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17.09.2020 - Aretha Franklin - Ein bisschen R-E-S-P-E-K-T !
Aretha Franklins Patentante war keine Geringere als Mahalia Jackson, und zu ihren Förderern zählten die Reverends C.L. Franklin – ihr Vater – und James Cleveland, der außer seiner Baptistengemeinde in L.A. auch den berühmten Southern California Community Choir leitete. Reverend C.L. Franklin sagte einmal über seine berühmte Tochter, sie sei die Synthese ihrer Patentante und ihrer Mentoren. Ich finde, Aretha Franklin ist mehr als nur eine Synthese. Zum einen hat sie den Spagat zwischen der spirituellen Gospel-Welt und der erdhaften, eher als „sündhaft“ betrachteten Welt des Soul geschafft und so gut hinbekommen, dass ganze Generationen von Soul-Sängerinnen und Sängern auf ihrer Art zu singen aufgebaut haben. Und zum anderen hat Aretha Franklin mit ihrer Präsenz und Persönlichkeit für die Rechte ihrer afro-amerikanischen Mitbürger und der Frauen, egal ob schwarz oder weiß, eine Menge bewegt und vorangetrieben.


Aretha Franklin - Ein bisschen R-E-S-P-E-K-T  !
 

In der Bürgerrechtsbewegung gab es Führer bzw. eher schon Lichtgestalten wie Martin Luther King, Jesse Jackson und Malcolm X; doch wie ich bereits ausgeführt habe, zählten auch viele Frauen dazu, und zu den einflussreichsten gehört ohne Zweifel Aretha Franklin.

Wie Nina Simone war auch sie die Tochter eines Baptistenpredigers, stammte aber nicht aus den Südstaaten, sondern aus der „Soul City“ Detroit in Michigan (wer hat noch den Motown-Sound im Ohr, der für Gruppen wie die Supremes oder Ronelles den Grundton und Rhythmus angab und dem Phil Collins in You Cant Hurry Love nachträglich noch einmal die Ehre erwiesen hat?). Um sie herum wurde nicht nur in den Gottesdiensten, sondern auch in ihrer Familie und Nachbarschaft gesungen und musiziert, was das Zeug hielt.

In der Welt der Gospels und Spirituals gibt es Dynastien mit Königinnen und Königen, die zwar nicht in einem Gotha-Register verzeichnet sind, aber innerhalb der schwarzen Community so betrachtet werden und die für ihre „Thronerben“ in Gestalt sanges- und rhythmusbegabter Kinder die Patenschaft, sprich, ihre musikalische Ausbildung und Förderung übernehmen.

Aretha Franklins Patentante war keine Geringere als Mahalia Jackson, und zu ihren Förderern zählten die Reverends C.L. Franklin – ihr Vater – und James Cleveland, der außer seiner Baptistengemeinde in L.A. auch den berühmten Southern California Community Choir leitete.

Reverend C.L. Franklin sagte einmal über seine berühmte Tochter, sie sei die Synthese ihrer Patentante und ihrer Mentoren. Ich finde, Aretha Franklin ist mehr als nur eine Synthese.

Zum einen hat sie den Spagat zwischen der spirituellen Gospel-Welt und der erdhaften, eher als „sündhaft“ betrachteten Welt des Soul geschafft und so gut hinbekommen, dass ganze Generationen von Soul-Sängerinnen und Sängern auf ihrer Art zu singen aufgebaut haben.

Und zum anderen hat sie mit ihrer Präsenz und Persönlichkeit für die Rechte ihrer afro-amerikanischen Mitbürger und der Frauen, egal ob schwarz oder weiß, eine Menge bewegt und vorangetrieben.

Wenn sie Chain of Fools sang, schwang darin die Warnung mit, sich nicht zur Närrin eines Mannes zu machen, der Frauen herumkriegt, vernascht und dann zur nächsten weiter wandert (entkommt genau diesem Mann, dem Klang ihrer Stimme nach zu schließen, aber trotzdem nicht).

In Think rät sie Männern und Frauen, sich sein Gegenüber erst einmal genau anzusehen und darüber nachzudenken, was für einen Charakter, was für eine Persönlichkeit man vor sich hat, bevor man sich Hals über Kopf in ein Verhältnis, unter Umständen ins Verderben stürzt. (Sie wusste nur zu gut, wovon sie singt, ist sie doch selbst mit ihren Partnern mehr als einmal hereingefallen.)

Vor allem aber kann ich mir eines bei ihr lebhaft vorstellen: Wenn sich eine große, mächtige Gestalt aufbaut und einem mit voller Kraft und Wucht entgegenschmettert:

„WHAT YOU WANT, BABY, I’VE GOT!

ALL I’M ASKING IS A BIT OF RESPECT OF YOU!“

gibt man ihr besser, was sie verlangt oder geht ihr aus dem Weg, bevor sie einen über den Haufen rennt und man platt wie eine Briefmarke auf der Strecke bleibt…

Der größte Triumph war für Aretha Franklin ohne Zweifel, dass sie zur Amtseinführung von Barack Obama singen durfte, dem ersten afro-amerikanischen Präsidenten der Vereinigten Staaten. Gab es während seiner achtjährigen Amtszeit im Weißen Haus oder anderswo einen Festakt, war sie stets ein gern gesehener Gast und wurde bis zum Ende ihres Lebens wie eine Königin gefeiert und bejubelt, wenn sie auftrat und die Hymnen ihrer Zeit und ihrer Landsleute in den Raum schmetterte und donnerte.

Doch sie, ihre schwarzen Landsleute und alle, die Barack Obamas Amtszeit mitverfolgt haben, mussten in den folgenden acht Jahren entsetzt und machtlos mit ansehen, was man ihm antat.

Hier war ein junger, dynamischer Präsident, so begabt und mitreißend, wie es vor ihm nur John F. Kennedy und dessen Bruder Robert gewesen waren. In der ersten Zeit nach seiner Einführung war Barack Obama ein brillanter, inspirierender Redner, der wie die beiden Kennedy-Brüder große Pläne und Reformen vorhatte; zumindest hat er sie mit seinem Kabinett im Oval Office geplant, und der demokratische Flügel im Senat unterstützte sie.

