songs überwiegend düster und beklemmend herüberkommt. Wie so manche Stücke, die einen Aspekt der menschlichen Natur herausgreifen und dabei unbequeme Wahrheiten und Befindlichkeiten aussprechen, ist The Wall alles andere als leichte Kost.

Doch auch wenn diese Artrock-Oper nicht für jede und jeden genießbar ist, gibt es zwei Songs, welche die Zuhörenden wohl noch in hundert Jahren nicht kalt und unberührt lassen werden, weil sie zeitlos geworden und in die Reihen der großen, bedeutenden Werke der Rockmusik eingegangen sind.

Einer von ihnen ist zweifellos Another Brick in the Wall, wegen seiner Kürze einer der wenigen Songs von Pink Floyd, die heute noch dann und wann im Radio gespielt werden. Es geht darin um den Protest von Schülerinnen und Schülern, die sich dagegen wehren, von einem rigiden, unpersönlichen Schulsystem vereinnahmt und gefügig gemacht zu werden.

Zu diesem Song gab es in den frühen 1980er Jahren auch eine deutsche Fassung, die von Roger Waters und seinen Mitstreitern genehmigt wurde:

Wir sind nicht für euch geboren,

wie Computer programmiert!

In uns’re Köpfe schaut uns keiner!

Nein, wir schwimmen nicht mit dem Strom!

Refr: Hey, Lehrer, lasst uns doch in Ruh’!

Stein um Stein mauert ihr uns langsam ein!“

Der andere, erheblich längere Song, der nur auf Live-Konzerten gespielt wurde, ist Comfortably Numb.

Er handelt von einem Sänger, dem es vor einem Auftritt nicht gut geht. Wie er sagt, leidet er unter dem Gefühl, seiner Umgebung und sich selbst entfremdet zu sein. Der Tourneearzt verpasst ihm eine Beruhigungsspritze, die ihn in einen „angenehm betäubten“ Zustand versetzt.

Der Sänger erinnert sich daran, dass er als Kind das Gefühl hatte, die Welt als etwas Größeres und Weiteres wahrzunehmen, wenn auch nur flüchtig und aus den Augenwinkeln heraus. Doch heute zieht er für sich selbst ernüchtert das Fazit: „Die Kindheit ist vorbei. Mein Traum ist dahin.“

Nicht gerade eine vielversprechende und ermutigende Version des Menschseins! Und dennoch lebt die Mehrheit der Menschen so, bleibt lieber „angenehm betäubt“, als über den Tellerrand hinausschauen und größere, andere Möglichkeiten zu leben entdecken und ausprobieren zu wollen. Denn tut man dies, verlässt man die Komfortzone und begibt sich ins große Unbekannte, das einem den Boden unter den Füßen wegreißen und in ein leeres, hohles Nichts stürzen kann…

Es sei denn, es gelingt einem hin und wieder, in der Größe und Kraft des Universums aufzugehen, das uns umgibt. Diese Vision spricht David Gilmour in seinem vielleicht berühmtesten Gitarrensolo aus, wenn Comfortably Numb in einem Licht endet, das einen mit seiner gleißenden, überwältigenden Kraft bis zur zur Sonne emporreißt...



30.04.2026 - The Dark Side of the Moon - Das Individuum und das System
Es war vor allem Roger Waters, den ein paar grundlegende Fragen zum Menschsein ein Leben lang umgetrieben und nie losgelassen haben: „Was für Zwänge drängen die Strukturen und Systeme unserer Gesellschaft dem Geist und Gemüt des Einzelnen auf?“ und: „Inwieweit hat der Geist und das Gemüt jedes Einzelnen Chancen, dem Druck, den diese Strukturen und Systeme auf ihn ausüben, Stand zu halten oder ihm gar etwas entgegenzusetzen?“ Mit dem legendären Album "The Dark Side of the Moon", das Pink Floyd 1973 international zum Erfolg verhalf, entwirft das britische Quartett zu dieser Fragestellung ein krasses, eindrucksvolles Beispiel, das in seiner Intensität und Schonungslosigkeit später nur noch von "The Wall" übertroffen wird: Es beginnt mit den elementaren Tönen von Systole und Diastole, sprich der Herztätigkeit, die per EKG auf einen Monitor übertragen und hörbar gemacht wird, so wie es sich heute noch anhört: „Dub-dub… Dub-dub… Dub-dub...“ Neben dem Elektrokardiographen summen andere Messinstrumente – Blutdruck, Atemfrequenz und Sauerstoffversorgung, das EEG für die Gehirnströme -, und man hört auch ein leises Gluckern wie von einer Infusionslösung, die vom Tropfgalgen über das PVC-Kabel und die sterile Kanüle in eine Vene rieselt. Dann vernimmt man geschäftiges Stimmengewirr, aus dem sich eine einzelne Stimme abhebt, die sagt: „I know I’m mad; I’ve always been mad.“ In der Einleitung zum ersten Stück "Speak to Me" geht es um einen Patienten, der als Notfall in einer psychiatrischen Klinik gelandet ist und, um sich und anderen keinen Schaden zuzufügen, von dieser Infusionslösung ruhiggestellt werden soll und mit Schlaufen fixiert auf seinem Klinikbett liegt. Als krasser Gegensatz hierzu folgt die sanfte, träumerische Kontemplation "Breathe", die nicht nur mit Worten, sondern in ihrem gesamten melodischen Aufbau dazu auffordert, einfach nur zu atmen, zu sich zu kommen, bei sich zu sein. Doch der Frieden währt nicht lange. In der Sequenz "On the Run" gelingt es dem Patienten, als nachts auf den Korridoren der Klinik Ruhe einkehrt, sich die Infusionskanüle aus dem Arm zu reißen (In der Realität ist das ein Ding der Unmöglichkeit. Diese dünne hohle Nadel, die tief in die Vene eingeführt ist, zieht man sich nicht einfach und mit links aus dem Arm! Dabei reißt man höchstens die Vene auf und verblutet!), sich aus den Fixierschlaufen zu befreien und durch das Fenster ins Freie zu springen. Prompt schlägt die Klinik Alarm! Klappernde Schritte werden laut, die den Korridor entlang eilen, und der entflohene Patient wird von einer fliegenden Polizeistreife mit Hubschrauber und Flutlicht verfolgt und querfeldein durch die Nacht gehetzt. Der immense Druck, den die Gesellschaft in Gestalt der Polizei auf den Patienten ausübt, spiegelt zugleich die Angst vor jemandem wider, die/der aus ihrem Raster ausbricht und ernsthaft nach der Freiheit des Geistes, der Sinne und der Seele strebt.


