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~ Auszug aus meinen Blogs ~




30.10.2026 - Geheimnisvolle Mächte in der Natur
Im deutschsprachigen Raum, sprich in Deutschland, Österreich und der Schweiz gibt es kaum eine Gegend oder einen Nationalpark, der vom Wirken der Menschen unberührt geblieben ist. Was wir bei uns als Natur in Gestalt eines Mischwaldes, Mittel- oder Hochgebirges sehen und durchqueren, wurde jahrhundertelang vom Menschen genutzt und gestaltet, und erst seit Beginn des 21.  Jahrhunderts bemühen sich Naturforscher, -schützer und Forstarbeiter zunehmend darum, das ursprüngliche Bild dieser Landschaft zu rekonstruieren. In der Taiga Norwegens, Schwedens, Finnlands und Sibiriens, im Norden Alaskas und Kanadas, in den Appalachen wie auch in den Bergwäldern Zentralafrikas nahe am Äquator gibt es bis heute Gebiete ohne bewohnte Orte, die unberührte, kaum erforschte Wildnis geblieben sind. Gleichwohl hat man durch dieses Gebiete Wanderwege angelegt, auf denen Menschen unterwegs sind, die eben jene echte, unberührte Natur erleben wollen. Seit etwa fünf Jahren bekomme ich in Podcast-Kanälen auf Youtube und anderswo mit, dass es immer wieder Wanderer gibt, die am Morgen von einer Hütte aufbrechen, aber nie am Endpunkt ihrer Tagesetappe ankommen. Übrigens kommt dies auch auf dem Mount Nyangani vor, einem Tafelberg mit einem ausgedehnten Hochplateau in Zimbabwe, und an den Hängen des Black Rock, einem Berg aus schwarzem Schiefer im Südösten Australiens. Wo auch immer Wanderer verschwinden, die Suche der Parkranger, die das Gebiet durchkämmen, bleibt oft stunden- und tagelang erfolglos. Nichts bleibt von ihnen zurück, das einen Hinweis darauf gibt, wohin sie gegangen sind, bis eine von zwei Möglichkeiten geschieht:


Geheimnisvolle Mächte in der Natur
 

Im deutschsprachigen Raum, sprich in Deutschland, Österreich und der Schweiz gibt es kaum eine Gegend oder einen Nationalpark, der vom Wirken der Menschen unberührt geblieben ist. Was wir bei uns als Natur in Gestalt eines Mischwaldes, Mittel- oder Hochgebirges sehen und durchqueren, wurde jahrhundertelang vom Menschen genutzt und gestaltet, und erst seit Beginn des 21.  Jahrhunderts bemühen sich Naturforscher, - schützer und Forstarbeiter zunehmend darum, das ursprüngliche Bild dieser Landschaft zu rekonstruieren.

Doch in der Taiga Norwegens, Schwedens, Finnlands und Sibiriens, im Norden Alaskas und Kanadas, im australischen Outback, in den Appalachen wie auch in den Bergwäldern Zentralafrikas nahe am Äquator gibt es bis heute Gebiete ohne bewohnte Orte, die unberührte, kaum erforschte Wildnis geblieben sind. Gleichwohl hat man durch dieses Gebiete Wanderwege angelegt, auf denen Menschen unterwegs sind, die eben jene echte, unberührte Natur erleben wollen.

Seit etwa fünf Jahren bekomme ich in Podcast-Kanälen auf Youtube und anderswo mit, dass es immer wieder Wanderer gibt, die am Morgen von einer Hütte aufbrechen, aber nie am Endpunkt ihrer Tagesetappe ankommen. Übrigens kommt dies auch auf dem Mount Nyangani vor, einem Tafelberg mit einem ausgedehnten Hochplateau in Zimbabwe, und an den Hängen des Black Rock, einem Berg aus schwarzem Schiefer im Südösten Australiens.

Wo auch immer Wanderer verschwinden, die Suche der Parkranger, die das Gebiet durchkämmen, bleibt oft stunden- und tagelang erfolglos. Nichts bleibt von ihnen zurück, das einen Hinweis darauf gibt, wohin sie gegangen sind, bis eine von zwei Möglichkeiten geschieht:

1. Die Leichen der vermissten Wanderer werden an einer Stelle gefunden, die von dem Ort, wo sie zuletzt gesehen wurden, meilenweit entfernt liegt, ohne dass die Parkranger zu erklären vermögen, wie sie dorthin gelangen konnten.

2. Die vermissten Wanderer tauchen an der Stelle auf, von der sie verschwanden, nachdem sie zuvor kein Suchtrupp dort gesehen hat. Sie erwecken einen verwirrten Eindruck, sind nicht imstande, zu erklären, was ihnen zugestoßen ist und wo sie unterwegs waren. Auch haben sie kein Gefühl für die Zeit, die vergangen ist: Nach ihrem Empfinden tappten sie maximal eine Stunde durch ein nebulöses Nichts, während sie in Wahrheit stunden- oder tagelang wie von der Erde wegradiert waren.

Seit Jahrhunderten beachten und respektieren die Indigenen Nordamerikas, Afrikas und rund um den Polarkreis das, was sich in den Tiefen der Wildnis regen und einen in die Irre führen mag, und haben unabhängig voneinander auf allen bewohnten Kontinenten dieser Erde Verhaltensregeln aufgestellt, die alle einhalten sollten, die sich in die unerforschten Gebiete unserer Erde wagen:

1. Verlasse nie den angelegten und markierten Pfad.

2. Trage nie die Farben Rot und Gelb; dies erregt die Aufmerksamkeit von Jägern.

3. Pfeif nicht, schrei nicht und lärme nicht herum, auch dies erregt die Aufmerksamkeit von Jägern.

4. Wenn du etwas Ungewöhnliches siehst, tu, als hättest du es nicht gesehen. Es ist ein Lockmittel; geh weiter.

5. Wenn du etwas Ungewöhnliches hörst, tu, als hättest du es nicht gehört. Es ist ein Lockmittel; geh weiter.

6. Wenn vor dir und um dich herum die Geräusche des Waldes auf einmal verstummen, dreh dich um und geh zurück.

7. Sei nach Einbruch der Dunkelheit im Zelt, im Haus oder in der Hütte.

8. Schließe alle Türen und Fenster und zieh die Vorhänge zu.

9. Schau nicht in die Dunkelheit hinaus; es könnte etwas zu dir herein schauen.

10. Wenn du keinen Besuch erwartest und es nachts an der Tür klopft oder jemand ruft, öffne nicht.


Was genau in der Wildnis leben und auf einen lauern soll, darüber schweigen sich die indigenen Völker dieser Erde aus. Tatsache ist aber, dass auf ihren Wanderungen und Streifzügen immer wieder Gefährten spurlos verschwanden, und dass sie diese Regeln aufgestellt haben, um sie vor Gefahren zu bewahren, für die sie keinen Namen, geschweige denn eine Erklärung hatten. Aus Jux und Dollerei sind sie gewiss nicht auf diese Regeln gekommen, sondern durch eigenes unmittelbares Erleben!



