Der Brauertag und der Brotmarkt
„Hopfen und Malz, Gott erhalt’s!“
Dieser alte Sinnspruch der Brauer und Mälzer geht auf das Münchner Reinheitsgebot aus dem Jahr 1497 zurück, das später im bayerischen Reinheitsgebot von 1519 aufgegangen ist, und besagt, dass zum Brauen von Bier ausschließlich Wasser, Malz (= fermentierte Gerste oder Weizen) und Hopfen verwendet werden darf.
Und noch heute halten sich die großen Münchner Brauereien – Augustiner, Hacker-Pschorr, Hofbräu, Löwenbräu, Paulaner und Spaten – an dieses Gebot und feiern die Traditionen ihrer Zunft alle zwei Jahre mit einem Fest, dem Münchner Brauertag. Ebenso wie der Einzug der Festwirte auf die Theresienwiese und der Umzug der Trachten- und Schützenvereine zur feierlichen Eröffnung des Oktoberfestes, und der Gärtnerjahrtag, über den ich einmal berichtet habe und der auch dieses Jahr wieder stattfindet, läuft auch der Brauertag nach einem präzisen Regelwerk ab:
Zum Auftakt findet im Alten Peter, der ältesten Münchner Stadtkirche auf dem Peterbergl, ein feierlicher Gottesdienst statt, an dem die Vertreter der Brauereien und der Oberbürgermeister teilnehmen. Danach ziehen die Festgespanne unter den stampfenden, klappernden Hufen der schwarzen Percherons und der rotgoldenen Schwarzwälder Füchse und dem Klirren ihres silberbeschlagenen Geschirrs und Zaumzeugs zum Viktualienmarkt, wo vor 2020 der nächste Teil der Zeremonie stattfand.
Als die Münchner Brauereien 2024 den Brauch des Brauertages wieder aufleben ließen, wurde der zentrale Teil des Festaktes vor die Feldherrnhalle an den Odeonsplatz verlegt. Heuer, im Jahr 2026, reihten sich die festlich geschmückten Fuhrwerke am Marienplatz auf, zwischen der Mariensäule, dem Alten und dem Neuen Rathaus.
Und obwohl die Saison der Schäffler in diesem Jahr schon vorbei ist, haben sie zu Ehren der Mälzer und Brauer noch einmal ihren nicht weniger traditionsreichen Tanz aufgeführt. Was meiner Meinung nach in jeder Hinsicht angemessen ist, denn ohne Fässer könnte Bier weder abgefüllt werden noch zum Reifen lagern und auch nicht zum Ausschank transportiert werden...
Zu den Klängen der Trompeten und Posaunen einer Blaskapelle betreten alle, die im Jahr 2026 ihre Gesellenprüfung zum Brauer oder Mälzer erfolgreich abgelegt haben, in festlicher Tracht die vor der Mariensäule aufgebaute Festbühne, auf der alle frischgebackenen Brauergesellinnen und -gesellen einen Händedruck, ihren Gesellenbrief und sogar eine Art Ritterschlag bekommen, in diesem Jahr vom Sprecher der Wies’n-Festwirte:
Mit der Ferula, einem langen Holzspatel, mit dem Brauer früher die Maische im Braubottich umgerührt haben, berührt das Oberhaupt der Festwirte kurz die rechte Schulter der Gesellin oder des Gesellen, „schlägt sie/ihn frei“, wie es korrekt heißt. Zum Ritterschlag fehlt nur, dass sich der Geselle dabei nicht auf ein Knie niederlässt und nur die rechte und nicht auch die linke Schulter angetippt wird.
Nach dem Freisprechen oder Freischlagen bekommt jeder erfolgreiche Absolvent eine Maß Freibier in die Hand gedrückt. Heben alle gemeinsam ihren Maßkrug und stoßen an, ist dies zugleich das Startsignal für die Zuschauerinnen und Zuschauer, die sich auf dem Marienplatz versammelt haben:
Die großen Münchner Brauereien haben ihre Stände aufgebaut, an denen sie insgesamt 3.000 Liter Freibier für alle ausschenken, die genug Kondition und Geduld haben, um in einer langen Schlange zu warten, bis sie für ihre Maß Freibier an der Reihe sind, und nun ihrerseits auf den Tag und Anlass anstoßen.
Sind die mitgebrachten Fässer leer und ist die letzte Maß getrunken, zieht die Prozession der prunkvollen Festgespanne vom Marienplatz zum Hofbräuhaus, wo sich die Brauerinnen und Brauer mit einem Platzkonzert offiziell verabschieden.
Übrigens: Beim Brauvorgang ist der Mälzer die- oder derjenige, welche/r die Gerste oder den Weizen in einer extra dafür vorgesehenen Scheune mit einem langen Rechen in regelmäßigen Abständen wendet, solange, bis das Korn zu Malz fermentiert ist und dabei einen recht süßen, gehaltvollen Geschmack annimmt, die sogenannte Stammwürze.