The Dark Side of the Moon - Das Individuum und das System

Es war vor allem Roger Waters, den ein paar grundlegende Fragen zum Menschsein ein Leben lang umgetrieben und nie losgelassen haben: „Was für Zwänge drängen die Strukturen und Systeme unserer Gesellschaft dem Geist und Gemüt des Einzelnen auf?“ und: „Inwieweit hat der Geist und das Gemüt jedes Einzelnen Chancen, dem Druck, den diese Strukturen und Systeme auf ihn ausüben, Stand zu halten oder ihm gar etwas entgegenzusetzen?“

Mit dem legendären Album The Dark Side of the Moon, das Pink Floyd 1973 international zum Erfolg verhalf, entwirft das britische Quartett zu dieser Fragestellung ein krasses, eindrucksvolles Beispiel, das in seiner Intensität und Schonungslosigkeit später nur noch von The Wall übertroffen wird:

Es beginnt mit den elementaren Tönen von Systole und Diastole, sprich der Herztätigkeit, die per EKG auf einen Monitor übertragen und hörbar gemacht wird, so wie es sich heute noch anhört: „Dub-dub… Dub-dub… Dub-dub...“ Neben dem Elektrokardiographen summen andere Messinstrumente – Blutdruck, Atemfrequenz und Sauerstoffversorgung, das EEG für die Gehirnströme -, und man hört auch ein leises Gluckern wie von einer Infusionslösung, die vom Tropfgalgen über das PVC-Kabel und die sterile Kanüle in eine Vene rieselt.

Dann vernimmt man geschäftiges Stimmengewirr, aus dem sich eine einzelne Stimme abhebt, die sagt:

I know I’m mad; I’ve always been mad.

In der Einleitung zum ersten Stück Speak to Me geht es um einen Patienten, der als Notfall in einer psychiatrischen Klinik gelandet ist und, um sich und anderen keinen Schaden zuzufügen, von dieser Infusionslösung ruhiggestellt werden soll und mit Schlaufen fixiert auf seinem Klinikbett liegt.

Als krasser Gegensatz hierzu folgt die sanfte, träumerische Kontemplation Breathe, die nicht nur mit Worten, sondern in ihrem gesamten melodischen Aufbau dazu auffordert, einfach nur zu atmen, zu sich zu kommen, bei sich zu sein.

Doch der Frieden währt nicht lange. In der Sequenz On the Run gelingt es dem Patienten, als nachts auf den Korridoren der Klinik Ruhe einkehrt, sich die Infusionskanüle aus dem Arm zu reißen (In der Realität ist das ein Ding der Unmöglichkeit. Diese dünne hohle Nadel, die tief in die Vene eingeführt ist, zieht man sich nicht einfach und mit links aus dem Arm! Dabei reißt man höchstens die Vene auf und verblutet!), sich aus den Fixierschlaufen zu befreien und durch das Fenster ins Freie zu springen.

Prompt schlägt die Klinik Alarm! Klappernde Schritte werden laut, die den Korridor entlang eilen, und der entflohene Patient wird von einer fliegenden Polizeistreife mit Hubschrauber und Flutlicht verfolgt und querfeldein durch die Nacht gehetzt. Der immense Druck, den die Gesellschaft in Gestalt der Polizei auf den Patienten ausübt, spiegelt zugleich die Angst vor jemandem wider, die/der aus ihrem Raster ausbricht und ernsthaft nach der Freiheit des Geistes, der Sinne und der Seele strebt.

Allein wie wir Menschen die Zeit verstehen und mit ihr umgehen, zeigt unsere Neigung zum Eintakten, Reglementieren und Festschrauben. Zu Beginn des Stückes Time tickt eine Uhr ruhig, gleichförmig und gemessen vor sich hin. Und dann, mit einem Schlag, beginnt ein ganzes Sammelsurium von Weckern, Regulatoren und Standuhren zu bimmeln, zu rasseln, zu scheppern; eine hässliche, dissonante Kakophonie.

Doch während der Radau der explodierenden Wecker und Uhren nach und nach verebbt, erhebt sich im Hintergrund ein ruhiger, schlichter, einfacher Puls – dieselben Herztöne, die am Anfang von Speak to Me zu hören waren. In dem tiefen, eindringlichen Riff aus David Gilmours Fender Stratocaster, das nun einsetzt, geschieht es erstmals, dass sich der Weltraum in all seiner Weite und Tiefe auftut, gestützt von dem ätherisch leichten und sanften Klangteppich, den Richard Wrights Synthesizer webt.

Ohne große Worte legen E-Gitarre und Synthesizer den Kern dar, auf den Time hinaus will: Die Zeit an sich ist viel weiter, größer, tiefer und zugleich einfacher als das, was wir Menschen mit unserem starren Raster der Sekunden, Minuten und Stunden aus ihr machen. Es ist unser Leben, was wir damit anfangen und wie wir unseren winzigen Platz im Universum ausfüllen, in dem uns aber unser ureigenes Sinnen, Fühlen und Denken zu etwas Einzigartigem, zu einem Hauch Sternenstaub macht – wenn wir dem Universum und uns vertrauen würden...