Doch er und sein Kabinett hatten ein Problem: Ihnen stand als undurchdringliche Mauer die Front der Republikaner gegenüber, die im Repräsentantenhaus saß; sprich, reiche weiße Amerikaner angelsächsischer Herkunft. Und diese Mauer torpedierte so gut wie jeden Gesetzesentwurf und jede Reform, die Obama mit seinem Kabinett aufsetzte.

Es grenzt an ein Wunder, dass es Barack Obama während seiner Amtszeit gelang, das Obamacare-Programm einzuführen, das erste Kranken- und Sozialversicherungssystem, das es in den USA überhaupt gab und den Armen, Schwachen und Kranken zu Gute kommen sollte. Leider, und vor allem für uns Deutsche unbegreiflich, hat sein Nachfolger Donald Trump das Obamacare-Programm kurz nach seiner Amtseinführung sofort wieder beseitigt.

Und ganz unter uns: Ich finde, es ist noch ein größeres Wunder, dass Barack Obama während seiner Amtszeit keinem Attentäter zum Opfer gefallen ist und erschossen wurde wie JFK oder Robert Kennedy.

Dafür aber hat die Welt seiner Machtlosigkeit, seinem zermürbenden und vergeblichen Kampf gegen diese unüberwindliche Mauer acht Jahre lang zugesehen. In seiner jetzigen Funktion hat Barack Obama hoffentlich mehr Einfluss und kann voranbringen, was ihm und seiner Frau Michelle am Herzen liegt.

Vielleicht war es die Ohnmacht „ihres“ Präsidenten, die dazu führte, dass Aretha Franklin 2018 ihrem Krebsleiden erlag, gegen das sie acht Jahre lang tapfer gekämpft hat; vielleicht auch der Untergang ihres Patenkindes Whitney Houston, auf die ich in einer anderen Artikelreihe gesondert zu sprechen kommen werde. Über Whitney Houstons Verfall und frühen Tod mit nur achtundvierzig Jahren wollte sie sich sich nie äußern; vielleicht, weil sie deutlicher als andere erkannte, was ihr Patenkind wirklich umgebracht hat. Denn Drogen und Alkohol sind nur die äußeren Anzeichen für das, was einen Menschen zu Grunde richtet.

Ein bleibendes Vermächtnis ist von Aretha Franklin geblieben, das der Nachwelt beinahe entgangen wäre, weil sie sich gegen die Veröffentlichung dieses Vermächtnisses zeit ihres Lebens gesträubt hat; denn hier handelte es sich um etwas Persönliches, das sie weder für die Öffentlichkeit noch den Kommerz vorgesehen hat.

Im Jahr 1972 gab sie in der Baptistenkirche von Los Angeles ein privates Gospel- Konzert, das sie produzierte, mit ihren eigenen Mitteln finanzierte und von dem damals noch nicht berühmten Regisseur Sydney Pollack filmen ließ.

Nach ihrem Tod kam der Film unter dem Titel Amazing Grace heraus, und wer ihn sieht, dem wird eines klar: Mag ihr erster Titel auch „First Lady of Soul“ sein, nie ist sie besser und überzeugender, als wenn sie die Gospels und Spirituals ihrer Kindheit singt!

Diese Eigenschaft hat sie mit ihrer großen Patentante Mahalia Jackson gemeinsam. Aretha Franklin hat nicht ganz so viel Wärme und Herzensgüte, vor allem nicht ihre Demut und Bescheidenheit, doch ihr Glaube an Gott und Jesus ist nicht weniger tief als der ihrer Vorgängerin.

Wenn sie aus der ganzen Kraft ihres Herzens und der Tiefe ihrer Seele singt, strahlt sie wie eine Tausend-Watt-Glühbirne und hat in den Augenblicken, wenn sie die Augen schließt und der Welt zu entgleiten scheint, die Unschuld eines Kleinkindes, das sich im Licht und in der Geborgenheit Gottes sonnt und sich rundherum und durch und durch wohlfühlt.

Und wenn der Heilige Geist diese Frau bewegt, um nicht zu sagen erschüttert, dann bringt jene voluminöse, mächtige Stimme die Wände um sich herum und die Decke über sich zum Wackeln, fast zum Einstürzen, wenn sie ihren Urschrei loslässt: „IIAAAAAAAAAaaaaaaarrrhhh!“



17.09.2020 - Nina Simone - Die andere Seite des Spektrums
Welchen Weg geht eine junge Frau, die genau weiß, dass ihre Fähigkeiten und Leistungen sie zu dem befähigen, wonach sie strebt; und dass der einzige Grund, weshalb es ihr verweigert wird, in ihrer Hautfarbe liegt? Sie hat zwei Möglichkeiten: Entweder beugt sie sich den Gesetzen und den gesellschaftlichen Spielregeln ihrer Zeit und tut, was ihre Umgebung von ihr verlangt und erwartet. Dann ist ihr Leben weder erfüllt noch glücklich, aber sicher und unspektakulär. Oder sie stellt fest, dass ein System, das einer Bevölkerungsschicht alle Rechte gewährt und der anderen allein auf Grund ihrer Hautfarbe verweigert, ungerecht und widersinnig ist, und stellt sich ihm entgegen. Nina Simone ging in ihrem Leben und Wirken den letzteren Weg. Bis zum Ende ihres Lebens hat sie für ihre unterdrückten und entrechteten Landsleute in ihren Konzertauftritten gesprochen und gekämpft; und sie hat diesen Kampf als ihre Pflicht betrachtet, ganz gleich, wieviel es sie persönlich kostete.


Nina Simone – Die andere Seite des Spektrums

Auch die Sängerin und Pianistin Nina Simone, zu der mich meine Suche nach authentischer schwarzer Musik auf Youtube geführt hat, wurde wie Mahalia Jackson in den Südstaaten geboren, genau gesagt, in Georgia. Auch ihr musikalischer Grundstock liegt in den Gospels und Spirituals, wofür sie als Tochter eines Baptistenpredigers prädestiniert war.

