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29.03.2020 - Die Rhapsody in Blue von George Gershwin
Um dem momentan schwer geprüften New York auf meine Weise mein Beileid auszusprechen, will ich versuchen, ein Stück für Klavier und Orchester zum Leben zu erwecken, das für mich wie kein anderes Stück den Charakter dieser Stadt einfängt: die Rhapsody in Blue von George Gershwin aus dem Jahr 1924. Ich finde, dass im Film Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind die Atmosphäre vom New York der 1920er Jahre anschaulich und treffend eingefangen wurde: mit den vielen kleinen Läden, deren Waren vor der Tür angeboten wurden, den Pferdekutschen, den ersten Automobilen und Taxis, den Zeitungsjungen, die die neuesten Nachrichten verkündeten… Doch schon damals gab es die Skyline von Manhattan mit den ersten Wolkenkratzern, den New Yorker Hafen und die Brooklyn Bridge; und schon damals herrschte geschäftiges, quirliges Treiben auf den Straßen. Nur nach Einbruch der Dunkelheit dürfte New York um 1924 um einiges stiller und dunkler gewesen sein als heute. Und genau hier fängt die Rhapsody in Blue an.


Die Rhapsody in Blue von George Gershwin

Aktuell ist die Lage in den USA kritisch und bedrohlich, aber nirgendwo so desolat und verheerend wie in New York, weil ein die Tatsachen leugnender und verdrehender Präsident die Gefahr verharmlost und die Bürger dieser Stadt zu lange in falscher Sicherheit gewiegt hat. Darüber hinaus hat er die Reform des maroden Sozial- und Gesundheitswesens, das sein Vorgänger Barack Obama auf eine solide, fundierte Basis gestellt hatte, kurz nach der Amtseinführung wieder zu Nichte gemacht.

Schon zu der Zeit, als Donald Trump Bürgermeister von New York war, hat er sich dort allenfalls bei Börsenhaien und Immobilien-Spekulanten Freunde gemacht. Denn zu seiner Amtszeit trieb er die Preise für Mietwohnungen in astronomische Höhen, wodurch Scharen von Bürgern auf der Straße landeten, die selbst mit einem oder mehreren Jobs ihre Miete nicht mehr bezahlen konnten. Doch nun ist er drauf und dran, seine Stadt, ja, sein ganzes Land in den Ruin zu treiben...

Hoffentlich hat das Kapitol jetzt endlich genügend Beweise, um dem Amtsenthebungsverfahren, das vor wenigen Monaten vom Senat eingeleitet, aber leider von Trump-treuen Republikanern zu Fall gebracht wurde, zuzustimmen und es vor dem Obersten Gerichtshof durchzusetzen!

Um dem momentan schwer geprüften New York auf meine Weise mein Beileid auszusprechen, will ich versuchen, ein Stück für Klavier und Orchester zum Leben zu erwecken, das für mich wie kein anderes Stück den Charakter dieser Stadt einfängt: die Rhapsody in Blue von George Gershwin aus dem Jahr 1924.

Ich finde, dass im Film Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind die Atmosphäre vom New York der 1920er Jahre anschaulich und treffend eingefangen wurde: mit den vielen kleinen Läden, deren Waren vor der Tür angeboten wurden, den Pferdekutschen und den ersten Automobilen und Taxis, den Zeitungsjungen, die die neuesten Nachrichten verkündeten…

Doch schon damals gab es die Skyline von Manhattan mit den ersten Wolkenkratzern, den New Yorker Hafen und die Brooklyn Bridge; und schon damals herrschte geschäftiges, quirliges Treiben auf den Straßen. Nur nach Einbruch der Dunkelheit dürfte New York um 1924 um einiges stiller und dunkler gewesen sein als heute. Und genau hier fängt die Rhapsody in Blue an.

Genau gesagt, mit einem leisen tiefen Blubbern der Klarinette, das in eine langgezogene, wehmütige, sehnsuchtsvolle Klage übergeht. Es könnte ein Einsamer unter Millionen sein, der um Mitternacht keinen Schlaf findet und, von einer unbestimmten Sehnsucht getrieben, zwischen dem Times Square und dem Hudson River durch die Straßenzüge streift.

Mit dem tiefen, wuchtigen Dröhnen der Trompeten und Posaunen heben sich die Wolkenkratzer der Skyline von Manhattan wie hoch aufragende schwarze Quader und Blöcke gegen den tiefblauen Nachthimmel ab. Der nächtliche Wanderer schlägt den Kragen seines Trenchcoats gegen die Kälte hoch, die vom Fluss und vom Hafenbecken auf ihn zugekrochen kommt.

Nur einen Häuserblock weiter rennt einer zum Notausgang hinaus, poltert und hastet eine eiserne Wendeltreppe hinunter, auf der Flucht vor wem? Seine Verfolger sind nicht zu sehen; aber ohne Zweifel rennt dieser Schatten um sein Leben.

Der nächtliche Spaziergänger bleibt eine Weile stehen, zündet sich vielleicht eine Zigarette an und blickt über das Hafenbecken und die Brooklyn Bridge auf das andere Ufer hinüber. Vielleicht fragt er sich, was drüben hinter den hell erleuchteten Fensterscheiben gerade vor sich geht?

Dass nur einen Straßenzug von ihm entfernt die Jagd weitergeht und der Verfolgte wie von Furien gehetzt durch die Gegend rennt, kümmert den Spaziergänger nicht; er hat mit seinen eigenen Angelegenheiten zu tun, so wie in dieser Stadt jeder auf sich selbst angewiesen ist und sehen muss, wo er bleibt.

