Ein Abend und eine Nacht in Venedig
Im Lauf des späten Nachmittags sind wir in unserem Fesselballon vom Gipfel des Monte Baldo aufgestiegen und lassen uns mit dem Wind aus Norden beständig nach Südosten treiben. Vom Korb unserer Montgolfiere aus sehen wir, wie die letzten Ausläufer der Alpen verschwinden und das Land in eine flache Ebene übergeht, durch die sich die Brenta gleich einem silbernen Band zieht, vorbei an manch einem idyllisch anmutenden Landsitz im Grünen.
Da uns der Wind kraftvoll und stetig vorantreibt und weder aussetzt noch umschlägt, taucht am Horizont bald das Ziel unserer Reise auf: die über hundert kleinen und winzigen Inseln, durch ebenso viele Brücken und Brückchen miteinander verbunden, aus denen sich die Stadt und Republik Venedig zusammensetzt.
Aus der Höhe unserer Montgolfiere zeichnet sich vor unserem Fernrohr die doppelte S-Kurve des Canal Grande ab, die sich als Lebensader durch die Stadt windet, und die kleinen und größeren Seitenkanäle, die von ihr abzweigen. Und schon liegt unser Landeplatz vor uns: der Molo des Bacino di San Marco mit Dogenpalast und Campanile, die Inseln San Giorgio Maggiore und La Giudecca, die dem Molo gegenüberliegen, und die Landzunge, auf der die Dogana und die Kathedrale Santa Maria della Salute steht und die zugleich die südliche Einfahrt in den Canal Grande markiert.
Wohin wir auch blicken: Alle Konturen der Landzungen und Vorsprünge, Kathedralen und Paläste heben sich so klar und scharf wie mit dem Winkelmesser gezogen ab; und all dies wirkt so leicht, schwerelos und grazil, als ruhe es nicht auf Pfählen und Fundamenten, sondern treibe in den blaugrünen, goldschimmernden Fluten der Lagune.
Als der Korb unseres Fesselballons in sicherer Entfernung zum Hafenbecken auf dem Molo aufsetzt, geht gerade die Sonne unter. Ihr Feuerball taucht Himmel und Meer in loderndes Karmensinrot und Gold, das überall dort aufgleißt, wo der Kiel eines Schiffes oder Bootes eine Spur durch die stille See zieht, während sich die Kathedralen und Paläste als schwarze Silhouetten gegen den feurigen Goldgrund des Abendhimmels abzeichnen. Es wird still, und die Stille bleibt, bis die letzten Strahlen der Sonne im Meer versunken sind.
Auf den Einbruch der Dunkelheit hat die ganze Stadt gewartet! In Scharen strömen die Menschen auf die Plätze und Brücken, Straßen und Uferbefestigungen hinaus und drängen sich an den Orten zusammen, die freien Blick über den Canal Grande oder das Hafenbecken gewähren, während sich die blauen und schwarzen Schatten der Nacht herabsenken.
Und dann schießen unter Prasseln und Knattern Feuergarben gen Himmel, in einer einzigen Explosion des Lichtes und der Farben! An den Fondamenti Nuove, über der Rialtobrücke und dem Molo bis nach La Giudecca, überall sprühen Fontänen in Silber, Gold, Granatrot, Smaragdgrün und Saphirblau auf, zeichnen Blumen, Ähren und Baumkronen an den samtblauen Nachthimmel.
Während in luftiger Höhe das Feuerwerk Funken sprüht und Geist und Seele der Menschen mit sich emporreißt, setzt sich an den Fondamenti Nuove alles in Bewegung, was schwimmen und gerudert werden kann. Galeeren und Barkassen, Flöße und Pontons, Barken und Boote gleiten schwerelos, aber ohne Eile in einer feierlichen Prozession den Canal Grande hinunter und dem Molo von San Marco entgegen.
Alles, was schwimmt und gleitet, ist festlich geschmückt, mit Unmengen an Blumen und brennenden Kerzen, mit wehenden Bändern und Standarten, die zwischen Booten oder Gondeln in Dreierformation gespannt sind und von ihren Besatzungen gehalten und gezogen werden.
