IV. Für Christen mit Fehl und Tadel
In vielen Bundesstaaten des Mittleren Westens wie Indiana, Iowa, Ohio oder Oklahoma und auch in manchen Südstaaten wie Alabama, Arkansas, Mississippi, Missouri und Tennessee ist die Landschaft von Horizont zu Horizont flach und platt wie ein Pfannkuchen, und Baumwoll-, Mais- und Getreidefelder dehnen sich, so weit das Auge reicht.
Der fruchtbare, ertragreiche Boden ist das sichere Kapital der Farmerfamilien, die ihn bewirtschaften, und zugleich eine lebenslange Haft im offenen Vollzug, denn sie sind auf Gedeih und Verderb an ihn gebunden und sehen tagein, tagaus um sich herum nichts anderes.
Als die Massenmedien noch nicht weltweit verbreitet waren – diese Entwicklung war erst gegen Ende des 20. Jahrhunderts abgeschlossen -, und als es die grenzenlose und unerschöpfliche Informations- und Bilderquelle des WWW noch nicht gab, war für die Farmerfamilien der Gottesdienst mit anschließender Sonntagsschule die einzige Abwechslung und auch die einzige Quelle, die ihnen gegenüber der Eintönigkeit und Mühseligkeit ihres Alltags eine höhere Ebene des Daseins eröffnete.
Noch besser war es, wenn eine Gruppe weißer oder schwarzer Erweckungsprediger, die als Missionare von Ort zu Ort und von Land zu Land fuhren, ihr Zelt in einer der Gemeinden des Bible Belt aufschlug und sich dort für eine Weile niederließ. Denn die Predigten der Quäker oder Pfingstler waren lebendiger und engagierter als die des Pfarrers, der am Sonntag auf seiner Predigtkanzel ein Kapitel aus einem Evangelium las und auslegte, weil sie aus dem Erleben und Alltag der Menschen sprach, und noch lebendiger war die Musik, die sie mitbrachten, rhythmisch, dynamisch, mitreißend.
Mit solchen Eindrücken wuchsen in den 1930er Jahren auch die sieben Kinder von John Ross und Carrie Cash auf. Jack, der zwei Jahre ältere Lieblingsbruder von J. R., hatte sich ernsthaft vorgenommen, selbst Prediger zu werden und zeigte auch früh, dass er dafür eine natürliche Begabung besaß; vermutlich war dies der Grund, weshalb Jack auch der Lieblingssohn des strenggläubigen Ehepaares Cash war.
Doch wie ich in der Einleitung bereits ausgeführt habe, verunglückte Jack mit vierzehn Jahren tödlich, so dass er seine Predigerlaufbahn nie einschlagen konnte; und wie ebenfalls erwähnt, fühlte sich Johnny sein Leben lang für den Tod seines Lieblingsbruders schuldig und verantwortlich, umso mehr, als sein Vater ihn nahezu sein Leben lang ächtete und mit Verachtung strafte.
Trost und Halt fand Johnny in den Gottesdiensten und Predigten des in den späten 1950er Jahren noch jungen Billy Graham, lebenslang Missionar und einer der Gründer der First Baptist Church in den USA.
Die First Baptist Church ist im Mittleren Westen und in den Südstaaten weit verbreitet. Dreh- und Angelpunkt ihrer Lehre sind die Evangelien, vor allem die Bergpredigt, in der Jesus die Menschen zu Hilfsbereitschaft, Duldsamkeit und Vergebung gegenüber ihren Mitmenschen aufruft, und die Offenbarung des Johannes, deren wichtigste Aussage darin liegt, dass sich jeder Mensch im Jüngsten Gericht vor dem Thron Gottes und seines Sohnes für seinen Lebenswandel, seine Taten und sein Verhalten auf dieser Erde verantworten muss.
Diese Elemente – Jesu Gebote in der Bergpredigt, das Sich-Verantworten vor ihm und vor Gottes Thron am Ende aller Tage und auch die Vergebung und Erlösung durch Jesu Tod am Kreuz – hat Johnny Cash seit seiner Jugend ernst genommen, geglaubt und gelebt, ebenso wie alle Mitglieder der Carter Family, der seine spätere Ehefrau June entstammte.