Da bricht mit wuchtigen metallischen Hammerschlägen das zentrale Leitmotiv der Rhapsody in Blue herein, getragen vom Klavier und allem, was die Blechbläser hergeben. Es steht für die wuchtige, rohe Kraft, die diese Stadt antreibt: der gnadenlose, unerbittliche Kampf ums Überleben und das Recht des Stärkeren, das hart und ohne zu zögern hinwegfegt, was sich ihm in den Weg stellt.

Was wird da aus dem einsamen Spaziergänger mit seiner großen Sehnsucht? Vielleicht hängt er einer verlorengegangenen Liebe nach, vielleicht hat ihn eine neue Bekanntschaft versetzt, von der er sich viel erhofft und versprochen hat.

Weil ihm nichts Besseres einfällt, schlüpft er in eine Bar, die zu dieser späten Stunde noch geöffnet hat. Am Tresen, über dem sich die Rauchschwaden ungezählter Zigaretten mit den blauen Schatten der Nacht vermischen - damals hat man in Bars und Clubs geraucht, was das Zeug hielt -, qualmt auch der Bluesgeplagte vor sich hin und stürzt einen Whisky Soda nach dem anderen hinunter, bis er sternhagelvoll vom Barhocker kippt. Ungerührt vom Absturz ihres Mitmenschen plaudern die anderen Gäste in der Bar weiter und nippen an ihren Cocktails.

Schließlich endet auch diese Nacht. Über der Brooklyn Bridge und dem Hafenbecken von New York bricht der Tag an, und im rosigen Zwielicht der aufgehenden Sonne blühen ebenso rosige Träume, Hoffnungen und Verheißungen auf. Wieviele solcher Träume schaukeln da wohl mit der U-Bahn in den Tag hinein?

In Manhattan erwacht das Leben. Die ersten Zeitungsverkäufer packen ihre Stapel aus und verkünden das Neueste vom Tage. Büroangestellte, Bankiers, Verkäufer und andere Passanten eilen ihrer Arbeit entgegen. Lieferwagen, Taxis und Autos rumpeln durch die hohen steilen Straßenschluchten.

Irgendwo klopft, nein hämmert jemand ungeduldig gegen eine Tür.

Die eisernen Räder eines Zuges beginnen sich zu drehen, erst langsam, dann schneller, überschlagen sich in ihrem Tempo fast. Der A-Train gleitet auf seiner Schiene aus dem Terminal des Hauptbahnhofs hinaus ins Freie.

Money makes the world go round! Big Business zählt! Die Stadt nimmt Fahrt auf…

Ein letztes Mal nehmen Klavier und Orchester mit dem harten, stählernen, hämmernden-Leitmotiv den wuchtigen Takt und Puls von New York auf; der Stadt, die niemals schläft!

 



22.03.2020 - Viel mehr als die Polizei erlaubt - Das wandelnde Phänomen Sting
Im Jahr 2003 wurde Sting als Musik- und Kulturbotschafter seines Landes von Queen Elizabeth II. zum Commander of the British Empire geschlagen und dürfte sich demnach Sir Gordon Matthew Thomas Sumner nennen. Tut er aber nicht. Er bleibt, wer und was er ist: schlicht und einfach Sting. Nicht schlecht für den Sohn eines Milchmannes aus Wallsend, einem Vorort von Newcastle upon Tyne, der seine Laufbahn ganz bescheiden als Lehrer für Englisch, Musik und Sport begonnen und sich als Bauarbeiter und Busfahrer hin und wieder ein paar Pfund dazu verdient hat!


Viel mehr als die Polizei erlaubt – Das wandelnde Phänomen Sting

Es gibt Menschen, bei denen man sich fragt: „Wie kann einer so viel tun, und alles was er tut, gelingt ihm? Er kann sich ja nicht auf den Kopierer legen und auf „Start“ drücken! Oder gibt es ein paar Klone von ihm?“

Ein solcher Mensch ist ohne Zweifel der Ausnahme-Musiker und Aktivist Sting. Um ein paar Beispiele zu geben, was er bisher alles unternommen hat, fange ich ausnahmsweise nicht mit dem an, was er musikalisch auf dem Kasten hat.

Seit 1987 unterstützt Sting Raoni, den Häuptling der Kayapó, in seinem Kampf für den Erhalt des Regenwaldes am Amazonas und hat wiederholt und erfolgreich mit ihm gegen Rodungs- und Staudamm-Projekte protestiert, die sonst den Regenwald in Brasilien gravierend und irreparabel zerstört und den Kayapó und anderen Indianerstämmen ihren Lebensraum genommen hätten.

Etwa seit derselben Zeit setzt er sich für die Witwen und Waisen in Chile ein, deren Männer und Väter zur Zeit der Pinochet-Militärdiktatur ohne Prozess oder Angabe von Gründen verhaftet oder verschleppt wurden und zum Teil bis heute auf Nimmerwiedersehen verschwunden sind. Seit den späten 1980er Jahren erinnern diese Witwen und Waisen regelmäßig an den ungeheuren Verlust, der ihnen widerfahren ist, indem sie sich auf der Straße versammeln und tanzen.

Mit den Album Soul Cages aus dem Jahr 1991 und dem Musical und gleichnamigem Album The Last Ship von 2013 klagt Sting den Niedergang der eins blühenden Schiffsbau-Industrie in seiner Heimatstadt Newcastle an, aber auch den Verfall des Bergbaus in Nordengland, durch den eine ganze Region ebenso verarmt, dahinsiecht und zu Grunde geht wie bei uns das Ruhrgebiet in Nordrhein-Westfalen.

Nach den massiven islamistischen Terroranschlägen, die die Welt seit 2015 heimsuchen und Paris häufiger als irgendeine andere Stadt oder Gegend Europas angreifen, war es Sting, der den Nachtclub Bataclan nach dem verheerenden Gemetzel im Jahr 2016 neu eröffnete und mit diesem Benefiz-Auftritt und seinem Folgekonzert von 2017 den Bürgern von Paris Mut, Trost und Zuversicht zusprach.