Die Menschen, die auf den Brücken, Plätzen und Uferbefestigungen stehen und dem Schauspiel beiwohnen, stoßen mit Sekt und Wein an, naschen heißes Spritzgebäck, bewundern das Feuerwerk, winken den Besatzungen der Schiffe, Boote und Gondeln zu. Alles schaut und staunt und jubelt und ruft und winkt, als gäbe es kein Morgen.
Als die Fontänen und Feuergarben erlöschen und das Prasseln und Knattern des Feuerwerks verstummt, setzt auf den Galeeren, Barkassen und Gondeln Musik ein, teils von Bläsergruppen mit Hörnern, Trompeten und Fanfaren, teils von Streichquartetten, die deutlich leiser, aber klar und silberhell ihre Melodien empor senden.
Doch nicht nur draußen auf den Plätzen, Straßen und Brücken wird gefeiert. In den leicht und grazil anmutenden Palästen, die den Canal Grande und das Hafenbecken säumen, sind alle Innenhöfe, Treppen und Säulengalerien von Kerzen- und Fackelschein hell erleuchtet.
Auf den Treppen wimmeln Füße in blendend weißen Strümpfen und weichen Seidenschühchen, steigen unablässig treppauf und treppab und huschen an den Galerien entlang, während Damen in Reifröcken, spitzengesäumten Dekolletés und hoch aufgetürmten Frisuren und Herren in Seidenröcken, Spitzenhemden und Kniehosen sich verneigen, über einen Fächer hinweg lächeln und neugierig-verschmitzte Blicke tauschen.
Alle Räume sind erfüllt von Musik, wohin das Ohr lauscht, und Kerzenschimmer, wohin das Auge blickt. Champagner schäumt in die Sektgläser, begleitet von Lachen und Kichern, und ein Tablett nach dem anderen wandert an den Gästen vorbei, beladen mit Pralinen und Petits fours oder frittierten Knabbereien und Meeresfrüchten.
Unterdessen findet zur selben Zeit auf dem Trapez des Markusplatzes ein Turnier der Kavaliere statt, oder sagen wir eher die Choreographie eines Turniers. In enger Formation kommen die vier besten Reiter und Fechter der Leichten Kavallerie auf ihren Pferden herbeigesprengt. In vollem Galopp und mit wehenden Federhüten, Allongeperücken und Capes stürmen sie den Markusplatz. Während die Linke die Zügel des Pferdes hält, schwingt die Rechte den Degen, so dass die Klingen der Reiterquadrille gegeneinander klirren.
Die vier Herren von der Leichten Kavallerie verkörpern die Gestalten der vier Musketiere; und jeder weiß, dass sie zu Pferde und mit dem Degen nicht zu schlagen sind, solange sie ihrem alten Schwur gemäß vereint reiten und zuschlagen: „Einer für alle und alle für einen!“
Während die Fantasia zu Pferde auf dem Markusplatz mit klappernden Hufen und klirrenden Degen Runde um Runde ihren Lauf nimmt, findet zur selben Zeit im Dogenpalast ein großer Empfang statt.
Auf der obersten Stufe der Scala d’Oro, der Goldenen Treppe steht der Doge in seinem weiß-goldenen Gewand, von seinem Hermelin-Umhang umflossen, und empfängt die Ratsherren des Senats und Botschafter und Gesandte aus aller Herren Länder, die sich auf der Goldenen Treppe aneinanderreihen wie Perlen an einer Schnur, allein um mit dem Dogen ein paar Worte zu wechseln und sich seiner Zuwendung zu versichern.
Während auf den Straßen, Plätzen und Brücken, in den Palästen und Villen das pure Leben braust, brodelt und schäumt, geht es andernorts stiller und verschwiegener zu.
Entlang der kleinen Seitenkanäle, die vom Canal Grande abzweigen bzw. in ihn münden, ist nur das Licht der Straßenlaternen und Kerzenschimmer aus den Fenstern zu sehen, das Mauerwerk und Kanal in ein warmes orangerotes Licht taucht; ein flackernder Schein, der auf dem Grund tiefer Dunkelheit aufflammt.
Nur von diesem warm und intim anmutenden Schein begleitet, zieht eine Gondel auf dem Kanal still und leise ihre Bahn. In einem ruhigen gemessenen Rhythmus führt der Gondoliere sein Ruder, lässt sie lautlos und fast ohne Stoß und Druck durch die Dunkelheit gleiten.