30.10.2026 - Zweifelhafte Erweckungen, die man lieber hätte bleiben lassen sollen
Ist es umgekehrt möglich, Lebloses zum Leben zu erwecken? Diese Frage kam zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Europa auf, als man die Kräfte und Wirkungen von Magnetfeldern und des aus ihnen entstehenden elektrischen Stroms entdeckte. Nicht nur, dass man Birnen zum Glühen und Motoren zum Laufen bringen konnte: In den Hörsälen von Universitäten experimentierten Professoren mit Amphibien und Vögeln, die sie an einem Draht aufhängten und Strom durch den Draht leiteten. Dass die Gliedmaßen der leblosen Versuchsobjekte beim Durchfluss des Stroms zu zucken begannen, ließ die Zuschauerinnen und Zuschauer glauben, die Elektrzität hätte die toten Tiere erneut zum Leben erweckt. Da das Experiment an Tieren glückte, versuchte man es auch mit den Leichen von Selbstmördern und hingerichteten Verbrechern – hier ist die Wissenschaft zum Teil der Lust an der Sensation und am Spektakel erlegen -, und da das Resultat dieselben Zuckungen der Gliedmaßen waren, erschrak das Publikum nicht wenig und meinte, es sei durch Elektrizität möglich, Tote wieder ins Leben zurückzuholen. Auf dieser Annahme beruht Mary Shelleys Roman Frankenstein – Der moderne Prometheus. Er erschien erstmals im Jahr 1818 und hat seither die Welt derart fasziniert, dass über Generationen hinweg immer wieder Adaptionen dieses Stoffes und im 20. Jahrhundert zahlreiche Verfilmungen daraus entstanden sind. Der Ursprung war eine stürmische, verregnete Nacht im Juni 1816, als Mary, die damals noch ihren Mädchennamen Wollstonecraft trug, ihr späterer Ehemann Percy Bysshe Shelley, ihre Stiefschwester Claire Clairmont und Lord George Gordon Byron in der Villa Diotati am Genfer See als Gäste einquartiert waren. Sturm und Dauerregen machte es den vier jungen Menschen unmöglich, auszugehen und etwas zu unternehmen; und da kamen sie auf die Idee, jede und jeder von ihnen sollte eine Schauergeschichte zu Papier bringen und sie den anderen erzählen, um gemeinsam zu entscheiden, welche Geschichte die beste war.


Zweifelhafte Erweckungen, die man lieber hätte bleiben lassen sollen

Ist es umgekehrt möglich, Lebloses zum Leben zu erwecken? Diese Frage kam zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Europa auf, als man die Kräfte und Wirkungen von Magnetfeldern und des aus ihnen entstehenden elektrischen Stroms entdeckte.

Nicht nur, dass man Birnen zum Glühen und Motoren zum Laufen bringen konnte: In den Hörsälen von Universitäten experimentierten Professoren mit Amphibien und Vögeln, die sie an einem Draht aufhängten und Strom durch den Draht leiteten. Dass die Gliedmaßen der leblosen Versuchsobjekte beim Durchfluss des Stroms zu zucken begannen, ließ die Zuschauerinnen und Zuschauer glauben, die Elektrzität hätte die toten Tiere erneut zum Leben erweckt.

Da das Experiment an Tieren glückte, versuchte man es auch mit den Leichen von Selbstmördern und hingerichteten Verbrechern – hier ist die Wissenschaft zum Teil der Lust an der Sensation und am Spektakel erlegen -, und da das Resultat dieselben Zuckungen der Gliedmaßen waren, erschrak das Publikum nicht wenig und meinte, es sei durch Elektrizität möglich, Tote wieder ins Leben zurückzuholen.

Auf dieser Annahme beruht Mary Shelleys Roman Frankenstein – Der moderne Prometheus. Er erschien erstmals im Jahr 1818 und hat seither die Welt derart fasziniert, dass über Generationen hinweg immer wieder Adaptionen dieses Stoffes und im 20. Jahrhundert zahlreiche Verfilmungen daraus entstanden sind.

Der Ursprung war eine stürmische, verregnete Nacht im Juni 1816, als Mary, die damals noch ihren Mädchennamen Wollstonecraft trug, ihr späterer Ehemann Percy Bysshe Shelley, ihre Stiefschwester Claire Clairmont und Lord George Gordon Byron in der Villa Diotati am Genfer See als Gäste einquartiert waren. Sturm und Dauerregen machte es den vier jungen Menschen unmöglich, auszugehen und etwas zu unternehmen; und da kamen sie auf die Idee, jede und jeder von ihnen sollte eine Schauergeschichte zu Papier bringen und sie den anderen erzählen, um gemeinsam zu entscheiden, welche Geschichte die beste war.

Alle hatten sich zuvor mit den von mir beschriebenen Experimenten mit der Elektrizität und auch mit den Schriften der Alchimisten des 15. und 16. Jahrhunderts wie Albertus Magnus und Paracelsus befasst, und in neuerer Zeit mit den Aufzeichnungen Friedrich Messmers zu Themen wie Hypnose, Seelenwanderung, der Aura des Menschen und dergleichen mehr; und diese Studien hatten bei Mary Wollstonecraft Shelley einen Alptraum ausgelöst, der zum Grundgerüst ihres Frankenstein-Romans wurde: die Erschaffung und Belebung eines künstlichen Menschen.

Wie genau dies geschehen sein soll, darüber schweigt sie sich aus und berichtet nur, dass der Arzt und Forscher Victor Frankenstein, der an der Universität von Ingolstadt wirkte, über Monate hinweg Geräte und Körperteile von Leichen sammelte, dass er sich danach monatelang in seiner Dachkammer einschloss und an seinem Experiment arbeitete, und dass ihm schließlich die Erweckung seiner Kreatur – nie hat er sie anders genannt – gelang.

Viel interessanter und relevanter sind für Mary die Folgen von Frankensteins Experiment: der 2,40 Meter große Riese und seine teils vollkommene, teils abstoßende Erscheinung erfüllt den jungen Arzt und Forscher derart mit Grauen und Abscheu, dass er unmittelbar nach der Belebung seines Geschöpfes auf und davon läuft und sich radikal von dem abwendet, was er geschaffen hat.

Die verwaiste und verlassene Kreatur hat zunächst Glück im Unglück: Sie wird von einem blinden Mann und seinen beiden Enkeltöchtern aufgenommen, eingekleidet, versorgt und erzogen. Da der Blinde das Geschöpf nie zu sehen bekommt, behandelt er es stets freundlich und mit Respekt, und seine beiden Enkelinnen überwinden ihr Grauen vor seiner gelben Haut und dem Geflecht der Adern und Sehnen, das sich deutlich darunter abzeichnet; zumindest soweit, dass auch sie sich mit Empathie und Fürsorge um ihn kümmern. Und so wird aus dem Geschöpf ein gebildeter, empathischer, tief und lebhaft empfindender Mensch.