Wenn er sich nicht gerade ehrenamtlich für eine Sache einsetzt, geht er mit berühmten und bedeutenden Musikern wie Sinéad O’Connor, Annie Lennox, Paul Simon oder Peter Gabriel auf Tournee, um an sie und ihre Lebensleistung zu erinnern. Nebenbei hielt und hält er in Großbritannien und den USA an renommierten Colleges Vorlesungen zu den Themen Musik, Literatur und Kultur.

Ganz nebenbei: Im Jahr 2003 wurde Sting als Musik- und Kulturbotschafter seines Landes von Queen Elizabeth II. zum Commander of the British Empire geschlagen und dürfte sich demnach Sir Gordon Matthew Thomas Sumner nennen.
Tut er aber nicht. Er bleibt, wer und was er ist: schlicht und einfach Sting.

Nicht schlecht für den Sohn eines Milchmannes aus Wallsend, einem Vorort von Newcastle upon Tyne nahe an der Grenze zu Schottland, der seine Laufbahn ganz bescheiden als Lehrer für Englisch, Musik und Sport begonnen und sich als Bauarbeiter und Busfahrer hin und wieder ein paar Pfund dazu verdient hat!

Auch in musikalischer Hinsicht gelingt diesem Mann alles, was er sich vornimmt.

Von 1978 bis 1983 brachte er gemeinsam mit seinen Mannen von der Pop- und Rock-Band The Police ein Album nach den anderen heraus. Noch heute sind die Songs der ehemaligen „Polizisten“ weltweit bekannt:

  • fetzige Rock-Kracher wie Many Miles Away, Petrolhead oder Roxanne;
     
  • mystisch-geheimnisvolle Epen wie Spirits in a Material World oder Message in a Bottle;
     
  • Reggae-lastige Nummern wie So Lonely oder Walking on the Moon

    oder
     
  • gefühlvolle und zugleich doppelbödige, hintergründige Balladen wie Falling Down und das berühmte Every Breath You Take, das zugleich Stings Abschied von The Police markierte.

Als Solist war und blieb er indes auf den Konzertbühnen dieser Welt nie allein, meist hat er seine bewährten Freunde und Mitstreiter dabei: den Keyboarder und Co-Sänger Kipper, den Drummer Josh Freeze und nicht zuletzt den kongenialen Gitarristen und Kumpel Dominic Miller. Ihre beiden Söhne, Rufus Miller und Joe Sumner, gesellen sich hin und wieder dazu.

Die Lieder, die Sting geschrieben hat und mit seinen Mannen singt und spielt, sind überwiegend von einer nachdenklichen, träumerisch-melancholischen Stimmung geprägt, ob nun eine klassische Country-Nummer wie I Hung My Head, Folk-Songs wie Fields of Gold oder Pretty Young Soldier oder stille, fast nur mit der Flamenco-Gitarre begleitete Balladen wie Shape of My Heart oder Fragile.

Doch dann und wann tut Sting immer wieder etwas Neues, Unerwartetes. So verlässt sein Song Desert Rose aus dem Jahr 1999 die regenverhangenen grünen Hügel Großbritanniens und galoppiert auf dem Rücken eines Berberpferdes durch das Dünenmeer der nördlichen Sahara, begleitet vom Rak, dem wilden, ekstatischen Trommelrhythmus der Imazighen, der in Marokko, Algerien und Tunesien - sprich, im gesamten Maghreb - bekannt und beliebt ist.

Im Album Songs from the Labyrinth von 2006 verlässt er die Rock- und Popschiene ganz und gar und widmet sich der Laute und den ebenso zarten wie präzise strukturierten Liedern des britischen Barock-Komponisten John Dowland.

If On a Winter’s Night aus dem Jahr 2009 ist, wie der Name schon sagt, vor allem dem Winter und seinen Stimmungen gewidmet, aber auch der Weihnachtszeit. Die Lieder dieses Albums klingen wie ein Crossover aus Jazz und Barock und haben nicht das Geringste mit Rock oder Pop zu tun. Zu meinem Erstaunen erklingt hier das alte Weihnachtslied Es ist ein Ros‘ entsprungen fast so schlicht, wie es im Gesangbuch steht, nur eben auf Englisch anstatt auf Deutsch.

Bis er 2013 zu seinen Wurzeln zurückkehrt und mit The Last Ship ein Musical oder eher ein Rock-Oratorium hinlegt!

Für einen einzigen Menschen und nur ein Leben ist all das eigentlich viel zu viel!

Und doch ist Sting sich immer treu geblieben und ganz bei dem, was er tut. Er kommt mit einer Ruhe und Gelassenheit daher, als hätte er alle Zeit der Welt, steht in Jeans und T-Shirt mit seiner abgegriffenen Gitarre, der man den jahrzehntelangen Einsatz ansieht, auf der Bühne des Pariser Olympia und strahlt eine Ruhe und Selbstverständlichkeit aus, die weder sich noch irgendjemandem etwas beweisen muss.

Sting macht sein Ding, einfach weil er es kann.