Auf der Sitzbank ruht die Gestalt einer Dame in einer schwarzen, mit golddurchwirkten Rüschen verzierten Robe. Da eine Mantilla aus mit Goldstickerei verbrämter schwarzer Spitze ihr Gesicht verhüllt, ist von ihr nur wenig zu sehen; doch ihr volles lockiges Haar, der tiefe Glanz ihrer Augen und das, was der Schein der Kerzenflammen von ihren Zügen aus der Dunkelheit reißt und aufflammen lässt, ist von edlem Schimmer erfüllt.
Schließlich legt die Gondel an einem der Poller an, die sich vor dem Eingangsportal der Paläste erheben. Der Gondoliere vertäut seine Barke am Poller, wechselt vom Heck auf das Ufer hinüber und reicht der Dame eine Hand als Stütze.
In einer fließenden Bewegung erhebt sie sich von der Sitzbank, schwingt sich zur Uferbefestigung empor und klopft an das Portal. Schon öffnet sich die Eingangstür und hat ihre Gestalt verschlungen. Was mag sie hierher führen? Ein Geheimnis, das sie jemand Bestimmtem in diesem Palast nur zu dieser Stunde anvertrauen kann? Eine Liebe, die nicht sein darf? Niemand wird es erfahren, denn die Kanäle Venedigs sind diskret und bewahren ihr Schweigen…
In der Nacht nach diesem rauschenden Fest haben all jene, die erschöpft aber glücklich in ihre Kissen sinken und einschlafen, diesen einen Traum:
Ihnen ist, als sei die Stadt zum Meeresgrund hinabgesunken und als seien es Algen, Fische und Meerestiere, die nun zwischen den Palästen, Brücken und Kanälen dahintreiben und die Welt unter Wasser mit ihrem wogenden, tanzenden Leben erfüllen…
Karneval als Mahnmal der Vergänglichkeit
Anders als in Rio de Janeiro, an den Ufern des Rheins und im alemannischen Raum ist der Karneval in Venedig nicht primär eine lärmende, ausgelassene Angelegenheit. Gewiss sind Lebensfreude und Genuss durchaus geboten und gegeben, doch viele der Masken und Kostüme, die am Auge des Betrachters vorüberziehen, strahlen eher Stille und Verschwiegenheit aus, manche etwas Nachdenkliches, andere zum Teil etwas Melancholisches, fast Tragisches.
Die Starre und das blendende Weiß der Masken, hinter denen die Augen ausnahmslos dunkel und tief wirken, haben etwas Gespenstisch-Spukhaftes an sich, und immer wieder erscheinen Gestalten, die nicht winken, lächeln oder lachen, sondern stumm bleiben und einem nachdenklich oder hintergründig in die Augen sehen, bevor sie sich mit einer Verneigung oder einem Nicken abwenden.
Und ganz gleich, in welch verschwenderischer Fülle all diese Hauben, Hüte, Masken und Kostüme gestaltet und geschmückt sind: Ihrer Schönheit haftet der Schimmer von etwas Zerbrechlichem, Unwirklichem an, das sich in den Schatten der Nacht auflöst und vergeht.
Eine Tatsache lässt sich auch nicht abstreiten: Ganz gleich, wie ausgelassen die Menge getanzt und gejubelt, gezecht und geschmaust und das Leben genossen hat, früher oder später geht dieser rauschhafte Reigen zu Ende.
Am Abend des Faschingsdienstags wird die Figur des Arlecchino zwischen den Säulen von San Marco und San Todaro an einem Seil aufgehängt, und um Mitternacht, wenn die tiefste Glocke des Campanile von San Marco über den Molo und die Piazzetta hallt, wird diese Figur angezündet. Und während der Arlecchino verbrennt und die Glocke tönt, spricht die Menge die Worte: „Vorbei! Vorbei! Der Karneval ist vorbei!“
So ist der Karneval in Venedig nicht zuletzt ein Spiegelbild von Werden und Vergehen, von strahlendem Triumph und unausweichlichem Untergang, von Flüchtig-Vergänglichem und Zeitlos-Ewigem, von Leben und Tod.