Doch sobald sich dieser künstlich erschaffene Mensch aus dem Haus wagt und Kontakt zu anderen Menschen aufnimmt, stößt er auf Angst, Abscheu und Ablehnung, wo er Empathie, Anteilnahme und Freundschaft sucht. Sein blinder Ziehvater eröffnet ihm, auf welche Weise er entstanden ist; und fortan entsteht in ihm der Entschluss, die Spur seines Schöpfers aufzunehmen und sich an ihm für das Leben zu rächen, zu dem er ihn verdammt hat.

Er folgt Frankensteins Spuren über die Alpen bis zum Haus seiner Familie am Genfer See. Als Victor Frankenstein ihn erneut abweist und von sich stößt, tötet er seinen jüngsten Bruder Wilhelm und schiebt die Tat dem langjährigen Dienstmädchen der Familie in die Schuhe. Frankenstein erscheint nicht im Prozess vor Gericht, um auszusagen und die Unschuld der treuen Dienerin seiner Familie zu beweisen; zu sehr fürchtet er die Ächtung und Verstoßung durch die Menschen im Gerichtssaal, ja in der ganzen Stadt, wenn er bekennt, wer seinen Bruder getötet hat und weshalb. Und so lässt er das Fehlurteil und die aus ihr resultierende Hinrichtung geschehen.

Schließlich fragt er den von ihm erschaffenen künstlichen Menschen, was er tun muss, damit er von seiner Rache absieht und ihn künftig in Ruhe und unbehelligt leben lässt. Da verlangt er von seinem Schöpfer, dass er ihm eine gleichartige, ebenbürtige Gefährtin erschaffen soll, die sein Leben mit ihm teilt und ihm Gesellschaft leistet. Wenn Frankenstein dies für ihn tut, wird er sich mit ihr in die Stille zurückziehen und ihn verschonen. Wenn nicht, wird er ihn auf ewig dafür strafen, dass er ihn vom Tag seiner Entstehung an von der Gemeinschaft mit Menschen, ja von der bloßen Annäherung an sie ausgeschlossen hat.

 

In der Tat schickt sich Victor Frankenstein daraufhin an, die Bestandteile zusammenzusuchen, um für seine Kreatur eine gleichwertige, ebenbürtige Gefährtin zu erschaffen. Doch er hat gelernt, die Rachsucht seines Geschöpfes zu fürchten, und schreckt vor dem Gedanken zurück, aus der Verbindung der beiden könnten Kinder hervorgehen:

Was für eine neue Gattung von Menschen wäre das? Und mit welchen Merkmalen, vor allem mit welchen körperlichen, geistigen und seelischen Gebrechen und Defekten wären sie womöglich geschlagen?

Und so zerstört und vernichtet Frankenstein sein neues Geschöpf, noch bevor er es zum Leben erweckt. Mit dem Fluch und Racheschwur des künstlichen Menschen im Nacken flieht er aufs Neue vor ihm: „Wenn du mit deiner Braut Hochzeit hältst, werde ich in der Hochzeitsnacht da sein und sie töten, weil du mir meine Braut verweigert hast!“

Und so geschieht es. Nicht nur, dass er in der Hochzeitsnacht tatsächlich Victors Braut Elisabeth tötet; ihr Tod kostet auch seinen Vater das Leben, der nach dem Tod seines jüngsten Sohnes diesen erneuten, nicht weniger grausamen Schlag nicht übersteht.

So bleiben beide, Schöpfer und Geschöpf, durch das Band aus Schuld und Rache aneinander gekettet. Bis ans Ende seines Lebens, das zerstört und zerbrochen ist, bereut Victor Frankenstein sein vermessenes Experiment, und sein Geschöpf, das von seinem „Vater“ ein Leben lang abgelehnt, verleugnet und verlassen wurde, wählt angesichts der Hofflungslosigkeit seines Daseins den Tod in den Flammen eines Scheiterhaufens, den es selbst errichtet und anzündet.

Doch Frankensteins Kreatur ist nicht das einzige künstlich erschaffene Geschöpf, das in die Kulturgeschichte der Menschheit eingegangen ist. Im späten 16. Jahrhundert soll es in Prag ein Wesen gegeben haben, das aus Lehm entstand und mit vorgeschriebenen Gebeten und einem einzigen Wort zum Leben erweckt wurde: der Golem des Rabbi Löw, mit vollem Namen Jehuda ben Bezal’el Löw, der von 1524 bis 1609 lebte und zu den bedeutendsten Persönlichkeiten des Judentums zählt.

Er verbrachte seine Kindheit und Jugend in einem Dorf bei Posen in Polen und zeichnete sich schon früh durch seine rasche Auffassungsgabe, die Tiefe seines Glaubens an das Wirken des lebendigen Gottes Israels und die Schärfe und Kühnheit seines Denkens aus. Gleichwohl wirkte er zunächst in einer kleinen Gemeinde in Mähren, bevor er 1578 nach Prag zog, wo er zum Oberrabbiner und Vorsteher der jüdischen Gemeinde wurde und  zum persönlichen Berater des Kaisers Rudolf II. aufstieg, der Löws Interesse an philosophischen Fragen, wissenschaftlicher Forschung wie auch an Alchimie und den Lehren des Talmud und der Kabbala teilte.

Gegen 1580 flackerte in Böhmen und auch in Prag einmal mehr das alte und weitverbreitete Gerücht auf, Juden würden umherziehen und die Kinder von Christen stehlen, um sie als Blutopfer zu verwenden. Da entstand im Zehnerrat der jüdischen Gemeinde der Vorschlag, man bräuchte einen ständigen Wächter, der abends und nachts an den Grenzen des jüdischen Viertels auf Patrouille ging, um Zusammenstöße oder auch nur kritische Vorfälle zwischen Juden und Christen zu verhindern.

Und so beschlossen Rabbi Löw, sein Schwiegersohn Isaak Kohen und ein Talmudschüler des Rabbi, einen solchen Wächter zu erschaffen, der ihnen auch grobe Arbeiten abnehmen konnte: Holz hacken, Wasser aus dem Brunnen ins Haus holen, Getreide zur Mühle und Mehl nach Hause bringen, die Synagoge fegen und putzen und dergleichen mehr.

Am 17. März 1580 zogen dese drei Männer um vier Uhr morgens, noch weit vor Sonnenaufgang, aus den Toren der Stadt Prag hinaus, auf eine Wiese nahe am Ufer der Moldau, wo niemand hinkommen und Zeuge ihres Tuns werden würde. Aus dem feuchten Lehm des Flussbetts formten sie eine menschliche Figur mit Kopf, Armen und Beinen.