Wenn ich irgendwann in meinem Leben dorthin käme, wo er jetzt ist, hätte ich viel geschafft und gewonnen…



21.03.2020 - Der ganz und gar nicht kaltblütige Truman Capote
Zu „Kaltblütig“ sagten die Kommentatoren, der Titel beziehe sich sowohl auf die eiskalte, gefühllose Art, wie die Morde verübt wurden, als auch auf die Mühlen der amerikanischen Justiz auf dem Weg zum Todesurteil und zur Hinrichtung, und nicht zuletzt auf die Art, wie Truman Capote das Vertrauen der beiden inhaftierten Raubmörder gewann, über sie schrieb und ihre Hinrichtung scheinbar ungerührt hinnahm, um sein Werk so vollenden zu können, wie er es beabsichtigt hatte. Mehr wusste und erfuhr ich nicht mit meinen damals vierzehn Jahren. Da der Name „Capote“ für mich ähnlich klang wie „Al Capone“ und Truman Capote offensichtlich mit Schwerverbrechern Umgang gehabt hatte, hielt ich ihn für einen schreibenden Mafioso nach dem Motto: „Ich mache ihm ein Angebot, das er nicht ablehnen kann.“ Mit so einem Schriftsteller wollte ich nichts zu tun haben und von ihm auch nichts lesen. Punkt. Aus. Bis ich vor drei Jahren von meiner früheren Gautinger Mitbewohnerin den Roman „Frühstück bei Tiffany“ zu Weihnachten geschenkt bekam.


Der ganz und gar nicht kaltblütige Truman Capote

Es war im Jahr 1984, als ich zum ersten Mal den Namen „Truman Capote“ hörte, als die Nachricht seines Todes um die Welt ging. In ihren Nachrufen erwähnten die Nachrichtensprecher „Kaltblütig“, seinen mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichneten Tatsachenroman. Er handelt von dem brutalen Raubmord zweier Kleingangster, die wegen US$ 300,-- Bargeld eine Südstaaten-Familie komplett auslöschten, und der Zeit von ihrer Inhaftierung bis zu ihrer Hinrichtung auf dem elektrischen Stuhl.

Zu „Kaltblütig“ sagten damals die Kommentatoren, der Titel beziehe sich sowohl auf die eiskalte, gefühllose Art, wie die Morde verübt wurden, als auch auf die Mühlen der amerikanischen Justiz auf dem Weg zum Todesurteil und zur Hinrichtung, und nicht zuletzt auf die Art, wie Truman Capote das Vertrauen der beiden inhaftierten Raubmörder gewann, über sie schrieb und ihre Hinrichtung scheinbar ungerührt hinnahm, um sein Werk so vollenden zu können, wie er es beabsichtigt hatte.

Mehr wusste und erfuhr ich nicht mit meinen damals vierzehn Jahren. Da der Name „Capote“ für mich ähnlich klang wie „Al Capone“ und er offensichtlich mit Schwerverbrechern Umgang gehabt hatte, hielt ich Truman Capote für einen schreibenden Mafioso nach dem Motto: „Ich mache ihm ein Angebot, das er nicht ablehnen kann.“

Mit so einem Schriftsteller wollte ich nichts zu tun haben und von ihm auch nichts lesen. Punkt. Aus.

Bis ich vor drei Jahren von meiner früheren Gautinger Mitbewohnerin den Roman „Frühstück bei Tiffany“ zu Weihnachten geschenkt bekam. Das Buch ist heute kaum mehr bekannt, aber den berühmten Film mit Audrey Hepburn als Holly Golightly, der sie zur Stil-Ikone der 1960er Jahre machte, kennen immer noch viele Leute.

„Frühstück bei Tiffany“ beginnt mit dem Satz: „Ich bin jemand, den es an die Orte zieht, an denen er früher einmal gewohnt hat.“ Der Erzähler betritt eine Bar, die er regelmäßig aufsuchte, als er dort wohnte, und unterhält sich mit dem Barkeeper George, mit dem er gut befreundet ist.

In ihrem Gespräch kommen sie auf Holly Golightly, ein New Yorker Partygirl, bei dem regelmäßig namhafte Mitglieder der Oberen Zehntausend ein- und ausgingen und das die große Ambition hatte, eines Tages einen Multimillionär zu heiraten.
Bis sie eines Tages in einer Nacht- und Nebel-Aktion aus New York fliehen musste und das nächstbeste Flugzeug nach Brasilien nahm, um ihren Multimillionär zu suchen.

Jahrelang hört und sieht niemand etwas von ihr, bis bei einer Expedition irgendwo in Westafrika auf einmal ein Lebenszeichen von ihr auftaucht: in Gestalt einer Holzfigur, die ein – offensichtlich immer noch in sie verliebter – afrikanischer Holzschnitzer von ihr angefertigt hat, um sich die Erinnerung an sie zu bewahren. Offenbar ist sie einmal mehr weitergezogen…

Auch George und der Erzähler erinnern sich an sie, denn beide haben Holly Golightly – jeder auf seine Art - geliebt und nie vergessen.

Solche Menschen gibt es, und sie müssen nicht notwendigerweise reich und berühmt sein. Sie haben etwas Besonderes in ihrer Ausstrahlung, ihrer Art, ihrem Wesen, das einen anzieht und das man nie wieder vergisst. Doch sie bleiben nicht oder man selbst bleibt nicht - man kann sie nicht festhalten.

Für mich ist es eine Geschichtslehrerin in der siebten Klasse, die unscheinbar aussah und ebenso unscheinbar gekleidet war, aber von den alten Ägyptern, den alten Griechen, den alten Römern mit so viel Phantasie und Lebendigkeit zu erzählen vermochte, dass Geschichte bei ihr nie ein trockener Stoff, sondern ein packendes, fesselndes Abenteuer war – das Abenteuer Menschheit.

Und es ist eine Dozentin, die wir in „Fachübersetzung Geisteswissenschaften Deutsch-Englisch“ am Institut für Fremdsprachen und Auslandskunde in Erlangen hatten und die eine Lebendigkeit und Lebensfreude in sich hatte, wie ich sie selten bei einem Menschen gesehen habe, ebenso eine nie versiegende Begeisterung für die Kultur von Großbritannien und Irland und deren große Gestalten aus der Literatur und den bildenden Künsten.