Doch ihr Können als Pianistin – sie spielte seit ihrem vierten Lebensjahr Klavier – führte dazu, dass sie an der renommierten Juillard School in New York eine klassische Ausbildung in Klavier und Komposition absolvierte.

In ihrem neuen Umfeld stürzte Nina Simone sich fortan auch in Literatur und Philosophie – am meisten hat sie Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir verehrt, deren Namen sie für sich selbst und ihre Künstlerlaufbahn übernahm -, und entwickelte einen wachen Geist und einen scharfen, klugen Verstand, der von den Strömungen ihrer Zeit gespeist und genährt wurde.

Sie erwies sich als begabte Studentin und erbrachte hervorragende Leistungen, die sie dazu befähigt hätten, ihr Studium am ebenfalls renommierten Curtis Institute in Philadelphia fortzusetzen. Doch das Curtis Institute lehnte es ab, Nina Simone zu den Prüfungen zuzulassen und sie aufzunehmen; und der einzige Grund hierfür war ihre Hautfarbe.

Ihre prompte Reaktion war, dass sie sich der Bürgerrechtsbewegung anschloss und bald zu deren machtvollsten Aktivisten zählte. Viel hat sie gemeinsam mit ihren Mitstreitern bewegt; und doch erlebte sie auf ihren Tourneen durch die USA, dass an einer Universität auf 18.000 eingeschriebene Studenten nur 300 Schwarze kamen, wie sie am Ende eines ihrer Konzerte sagte.

Welchen Weg geht eine junge Frau, die genau weiß, dass ihre Fähigkeiten und Leistungen sie zu dem befähigen, wonach sie strebt; und dass der einzige Grund, weshalb es ihr verweigert wird, in ihrer Hautfarbe liegt?

Sie hat zwei Möglichkeiten:

Entweder beugt sie sich den Gesetzen und den gesellschaftlichen Spielregeln ihrer Zeit und tut, was ihre Umgebung von ihr verlangt und erwartet. Dann ist ihr Leben weder erfüllt noch glücklich, aber sicher und unspektakulär.

Oder sie stellt fest, dass ein System, das einer Bevölkerungsschicht alle Rechte gewährt und der anderen allein auf Grund ihrer Hautfarbe verweigert, ungerecht und widersinnig ist, und stellt sich ihm entgegen.

Nina Simone ging in ihrem Leben und Wirken den letzteren Weg. Bis zum Ende ihres Lebens hat sie für ihre unterdrückten und entrechteten Landsleute in ihren Konzertauftritten gesprochen und gekämpft; und sie hat diesen Kampf als ihre Pflicht betrachtet, ganz gleich, wieviel es sie persönlich kostete.

Am Ende eines Konzerts wendete sie sich an die schwarzen Studenten im Publikum und sagte: „Eines weiß ich gewiss: Wenn ich eines Tages von dieser Welt gehen werde, weiß ich, dass ich ein Fundament hinterlasse, auf dem ihr bauen könnt. Dieses Konzert und alles, was ich tue, ist für euch (…) Denn ihr braucht Inspiration dringend, hundert Mal am Tag.“

In ihrem Kampf hatte Nina Simone weder den tiefen, unerschütterlich zuversichtlichen Glauben von Mahalia Jackson noch die elementare Kraft und Wucht von Aretha Franklin, auf die ich ebenfalls gesondert zu sprechen komme. Ihr Geist war zu gebildet und kritisch, um gläubig zu sein; und um im Kampf zu siegen, war ihr Gemüt zu feinfühlig, zu verwundbar und verwundet. Doch ihre unbestechliche, aufrechte Haltung und die Integrität, Einheit und Ganzheit im Denken, Fühlen und Handeln hat Nina Simone ihr Leben lang behalten und bewiesen.

Und was für ein Fundament hat Nina Simone der Nachwelt hinterlassen?

Da ist zum Beispiel der Song Sinnerman mit seinem unruhig vibrierenden, dahineilenden, flackernden und flirrenden Rhythmus, der von der atemlosen, gehetzten Flucht eines Verfolgten erzählt, der am Ende seiner Kräfte in höchster Not um Hilfe und Schutz bittet, aber von den Elementen der Erde und sogar von Gott zurückgewiesen wird; eine Anklage gegen Selbstgerechtigkeit.

In Four Women stellt Nina Simone das Schicksal von vier afro-amerikanischen Frauen vor, die stellvertretend für vier typische Schicksale stehen:

Aunt Sarah ist die geduldig Leidende und Schuftende, die klaglos die ihr aufgebürdeten Arbeiten verrichtet und ihre Lasten trägt.

Saffronia ist die Tochter einer Schwarzen, ihr Vater ein Weißer, der ihre Mutter mit Gewalt genommen hat. Als Mischling ist sie eine Wanderin zwischen der Welt der Weißen und der Schwarzen, gehört also zu beiden Welten, wird aber von keiner anerkannt und akzeptiert.

Sweet Thing ist eine Prostituierte, die sich für Geld verkauft. Ihr Job ist es, stupide, lieb und gefügig zu sein, wofür sie von den Weißen gut bezahlt wird und auch gut lebt, aber für sie keinerlei Wert hat außer Sex.

Und Peaches ist eine Verbrecherin, die ohne Skrupel, Hemmungen und Erbarmen zu den Waffen greift und sich mit Gewalt gegen die Sklaverei wehrt, die ihren Eltern angetan wurde.

Eine besondere Stellung in Nina Simones Schaffen nehmen für mich die Lieder Blackbird und Take Me to the Water ein.