Neben der Zeit, die wir in Chronometer übersetzt haben, gibt es ein zweites großes Raster, in das wir uns seit urdenklichen Zeiten gezwängt und gepresst haben: Geld und unser Streben und Gieren danach.

Zu der Zeit, als The Dark Side of the Moon erschien, gab es in Europa und den USA, ja, auf der ganzen Welt in allen Läden, Geschäften und Kaufhäusern mechanische Registrierkassen, in die ein Kassierer die Preise einhämmerte, dann mit einer Umdrehung der mechanischen Kurbel den Kassenbon abriss und ihn dem Kunden überreichte, der im Gegenzug den Geldbeutel aus seiner Tasche nahm und den Betrag bezahlte. Auf einen Knopfdruck schnappte das Geldfach der Registrierkasse mit seinen Scheinen und Münzen auf, und der Kassierer verstaute die Scheine darin, drückte dem Kunden das Wechselgeld in Form von klimpernden Münzen aus den Münzwechslern in die Hand und ließ die Kasse wieder zuschnappen.

Genau diesen mechanischen Ablauf der Bedienung einer Registrierkasse hat Pink Floyd an den Anfang des Stückes Money gesetzt. Nur, dass aus dem Scheppern und Klingeln der einzelnen Kasse eine riesige Maschinerie wird, die nach Schema F läuft: Es ist der unerbittliche Mechanismus des Geldes, dem wir ebenso verfallen sind wie dem der Zeit.

Doch auf solche Songs oder Stücke, die Mechanismen verkörpern, folgen immer wieder jene Passagen, für welche die Musik von Pink Floyd berühmt ist: Wenn sich jener weiche, dichte Klangteppich spannt, den Gilmours Gitarre und Wrights Synthesizer ausrollen, wenn der Raum aufklappt und sich die Dimension der Weite und Tiefe auftut.

Hierzu gehören das bereits erwähnte Breathe, das noch einmal als Erinnerung auftaucht, oder Us and Them, das die Zuhörenden auffordert, sich zurückzulehnen, loszulassen, sich dem Strom von Raum und Zeit zu überlassen, in und mit ihm zu treiben, wohin er führen mag. Denn letzten Endes sind wir alle Teil dieses Stromes…

Ein Song nimmt im Dark Side of the Moon-Album einen besonderen Raum ein: The Great Gig in the Sky. Es ist das einzige Stück, das von Richard Wright stammt, in dem seine Keyboards aber nur eine minimale Rolle spielen.

Denn hier lässt Wright der menschlichen Stimme allen Raum und allen Glanz der Welt. Es ist ein Song ohne Worte, in dem eine einzelne weibliche Stimme zu scatten beginnt und sich höher und höher empor schwingt, entgrenzt, ohne Hemmungen durch Worte und Sinngehalt, ihrer Stimme einfach freien Lauf lässt.

Vermutlich hat er eher allgemein und vage gedacht, als er diesen Song ohne Worte komponierte und umsetzte; doch als ich The Great Gig in the Sky erstmals hörte, erinnerte er mich seltsamerweise an die Stimme und den Stil von Janis Joplin. Genau dieses Stück hätte sie singen können, sowohl mit ihrer verblüffenden technischen Sicherheit als auch mit ihrer emotionalen Wucht und Hemmungslosigkeit...



30.04.2026 - Pink Floyd - Vom Menschen und seinem Verhältnis zum Universum und zum Dasein
Seit Menschen sich erstmals in dünnen Metallkapseln in die Umlaufbahn um die Erde katapultiert und den Mond besucht haben – eine Epoche, deren Beginn Stanley Kubrick in "2001 – Odyssee im Weltraum" und Jahrzehnte später im Sequel "2010 – Das Jahr, in dem wir Kontakt aufnehmen" einfing und verewigte -, hat sich dadurch die Blickrichtung der Menschheit entscheidend verändert. Hatten wir bis dahin hauptsächlich die Erscheinungen dieser Erde vor Augen und im Fokus, wurden die unermesslichen Weiten des Weltalls mit seinen Myriaden von Sonnensystemen und Galaxien zum neuen Sehnsuchtsort; und durch den Blick vom Mond auf die Erde erkannten wir erstmals, dass unser Planet gemessen an der Größe des Universums eine winzige blau-weiße Murmel ist, die in der Schwärze des Alls wunderschön leuchtet und funkelt. Doch zugleich verfügen die Elemente unseres Planeten Erde – Luft, Wasser, Erde und Feuer – über eine ebenso einfache wie gewaltige Macht. Denn was hat der Mensch mit all seinem Wissen, all seinen Fähigkeiten des Geistes und Verstandes der blinden, überwältigenden Wucht eines Tornados oder Tsunamis, eines Vulkanausbruchs oder eines Felssturzes im Gebirge entgegenzusetzen? Rein gar nichts! Diese neue Betrachtungsweise des Weltalls und der Erde schlug sich rasch in der zeitgenössischen Kunst nieder. Filme und ganze Serien über Abenteuer in fernen Galaxien entstanden, Maler, Designer und Skulpturisten versuchten, die Dimension der räumlichen Tiefe und Weite darzustellen, und natürlich geschah es auch in der Musik. In ihren frühen Alben schickte die Band Genesis ihre Zuhörerinnen und Zuhörer durch einen in tausend Farben schillernden Korridor von Spiralnebeln auf die Reise durch Raum und Zeit. Der junge David Bowie faszinierte sein Publikum als Ziggy Stardust, der mit seinen Spiders of Mars von einem anderen Planeten kam, und ließ in "A Space Oddity" als erster Major Tom in seiner Raumkapsel ins Ungewisse driften. In seinem "Oxygène"-Zyklus stattete Jean-Michel Jarre allein über die Manuale seiner Synthesizer, die ihn gleich dem Turm einer Festung umgaben, den Planeten unseres Sonnensystems einen Besuch ab – erst am Mars, dann am Jupiter vorbei und dann zwischen den Ringen des Saturns hindurch… Und dann war da jene eine Band, die es in meinen Augen eindrucksvoller als alle anderen Gruppen ihrer Zeit verstand, die Weite und Tiefe des Weltalls greif- und spürbar zu machen: Pink Floyd. Meine erste Begegnung mit den Klangsphären von Pink Floyd hatte ich nicht mit "The Dark Side of the Moon", sondern dem Folge-Album "Wish You Were Here"; aber dies so prägend und nachhaltig, dass meine Betrachtungen zu diesem Album an erster Stelle stehen. Denn "The Dark Side of the Moon", das Album, das Pink Floyd 1973 den internationalen Durchbruch beschert hat und das viele Kenner als ihr bestes und gelungenstes betrachten, folgte bei mir erst später. Und das Artrock-Epos "The Wall", das Roger Waters als sein bedeutendstes Werk bezeichnet, lernte ich erst 1990 als Ganzes kennen, als es am Potsdamer Platz aufgeführt wurde, genau dort, wo sich vierzig Jahre lang die Berliner Mauer erhob. Vor 1990 kannte ich wie viele junge Menschen meiner Generation daraus nur "Another Brick in the Wall". Mit "The Division Bell" und der auf dieses Album folgenden "P.U.L.S.E."-Tour von 1994 verabschiedete sich eine Band von der Produktion herausragender Alben und spektakulärer Bühnenshows, deren Musik eine Generation junger Menschen in Großbritannien und weiten Teilen Europas begleitet und geprägt hat. Anhand der aus meiner Sicht eindrucksvollsten Stücke dieser Alben möchte ich nachfolgend versuchen, nachzuvollziehen und einzufangen, was Roger Waters, David Gilmour, Richard Wright und Nick Mason uns über die Weite und Tiefe des Weltalls und die Kraft und Macht unseres Planeten erzählt haben – und wie wir Menschen hergegangen sind und uns in engen Systemen und starren Rastern eingerichtet haben, aus denen einige auszubrechen versuchten und auf schmerzliche Weise gescheitert sind…