Wie auch immer, als ich am Ende von „Frühstück bei Tiffany“ angelangt war, sagte ich mir, dass einer, der Menschen mit so viel Wärme, Lebendigkeit und Wahrhaftigkeit porträtieren kann, kein Gangster oder gar Mafia-Boss und schon gar kein kaltblütiger, gewissenloser Mensch sein kann.

Zufällig brachte genau zu der Zeit, als meine Mitbewohnerin mir diesen Roman schenkte, der kleine unabhängige Kein und Aber-Verlag das gesamte schriftstellerische Schaffen von Truman Capote heraus... Ich hatte Blut geleckt und musste der Spur folgen, die er in mir hinterlassen hatte.

Nach und nach holte ich mir:

„Die Grasharfe“, ein leicht melancholisches Werk über aufblühende und scheiternde Lebensträume;

den Roman „Andere Stimmen, andere Räume“ aus den Sümpfen von Alabama – und in einem fiebrigen Sumpf scheinen der elfjährige Halbwaise, seine Tante, sein Cousin und das seelische und körperliche Wrack, das sein Vater ist, dahinzutreiben und zu versinken;

„Baum der Nacht“, eine Sammlung seiner Kurzgeschichten und Erzählungen, die von Menschen und deren Schicksale erzählen;

und zuletzt „Die Hunde bellen“ - die Sammlung seiner Porträts von und Gespräche mit Berühmtheiten der 1950er
und 1960er Jahre, die im „Esquire“, „Harper’s Bazaar“ und „New Yorker“ erschienen.

Aus dem, was ich las, tauchten für mich nicht nur die Menschen auf, die er im Lauf seines Lebens und seiner Reisen kennenlernte, sondern auch Truman Capote selbst:

Der kleine Junge, den seine Mutter eines Tages verließ, um nach New York zu gehen und dort berühmt zu werden und die sich eines Tages mit einer Überdosis Veronal das Leben nahm. Sein Vater, der, nachdem seine Frau fortgezogen war, mit seinem Sohn nichts mehr anfangen konnte und ihn bei seinen beiden unverheirateten Schwestern in Obhut gab. Später erhoben abwechselnd Mutter und Vater wieder Anspruch auf ihren Sohn; doch kaum war er bei ihnen, ließen sie ihn bald links liegen und kümmerten sich um ihre eigenen Interessen und die Kreise, in denen sie verkehrten.

Der kleine Junge, der lange und viel allein war und sich, um Zerstreuung und Gesellschaft zu haben, erst bei seinen Tanten in Alabama, dann bei seiner Mutter in New York die Bücher nach und nach aus dem Regal holte und sie verschlang, bis er bald selbst zu schreiben begann und für sein Leben nur das eine Ziel kannte: Schriftsteller zu werden. Durch sein frühes Schreiben und Lesen wurde er altklug; das, was man einen kleinen Professor nennt.

Und der kleine Junge, der den Biss einer Mokassinschlange und einen Blinddarm-Durchbruch mit knapper Not überlebte und seither weiß, was Todesangst und Ringen mit dem Tod ist.

Wenn zum Kindsein Sorglosigkeit, Unbekümmertheit, Behütetsein und Geborgenheit gehören, dann war Truman Capote nie ein Kind, eher ein Erwachsener im Körper eines Kindes.

So ähnlich müssen ihn auch die New Yorker Kreise gesehen haben, in denen er verkehrte: ein kleiner, leicht untersetzter blonder Mann mit einer runden Brille, der mit einer hohen, kindlich klingenden Stimme sprach und sich mit Accessoires wie Schals, Kappen und Hüten und Ringen schmückte…

Kurz: ein komischer Kauz, ein Sonderling. So einen nehmen die anderen nicht ernst, nicht für voll. Zugleich aber öffnen sie sich ihm und erzählen ihm Dinge, die sie oft nicht einmal ihren Angehörigen anvertrauen würden.

Und Truman Capote hatte eine Eigenschaft, die ihn zu einem Menschenflüsterer machte: Er sprach mit allen, denen er begegnete, auf Augenhöhe. Er stellte sich nie über jemanden, sondern auf ihn ein. Und er hörte jeder und jedem zu und ließ sie sein, wie sie waren.

Er hat einmal gesagt, durch sein genaues Beobachten von Menschen und sein ausgezeichnetes Gedächtnis wisse er ganz genau, wie er Menschen so für sich einnehmen könne, dass er von ihnen bekäme, was er wolle. Auch, dass alles, was er schrieb, technisch und stilistisch durchdacht, geplant und ausgeklügelt war.

Doch von seinem Wesen her war er weder ein sezierender Analytiker noch ein kalter Techniker. Sonst hätte er nicht über Elizabeth Taylor und Marilyn Monroe so schreiben können, wie er es tat: Nicht wie ein Journalist, der einen Star hochjubelt oder ihn verreißt, je nachdem, was aktuell die Mode oder der gesellschaftliche Trend ist. Sondern wie ein Freund, der eine ihm nahestehende Freundin zum Leben erweckt.

Sonst hätte er seine Tante Sook Faulk, die Zeit ihres Lebens nicht über den geistigen Stand einer Zwölfjährigen hinauskam, nicht als eine zugleich so weise und herzensgütige Frau porträtiert wie in seiner Erzählung „Thanksgiving Day“ und seinen Weihnachtserinnerungen.

Und sonst hätte sein Tatsachenroman „Kaltblütig“ nicht all seine Kräfte aufgezehrt und ihm nicht in psychischer Hinsicht das Genick gebrochen, so dass er danach zwar noch schrieb, aber keine großen, Aufsehen erregenden Werke mehr liefern konnte.