Ist der Fermentiervorgang abgeschlossen, kommt das Malz zusammen mit Hopfen für die Bitterkeit und Hefe für den bevorstehenden Gärprozess in den mit klarem Wasser gefüllten Braubottich, und nun ist der Brauer an der Reihe, die Maische mit seiner langen hölzernen Ferula regelmäßig umzurühren, bis der Gärvorgang abgeschlossen ist.
Dann wird die Maische mehrmals gesiebt, in den großen kupfernen Braukesseln destilliert und von dort in riesige Fässer geleitet, in denen das Bier noch eine gute Weile reifen muss, bis es in die kleineren, für Brauhäuser und Bierzelte üblichen Holzfässer, die „Hirschen“, umgefüllt und an die Gaststätten, Wirtshäuser und Festzelte geliefert wird.
Bei allem Respekt, und so sehr mir auch bewusst ist, dass Bier in Bayern und München zu den Grundnahrungsmitteln zählt:
An diesem Brauertag habe ich mich nicht in die Schlange eingereiht und auf meine Maß Freibier gewartet. Denn zum einen war es ab 12:00 Uhr auf dem zum Großteil schattenlosen Marienplatz bei bis zu 34 °C brütend heiß, und zum anderen schaffe ich zwar eine Halbe Bier recht gut, aber bis heute ist mir eine Maß - sprich ein ganzer Liter - schlicht zuviel auf einmal.
Was das Frühlingsfest oder die Wies’n angeht, frage ich mich, wie manch ein Gast im Festzelt zwei oder gar drei Maß Bier schafft: Wie kann jemand danach noch stehen und gehen? Und wo trinkt sie/er solch eine Menge Flüssigkeit hin?
Unser tägliches Brot gib uns heute - Der Brotmarkt in der Neuhauser Straße
Vor dem Brauertag bin ich ebenfalls durch Zufall in ein neues Fest geraten, das mir 2025 erstmals auffiel und heuer vom 9. bis zum 13. Juni stattfand:
Vom Karlstor am Stachus bis zur Michaelikirche, von der jedes Jahr nach der Messe die Fronleichnams-prozession Richtung Marienplatz aufbricht, waren auf beiden Seiten der Neuhauser Straße die kleinen hölzernen Stände des Brotmarktes aufgebaut, in denen alle Betriebe, die der Münchner Bäckerinnung angehören, ihre mannigfaltigen Brotsorten zum Probieren und zum Kauf anboten.
Neben dem Wappen – Ferula und Rechen, die sich vor einem Bündel Getreideähren kreuzen und darunter ein Fass in Gold auf blauem Grund – ist das Zunftzeichen der Bäcker ein sechseckiger Stern, der aus zwei ineinandergeschobenen gleichschenkligen Dreiecken besteht. Wie eigenartig, dass der Davidsstern als Symbol des Volkes Israel und des Judentums und das Zunftzeichen der Bäcker die gleiche Gestalt haben! Das Emblem für eines der ältesten Völker und eines der ältesten Gewerbe der Welt...
Dabei war Brot in seiner ursprünglichen Form und ist in Teilen Afrikas und des Nahen Ostens bis heute nichts anderes als gemahlenes Getreide, das mit Wasser verrührt, zu einem Teig geknetet, auf einem heißen Stein ausgewalzt und auf beiden Seiten durchgebacken wird.
Irgendwann hat eine Bäckerin oder ein Bäcker herausgefunden, dass mit Wasser verrührtes Mehl, das man 24 Stunden lang zugedeckt an einem dunklen und kühlen Ort stehen lässt, Blasen wirft, auf den doppelten Umfang aufgeht und recht angenehm riecht und schmeckt: der Sauerteig, der lange Zeit beim Brotbacken das einzige zulässige Treibmittel zum Gehenlassen des Brotteiges war, bevor man dazu auch Hefe verwendete.
Da der Sauerteig „am Leben bleibt“ und weiter aufgeht, wenn man immer wieder Mehl und Wasser zu gleichen Teilen hinzugibt, kann man ihn teilen und mehrfach verwenden, solange man ihn kühl und frisch hält.
Schwierig ist Brotbacken nicht, nur erfordert es einen erheblichen Zeitaufwand und ein gewisses Maß an Kraft. Nach der Herstellung des Sauerteiges, die wie erwähnt 24 Stunden dauert, und dem Unterheben des Sauerteiges unter Mehl und Wasser muss der komplette Brotteig gründlich durchgeknetet werden. Dann muss er zugedeckt, kühl und dunkel noch einmal gut drei Stunden lang gehen, bevor er ein letztes Mal durchgeknetet wird.