Pink Floyd - Vom Menschen und seinem Verhältnis zum Universum und zum Dasein


Seit Menschen sich erstmals in dünnen Metallkapseln in die Umlaufbahn um die Erde katapultiert und den Mond besucht haben – eine Epoche, deren Beginn Stanley Kubrick in 2001 – Odyssee im Weltraum und Jahrzehnte später im Sequel 2010 – Das Jahr, in dem wir Kontakt aufnehmen einfing und verewigte -, hat sich dadurch die Blickrichtung der Menschheit entscheidend verändert.

Hatten wir bis dahin hauptsächlich die Erscheinungen dieser Erde vor Augen und im Fokus, wurden die unermesslichen Weiten des Weltalls mit seinen Myriaden von Sonnensystemen und Galaxien zum neuen Sehnsuchtsort; und durch den Blick vom Mond auf die Erde erkannten wir erstmals, dass unser Planet gemessen an der Größe des Universums eine winzige blau-weiße Murmel ist, die in der Schwärze des Alls wunderschön leuchtet und funkelt.

Doch zugleich verfügen die Elemente unseres Planeten Erde – Luft, Wasser, Erde und Feuer – über eine ebenso einfache wie gewaltige Macht. Denn was hat der Mensch mit all seinem Wissen, all seinen Fähigkeiten des Geistes und Verstandes der blinden, überwältigenden Wucht eines Tornados oder Tsunamis, eines Vulkanausbruchs oder eines Felssturzes im Gebirge entgegenzusetzen? Rein gar nichts!

Diese neue Betrachtungsweise des Weltalls und der Erde schlug sich rasch in der zeitgenössischen Kunst nieder. Filme und ganze Serien über Abenteuer in fernen Galaxien entstanden, Maler, Designer und Skulpturisten versuchten, die Dimension der räumlichen Tiefe und Weite darzustellen, und natürlich geschah es auch in der Musik.

In ihren frühen Alben schickte die Band Genesis ihre Zuhörerinnen und Zuhörer durch einen in tausend Farben schillernden Korridor von Spiralnebeln auf die Reise durch Raum und Zeit.

Der junge David Bowie faszinierte sein Publikum als Ziggy Stardust, der mit seinen Spiders of Mars von einem anderen Planeten kam, und ließ in A Space Oddity als erster Major Tom in seiner Raumkapsel ins Ungewisse driften.

In seinem Oxygène-Zyklus stattete Jean-Michel Jarre allein über die Manuale seiner Synthesizer, die ihn gleich dem Turm einer Festung umgaben, den Planeten unseres Sonnensystems einen Besuch ab – erst am Mars, dann am Jupiter vorbei und dann zwischen den Ringen des Saturns hindurch…

Und dann war da jene eine Band, die es in meinen Augen eindrucksvoller als alle anderen Gruppen ihrer Zeit verstand, die Weite und Tiefe des Weltalls greif- und spürbar zu machen: Pink Floyd.

Meine erste Begegnung mit den Klangsphären von Pink Floyd hatte ich nicht mit The Dark Side of the Moon, sondern dem Folge-Album Wish You Were Here; aber dies so prägend und nachhaltig, dass meine Betrachtungen zu diesem Album an erster Stelle stehen.

Denn The Dark Side of the Moon, das Album, das Pink Floyd 1973 den internationalen Durchbruch beschert hat und das viele Kenner als ihr bestes und gelungenstes betrachten, folgte bei mir erst später.

Und das Artrock-Epos The Wall, das Roger Waters als sein bedeutendstes Werk bezeichnet, lernte ich erst 1990 als Ganzes kennen, als es am Potsdamer Platz aufgeführt wurde, genau dort, wo sich vierzig Jahre lang die Berliner Mauer erhob. Vor 1990 kannte ich wie viele junge Menschen meiner Generation daraus nur Another Brick in the Wall.