Der Text von Blackbird warnt in abgrundtiefer, rabenschwarzer Verzweiflung davor, für die Freiheit aufzustehen und zu kämpfen:

„Blackbird, why d’ya try flying? You’re never gonna fly…“

„Your mama’s name is Lonely, your daddy’s name is Pain, and your name is Little Sorrow…“

Doch die Melodie des Liedes ist hell und fast heiter, die Stimme von Nina Simone klingt sanft, klar und ätherisch, und der federleichte, schwebende Trommelrhythmus ist nicht amerikanischen, sondern afrikanischen Ursprungs.

Und so besagen Melodie und Rhythmus im Gegensatz zu dem düsteren, hoffnungslosen Text, dass die Amsel dennoch abhebt und fliegt, weil sie als Vogel gar nicht anders kann. Solang sie noch fliegt, solang sie noch lebt, gibt es auch Hoffnung. Mit anderen Worten: Aufgeben ist für die Amsel nie eine Option!

Und in Take Me to the Water verlässt Nina Simone sowohl die USA als auch das Christentum und kehrt zu ihren afrikanischen und animistischen Wurzeln zurück. Sie singt, dass ihr Sternzeichen Fisch und ihr Gott der Wassermann ist, und sie verlangt, zum Wasser gebracht zu werden, zu ihrem Element, in dem sie Geborgenheit, Heimat und Erlösung findet. Nicht der Text dieses Liedes ist so bemerkenswert, eher das, was mit dieser Frau mitten im Lied passiert.

Sie beginnt in winzigen, trommelnden Trippelschritten zu tanzen, durch ihren Oberkörper laufen kleine rhythmische Wellen, ihre Arme zucken an ihrem Körper empor wie in einer Trance, als hätte das Element Wasser bzw. dessen Elementargeist von ihr Besitz ergriffen und zeige sich durch ihren Körper hindurch.

Das Phänomen der Trance und Besessenheit – oder sagen wir eine tiefe psychisch-spirituelle Versenkung, die ein Verhalten auslösen kann, das auf uns Europäer erschreckend wirkt - ist im Voodoo- und Yoruba-Kult, der in Westafrika, auf den Inseln der Karibik und im ländlichen Louisiana und Florida bis heute verbreitet und bekannt ist, gang und gäbe.
Ich halte mich da heraus und sage nur wie Shakespeares Hamlet: Es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde, von denen sich unsere Schulweisheit nichts träumen lässt.

Bemerkenswert an Nina Simona als Sängerin und Pianistin ist, dass sie nie laut, wild und explosiv wird. Leise, verhalten, beinahe in sich zurückgezogen klingt ihre Stimme und dabei so weich und sanft wie Karamell, der auf einer glühenden Herdplatte seine feste Konsistenz verliert und in den flüssigen Zustand übergeht; und so ist auch ihr Klavierspiel.

Und gerade ihre sanfte, weiche, feine Stimme ist fähig, in Wild is the Wind eine Leidenschaft spürbar zu machen wie kaum eine andere Sängerin ihres Genres. Es ist keine Leidenschaft, die tobt und wütet, vorwärtsstürmt und alle Grenzen einreißt; aber sie erbebt und glüht bis ins Tiefste, bis ins letzte bisschen Knochenmark hinein.

Und diese Leidenschaft, das Unbezwingliche, Unauslöschliche, durch und durch Echte ist es, das Nina Simones Schaffen und Sein bis ans Ende ihres Lebens geprägt hat.

 



17.09.2020 - Mahalia Jackson - Das kleine große Licht Gottes
Wie zu allen Liedern gehört auch zu Gospels und Spirituals eine bestimmte Melodie und ein Rhythmus; doch sofort beginnt die Solistin oder der Solist die Melodie zu variieren und zu umspielen. Hinter dem Solisten und um ihn herum stützt ein Chor ihn und seinen Gesang, erst nur mit Summen und Raunen. Dann wirft, ja schmettert der Solist dem Chor einen Text- und Melodiefetzen zu, und der Chor gibt ihn fulminant und mit Wucht zurück; „Call and Response“ nennt man das in der schwarzen geistlichen Musik. Und schließlich schmettern Solist und Chor ihr Lob Gottes hinaus, wiegen sich und tänzeln im Rhythmus, klatschen und stampfen ihn, immer schneller, immer heftiger, bis der Gesang eine Wucht und Intensität erreicht, die nicht mehr zu überbieten ist; und danach sinkt das Lied, weiter getragen von den Sängerinnen und Sängern, nach und nach in sich zusammen und erlischt schließlich. Das ist es, in ein paar Worten ausgedrückt, was ein Gospel oder Spiritual ausmacht.


Mahalia Jackson – Das kleine große Licht Gottes
 

Wer die Keimzelle finden will, auf der ein Großteil der afro-amerikanischen Musik beruht und in der sie wurzelt, sollte einmal in den USA einen Gottesdienst besuchen, am besten in einer Baptisten-, Methodisten- oder Pfingstgemeinde. New Orleans oder Baton Rouge wären ideal dafür; doch im Grund ist es gleich, ob diese Kirche in den Nord- oder Südstaaten, an der Ost- oder Westküste steht.

Kein Gottesdienst der Baptisten oder Methodisten oder Pfingstler ist denkbar ohne die Gospels und Spirituals, die dort gesungen werden; und genau dort spürt und erlebt man, was den Afro-Amerikanern ihr „fünftes Element“ Musik bedeutet: Für sie ist es gleichbedeutend mit dem Heiligen Geist, in dem der Himmlische Vater und sein Sohn Jesus Christus anwesend und gegenwärtig ist.

Wie zu allen Liedern gehört auch zu Gospels und Spirituals eine bestimmte Melodie und ein Rhythmus; doch sofort beginnt die Solistin oder der Solist die Melodie zu variieren und zu umspielen. Hinter dem Solisten und um ihn herum stützt ein Chor ihn und seinen Gesang, erst nur mit Summen und Raunen.

Dann wirft, ja schmettert der Solist dem Chor einen Text- und Melodiefetzen zu, und der Chor gibt ihn fulminant und mit Wucht zurück; „Call and Response“ nennt man das in der schwarzen geistlichen Musik.