Die letzten Jahre seines Lebens verbrachte er in Obhut einer New Yorker Freundin, bis er vereinsamt und sowohl körperlich als auch seelisch zerrüttet mit sechzig Jahren starb. Doch noch zwei Tage vor seinem Tod vollendete er seine letzte Widmung: „Erinnerungen an Willa Cather“, eine Autoren-Kollegin aus den Südstaaten. Insofern blieb er sich treu, blieb Schriftsteller bis zum Schluss…



15.03.2020 - Travellers auf freiwilliger Basis - Die Kelly Family
Die Kelly Family, auf die ich mit meiner Einführung hinauswill, stammt nicht von irischen Travellers ab. Ihr Gründer und Familienvater Dan Kelly, dessen Großvater Sean O’Kelley in die USA emigriert war wie viele Iren, die Mitte des 19. Jahrhunderts ihre Insel verließen, um dem Hungertod auf Grund der Kartoffelfäule zu entrinnen, hatte einst mit seiner ersten Frau und vieren seiner vielen Kinder einen festen Wohnsitz in Erie nahe beim Michigan-See. Er hatte an einem Jesuitenkolleg katholische Theologie studiert, später Philosophie und Literatur, und arbeitete einige Zeit lang als Lehrer. Eine kreuzbrave bürgerliche Existenz eigentlich.


Travellers auf freiwilliger Basis – Die Kelly Family

Neben den Völkern und Volksgruppen dieser Welt, die in einem bestimmten Landstrich ihren festen Wohnsitz haben und ihn nur zeitweise verlassen, gab und gibt es auch solche, die sich für eine Weile irgendwo niederlassen, aber irgendwann ihre Zelte abbrechen und weiterziehen.

Die weltweit bekanntesten Völker, die in grauer Vorzeit aus Vorderindien kamen, den Ural überquert haben und im Lauf ihrer Geschichte durch ganz Europa reisten, sind die Sinti und Roma. Doch auch innerhalb der Nationen Europas gibt es Nicht-Sesshafte, die sich zwar als zu einem bestimmten Volk zugehörig, jedoch als eigener Stamm bezeichnen und ihre eigene Sprache, ihre Sitten, Traditionen und Gebräuche, ja ihr eigenes Gesetz haben.

Hierzu gehören bei uns in Deutschland die Jenischen (gibt es sie eigentlich heute noch?) und in Irland die Traveller; beide nennt man auch das Fahrende Volk. Ihren Lebensunterhalt verdienen sie als Händler, die Kurzwaren, notwendige oder auch nicht unbedingt notwendige Haushaltsartikel, Wundermittel und Amulette verkaufen; als Kleinhandwerker wie z.B. Korbflechter, Besenbinder, Kesselflicker oder Scherenschleifer; am häufigsten aber – und so gelang es ihnen am ehesten, sich bei den Sesshaften soviel Beliebtheit zu verschaffen, dass man sie duldete – als Musiker und Sänger.

Die Kelly Family, auf die ich mit meiner Einführung hinauswill, stammt nicht von irischen Travellers ab. Ihr Gründer und Familienvater Dan Kelly, dessen Großvater Sean O’Kelley in die USA emigriert war wie viele Iren, die Mitte des 19. Jahrhunderts ihre Heimat verließen, um dem Hungertod auf Grund der Kartoffelfäule zu entrinnen, hatte einst mit seiner ersten Frau und vieren seiner vielen Kinder einen festen Wohnsitz in Erie nahe beim Michigan-See. Er hatte an einem Jesuitenkolleg katholische Theologie studiert, später Philosophie und Literatur, und arbeitete einige Zeit lang als Lehrer. Eine kreuzbrave bürgerliche Existenz eigentlich.

Doch zur selben Zeit, als er seine spätere zweite Frau Barbara Ann Suokko kennen und lieben lernte, die in seinem Haushalt als Kindermädchen und Haushälterin arbeitete - und zwar so heftig, dass aus seiner Verbindung mit ihr zwei Kinder hervorgingen, er sich von seiner ersten Frau scheiden ließ und Barbara heiratete -, sagte er sich, dass das Streben nach Geld, Reichtum, Karriere und Ansehen, das in den USA die dominierende Geisteshaltung war und ist, die menschliche Seele korrumpierte, verdarb und zu Grunde richtete. Und seine Frau teilte seine Meinung voll und ganz.

Und so machten sich Dan und Barbara Ann Kelly mit ihren fünf Kindern eines Tages über den Großen Teich auf und wurden so etwas wie Travellers auf freiwilliger Basis. Sie landeten in Nordspanien an der Küste von Asturien, wo sie eine Taverne und ein Antiquitätengeschäft betrieben. Doch hier blieben sie nicht und tauschten ihr Haus gegen einen VW1-Bus, in dem sie fortan lebten.

Ihr Weg führte sie von Belascoain im Baskenland durch Frankreich, Belgien und die Niederlande, kurz nach Irland, dem Land ihrer Vorfahren, dann kreuz und quer durch ganz Deutschland mit einer längeren Winterpause auf einem Bauernhof im Schwarzwald, und schließlich an den Rhein, wo sie sich für längere Zeit niederließen.

Das hieß, wenn sie nicht gerade mit ihrem Doppeldeckerbus – ihre Familie war während ihrer langen Wanderschaft auf neun Kinder angewachsen, so dass sie im VW-1-Bus keinen Platz mehr hatten – in Deutschland, Österreich und der Schweiz oder auch in Skandinavien auf Tournee gingen.

In Deutschland wurden wir erstmals auf die Kelly Family um 1980 herum aufmerksam, als sie in schottischen Kilts in deutschen Samstagabend-Shows auftraten und das Lied sangen, das irgendwie ihr Schicksalslied war und ist: Who’ll Come With Me bzw. David’s Song aus der Serie Die Abenteuer des David Balfour.