Mit The Division Bell und der auf dieses Album folgenden P.U.L.S.E.-Tour von 1994 verabschiedete sich eine Band von der Produktion herausragender Alben und spektakulärer Bühnenshows, deren Musik eine Generation junger Menschen in Großbritannien und weiten Teilen Europas begleitet und geprägt hat.

Anhand der aus meiner Sicht eindrucksvollsten Stücke dieser Alben möchte ich nachfolgend versuchen, nachzuvollziehen und einzufangen, was Roger Waters, David Gilmour, Richard Wright und Nick Mason uns über die Weite und Tiefe des Weltalls und die Kraft und Macht unseres Planeten erzählt haben – und wie wir Menschen hergegangen sind und uns in engen Systemen und starren Rastern eingerichtet haben, aus denen einige auszubrechen versuchten und auf schmerzliche Weise gescheitert sind...
 

Wish You Were Here
 

Obwohl Pink Floyd neben den Beatles, Led Zeppelin und Genesis zu den herausragendsten Klangarchitekten des ausgehenden 20. Jahrhunderts zählen, waren nur zwei Songs dieser Band während ihrer Wirkungszeit regelmäßig im Radio zu hören: Wish You Were Here, dem ich mich am Ende dieses Kapitels widme, und Another Brick in the Wall, mit dem ich mich befasse, wenn ich zu The Wall komme.

Es liegt daran, dass nur diese beiden Songs für Radiosender kurz genug sind, um sie während einer Sendung zu spielen, während die anderen Stücke ihrer Konzeptalben – sie nur Songs zu nennen, wird ihnen auf Grund ihrer Struktur nicht gerecht – mit Sorgfalt und Präzision aufgebaute Werke sind, denen man bewusst zuhören und in die man eintauchen muss, um ihre Fülle und Tiefe zu ermessen.

Wer ungeduldig wird, wenn ein Stück keinen klar und eindeutig vorwärtsstrebenden Melodiebogen bildet, sondern sich Schicht um Schicht aufbaut und fast statisch im Raum stehen bleibt, kann mit der Musik von Pink Floyd nicht viel anfangen.

Um zu veranschaulichen, was ich damit meine, greife ich Shine On You Crazy Diamond heraus, eine Klangsphäre, die sich gute zwanzig Minuten lang nach und nach entfaltet, mit der das Album Wish You Were Here beginnt und endet und die mich in ihren Bann gezogen hat, als mir jemand im Jahr 2003 dieses Album erstmals zum Hineinhören auslieh.

Als erstes hört man nur einen verhaltenen, stillen, aber allgegenwärtigen Klangteppich, den Richard Wright an den drei Manualen seines Synthesizers aufbaut.

Über der lautstarken, Jahrzehnte andauernden Auseinandersetzung, welchem Alphatier es in der Band zustand, zu bestimmen, wo es lang ging - Roger Waters als Textdichter und Architekt der musikalischen Struktur der meisten Stücke oder David Gilmour, der diese Strukturen mit seiner Fender Stratocaster und seiner Stimme zum Leben erweckte - und den fulminanten Orgien an Klängen, Bildern und Lichteffekten, die beide auf die Ohren und Augen ihres Publikums losließen, vergisst man mitunter, dass es die sanften, ruhigen, dezenten Klangschichten von Richard Wright sind, welche die großformatigen Epen von Pink Floyd tragen und zusammenhalten.

Und anders als in den Songs und Stücken vieler großer Rockbands dominiert bei dem Schlagzeuger Nick Mason der Rhythmus nie. Eher setzt er klare, präzise Akzente, um die Aufmerksamkeit der Zuhörenden auf die Entwicklung des Stückes zu lenken.

Während Richard Wright seinen Klangteppich mit sicheren ruhigen Händen ausbreitet und entfaltet, meldet sich sich ebenso sanft, verhalten und schwebend David Gilmours E-Gitarre zu Wort, und beide weben gemeinsam das Bild einer Vollmondnacht auf dem Lande. Ich stehe in meiner Vorstellung auf einer weiten Grasebene, sehe zum stillen, von Myriaden Sternen erhellten Nachthimmel empor und habe zugleich einen niedrigen Auwald vor mir, durch den ein Bach leise seine Bahn zieht.

Dann vier einfache Töne, die kristallklar durch den Raum hallen: „ Da - di - da - damm“, das Leitmotiv von Shine On You Crazy Diamond. Allein mit diesen vier Tönen malt David Gilmour den Vollmond an den Nachthimmel, dessen Silberlicht sich im Bach widerspiegelt und auf der Wasseroberfläche schimmert.

Von dem sanften, sich variierenden und doch immer wiederkehrenden „Da - di - da - damm“ und dem Keyboard, das seinen Schleier darum webt, wird meine Seele zum Vollmond emporgehoben, während ich zugleich den Wasserspiegel des Baches im Blick habe. Sie verlässt die Begrenztheit und Schwere des Körpers, geht im Nachthimmel auf und fühlt sanft und doch eindringlich die unermessliche Weite und Tiefe des Alls...