Und schließlich schmettern Solist und Chor ihr Lob Gottes hinaus, wiegen sich und tänzeln im Rhythmus, klatschen und stampfen ihn, immer schneller, immer heftiger, bis der Gesang eine Wucht und Intensität erreicht, die nicht mehr zu überbieten ist; und danach sinkt das Lied, weiter getragen von den Sängerinnen und Sängern, nach und nach in sich zusammen und erlischt schließlich.

Das ist es, in ein paar Worten ausgedrückt, was ein Gospel oder Spiritual ausmacht.

Doch sowohl für Solist und Chor als auch für den Geistlichen und die ganze Gemeinde, die diese Lieder und Rhythmen trägt, steht weit mehr dahinter: In ihrer Vorstellung nehmen alle beim Singen Verbindung zum Heiligen Geist auf, wird Gott für alle spürbar in der immensen spirituellen Energie, die sich in einem Gospel-Gottesdienst aufbaut, in den mit voller Kraft und Inbrunst schmetternden Stimmen der Sängerinnen und Sänger, im Schwingen und Wippen der Körper aller Mitglieder der Gemeinde.

Und so bin ich auf der Suche nach authentischer schwarzer Musik auf Youtube bei Mahalia Jackson gelandet. Sie wuchs in New Orleans als drittes von sechs Kindern auf, verlebte ihre Kindheit und Jugend in bitterer Armut und lebte von 1911 bis 1972. In den letzten Jahren ihres Lebens litt sie an Sarkoidose, eine Krankheit, die vom Lymphsystem ausgeht und dazu führt, dass sich das Bindegewebe des Körpers nach und nach verhärtet und erstarrt, und an starker Herzinsuffizienz, woran sie schließlich im Alter von sechzig Jahren starb.

Ihr Leben lang war und blieb sie eine einfache Frau, die, wenn jemand sie besuchte, ihre Gäste immer als erstes mit deftigen Bohnen- und Gemüseeintöpfen oder am Nachmittag mit Teekuchen verwöhnte; und ihren Interviewpartnern gegenüber hat sie immer wieder betont, dass sie über wenig Bildung verfügte, weil sie in ihrer Kindheit und Jugend zusehen musste, wie und wovon sie überlebte. Im Zuge der ersten Weltwirtschaftskrise hat sie die Depression und später den Zweiten Weltkrieg überlebt, Zeiten, die für ganz Amerika hart waren, aber die Armen wie überall auf der Welt am schwersten und gnadenlosesten getroffen haben.

Doch zugleich gehörte sie wie Rosa Parks und Aretha Franklin, auf die ich später auch zu sprechen komme, zu den treibenden Kräften der Bürgerrechtsbewegung in den 1960er Jahren.

Geistliche wie Martin Luther King, Jesse Jackson oder auch James Cleveland und Samuel Barber II. haben als Ikonen Amerika mit ihren Reden und Visionen von einer besseren, gerechteren und friedlicheren Welt beflügelt; doch nicht selten war es Mahalia Jackson, von deren Stimme sich diese Männer am Telefon Trost, Kraft und Mut holten und auf deren Rat und Worte sie hörten.

Ich habe mir einige ihrer Live-Auftritte angesehen, die gottlob aufgezeichnet worden sind und somit auf Youtube abgerufen werden können; und man braucht sie nur drei Takte lang zu sehen und zu hören, um zu verstehen, warum.

Wenn sie You Got the Whole World In Your Hand singt, klingt ihre Stimme so warm und weich, als wäre sie die Mutter aller im Konzertsaal, und sie strahlt und lächelt nicht wie ein Honigkuchenpferd, sondern gleich wie zehn.

Genauso klingt bei ihr Stille Nacht, Heilige Nacht, das Weihnachtslied, das die ganze Welt kennt; doch ihre Silent Night ist wirklich heilig, und zwar auf eine heilende, wärmende Weise, die alle Menschen anspricht.

Setzt sie zu Precious Lord, Take My Hand oder Lord, Don’t Move the Mountain an, scheint in ihrem Gesicht das schwere Leid ihrer Kindheit und Jugend aufzusteigen und nach außen zu drängen; doch nur wenige Takte später verwandelt sich das Leid nach und nach in ein inniges Glück, das tief in sich ruht. Zelebriert sie – anders kann man es nicht nennen - Amazing Grace, scheint jedes einzelne Wort durch sie zu dringen und nach außen zu strahlen.

Nicht nur, dass ihre Stimme stark, klar und durchdringend ist wie die vieler schwarzer Sängerinnen und Sänger; in ihr wird nahezu in jeder Zeile eine Wärme und Herzensgüte spürbar, vor der jeglicher Zynismus und Sarkasmus zurückweicht und zu dem zerfällt, was er ist: eine leere, hohle Blase, die diese Frau weder erreichen noch gar treffen kann.

Und dann sind da ihre schmalen dunklen Augen, die häufig geschlossen sind, während sie singt; doch öffnet sie sie nur einen Spalt weit, leuchten und schimmern sie, wie ich selten menschliche Augen gesehen habe, wenn sie nicht zwischendurch immer wieder mal in Tränen schwimmen.

Wer Mahalia Jackson sieht und hört, weiß, dass sie nicht nur an Gott, Christus und den Heiligen Geist glaubt, sondern dass sie für sie sofort und unmittelbar gegenwärtig sind, sobald sie singt. Man mag selbst glauben oder nicht, doch die spirituelle Kraft, die von dieser stets schlicht und bescheiden auftretenden Frau ausgeht, nietet einen um, macht einen klein und still.

 



17.09.2020 - Mein Traum von Afrika
Wohl ein jeder Mensch hat einen ganz bestimmten Traum oder mehrere; und einer meiner größten und langjährigsten Träume ist es, einmal durch Kenia oder Namibia oder Südafrika zu reisen, die Farben und Formen der Savanne zu sehen, eine Herde Gnus, Büffel oder Elefanten, die an mir vorüberzieht, vielleicht einen Leoparden in einem Baum und eine Giraffe darunter, und nachts in einer Lodge unter dem Moskitonetz zu liegen und das tiefe, raue, langgezogene Brüllen der Löwen zu hören – für mich der Laut der Wildnis schlechthin.