Alle drei stellten sich zu Füßen der Lehmfigur auf. Löws Schwiegersohn Isaak Kohen, der das Element Feuer verkörperte, sollte als erster sieben Mal die Figur im Uhrzeigersinn umkreisen und bei jeder Umkreisung ein bestimmtes Gebet sprechen. Schon nach der ersten Umkreisung begann die Lehmfigur von innen heraus zu glühen und beständig zu wachsen, und bis zur siebten Umkreisung war der Lehm zu Ton gebrannt und die Figur gut 1,80 Meter groß.

 

Dann war Rabbi Löws Talmudschüler an der Reihe, der für das Element Wasser stand. Auch er sollte die Figur sieben Mal umkreisen und bei jeder Umkreisung ein bestimmtes Gebet sprechen. Als er dies tat, schien der Lehm von innen heraus feucht und nass zu werden, und bis zur siebten Umkreisung waren ihm Kopf- und Barthaare, Finger- und Zehennägel gewachsen.

Als Letzter war Rabbi Löw als Vertreter des Elementes Luft mit seinem Gebet und den sieben Umkreisungen an der Reihe. Zum Schluss reihten sich die drei Männer am Fußende der Figur auf, und Löw sprach die Worte: „Und Gott hauchte ihm seinen Atem ein und erweckte ihn zum Leben“ aus dem 1. Buch Mose, Kapitel 1. Er schob der Gestalt aus Ton einen Zettel in den Mund, auf dem das Wort „Schem“ geschrieben stand, einer der erlaubten Namen Gottes.

Da begann sich die Gestalt zu regen, richtete sich auf und stellte sich auf die Füße.

Isaak Kohen hüllte den nackten Mann in die Gewänder eines Synagogendieners, und gemeinsam brachten die drei ihn ins jüdische Viertel zu Rabbi Löws Haus. Stehen, gehen und greifen konnte er, tat auch alles, was man ihm sagte, nur sprach er nie ein Wort. Löw gab ihm den Namen Joseph und stellte ihn als künftigen Diener der Gemeinde vor.

Sobald Löw ihm das Schem aus dem Mund nahm, saß der Golem still in einer Ecke, tat nichts, rührte sich nicht. Allein das Wort, in dem sich der lebendige Gott Israels verkörperte, erweckte ihn zum Leben; und er gehorchte nur Löws Worten und Anweisungen und niemand anderem.

Bald begab sich Joseph stumm und schweigend auf seine abendlichen und nächtlichen Patrouillerunden um das jüdische Viertel und erwies sich im Haushalt des Rabbis als tatkräftige Hilfe.

Doch einmal, an einem Sabbat, vergaß Rabbi Löw, dem Golem das Schem aus dem Mund zu nehmen, bevor er zur Synagoge ging. Und Joseph, der nicht wusste, was er tun sollte, begann aus gottfreien Stücken mit einem Knüppel um sich zu schlagen, verwüstete die Auslagen vor den Läden der Händler und Handwerker, schlug alles kurz und klein, was ihm in die Quere kam.

Eilends holte man Rabbi Löw zur Hilfe. Es soll genügt haben, dass er dem Golem gegenüber stand und ihm zurief: „Joseph, bleib stehen!“ Alsbald wurde er fromm wie ein Lamm und folgte seinem Herrn nach Hause, und künftig achtete Löw stets darauf, am Sabbat auf jeden Fall das Schem aus Josephs Mund zu nehmen.

Zu einer anderen Zeit forderte Löws Frau Joseph auf, für sie Wasser vom Brunnen für das Bad zur Reinigung vor dem Sabbat zu holen, damit die Badewanne später für sie bereit war, während sie zum Gebet in die Synagoge ging. Und dies tat Joseph. Eimer um Eimer schleppte er vom Brunnen ins Haus und leerte ihn in die Wanne aus – doch er hörte damit nicht auf! Als Löws Frau zurückkehrte, schwamm bereits der Boden des Badezimmers, und das Wasser lief über sämtliche Flure im Erdgeschoss; doch Joseph hörte nicht auf ihre Worte und Rufe. Dann kehrte Rabbi Löw in sein Haus zurück und rief erneut: „Joseph, bleib stehen!“ Allein auf ihn hörte er.

Im Jahr 1593 erließ Kaiser Rudolf II. auf Löws Bitte und Fürsprache hin ein Dekret, dass alle Juden, die in Prag oder sonstwo im Reich Böhmen und Mähren lebten, unbehelligt leben sollten und unter seinem Schutz standen.

Daraufhin meinte Rabbi Low zu seinem Schwiegersohn Isaak Kohen und seinem Schüler, da die Gefahr eines Pogroms nun vom jüdischen Volk abgewendet sei, bräuchte man die Dienste des Golems als Wächter nicht mehr. Möglich ist auch, dass ihm sein zuweilen unberechenbares Verhalten ein wenig unheimlich war.

Und so wiesen die drei Männer Joseph eines Nachts an, sich auf den Dachboden der Altneusynagoge zu begeben und dort schlafen zu gehen. Als er eingeschlafen war, stellten sich Rabbi Löw, Isaak Kohen und Löws Schüler diesmal am Kopfende der Gestalt auf. Löw nahm dem Golem den Zettel mit dem Schem aus dem Mund. Jeder der drei Männer umkreiste seine Gestalt sieben Mal entgegen dem Uhrzeigersinn und sprach ein Gebet; und währenddessen fiel die Gestalt in sich zusammen, schrumpfte und wurde wieder zu einer Lehmfigur, nur, dass sie diesmal Kleidung trug.

Als aus dem Mann wieder Lehm geworden war, ließ Rabbi Löw die Tür zum Dachboden der Altneusynagoge versiegeln und erließ ein Gebot, dass niemand diesen Dachboden betreten solle. Und so geschah es auch bis heute.

Alle hatten sich zuvor mit den von mir beschriebenen Experimenten mit der Elektrizität und auch mit den Schriften der Alchimisten des 15. und 16. Jahrhunderts wie Albertus Magnus und Paracelsus befasst, und in neuerer Zeit mit den Aufzeichnungen Friedrich Messmers zu Themen wie Hypnose, Seelenwanderung, der Aura des Menschen und dergleichen mehr; und diese Studien hatten bei Mary Wollstonecraft Shelley einen Alptraum ausgelöst, der zum Grundgerüst ihres Frankenstein-Romans wurde: die Erschaffung und Belebung eines künstlichen Menschen.

Wie genau dies geschehen sein soll, darüber schweigt sie sich aus und berichtet nur, dass der Arzt und Forscher Victor Frankenstein, der an der Universität von Ingolstadt wirkte, über Monate hinweg Geräte und Körperteile von Leichen sammelte, dass er sich danach monatelang in seiner Dachkammer einschloss und an seinem Experiment arbeitete, und dass ihm schließlich die Erweckung seiner Kreatur – nie hat er sie anders genannt – gelang.