In den fein gesponnenen, ausgeklügelten Instrumentalpassagen, die in nahezu jedem Pink Floyd-Album dominieren, tut sich immer wieder die Perspektive der räumlichen Weite und Tiefe auf. Ich nenne diesen Moment immer: „Der Raum klappt auf.“ Ein Eindruck, vergleichbar mit jenen 3D-Bildern, bei denen man zuerst nur die Oberflächenstruktur sieht, bis der Blick in die Tiefe taucht und im zuvor flachen Bild eine plastische Form hervortritt. Die menschliche Seele tritt aus der Enge, Begrenztheit und Schwere des Körpers heraus und lässt auf ihrer Reise in die Schwerelosigkeit ihre Grenzen und Beschränkungen hinter sich…

Doch Shine On You Crazy Diamond dreht sich nicht nur um den Vollmond, das All und den Nachthimmel. Es geht auch um ein Genie, dessen Geist und Seele nach Klarheit und Erkenntnis gestrebt hat und dabei gescheitert und abgestürzt ist. Für seine Umgebung, vor allem für seine Freunde ist er Visionär und Narr, Prophet und Lachnummer, Sieger und Verlierer zugleich; einer, der zu hoch und zu weit gegriffen hat, als er nach Wahrheit und Irrtum grub. Und dennoch, trotz seines gnadenlosen Absturzes soll dieser verrückte Diamant von einem Menschen weiter strahlen…

Die Strophen des Songs, die nach und nach in dieses Stück hineinfließen, hängen mit einem tragischen Geschehen zusammen – das, was mit Syd Barrett geschah, der die Konzepte und Klangstrukturen der Musik von Pink Floyd ursprünglich gemeinsam mit Roger Waters ausgearbeitet und aufgebaut hat, ein hochbegabter, feinsinniger Denker und Träumer.

Doch mehr und riskanter als seine Freunde von der Band experimentierte Syd Barrett mit LSD und stürzte eines Tages bei einem Acid Test derart ab, dass er danach nie mehr ins reale Leben zurückkehrte und für die Band nicht mehr tragbar war, da er wirr und mit leerem Blick auf der Bühne stand, auf seiner Gitarre kein zusammenhängendes Stück mehr zu Stande brachte und auch nicht auf das Spiel der anderen Bandmitglieder hörte, wenn er sie überhaupt wahrnahm.

So geschah es, dass Syd Barrett erst in einer Nervenheilanstalt, später unter privater Betreuung den Rest seines Lebens in geistiger Umnachtung zubrachte und David Gilmour seinen Platz einnahm. Dennoch haben die anderen aus der Band nie vergessen, dass sie ihr Schaffen auf seinen Ideen und seinem Können aufgebaut haben, und daher ist Shine On You Crazy Diamond ihre Hommage an ihn.

Welch ein Kontrastprogramm zu dieser Elegie in einer Vollmondnacht auf dem Lande sind dagegen die nächsten beiden Stücke, Welcome to the Machine und Have a Cigar, die sowohl ihrem Inhalt als auch ihrer musikalischen Struktur nach zusammengehören!

In Welcome to the Machine hört man als erstes das Dröhnen einer Werkssirene, als Zeichen, dass in einer Fabrikhalle eine Maschinenstraße anläuft, dann das scharfe Zischen des Dampfstrahls aus einem Heizkessel, den ein Ventil unter Hochdruck auf die Schaufelräder einer Turbine überträgt. Unter einem tiefen Knurren setzt sich die Turbine in Bewegung und treibt einen Kolben an, ein-aus, ein-aus, ein-aus.

Das mechanische, in seiner emotionslosen Gleichförmigkeit unerbittliche Pumpen dieses Kolbens ist das rhythmische Gerüst von Welcome to the Machine und steht zugleich symbolisch für einen Mechanismus, der nach einem präzisen Regelwerk abläuft und den nichts und niemand aufhält, sobald jemand die Stromzufuhr einschaltet und auf den Start-Knopf drückt.

Tatsache ist, dass alle Industrienationen in ihren Produktionsbetrieben diese Maschinenstraßen errichtet haben, die über Antrieb, Transmission, Förderbänder und Verteilersysteme gleich riesigen Spinnennetzen funktionieren und, sobald sie einmal in Gang gesetzt sind, rund um die Uhr laufen.

Der Clou dieses Songs ist, dass es nicht um die Fertigung von Maschinen, Geräten oder Kraftwagen geht, sondern um den Betrieb Musikindustrie, der wie alle anderen Branchen nach seinen Mechanismen läuft:

Eine Band oder ein von Musikern begleiteter Solokünstler nimmt im Tonstudio ein neues Album auf. Sobald es abgemischt und gepresst ist, läuft in allen Musikläden, Radio- und Fernsehsendern die Marketing-Maschinerie ebenso an wie das eherne Gesetz, das die Band nach Erscheinen des neuen Albums mit ihrem Equipment und den Roadies, die es aufbauen, auf Tournee schickt, je nach Bekanntheitsgrad und bisher erzieltem Umsatz durch das eigene Land, die EU oder rund um die Welt.

Dabei ist es nicht relevant, ob ein Unternehmer überhaupt etwas von der Materie versteht, die sein Betrieb produziert und vertreibt. Für ihn zählt nur, dass er die Entwicklungen des Kapitalmarktes und des Zeitgeistes erkennt und rechtzeitig auf den Zug aufspringt. Dies wird im Song Have A Cigar deutlich, in dem der Vertriebsmanager der Plattenfirma der Band eine großartige Zukunft an den Himmel malt und zugleich zu erkennen gibt, dass er von Musik und den kreativen Impulsen und Prozessen, denen sie entspringt, nicht die leiseste Ahnung hat, wenn er in die Runde fragt: „Übrigens, wer von euch ist Pink?“

Ebenso erschaffen wir Menschen gesellschaftliche Strukturen, in die wir eingebunden sind und die uns ebenso unerbittlich antreiben: erst das Schulsystem, dann die Ausbildung oder das Studium zu einem Beruf, und schließlich unser Dasein als Bürger und Steuerzahler mit allen hiermit verbundenen Pflichten und Auflagen bis an unser Ende. Wir alle sind Teil dieser Maschinerie, bevor es uns bewusst wird, und in und mit dieser Maschinerie laufen wir, ebenso wie es den Jungs von Pink Floyd seinerzeit bewusst wurde, dass sie mit dem Durchbruch und Erfolg des Albums The Dark Side of the Moon Teil der Musikindustrie geworden waren…

Und doch gibt es im Leben Dinge, die uns Menschen über das bloße Funktionieren in Systemen hinaus heben: unsere kreativen Impulse, Ideen und Einfälle, und vor allem unsere Erlebnisse in der Kindheit, während der Schulzeit und des Studiums mit Freunden, die uns begegnen und uns ein Stück weit auf unserem Lebensweg begleiten.