Mein Traum von Afrika


Wenn das Buch Afrika, dunkel lockende Welt der Baronin Karen Christiansen Dinesen oder der Film Jenseits von Afrika mit den Worten beginnt: „Ich hatte eine Farm in Afrika am Fuß der Ngong-Berge…“, schwingt von den ersten Worten an die unendliche Sehnsucht nach dem schwarzen Kontinent mit, die sich durch das gesamte Buch und den Film zieht.

Zwanzig Jahre hat sie im kenianischen Hochland gelebt, eine Kaffeeplantage betrieben und geleitet, sich für das Wohlergehen und die Rechte der Kikuju eingesetzt, die auf ihrem Land lebten, ihre Gäste aus Nairobi und Mombasa in ihrem Haus mit erlesenen Gerichten verwöhnt und mit ihren selbst erfundenen Geschichten unterhalten, bis Missernten, Unglücksfälle und der Fall der Kaffeepreise dazu führten, dass sie ihre Farm und ihr Haus nicht mehr halten konnte, ihr Hab und Gut verkaufen musste, um ihre Schulden zu tilgen, und schweren Herzens zum Sitz ihrer Familie nach Dänemark zurückkehren musste.

Doch das Hochland unter dem Gipfel des Mount Kenia, die Weiten der Serengeti und der Massai Mara und die Scharen von Flamingos und Pelikanen über dem Ngorongoro-Krater sind in ihren Erinnerungen bei ihr geblieben und haben sie bis ans Ende ihres Lebens begleitet… Und so wird es mir wohl auch gehen.

Wohl ein jeder Mensch hat einen ganz bestimmten Traum oder mehrere; und einer meiner größten und langjährigsten Träume ist es, einmal durch Kenia oder Namibia oder Südafrika zu reisen, die Farben und Formen der Savanne zu sehen, eine Herde Gnus, Büffel oder Elefanten, die an mir vorüberzieht, vielleicht einen Leoparden in einem Baum und eine Giraffe darunter, und nachts in einer Lodge unter dem Moskitonetz zu liegen und das tiefe, raue, langgezogene Brüllen der Löwen zu hören – für mich der Laut der Wildnis schlechthin.

Gerne würde ich auch etwas von den Stämmen sehen, die dort leben: die Gewänder und den Schmuck der Massai oder Kikuju oder Zulu oder Xhosa, ihre Dörfer und Hütten auf dem Land, das ihnen gehört, und es wäre mir eine Ehre, wenigstens als Gast an einem ihrer Feste mit Gesang und Tanz teilnehmen zu dürfen.

Auf der anderen Seite: Was haben wir Europäer – Briten und Franzosen, Holländer, Belgier und Deutsche, alle waren daran beteiligt – dem schwarzen Kontinent und seinen Menschen angetan? Uns rücksichtslos in dem Land ausgebreitet, das ihnen gehört, seine Schätze an Kupfer, Silber, Gold und Diamanten geplündert, uns als ihre Herren und Besitzer ihren Grund und Boden unter den Nagel gerissen oder sie als Missionare zu unserer Lebensweise und zum Christentum bekehrt. Und seit dem frühen 17. Jahrhundert wurden Afrikaner in Scharen verschleppt und über den Atlantik nach Amerika entführt, wo Weiße angelsächsischer oder irischer Abstammung sie zu Dienern und Sklaven ohne Rechte und Besitz machten.

Verbrechen, die zum Himmel schreien und sich über Jahrhunderte hingezogen haben, und eine Anmaßung, die jeglicher Beschreibung spottet.

Denn auf dem Kontinent Afrika leben völlig unterschiedliche Völker und Stämme, und jedes Volk, jeder Stamm hat seine Sprache und Kleidung, seine Sitten und Gebräuche, seine Geschichte und seine gesellschaftlichen Regeln, nicht anders als in Europa; und dies ist wohl auch der Grund, weshalb es den Afrikanern nur selten und auch nur zum Teil gelungen ist, Einigkeit zu erzielen, um sich gemeinsam und mit vereinten Kräften von den Weißen zu befreien, die immer noch ihre Bodenschätze plündern, Stämme gegeneinander ausspielen und mit Waffen versehen, um sie weiter auszunützen und zu übervorteilen.

In den Vereinigten Staaten war ihre Situation von Grund auf anders: Dort gab es für die Afro-Amerikaner, die man aus ihrem Land und damit auch aus ihrem kulturellen Grund und Boden entwurzelt hatte, einen gemeinsamen Feind, und das waren die weißen Herren dieses riesigen neuen Kontinents, die sie auf ihren Plantagen und in ihren Häusern für nichts arbeiten ließen und sie prügelten und auspeitschten oder sie an ein brennendes Kreuz oder einen Baum hängten, wenn sie sich wehrten.

Bücher wie Onkel Toms Hütte von Harriet Beecher-Stowe oder im 20. Jahrhundert Roots und Queenie von Alex Haley und die Serien, die auf der Grundlage dieser Bücher entstanden, haben die Geschichte des anderen, schwarzen Amerika erzählt. Liest man die Bücher oder sieht sich die Serien an, erwächst aus ihnen die Erkenntnis, dass heute Schwarze und Weiße in den USA vordergründig vor dem Gesetz gleich sein mögen, dass die Afro-Amerikaner aber in Wahrheit immer noch Tag für Tag, Jahr für Jahr zäh und erbittert um ihre Menschen- und Bürgerrechte kämpfen.

Wie ertragen und überstehen Menschen jahre- und lebenslange Diskriminierung, Entrechtung und Unterdrückung?

Vielleicht, weil Afrikaner und Afro-Amerikaner seit jeher zwei Wesenszüge gemeinsam haben:

Zum einen das Bewusstsein dafür, dass die Elemente dieser Erde und alles, was auf ihr wächst und lebt, von geistigen Instanzen erschaffen wurden und von ihnen beseelt sind, die zwar weder sichtbar noch hörbar sind, sich aber in der Natur und im Lauf des Jahres mit seinen Regen- und Trockenzeiten, mit seinem Keimen, Reifen und Vergehen ständig zeigen.