Viel interessanter und relevanter sind für Mary die Folgen von Frankensteins Experiment: der 2,40 Meter große Riese und seine teils vollkommene, teils abstoßende Erscheinung erfüllt den jungen Arzt und Forscher derart mit Grauen und Abscheu, dass er unmittelbar nach der Belebung seines Geschöpfes auf und davon läuft und sich radikal von dem abwendet, was er geschaffen hat.

Die verwaiste und verlassene Kreatur hat zunächst Glück im Unglück: Sie wird von einem blinden Mann und seinen beiden Enkeltöchtern aufgenommen, eingekleidet, versorgt und erzogen. Da der Blinde das Geschöpf nie zu sehen bekommt, behandelt er es stets freundlich und mit Respekt, und seine beiden Enkelinnen überwinden ihr Grauen vor seiner gelben Haut und dem Geflecht der Adern und Sehnen, das sich deutlich darunter abzeichnet; zumindest soweit, dass auch sie sich mit Empathie und Fürsorge um ihn kümmern. Und so wird aus dem Geschöpf ein gebildeter, empathischer, tief und lebhaft empfindender Mensch.

Doch sobald sich dieser künstlich erschaffene Mensch aus dem Haus wagt und Kontakt zu anderen Menschen aufnimmt, stößt er auf Angst, Abscheu und Ablehnung, wo er Empathie, Anteilnahme und Freundschaft sucht. Sein blinder Ziehvater eröffnet ihm, auf welche Weise er entstanden ist; und fortan entsteht in ihm der Entschluss, die Spur seines Schöpfers aufzunehmen und sich an ihm für das Leben zu rächen, zu dem er ihn verdammt hat.

Er folgt Frankensteins Spuren über die Alpen bis zum Haus seiner Familie am Genfer See. Als Victor Frankenstein ihn erneut abweist und von sich stößt, tötet er seinen jüngsten Bruder Wilhelm und schiebt die Tat dem langjährigen Dienstmädchen der Familie in die Schuhe. Frankenstein erscheint nicht im Prozess vor Gericht, um auszusagen und die Unschuld der treuen Dienerin seiner Familie zu beweisen; zu sehr fürchtet er die Ächtung und Verstoßung durch die Menschen im Gerichtssaal, ja in der ganzen Stadt, wenn er bekennt, wer seinen Bruder getötet hat und weshalb. Und so lässt er das Fehlurteil und die aus ihr resultierende Hinrichtung geschehen.

Schließlich fragt er den von ihm erschaffenen künstlichen Menschen, was er tun muss, damit er von seiner Rache absieht und ihn künftig in Ruhe und unbehelligt leben lässt. Da verlangt er von seinem Schöpfer, dass er ihm eine gleichartige, ebenbürtige Gefährtin erschaffen soll, die sein Leben mit ihm teilt und ihm Gesellschaft leistet. Wenn Frankenstein dies für ihn tut, wird er sich mit ihr in die Stille zurückziehen und ihn verschonen. Wenn nicht, wird er ihn auf ewig dafür strafen, dass er ihn vom Tag seiner Entstehung an von der Gemeinschaft mit Menschen, ja von der bloßen Annäherung an sie ausgeschlossen hat.

 

In der Tat schickt sich Victor Frankenstein daraufhin an, die Bestandteile zusammenzusuchen, um für seine Kreatur eine gleichwertige, ebenbürtige Gefährtin zu erschaffen. Doch er hat gelernt, die Rachsucht seines Geschöpfes zu fürchten, und schreckt vor dem Gedanken zurück, aus der Verbindung der beiden könnten Kinder hervorgehen:

Was für eine neue Gattung von Menschen wäre das? Und mit welchen Merkmalen, vor allem mit welchen körperlichen, geistigen und seelischen Gebrechen und Defekten wären sie womöglich geschlagen?

Und so zerstört und vernichtet Frankenstein sein neues Geschöpf, noch bevor er es zum Leben erweckt. Mit dem Fluch und Racheschwur des künstlichen Menschen im Nacken flieht er aufs Neue vor ihm: „Wenn du mit deiner Braut Hochzeit hältst, werde ich in der Hochzeitsnacht da sein und sie töten, weil du mir meine Braut verweigert hast!“

Und so geschieht es. Nicht nur, dass er in der Hochzeitsnacht tatsächlich Victors Braut Elisabeth tötet; ihr Tod kostet auch seinen Vater das Leben, der nach dem Tod seines jüngsten Sohnes diesen erneuten, nicht weniger grausamen Schlag nicht übersteht.

So bleiben beide, Schöpfer und Geschöpf, durch das Band aus Schuld und Rache aneinander gekettet. Bis ans Ende seines Lebens, das zerstört und zerbrochen ist, bereut Victor Frankenstein sein vermessenes Experiment, und sein Geschöpf, das von seinem „Vater“ ein Leben lang abgelehnt, verleugnet und verlassen wurde, wählt angesichts der Hofflungslosigkeit seines Daseins den Tod in den Flammen eines Scheiterhaufens, den es selbst errichtet und anzündet.

Doch Frankensteins Kreatur ist nicht das einzige künstlich erschaffene Geschöpf, das in die Kulturgeschichte der Menschheit eingegangen ist. Im späten 16. Jahrhundert soll es in Prag ein Wesen gegeben haben, das aus Lehm entstand und mit vorgeschriebenen Gebeten und einem einzigen Wort zum Leben erweckt wurde: der Golem des Rabbi Löw, mit vollem Namen Jehuda ben Bezal’el Löw, der von 1524 bis 1609 lebte und zu den bedeutendsten Persönlichkeiten des Judentums zählt.

Er verbrachte seine Kindheit und Jugend in einem Dorf bei Posen in Polen und zeichnete sich schon früh durch seine rasche Auffassungsgabe, die Tiefe seines Glaubens an das Wirken des lebendigen Gottes Israels und die Schärfe und Kühnheit seines Denkens aus. Gleichwohl wirkte er zunächst in einer kleinen Gemeinde in Mähren, bevor er 1578 nach Prag zog, wo er zum Oberrabbiner und Vorsteher der jüdischen Gemeinde wurde und  zum persönlichen Berater des Kaisers Rudolf II. aufstieg, der Löws Interesse an philosophischen Fragen, wissenschaftlicher Forschung wie auch an Alchimie und den Lehren des Talmud und der Kabbala teilte.

Gegen 1580 flackerte in Böhmen und auch in Prag einmal mehr das alte und weitverbreitete Gerücht auf, Juden würden umherziehen und die Kinder von Christen stehlen, um sie als Blutopfer zu verwenden. Da entstand im Zehnerrat der jüdischen Gemeinde der Vorschlag, man bräuchte einen ständigen Wächter, der abends und nachts an den Grenzen des jüdischen Viertels auf Patrouille ging, um Zusammenstöße oder auch nur kritische Vorfälle zwischen Juden und Christen zu verhindern.