Von der Sehnsucht nach einem alten Freund aus der Jugend, den man vor geraumer Zeit verlassen, aber nicht vergessen hat und der einem auf einmal wieder näher rückt als viele andere Menschen, mit denen man täglich zusammen ist, handelt der unspektakuläre und in seiner Einfachheit und Schlichtheit doch so tiefe Song Wish You Were Here.

Er beginnt damit, dass zwei Menschen miteinander plaudern, während im Hintergrund leise das Radio läuft. Dann zupft jemand auf seiner Konzertgitarre, als würde er den Ansatz einer Melodie ausprobieren, die im Entstehen begriffen ist. Während er spielt, steigt in diesem Gitarristen die Erinnerung an seinen Freund aus der Jugendzeit auf; und erst jetzt wird die Melodie und Akkordfolge bewusst und konkret.

Dieser einfache Song ist zugleich der bekannteste und beliebteste von Pink Floyd, an dem sich in den großen Städten Europas fast jeder Straßenmusiker versucht.

Und doch lässt sich eines bis heute nicht bestreiten: Wer in der Fußgängerzone irgendeiner Stadt die ersten gezupften Töne und die Worte hört:

„So! So you think you can tell

Heaven from Hell,

blue skies from pain?

Can you tell me: Do you feel

the cold steel rain,

a smile from a veil?

Do you think you can tell?“,

bleibt inmitten der Alltagsgeschäfte stehen und wird ein paar Augenblicke lang still.

Eben weil jeder von uns, wenn sie/er nur lange genug lebt, jemanden kennt, der einem in der Jugend viel bedeutet, mit dem man sinniert und tiefgehende Gespräche geführt hat – bis das Leben die Weichen stellte und man diesen Freund aus den Augen verlor…



08.04.2026 - Was außer der Familie und der Musik sonst noch zählt
* Die Städte Berlin und Paris In Berlin wurde Reinhard Mey, wie bereits erwähnt, geboren, ist sein Leben lang bekennender Berliner geblieben und hat dort auch seinen festen Wohnsitz. Er hat diese Stadt zerbombt und in Trümmern liegend gesehen, die Flüge der „Rosinenbomber“ erlebt, die auf dem Flughafen Tempelhof landeten und starteten, den Mauerbau 1961 und den Mauerfall 1989. Er kennt die tiefen Wunden und Narben, die der Krieg und die Teilung in Ost- und West-Berlin in seiner Heimatstadt hinterlassen hat und die bis heute spürbar geblieben sind. Auch die Schwere und Schwermut, die seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges über unserem Land und seiner Hauptstadt lastet und zu der seit der Aufteilung in Ost und West der Eindruck von Kälte und Entfremdung hinzugekommen ist, blieb ihm sein Leben lang bewusst und in ihm lebendig. Auch über das schwierige, zum Teil schmerzhafte Verhältnis zu seiner Heimatstadt und unserem Land hat er immer wieder gesungen. Doch die andere Hälfte seiner Persönlichkeit gehört Frankreich und Paris, das seit den frühen 1950er Jahren zu seiner zweiten Heimat geworden ist. Aus Paris kommt bei Reinhard Mey die Fähigkeit zur Freude an den schönen und angenehmen Dingen des Lebens wie zum Beispiel am Zusammensitzen mit Freunden am Abend bei einem Glas Wein, und auch der Stil seiner Kompositionen. Der Fluss und die Textur seiner Melodien gehen bis heute auf seine großen Vorbilder Charles Aznavour und Charles Trenet, George Brassens und Boris Vian zurück, die er im Olympia und im Bobino gesehen und gehört hat. Sein Gitarrenspiel orientiert sich an Django Reinhardt und Stéphane Grappelli, die er beide live auf dem linken Seineufer erlebt hat, abends im "La Huchette" oder im "Deux Magots". Wo ihn die Schwere des deutschen Seins und Wesens zuweilen in Grund und Boden drückt, ist es die Leichtigkeit und der Lebensgenuss in "La Douce France", seiner zweiten Heimat, die ihm Auftrieb verleiht – und wo er bis heute bis heute als Frédéric Mey eine ebenso treue Fangemeinde hat wie in den deutschsprachigen Ländern.


Was außer der Familie und der Musik sonst noch zählt


Die Städte Berlin und Paris

In Berlin wurde Reinhard Mey, wie bereits erwähnt, geboren, ist sein Leben lang bekennender Berliner geblieben und hat dort auch seinen festen Wohnsitz. Er hat diese Stadt zerbombt und in Trümmern liegend gesehen, die Flüge der „Rosinenbomber“ erlebt, die auf dem Flughafen Tempelhof landeten und starteten, den Mauerbau 1961 und den Mauerfall 1989. Er kennt die tiefen Wunden und Narben, die der Krieg und die Teilung in Ost- und West-Berlin in seiner Heimatstadt hinterlassen hat und die bis heute spürbar geblieben sind.

Auch die Schwere und Schwermut, die seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges über unserem Land und seiner Hauptstadt lastet und zu der seit der Aufteilung in Ost und West der Eindruck von Kälte und Entfremdung hinzugekommen ist, blieb ihm sein Leben lang bewusst und in ihm lebendig. Auch über das schwierige, zum Teil schmerzhafte Verhältnis zu seiner Heimatstadt und unserem Land hat er immer wieder gesungen.