Zum anderen das Feiern dieser Zyklen der Natur und des menschlichen Daseins - Geburt, Initiation, Zeugung bzw. Niederkunft und Tod – mit Gesang, Instrumenten und Tanz.

Gewiss kennen auch wir Europäer Lieder, Rhythmen und Tänze, aber für uns hat das immer etwas Abstraktes, Ungreifbares. Wir lesen die Noten eines Liedes bzw. hören auf das, was uns jemand vorspielt und klammern uns an diese Noten und Takteinheiten, wenn wir Lieder singen und Musikstücke spielen, wie an ein Gerüst, von dem wir nur ja nicht fallen dürfen.

Auch Afrikaner und Afro-Amerikaner kennen Noten und Takteinheiten, halten sie aber nie ein, liegen für unser europäisches Empfinden immer einen Achtel- oder Viertelton darüber, darunter oder daneben, einen Achtel- oder Vierteltakt voraus oder zurück, ohne dass es sie je aus dem Rhythmus und dem Fluss der Melodie bringt.

Sie singen, musizieren und tanzen, als sei Musik neben Feuer, Wasser, Luft und Erde das fünfte Element, das ihnen schon seit jeher gehört hat, in und mit dem sie leben. In dieser Verbindung zum fünften Element – und damit zu den anderen Elementen dieser Welt und der Erde selbst – liegt eine Kraft und Energie, die ihnen niemand nehmen kann.

Aus diesem Grund möchte ich in im Bereich „Musik und Emotionen“ Künstlerinnen vorstellen, über die ich in letzter Zeit gestolpert bin und die – jede auf ihre eigene und unverwechselbare Weise – ihre Spuren in mir hinterlassen haben.



28.08.2020 - Dreiviertelblut als "Weltraumtouristen"
Mit seinem neuesten Film „Weltraumtouristen“, der aktuell vom RIO-Filmpalast, vom Kino am Sendlinger Tor und vom Maxim gezeigt wird, zeigt Marcus Rosenmüller den bayrischen Mundartdichter und Sänger Sebastian Horn und den Komponisten und Gitarristen Gerd Baumann, die ursprünglich von den Bananafishbones kommen und mit ihrem Projekt Dreiviertelblut seit ein paar Jahren in der bayrischen Musik neue Wege gehen. Ich sage bewusst nicht „volkstümliche bayrische Musik“, denn mit volkstümlichen Hitparaden oder bierselig-krachledernen Biertrinkerhymnen hat das Ensemble Dreiviertelblut ganz und gar nichts am Hut; im Gegenteil, dagegen wehren und sträuben sich Textdichter und Komponist vehement. In seinen Texten zu „Der Sturm“, „Mia san ned nur mia“ oder „Amoi“ reflektiert Sebastian Horn über den Lauf der Zeit, den Wandel der Natur im ewigen Zyklus der Jahreszeiten und das menschliche Gemüt, und dies mit einer Echtheit und Wucht, die nicht allein aus dem Tiefsten seines Inneren, sondern aus dem Waldboden und den Felsen der bayrischen Alpen aufzusteigen scheint.


Die „Weltraumtouristen“ von Dreiviertelblut

Neben den City-Kinos in der Sonnenstraße und dem Theatiner-Kino am Odeonsplatz gehört der RIO-Filmpalast zu den kleinen engagierten Kinos, die sich den Arthouse- bzw. Independent-Filmen verschrieben haben. Filme, die von Menschenschicksalen erzählen und Menschen in ihrem Wesen und Sein porträtieren, dabei Geist und Herz in gleichem Maß ansprechen und für einen freien, unabhängigen, bewusst subjektiven Blick auf die Welt und das Leben stehen.

Zu den Regisseuren dieser Schule zählen u.a. Werner Herzog, Wim Wenders und Marcus Rosenmüller. 

Mit seinem neuesten Film „Weltraumtouristen“, der aktuell vom RIO-Filmpalast, vom Kino am Sendlinger Tor und vom Maxim gezeigt wird, zeigt Marcus Rosenmüller den bayrischen Mundartdichter und Sänger Sebastian Horn und den Komponisten und Gitarristen Gerd Baumann, die ursprünglich von den Bananafishbones kommen und mit ihrem Projekt Dreiviertelblut seit ein paar Jahren in der bayrischen Musik neue Wege gehen.

Ich sage bewusst nicht „volkstümliche bayrische Musik“, denn mit volkstümlichen Hitparaden oder bierselig-krachledernen Biertrinkerhymnen hat das Ensemble Dreiviertelblut ganz und gar nichts am Hut; im Gegenteil, dagegen wehren und sträuben sich Textdichter und Komponist vehement.

In seinen Texten zu „Der Sturm“, „Mia san ned nur mia“ oder „Amoi“ reflektiert Sebastian Horn über den Lauf der Zeit, den Wandel der Natur im ewigen Zyklus der Jahreszeiten und das menschliche Gemüt, und dies mit einer Echtheit und Wucht, die nicht allein aus dem Tiefsten seines Inneren, sondern aus dem Waldboden und den Felsen der bayrischen Alpen aufzusteigen scheint.

In den Texten und Melodien dieser Lieder ist die Atmosphäre so dicht, dass sie den Zuhörer in ihrer Eindringlichkeit mehr als einmal an der Kehle packt und schwer atmen lässt (Wie singt Sebastian Horn gleich wieder: ‚Der Himme is blau, und mia draht’s di Gurgel zua…‘)

Anders geartet sind Lieder wie Falak oder Deifetanz. Ich will versuchen, anhand dieser beiden Lieder spürbar und begreiflich zu machen, was das Besondere an ihnen und an der Musik von Dreiviertelblut ist.