Doch ebenso oft erwies sich Johnny Cash in seinem Lebenswandel alles andere als heilig und untadelig. Zu genau wusste er um seine Schwächen und Unzulänglichkeiten, die ihm ein Großteil seines Lebens schwer zu schaffen machten. Ihm war stets bewusst, dass jede seiner Verfehlungen im Buch seines Lebens geschrieben stand und der Himmlische Vater und sein Sohn sie ihm einst präsentieren würden, wenn sie ihn vor ihren Thron zitierten Dann gab es keine Ausflüchte und Entschuldigungen mehr!
Dies hat Johnny Cash in God’s Gonna Cut You Down eindringlich verkündet:
„Du kannst lange Zeit weitermachen,
aber früher oder später wird Gott dich zurechtstutzen.
Du kannst mit deinen Mauscheleien eine ganze Weile durchkommen,
doch so sicher wie es Schwarz und Weiß gibt,
wird das, was du im Dunklen tust, ans Licht kommen!“
Hiervon legt vor allem sein Spiritual und der Song Why Me, Lord, den er von Kris Kristofferson übernahm, ein beredtes Zeugnis ab: Hier spricht bzw. singt einer, der sich seiner Schwächen und Unzulänglichkeiten nur zu bewusst ist und Gott auf Knien anfleht, von ihnen erlöst zu werden. Besonders eindringlich tritt dies in seiner Interpretation von Trevor Reznors Song Hurt zu Tage:
Da hat ein Mensch im Lauf seines Lebens große Reichtümer erworben, doch sie nützen ihm nichts angesichts der Erkenntnis, dass alle, die er gekannt hat, ihn eines Tages verlassen werden und er allein zurückbleibt. Dann ist alles Materielle, das er um sich herum angehäuft hat, nichts als ein Imperium aus Dreck… Ebenso bitter ist es, wenn er sich daran erinnert, wen er im Lauf seines Lebens im Stich gelassen und verletzt hat.
Doch nicht minder stark war zu anderen Zeiten Cashs Stolz, sein Aufbegehren gegen Ungerechtigkeit in jeder Form und seine entschiedene Haltung, mit der er für Benachteiligte, Verlierer und all jene eintrat, von denen sich die Gesellschaft sich abwendet und nichts wissen will.
Und auch wenn er in Ghost Riders in the Sky und gegen Ende seines Lebens in The Man Comes Around die Menschen ermahnt, dass sie eines Tages für ihr Verhalten und ihr Tun und Lassen zur Rechenschaft gezogen werden: In der Melodie und im Rhythmus beider Songs liegt die Faszination und Spannung eines Naturereignisses, das einen ebenso erschreckt wie mitreißt.
Wenn man den Refrain einmal gehört hat, vergisst man es nicht, dieses langgezogene
„Yippie-yay-yoooo… Yippie-yay-yeyyyy,,“,
und das dunkle, weit hallende
„Ghost riders in the sky!“
In Cashs hohl und tief klagender Stimme sieht man den zerklüfteten Himmel und den Wolkenzug, sieht und hört die Kuhherde des Teufels und die Schar der Geister-Cowboys, die ihr in rasendem Tempo über den endlosen Himmel hinterher galoppieren.
Dieselbe schaurige und zugleich mitreißende Faszination liegt meiner Meinung nach auch in The Man Comes Around, einem der letzten Songs, die Johnny Cash aufgenommen hat. Sicher geht es hier um die ernste, gewichtige Mahnung, was bei der Wiederkunft Christi und am Tag des Jüngsten Gericht auf Erden geschehen wird.
Doch jetzt und hier hört man es zum letzten Mal, das unverkennbare Boom-Chicka-Boom von Cashs Westerngitarre. Der Tag des Jüngsten Gerichts und der Siegeszug Christi wird alles Mögliche, nur nicht fade und langweilig:
„Hört die Trompeten, hört die Dudelsackpfeifer!
Hundert Millionen Engel singen! Hundert Millionen marschieren zu der großen Kesselpauke!
Stimmen rufen, Stimmen weinen.
Manche werden geboren, manche sterben.
Das Königreich von Alpha und Omega ist gekommen!
Und der Wirbelsturm ist im Dornbusch,
und die Jungfrauen stutzen ihre Lampendochte zurecht.
Ja, der Wirbelsturm ist im Dornbusch!
Schwer wird es dir, wider den Stachel zu löcken!“
Wenn mit Armageddon die große Endabrechnung und Auslese kommt, ist auf Erden mächtig was los!
Und Johnny Cash wird Jesus, der auf einem weißen Pferd und mit wallendem Königsmantel voran reiten wird, auf seinem Triumphzug folgen!