Und so beschlossen Rabbi Löw, sein Schwiegersohn Isaak Kohen und ein Talmudschüler des Rabbi, einen solchen Wächter zu erschaffen, der ihnen auch grobe Arbeiten abnehmen konnte: Holz hacken, Wasser aus dem Brunnen ins Haus holen, Getreide zur Mühle und Mehl nach Hause bringen, die Synagoge fegen und putzen und dergleichen mehr.

Am 17. März 1580 zogen dese drei Männer um vier Uhr morgens, noch weit vor Sonnenaufgang, aus den Toren der Stadt Prag hinaus, auf eine Wiese nahe am Ufer der Moldau, wo niemand hinkommen und Zeuge ihres Tuns werden würde. Aus dem feuchten Lehm des Flussbetts formten sie eine menschliche Figur mit Kopf, Armen und Beinen.

Alle drei stellten sich zu Füßen der Lehmfigur auf. Löws Schwiegersohn Isaak Kohen, der das Element Feuer verkörperte, sollte als erster sieben Mal die Figur im Uhrzeigersinn umkreisen und bei jeder Umkreisung ein bestimmtes Gebet sprechen. Schon nach der ersten Umkreisung begann die Lehmfigur von innen heraus zu glühen und beständig zu wachsen, und bis zur siebten Umkreisung war der Lehm zu Ton gebrannt und die Figur gut 1,80 Meter groß.

 

Dann war Rabbi Löws Talmudschüler an der Reihe, der für das Element Wasser stand. Auch er sollte die Figur sieben Mal umkreisen und bei jeder Umkreisung ein bestimmtes Gebet sprechen. Als er dies tat, schien der Lehm von innen heraus feucht und nass zu werden, und bis zur siebten Umkreisung waren ihm Kopf- und Barthaare, Finger- und Zehennägel gewachsen.

Als Letzter war Rabbi Löw als Vertreter des Elementes Luft mit seinem Gebet und den sieben Umkreisungen an der Reihe. Zum Schluss reihten sich die drei Männer am Fußende der Figur auf, und Löw sprach die Worte: „Und Gott hauchte ihm seinen Atem ein und erweckte ihn zum Leben“ aus dem 1. Buch Mose, Kapitel 1. Er schob der Gestalt aus Ton einen Zettel in den Mund, auf dem das Wort „Schem“ geschrieben stand, einer der erlaubten Namen Gottes.

Da begann sich die Gestalt zu regen, richtete sich auf und stellte sich auf die Füße.

Isaak Kohen hüllte den nackten Mann in die Gewänder eines Synagogendieners, und gemeinsam brachten die drei ihn ins jüdische Viertel zu Rabbi Löws Haus. Stehen, gehen und greifen konnte er, tat auch alles, was man ihm sagte, nur sprach er nie ein Wort. Löw gab ihm den Namen Joseph und stellte ihn als künftigen Diener der Gemeinde vor.

Sobald Löw ihm das Schem aus dem Mund nahm, saß der Golem still in einer Ecke, tat nichts, rührte sich nicht. Allein das Wort, in dem sich der lebendige Gott Israels verkörperte, erweckte ihn zum Leben; und er gehorchte nur Löws Worten und Anweisungen und niemand anderem.

Bald begab sich Joseph stumm und schweigend auf seine abendlichen und nächtlichen Patrouillerunden um das jüdische Viertel und erwies sich im Haushalt des Rabbis als tatkräftige Hilfe.

Doch einmal, an einem Sabbat, vergaß Rabbi Löw, dem Golem das Schem aus dem Mund zu nehmen, bevor er zur Synagoge ging. Und Joseph, der nicht wusste, was er tun sollte, begann aus gottfreien Stücken mit einem Knüppel um sich zu schlagen, verwüstete die Auslagen vor den Läden der Händler und Handwerker, schlug alles kurz und klein, was ihm in die Quere kam.

Eilends holte man Rabbi Löw zur Hilfe. Es soll genügt haben, dass er dem Golem gegenüber stand und ihm zurief: „Joseph, bleib stehen!“ Alsbald wurde er fromm wie ein Lamm und folgte seinem Herrn nach Hause, und künftig achtete Löw stets darauf, am Sabbat auf jeden Fall das Schem aus Josephs Mund zu nehmen.

Zu einer anderen Zeit forderte Löws Frau Joseph auf, für sie Wasser vom Brunnen für das Bad zur Reinigung vor dem Sabbat zu holen, damit die Badewanne später für sie bereit war, während sie zum Gebet in die Synagoge ging. Und dies tat Joseph. Eimer um Eimer schleppte er vom Brunnen ins Haus und leerte ihn in die Wanne aus – doch er hörte damit nicht auf! Als Löws Frau zurückkehrte, schwamm bereits der Boden des Badezimmers, und das Wasser lief über sämtliche Flure im Erdgeschoss; doch Joseph hörte nicht auf ihre Worte und Rufe. Dann kehrte Rabbi Löw in sein Haus zurück und rief erneut: „Joseph, bleib stehen!“ Allein auf ihn hörte er.

Im Jahr 1593 erließ Kaiser Rudolf II. auf Löws Bitte und Fürsprache hin ein Dekret, dass alle Juden, die in Prag oder sonstwo im Reich Böhmen und Mähren lebten, unbehelligt leben sollten und unter seinem Schutz standen.

Daraufhin meinte Rabbi Low zu seinem Schwiegersohn Isaak Kohen und seinem Schüler, da die Gefahr eines Pogroms nun vom jüdischen Volk abgewendet sei, bräuchte man die Dienste des Golems als Wächter nicht mehr. Möglich ist auch, dass ihm sein zuweilen unberechenbares Verhalten ein wenig unheimlich war.

Und so wiesen die drei Männer Joseph eines Nachts an, sich auf den Dachboden der Altneusynagoge zu begeben und dort schlafen zu gehen. Als er eingeschlafen war, stellten sich Rabbi Löw, Isaak Kohen und Löws Schüler diesmal am Kopfende der Gestalt auf. Löw nahm dem Golem den Zettel mit dem Schem aus dem Mund. Jeder der drei Männer umkreiste seine Gestalt sieben Mal entgegen dem Uhrzeigersinn und sprach ein Gebet; und währenddessen fiel die Gestalt in sich zusammen, schrumpfte und wurde wieder zu einer Lehmfigur, nur, dass sie diesmal Kleidung trug.

Als aus dem Mann wieder Lehm geworden war, ließ Rabbi Löw die Tür zum Dachboden der Altneusynagoge versiegeln und erließ ein Gebot, dass niemand diesen Dachboden betreten solle. Und so geschah es auch bis heute.