Kommen wir zuerst zu Falak:

Es ist eines der wenigen Lieder, die Sebastian Horn auf Hochdeutsch und nicht auf Bayrisch singt; vielleicht, weil dieses Lied nicht seinem oberbayrischen Grund und Boden, sondern der Kultur der Sinti entspringt, jenem rätselhaften, magischen und uns nach wie vor fremden Volk, das seit Jahrhunderten durch die Lande zieht und nach seinen einzelnen Gesetzen und Regeln lebt. Und eine der Regeln der Sinti besagt offenbar, dass jeder, der eine Frau heiraten will, zuvor einen Brautpreis für sie bezahlen muss; je schöner und begehrter die Frau, desto höher ihr Preis.

Bei Falak war es wohl so, dass sie so gut wie alle Männer ihres Stammes mit ihrer Schönheit und Anmut bezauberte, aber sich für keinen Freiersmann entscheiden mochte und dadurch ihren Brautpreis weiter und weiter in die Höhe trieb, so dass er schließlich sieben Kisten Gold umfasst haben soll. Wegen ihres Reichtums wurde sie wohl eines Tages in einer Talsenke nahe der Jache ermordet. Jedenfalls fand man ihre Leiche, die eines Morgens im Gebirgsbach trieb, und errichtete zu ihrem Gedenken eine Gedenktafel – in Bayern ein Marterl – mit ihrem Bildnis, das von unbekannter Hand seither in Stand gehalten wird.

Sebastian Horn und Gerd Baumann gelingt es, sowohl im Text als auch in der Melodie und dem Arrangement alles einzufangen, was diese Frau und ihr Geheimnis ausmacht: Im wiegenden Dreivierteltakt wie auch im samtigen, geschmeidigen Klang der Geigen und Gitarren findet sich ihre Schönheit und ihr anmutiger Tanz, mit dem sie einst reihenweise Männersinne und -herzen betörte; und im sparsamen Einsatz der Instrumente und der tiefen, rauen Stimme des Sängers spürt man das bis heute ungeklärte Geheimnis um ihren Schatz, der dort an der Jache bis heute vergraben liegen soll, aber nie geborgen wurde, weil im Dunkel der Nacht wohl allerlei Seltsames zu hören und zu sehen ist, das bisher jeden Schatzsucher früher oder später in die Flucht schlug.

Nun dagegen zum Lied Deifetanz:

Hier sind Musik und Text ganz anders, besingen aber etwas ebenso etwas Uraltes, das für uns ebenso wenig greifbar ist wie die Kultur der Sinti, aber uns gleichfalls nie loslässt: die Faszination am Teufel und der Gedanke, dass einem die Welt zu Füßen liegen könnte, wenn man ihm als „Herrn dieser Welt“ Leib und Seele verschreibt.

Der rasante, akzentuierte Rhythmus ist der eines russischen Kasatschok, er stampft und wirbelt mit Kraft und Wucht dahin. Auch hier hat die Art, wie Sebastian Horn singt, etwas Düster-Melancholisches, warnt er doch seine Zuhörer davor, sich mit dem Leibhaftigen einzulassen, weil man immer zuerst gewinnt und wie im Rausch lebt - im Rausch des Erfolges und des Reichtums -, aber auf lange Sicht gegen ihn immer den Kürzeren zieht.

Doch zugleich brennt im Klang der Geigen und Gitarren bei diesem „Teufelstanz“ ein wildes, unbändiges Feuer, das alle erfasst und in seinen Bann zieht, die sich dem Gottseibeiuns verschrieben haben, so dass sie auf Gedeih und Verderb hinter ihm her tanzen und wirbeln.

Was sich aber durch alle Lieder von Dreiviertelblut zieht – ganz gleich ob philosophisch, naturverbunden oder mystisch oder im besten Fall alles zusammen -, ist zum einen die tiefe, raue, voluminöse  Stimme von Sebastian Horn, die es in ihrer Intensität und Gefühlstiefe mit der von Joe Cocker aufnehmen kann.
(Gott hab ihn selig, diesen warmherzigen, rauen und zugleich sanften, durch und durch aufrichtigen Mann, den das Leben so heftig gebeutelt hat.)

Zum anderen ist es die sorgsam und mit Bedacht ausgewählte Instrumentierung, die jeder Zeile, ja fast jedem Wort den gedanklichen und emotionalen Gehalt verleiht. Denn in seinem Freund, Komponisten und Gitarristen Gerd Baumann, den anderen Musikern und Sängerinnen von Dreiviertelblut und in den Münchner Symphonikern unter der Leitung von Olivier Martinez hat sich eine Truppe zusammengefunden, die Horns Texte ebenso wie seine Stimme subtil und mit großer Aufmerksamkeit stützt, trägt und hervorhebt.

In seinem intimen Schwarz-Weiß-Film mit Aufnahmen aus der winterlichen Bergwelt am Brauneck, aus dem Circus Krone und dem Gasteig ist es dem Regisseur Marcus Rosenmüller gelungen, das Wesen eines Vollblutkünstlers und das sichtbar und hörbar zu machen, was ihn zum Schaffen treibt: zum einen der unmittelbare, authentische Ausdruck geistig-seelischen Erlebens, das aus der Künstlerseele emporsteigt und einfach heraus muss, und zum anderen das Bedürfnis, in der begrenzten Zeitspanne, die Menschenleben heißt, der Welt etwas Bleibendes zu hinterlassen.

Ich wünsche mir für Sebastian Horn, Gerd Baumann und die anderen „Weltraumtouristen“, dass sie sich auch künftig in solchen Konzerten, wie Marcus Rosenmüller sie für die Nachwelt festgehalten hat, zeigen und porträtieren dürfen – und dass sie noch lange leben und schaffen können.

Dasselbe wünsche ich dem kleinen, unabhängigen und inhabergeführten RIO-Filmpalast am Rosenheimer Platz und den anderen Münchner Arthouse- und Independent-Kinos; vor allem aber wünsche ich ihnen, dass sie nicht aufhören, weiter Filme mit Geist und Herz unter die Menschen und in die Welt zu bringen.