Denn der Refrain von David’s Song ist das Anliegen, die Mission der Kelly Family: frei wie Zugvögel um die Welt zu reisen, Menschen kennen zu lernen und ihre Herzen zu gewinnen: „Wer kommt mit uns? Wer fliegt mit uns rund um die Welt? Fürchtet euch nicht! Wir kennen den Weg!“

Und fürwahr gelang es ihnen, in aller Herren Länder Menschen für sich zu gewinnen, die sie förderten und unterstützen, und ihre Herzen sowieso.

Doch sie hatten nicht nur Freunde. In Spanien und in Paris wurden sie mehrfach ausgeraubt, so dass sie finanziell und existenziell mehr als einmal vor dem Nichts standen. Für ihren unkonventionellen Lebensstil abseits aller Normen und Systeme wurden sie von den einen als eine Art Familiensekte, von den anderen als ungepflegte und ungebildete Asoziale diffamiert.

Gut, die Kinder der Kelly Family gingen nie zur Schule. Aber sie sprechen neben ihrer englischen Muttersprache fließend Spanisch, Französisch und Deutsch und sind seit jeher, wohin sie auch kamen, für ihr höfliches, freundliches Benehmen bei jederfrau und jedermann bekannt. Sieht so ein Mangel an Bildung und Erziehung aus?

Auch gab es immer wieder namhafte Presseorgane, die dem Familienvater vorwarfen, durch das einseitige Leben als fahrende Musikanten hätte er seinen Kindern das Recht auf einen „anständigen Beruf“ verweigert. Nun, diese Kinder konnten neben Singen und Musizieren: eine Konzertbühne auf- und abbauen, Stromversorgung, Beleuchtung und Soundanlage selbst einrichten und einstellen, ihre eigenen Kostüme schneidern und nähen, ihre Tourneen planen, bei den Behörden ihre Konzerte anmelden und mit ihnen die Auftrittsgenehmigungen aushandeln…

Das sieht für mich 1.) nach einem anständigen und 2.) nach einem knallharten Beruf aus, bei dem mancher Arbeitnehmer in die Knie gehen würde, wenn er ein solches Pensum stemmen müsste. Allen Miesmachern und Neidhammeln kann ich nur sagen: Probiert es aus und macht eine Konzert-Tour durch Deutschland eine Woche lang im Stil der Kellys – sprich, macht alles selbst! Hinterher reden wir noch einmal darüber…

Und eines kann den Kellys niemand nehmen: Sie sind professionelle Musiker. Alle können singen und beherrschen ihre Instrumente, mindestens zwei, manche sogar drei. Jede und jeder der Kellys ist ein Individuum mit einer eigenen Stimme, Präsenz und Ausstrahlung, und doch kommen sie in ihren Chor-Refrains alle wieder zusammen…

Und ob nun Michael Patrick und Maite sich vom Rest der Familie abseilen – sie haben ihre Gründe, und man sollte ihren Entschluss akzeptieren und respektieren, wie es der Kelly-Clan als Ganzes tut - und andere die Familientradition hochhalten wie Jimmy, der heute wieder als Straßenmusiker auftritt, und Angelo, der mit seiner Frau und seinen mittlerweile fünf Kindern im Camping-Bus von Ort zu Ort zieht wie einst seine Eltern: Besondere und vor allem feine Menschen sind sie alle!



14.03.2020 - Das Salz in der Suppe unserer Städte - Ralph Kiefer und die Münchner Straßenmusikanten
Meiner bescheidenen Meinung nach verdient Ralph Kiefer für seinen Mut, momentan in der Münchner Fußgängerzone auf der Straße aufzutreten, unsere Unterstützung. Er würde sich wünschen, dass man seine Musik kauft oder auf seine Website www.ralphkiefer.com geht.


Das Salz in der Suppe unserer Städte -

- Ralph Kiefer und die Münchner Straßenmusikanten -


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Jemand, der in der Fußgängerzone von München bzw. in irgendeiner Stadt in Deutschland oder Europa als Musikant auftritt, sollte nicht nur sein Instrument bzw. seine Stimme sicher im Griff haben – wer es nicht tut, geht auf der Straße schlicht und einfach unter –, sondern auch eiserne Nerven und ein dickes Fell.

Dass einer, der auf der Straße spielt und/oder singt, bei der Mehrheit der Passanten auf eine Mauer aus Gleichgültigkeit, Verdruss und Zeitdruck stößt, gehört zum Alltag eines Straßenmusikanten ganz einfach dazu. Mag das Publikum sein Lied oder Stück nicht, wird er sofort ausgebuht; mag es ihn nicht, aus welchem Grund auch immer, wird er beschimpft oder gar angepöbelt.

Seit in Europa und natürlich auch in München das Corona-Virus umgeht, ist der Umgang der Menschen miteinander, der schon seit 2015 kälter und rauer geworden ist, noch eine Spur gröber, je nach Laune und Nervenkostüm sogar ausfallend geworden.

Dass heute eine Verkäuferin mir gegenüber anmerkte, es gäbe Leute, die das Schicksal, sprich das Corona-Virus unnötig herausfordern, allein indem sie in der Stadt unterwegs sind, ist harmlos.

Wenn indes die Zeitungsmeldung wahr ist, dass ein Chinese, der die Straße entlang ging, einfach so, aus gottfreien Stücken mit „Corona, Corona“ angerufen und angespuckt wurde, ist das nicht mehr lustig.

Auch nicht die Geschichte, die mir gestern eine ältere Dame in Neuried erzählte, als wir beide die Sparkassen-Filiale verließen: Sie hätte sich wegen eines Kratzens und Brennens im Hals von ihrem Hausarzt untersuchen lassen, der eine leichte erkältungsbedingte Angina feststellte. Danach wollte sie ihr Rezept in der Apotheke abholen und wickelte, um ihre Umgebung und sich selbst zu schützen, ihren Schal um ihre Mundpartie und ihren Hals.