Kurz vor dem Backen wird die Oberfläche des Brotlaibs mit einer Gabel mehrmals eingestochen, damit überschüssige Luft entweichen kann, und mit Wasser bepinselt, damit eine glänzende und gleichmäßig braune Rinde entsteht. Erst dann wird das Brot mit einer flachen hölzernen Schaufel in den vorgeheizten Backofen „eingeschossen“ und braucht dort eine gute Stunde Backzeit, bis man es aus dem Ofen holen kann, und noch einmal eine gute Stunde zum Abkühlen vor dem Anschneiden.
Doch so einfach die Herstellung von Brot ist: Über Jahrhunderte hinweg gab und gibt es kaum ein wichtigeres Grundnahrungsmittel, das Leib und Seele der Menschen derart zusammenhält und erdet, denn seine Grundlage stammt aus dem Erdreich. Aufgrund seiner essentiellen Wichtigkeit gab es auch für Brot lange Zeit ein Reinheitsgebot: Nur Getreide, Wasser, Sauerteig und eine Prise Salz durften beim Backen verwendet werden.
Wenn es sich herausstellte, dass in einer Bäckerei nicht peinlich sauber gearbeitet wurde, hagelte es einst drastische Strafen, und noch heute kann es ihr das Genick brechen, wie es zur Jahrtausendwende um ein Haar der weit über München hinaus bekannten Großbäckerei Müller ergangen wäre. Nur die ebenso kulante wie entschiedene Unterstützung durch den erfahrenen Inhaber der Hofpfisterei, der die junge Erbin des Unternehmens, die seinerzeit den Betrieb ihres Vaters frisch übernahm, seit Jahren kannte, hat damals die Bäckerei Müller vor dem Untergang bewahrt. Ein Fall, der von allen Münchner Zeitungen und auch im Umland in aller Ausführlichkeit ausgewalzt wurde...
Im Lauf der Jahrhunderte, vor allem seit Ende des 20. Jahrhunderts, wurde das Reinheitsgebot insoweit aufgeweicht, als heute außer den gängigen Getreidesorten Weizen und Roggen alle möglichen Grundstoffe verwendet werden: Hafer, Dinkel, Mais, Kartoffeln, gemahlene Wal- und Haselnüsse, sogar Bananen...
Auch wird ein Brot nicht mehr nur mit einer Prise Salz gewürzt. In den fränkischen Weinanbaugebieten an den Ufern des Mains gibt man gerne ein paar Körner Kümmel in den Brotteig. Das Ulmer Zuckerbrot, das ich vor Ort kennengelernt habe, wird mit Kümmel und Anissamen gewürzt und mit Rosensirup und Malaga-Wein bepinselt.
Auf die Rinde kommen Mohn und Sesam, Kürbis- und Sonnenblumenkerne und im Alpenvorland Blüten von Korn- und Sonnenblumen. In den Teig werden in Italien Oliven und Tomaten untergehoben, von Franken bis Oberbayern zur Advents- und Weihnachtszeit getrocknete Birnen, Datteln, Feigen und und und...
Kurz, auf dem Brotmarkt in der Münchner Fußgängerzone war an jenen vier Tagen im Juni eine riesige Vielfalt unterschiedlicher Brotsorten zu finden, die alle Betriebe, die der Bäckerinnung angehören, gut gelaunt und voller Stolz präsentiert haben!
Namen wie die Hofpfisterei, Rischart, Sickinger, Wimmer und Ziegler kenne ich aus dem Münchner Raum schon lange, während ich von anderen – wie vom Brothaus Schmidt, den Bäckereien Bachmair und Riedmair, dem Brez’n-Sepp oder der Dinkelei an diesem Tag zum ersten Mal gehört habe...
Ich stellte für mich fest, dass man sich im Alltag oft auf eine oder zwei Brotsorten „einschießt“, bei denen man bleibt – zumindest ist dies bei mir so -, während es so viele andere Möglichkeiten gäbe, den Frühstücks- oder Abendbrottisch zu bereichern…
Da an jedem Stand zwei oder drei Schalen mit Brotwürfeln zum Probieren auslagen, verfuhr ich nach dem Prinzip „Einen ins Kröpfchen, einen ins Töpfchen“ – bei mir in einen kleinen Frischhaltebeutel -, so dass ich, nachdem ich an allen Marktständen auf beiden Seiten der Neuhauser Straße vorbei defiliert war, eine Tüte Brotwürfel für ein Gourmet-Abendessen der etwas schrägen, aber köstlichen Art beisammen hatte.
Ach ja: Ein von mir auserwählter, mit Pesto und Mozzarella belegter Fladen, der obendrein mit Oliven und Tomaten gefüllt war, wurde von mir bezahlt und musste noch vor Ort dran glauben, auf einem Stuhl vor der Michaelikirche!