30.10.2026 - Wenn Seelen keine Ruhe finden
Aus dem Gedanken des Übergangs und des nicht endgültigen Endes heraus, der den im vorherigen Kapitel geschilderten Ritualen und Bräuchen zu Grunde liegt, hat sich in Europa und weltweit über Jahrhunderte hinweg ebenso hartnäckig die Vorstellung gehalten, dass unter bestimmten Umständen eine Seele nicht die Reise in die andere Dimension antritt, sondern an einen bestimmten Ort gebunden ist. Entweder ist der Verstorbene durch ein ungesühntes Verbrechen ums Leben gekommen, für das sie/er die Lebenden heimsucht, die das Verbrechen begangen haben oder durch ihre familiären Bindungen darin verstrickt sind, oder sie/er hat selbst eine solche Tat begangen und sie zu Lebzeiten nicht gesühnt oder ist dafür in den Freitod gegangen. Im von Teichen, Mooren und Wasserburgen geprägten Münsterland waren manche Unglückliche indes für viel geringere Verbrechen als Morde gezwungen, unter Heulen und Wehklagen das Ufer eines Sumpfes oder Teiches heimzusuchen. Dort genügte es, dass Spinnerinnen ihre Garnspulen nicht bis zum Eichmaß füllten, Bäcker oder Krämer ihre Kunden mit einer falsch geeichten Waage abkassierten oder Musiker auf einer Hochzeitsfeier den Gästen unbemerkt Geld aus der Tasche zogen. Und in ganz Süddeutschland war es ein ebenso unerhörtes Verbrechen, nach Einbruch der Dunkelheit unbemerkt einen Grenzstein, der einen Acker oder ein Feld von dem des Nachbarn trennt, zu seinen Gunsten zu versetzen.


Wenn Seelen keine Ruhe finden


Aus dem Gedanken des Übergangs und des nicht endgültigen Endes heraus, der den im vorherigen Kapitel geschilderten Ritualen und Bräuchen zu Grunde liegt, hat sich in Europa und weltweit über Jahrhunderte hinweg ebenso hartnäckig die Vorstellung gehalten, dass unter bestimmten Umständen eine Seele nicht die Reise in die andere Dimension antritt, sondern an einen bestimmten Ort gebunden ist.

Entweder ist der Verstorbene durch ein ungesühntes Verbrechen ums Leben gekommen, für das sie/er die Lebenden heimsucht, die das Verbrechen begangen haben oder durch ihre familiären Bindungen darin verstrickt sind, oder sie/er hat selbst eine solche Tat begangen und sie zu Lebzeiten nicht gesühnt oder ist dafür in den Freitod gegangen.

Im von Teichen, Mooren und Wasserburgen geprägten Münsterland waren manche Unglückliche indes für viel geringere Verbrechen als Morde gezwungen, unter Heulen und Wehklagen das Ufer eines Sumpfes oder Teiches heimzusuchen. Dort genügte es, dass Spinnerinnen ihre Garnspulen nicht bis zum Eichmaß füllten, Bäcker oder Krämer ihre Kunden mit einer falsch geeichten Waage abkassierten oder Musiker auf einer Hochzeitsfeier den Gästen unbemerkt Geld aus der Tasche zogen.

Und in ganz Süddeutschland war es ein ebenso unerhörtes Verbrechen, nach Einbruch der Dunkelheit unbemerkt einen Grenzstein, der einen Acker oder ein Feld von dem des Nachbarn trennt, zu seinen Gunsten zu versetzen.

Weil man eine Tat, die zwischen Finster und Siehst-Mich-Nicht unbemerkt geschah, weder nachweisen noch den Täter zur Rechenschaft ziehen konnte, sagten die Leute in früheren Zeiten, dass ein Grenzsteinversetzer nach seinem Tod gezwungen war, mit dem Grenzstein auf dem Rücken nachts auf dem Feld oder Acker umzugehen, auf dem er seine Tat beging.

Oft ist es dem Geistwesen nicht gegeben, klar zu sagen, weshalb es zu den unerlösten Seelen gehört, und äußert sich lediglich durch Klopfen und Pochen an Wänden und Schränken, dem Verschieben von Gegenständen und Möbeln oder als durchscheinende Gestalt, die seufzt und stöhnt und die Hände ringt.

Diese Art Spuk kommt vor allem in Großbritannien und Irland, aber auch in Norwegen, Schweden und Finnland so häufig vor, dass Fremde glauben mögen, es gäbe dort mehr „bespukte“ als „unbespukte“ Häuser und Gegenden.

Bei manchen Burg- oder Schlossruinen im Alpen- und Voralpenland, die seit mehr als hundert Jahren leer stehen, weiß man, wer dort umgeht und wie man die- oder denjenigen erlösen kann. Doch solche Orte sind von derart unheimlichen, furchteinflößenden Erscheinungen erfüllt, dass jene, die sich nachts in die Überreste der Burg- oder Schlossruine wagen, alles stehen und liegen lassen und das Weite suchen; und so bleibt der armen Seele nichts anderes übrig, als weiter zu spuken...

In früheren Zeiten half es, wenn ein Priester oder Pfarrer das Haus betrat, es segnete und ein Gebet sprach, in dem er die Seele der Gnade und Erlösung durch den Herrn empfahl und ihr gebot, in den ewigen Frieden einzugehen und dieses Haus und die Welt der Lebenden für immer zu verlassen.

Auch hat es über die Jahrhunderte hinweg immer wieder Frauen oder Männer gegeben, die fähig waren, zu einer unerlösten Seele Kontakt aufzunehmen und sie zu fragen, was ihr geschehen war. Dann teilten sie ihr mit, dass ihr Leben und die Tat schon lange vorbei war, und forderten sie auf, ins Licht zu gehen. Auch dies half, aber nur, wenn es Experten waren, die Erfahrung im Umgang mit solchen Dimensionen und ihren Wesenheiten hatten.

Manch ein neugieriges Grüppchen junger Menschen hat versucht, einen Blick in die andere Dimension zu werfen und Kontakt zur Geisterwelt aufzunehmen. Doch viele, die mit einem ovalen Zeiger oder einem umgestülpten Glas auf einem Ouijabrett hantierten, haben sich ebenso ungute wie hartnäckige Phänomene ins Haus geholt, die ihnen nicht bekamen. Deshalb meine ich, dass man die Finger davon lassen sollte; nicht umsonst ist uns Sterblichen die Anderswelt fern und verschlossen!