Als sie die Apotheke betrat, stieß eine andere ältere Dame sie mit dem Ellbogen zurück und fuhr sie an, was ihr einfalle, überhaupt auf der Straße unterwegs zu sein. Nur dank des beherzten Eingreifens einer anderen Kundin, die zu der Zeit auch in der Apotheke stand, konnte die ältere Dame in Ruhe ihr Medikament in Empfang nehmen und einstecken.

Nur als kleines Beispiel für die aktuelle Stimmungslage hier bei uns in München und Umland.

Wenn bei solch einer Stimmungslage einer oder mehrere Straßenmusikanten es noch wagen, in der Fußgängerzone aufzutreten, gehört dazu momentan ungewöhnlich viel Mut, Gelassenheit und Selbstvertrauen.

Und doch gab es heute einen Straßenmusikanten, der dies wagte; Ralph Kiefer, mit dem ich heute ausgemacht habe, dass ich über ihn diesen  Artikel schreibe und ihn beim Namen nenne.

Er hatte sein trag- und fahrbares Klavier aufgebaut, um die Pedale einige einfache kleine Trommeln gruppiert und spielte seine eigenen Klavierstücke, lächelte dabei freundlich und tiefenentspannt und maß sein Publikum - einige Passanten einschließlich meinereine trauten sich, stehenzubleiben und ihm eine Weile zuzuhören – mit ruhigem, klugem, gelassenem Blick.

Eine klassische Klaviersonate, ein Präludium von Bach oder eine Etüde von Chopin war es nicht; einfacher, seichter Pop auch nicht. Sein Stück oder seine Collage aus verschiedenen Stücken klang leicht, fließend und entspannend, ein wenig wie die Jazz-Piano-Stücke, die Ryan Gosling in LaLaLand spielt. Für einige Augenblicke gelang es ihm, die angespannt-gereizte Atmosphäre zu beruhigen und für ein Aufatmen, ja sogar ein wenig Heiterkeit zu sorgen..

Meiner bescheidenen Meinung nach verdient Ralph Kiefer allein für seinen Mut, momentan überhaupt öffentlich aufzutreten, unsere Unterstützung. Er würde sich wünschen, dass man seine Musik kauft oder auf seine Website www.ralphkiefer.com geht.

Genau diese Musik, die in den Straßen und Gassen einer Stadt ertönt, ist für mich das Salz in der Suppe. Gerade in München sind immer wieder gute Gruppen, Ensembles und Solisten unterwegs, und damit meine ich nicht nur die Lateinamerikaner, die jahrelang unser Bild von Straßenmusikanten geprägt haben.

Da ist dieses eine Quartett mit Geige, Bratsche, Cello und Klarinette, das nicht nur Bach, Pachelbel und Albinoni spielt, sondern auch die Ouvertüre zu Rossinis „Die diebische Elster“, Bizets „Carmen“ oder Mozarts Klarinettenkonzert.

Einst ging ein Bayer in Lodenjacke und mit Filzhut an den Musikern vorbei und hörte stumm zu. Als das Stück endete, zupfte er kurz an seinem Hut und brummte in seinen Bart: „Leit, deat’s eier Pulver aussa; de san guad!“ (Übersetzung für Nichtbayern: „Leute, rückt eure Kohle raus; die sind gut!“)

Da sind im Frühjahr oder frühen Herbst drei Klezmer mit Klarinette, Gitarre und Akkordeon, die ihre rasanten Rhythmen durch die Straße tanzen lassen, Rebbe Elimelech oder Un az der Rebbe tanzt singen und das eine Lied, bei dem ich leider nicht mitkomme und nur  „…mir wellen tanzen, ojojoj“ verstehe. Der Refrain ist allerdings einfach, nur: „Ojojojojoj… Ojojojojoj…“

Im November und in der Adventszeit wiederum tritt ein mongolisches Ensemble aus dem Altai-Gebirge auf. Einer spielt die Pferdekopf-Geige, ein anderer Hackbrett, und zwei zeigen ihr Können im „Khöömi“-Gesang, dem Obertonsingen, bei dem der Bass fast tiefer grollt als beim seligen Ivan Rebroff - leider nicht so melodisch -, und die hohen Töne so scharf und metallisch klingen, als hätten die Sänger eine Piccoloflöte verschluckt.

Den einen New Yorker Marimba-Virtuosen mit der Kippa auf seinem schwarzen Lockenkopf, der auf seinem Instrument mit vier Klöppeln jederzeit und ohne Mühe eine Gitarre, ein Klavier, ja eine Orgel zu ersetzen vermochte, habe ich schon lange nicht mehr gesehen.

Auch nicht das kleine ungarische Ensemble mit Geige, Klarinette und Cymbalon oder die Dame mit der Glasharfe aus pyramidenartig aufgebauten Kristallgläsern, die unterschiedlich hoch mit Wasser gefüllt sind und, wenn sie sie mit ihren grazilen flinken Fingern anstrich, einen unwirklich zarten, reinen und klaren Klang ergeben.

Von einer Gruppe ehemaliger Straßenmusikanten – zumindest einer ist es heute wieder, zwei andere gesellen sich hin und wieder dazu -, die noch heute in Deutschland, ja in ganz Europa und auch den USA bekannt ist, werde ich gesondert und etwas ausführlicher erzählen, denn ihre Geschichte ist so außergewöhnlich, und diese Gruppe hat so viel geleistet, dass sie ein eigenes Kapitel verdient: die Kelly Family. Doch zu ihnen komme ich morgen Abend im Blog-Bereich "Musik und Emotionen", aus Anlass des St. Patrick’s Day, den wir sonst zwischen Siegestor und Odeonsplatz und auch anderswo gefeiert hätten...