Doch die andere Hälfte seiner Persönlichkeit gehört Frankreich und Paris, das seit den frühen 1950er Jahren zu seiner zweiten Heimat geworden ist. Aus Paris kommt bei Reinhard Mey die Fähigkeit zur Freude an den schönen und angenehmen Dingen des Lebens wie zum Beispiel am Zusammensitzen mit Freunden am Abend bei einem Glas Wein, und auch der Stil seiner Kompositionen.

Der Fluss und die Textur seiner Melodien gehen bis heute auf seine großen Vorbilder Charles Aznavour und Charles Trenet, George Brassens und Boris Vian zurück, die er im Olympia und im Bobino gesehen und gehört hat. Sein Gitarrenspiel orientiert sich an Django Reinhardt und Stéphane Grappelli, die er beide live auf dem linken Seineufer erlebt hat, abends im La Huchette oder im Deux Magots.

Wo ihn die Schwere des deutschen Seins und Wesens zuweilen in Grund und Boden drückt, ist es die Leichtigkeit und der Lebensgenuss in La Douce France, seiner zweiten Heimat, die ihm Auftrieb verleiht – und wo er bis heute bis heute als Frédéric Mey eine ebenso treue Fangemeinde hat wie in den deutschsprachigen Ländern.


Die Nordseeküste und das Segeln

Sobald Reinhard Mey an einem neuen Album arbeitet, zieht er sich von Anfang Mai bis Ende September in sein Haus in Kampen auf der Insel Sylt zurück, seine „Komponistenhütte“, in der er an jeder Textzeile und jeder melodischen Feinheit schleift und feilt. In dieser Zeit ist er für niemanden zu sprechen außer für seine Familienangehörigen.

Wenn er sich nach getaner Tagesarbeit entspannen will, kreuzt er mit seiner kleinen Segelyacht im Wattenmeer vor der Nordseeküste, um sich von der Seebrise den Kopf frei pusten zu lassen und im Spiel von Wind und Wellen zur Ruhe zu kommen, und kennt sich sowohl mit dem Gesetz von Luv und Lee als auch auf den friesischen Inseln und drumherum bestens aus.

Ihm ist das Spiel der Farben, Lichter und Stimmungen an der Küste und auf See im Wechsel der Tiden, Tages- und Jahreszeiten ebenso vertraut wie Siegfried Lenz, der die Nordseeküste und ihre Menschen in seiner Deutschstunde auf solch unvergessliche Weise porträtiert hat.

Sind seine Songs aus seiner Sicht reif für das neue Album, packt er seine Demo-Aufnahmen zusammen, kehrt von Sylt auf das Festland zurück und begibt sich nach Aachen, wo sein bewährter Wegbegleiter Manfred Leuchter in seinem Tonstudio die Aufnahmeleitung übernimmt, während Alex Jacobi an den Reglern und Registern seines Mischpults zugange ist.

Und dann feilen die drei und alle anderen an der Produktion Beteiligten, bis alles passt und das neue Album fertig ist; in der Regel Ende November.


Das Fliegen

Seit seine Mutter Hertha ihn regelmäßig zum Flughafen Tempelhof mitnahm, um mit ihm das Starten und Landen von Flugzeugen zu beobachten, war es um Reinhard Mey geschehen: Fortan war und blieb sein größter Traum der vom Fliegen, den er mit der ihm eigenen Konsequenz und Beharrlichkeit in die Tat umgesetzt hat.

Seit 1973 ist er offiziell im Besitz der Fluglizenz für Motorflugzeuge, hat seinen Flugschein um den für elektronisch gesteuerte Flugzeuge und sogar für Kunstflug erweitert. Ja, und seit 1984 ist er auch stolzer Besitzer einer zweimotorigen Cessna, mit der er eine Zeitlang zusammen mit einem befreundeten Piloten Charterflüge innerhalb von Europa unternommen hat.

Das heißt, wenn Reinhard Mey wollte, könnte er noch heute auf jedem beliebigen Flughafen starten und landen. Indes hat er seit 2013, mit siebzig Jahren, aus Sicherheitsgründen freiwillig aufgehört, aktiv als Pilot zu fliegen.

Doch von der lebenslangen Faszination und Leidenschaft des Fliegens hat er über die Jahre und Jahrzehnte hinweg immer wieder in seinen Liedern erzählt:

* Über den Wolken (1974) ist in den deutschsprachigen Ländern sein bekanntestes und beliebtestes Lied überhaupt, auch wenn es nur von der Sehnsucht nach dem Fliegen spricht, die jemand empfindet, der einem Flugzeug beim Starten zusieht, ohne dass derjenige selbst fliegt, weder aktiv noch passiv.

* Golf November (1996) erzählt von der spektakulären Rettungsaktion eines Hubschraubers der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft (DLRG), dessen diensthabender Pilot gemeinsam mit dem Arzt einen Tag vor Heiligabend ein Kind rettete, das am Steinhuder Meer im Eis einbrach und versank.

* Nachtflug (2012) beschreibt nicht mehr und nicht weniger als das, was der Titel des Liedes besagt: das Starten, Fliegen und Landen bei Nacht aus der Perspektive des Cockpits. Doch welch klare, plastische, anschauliche Worte spiegeln das Erlebnis des Fliegens wider, unter der Kuppel des sternfunkelnden Alls!

* Lilienthals Traum (2008), mit den Berliner Philharmonikern aufgenommen und eingespielt, erzählt vom Leben und Schaffen des Erfinders und Flugpioniers Otto Lilienthal, von der puren Faszination und Lust, gleich einem Vogel schwerelos in den Lüften zu schweben, und schließlich von jenem Tag im August 1891, als er mit seinem Segelflugzeug durch eine jäh einsetzende Steilbö abstürzte und starb.

Doch der nahende Tod hat für Lilienthal weder etwas Schreckliches noch gar etwas Vernichtendes. Ein letztes Mal dem Flug der Störche folgend, steigt er frei und schwerelos zum lichtdurchfluteten Blau des Himmels empor...