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30.10.2026 - Mein Halloween-Special - Vom nicht endgültigen Ende, ruhelosen Seelen, zweifelhaften Erweckungen und geheimnisvollen Mächten
Einmal mehr ist es soweit: Allerheiligen kommt und mit ihm der Monat November, in dem Menschen in aller Welt ihrer Verstorbenen gedenken. Nach wie vor ist das, was mit uns nach unserem leiblichen Tod geschieht, das letzte ungeklärte Mysterium. Wer von uns bereits am Sterben und an der Bestattung eines nahestehenden Menschen Anteil genommen hat, weiß um den Unterschied zwischen einem Schlafenden, der still ruht, und einem Toten: Schlafende oder Bewusstlose verströmen immer noch Leben, während von Toten nur eine wächserne, bleiche, erstarrte Hülle übrig ist, die geschrumpft und in sich zusammengesunken zu sein scheint. Was sie zum Leben erweckt und ihr Wesen und Sein ausgemacht hat, ist fort, hat ihre sterbliche Hülle verlassen. Aus diesem Empfinden heraus hat sich bis heute in Europa und weltweit der Brauch erhalten, dass man in dem Zimmer, in dem jemand gestorben ist, sofort alle Fenster öffnet und den Spiegel an der Wand mit einem Tuch verhängt: Die Seele, die ihre sterbliche Hülle verlassen hat, soll im Spiegel ihre Erscheinung nicht sehen und in der reflektierenden Glasfläche „hängenbleiben“, sondern den Ausgang finden. Bis heute lebt in den Völkern dieser Erde der Gedanke fort, dass der Tod nur ein Übergang ist: Das Wesen, die Seele des Menschen erlischt nicht und lebt weiter, in einer Dimension des Daseins, die sich den Sterblichen entzieht, die ihrem Erdenleben weiter verhaftet bleiben. Doch auf welche Weise vollzieht sich dieser Übergang? Schwebt man noch eine Weile dort, wo man zuletzt gelebt hat und braucht Zeit, um in der anderen Dimension endgültig und dauerhaft anzukommen? Oder geschieht es zuweilen, dass eine verirrte Seele keine Ruhe findet und gezwungen ist, an den Ort zurückzukehren, mit dem die Ursache ihrer/seiner Ruhelosigkeit zusammenhängt? Ist es andererseits möglich, etwas Lebloses zum Leben zu erwecken? Wenn es gelingt, rächt sich eine derartige Vermessenheit nicht eines Tages zwangsläufig am Schöpfer dieses künstlich erschaffenen Lebens? Gibt es in der menschenleeren Natur elementare Mächte und Kräfte, die sich bis heute zuweilen geltend machen? Diesen Fragen und den Überlieferungen, die daraus hervorgegangen sind, will ich in meinem diesjährigen Halloween-Special nachgehen und es wie immer meinen geneigten Leserinnen und Lesern überlassen, was sie davon glauben möchten oder nicht.


Mein Halloween-Soecial - Vom nicht endgültigen Ende, ruhelosen Seelen, zweifelhaften Erweckungen und geheimbnisvollen Mächten


Einmal mehr ist es soweit: Allerheiligen kommt und mit ihm der Monat November, in dem Menschen in aller Welt ihrer Verstorbenen gedenken. Nach wie vor ist das, was mit uns nach unserem leiblichen Tod geschieht, das letzte ungeklärte Mysterium.

Wer von uns bereits am Sterben und an der Bestattung eines nahestehenden Menschen Anteil genommen hat, weiß um den Unterschied zwischen einem Schlafenden, der still ruht, und einem Toten: Schlafende oder Bewusstlose verströmen immer noch Leben, während von Toten nur eine wächserne, bleiche, erstarrte Hülle übrig ist, die geschrumpft und in sich zusammengesunken zu sein scheint. Was sie zum Leben erweckt und ihr Wesen und Sein ausgemacht hat, ist fort, hat ihre sterbliche Hülle verlassen.

Aus diesem Empfinden heraus hat sich bis heute in Europa und weltweit der Brauch erhalten, dass man in dem Zimmer, in dem jemand gestorben ist, sofort alle Fenster öffnet und den Spiegel an der Wand mit einem Tuch verhängt: Die Seele, die ihre sterbliche Hülle verlassen hat, soll im Spiegel ihre Erscheinung nicht sehen und in der reflektierenden Glasfläche „hängenbleiben“, sondern den Ausgang finden.

Bis heute lebt in den Völkern dieser Erde der Gedanke fort, dass der Tod nur ein Übergang ist: Das Wesen, die Seele des Menschen erlischt nicht und lebt weiter, in einer Dimension des Daseins, die sich den Sterblichen entzieht, die ihrem Erdenleben weiter verhaftet bleiben.

Doch auf welche Weise vollzieht sich dieser Übergang? Schwebt man noch eine Weile dort, wo man zuletzt gelebt hat und braucht Zeit, um in der anderen Dimension endgültig und dauerhaft anzukommen?

Oder geschieht es zuweilen, dass eine verirrte Seele keine Ruhe findet und gezwungen ist, an den Ort zurückzukehren, mit dem die Ursache ihrer/seiner Ruhelosigkeit zusammenhängt? 

Ist es andererseits möglich, etwas Lebloses zum Leben zu erwecken? Wenn es gelingt, rächt sich eine derartige Vermessenheit nicht eines Tages zwangsläufig am Schöpfer dieses künstlich erschaffenen Lebens?

Gibt es in der menschenleeren Natur elementare Mächte und Kräfte, die sich bis heute zuweilen geltend machen? 

Diesen Fragen und den Überlieferungen, die daraus hervorgegangen sind, will ich in meinem diesjährigen Halloween-Special nachgehen und es wie immer meinen geneigten Leserinnen und Lesern überlassen, was sie davon glauben möchten oder nicht.

 

Das nicht endgültige Ende
 

Wenn bei uns der Arzt an einem Krankenbett den Tod eines Patienten bestätigt und den Totenschein ausgestellt hat, kommen die Träger, die den Verstorbenen aus seiner letzten Wohnung und ins Bestattungsinstitut schaffen, um ihn für die Aufbahrung und Bestattung vorzubereiten: Waschen, Anziehen, Schminken und die Präsentation der Leiche im offenen Sarg in der Aussegnungshalle, bevor der Trauergottesdienst in der Kirche oder die Abschiedszeremonie im Krematorium stattfindet.

In der Aussegnungshalle verweilen die Familienangehörigen, Verwandten und engsten Freunde, um auf ihre Weise Abschied zu nehmen. Dann legen die Sargträger den Deckel auf, schrauben ihn zu und bringen den Sarg in die Kirche oder die Festhalle, wo die letzten Worte gesprochen werden, bevor der Sarg entweder in den Krematoriumsofen oder auf dem Friedhof in das ausgehobene Grab versenkt wird.

Eine letzte Blume, ein letzter Gruß, dann wendet sich die Trauergemeinde ab. Hat die Familie Verwandte und Freunde eingeladen, versammeltn sie sich noch zu Kaffee und Kuchen und streben danach auseinander, in ihr Leben zurück.

Vom Abtransport des Toten bis zum letzten Umtrunk ist eine Bestattung in Deutschland, Österreich und der Schweiz und den meisten Ländern Osteuropas eine stille, ernste, weihevolle Angelegenheit, und sowohl im Gottesdienst als auch im Kreis der Verwandten und Freunde wird das Leben und Sein der/des Verstorbenen mit ernsten, weihevollen Worten gewürdigt.

Doch nicht überall in Europa und auf der Welt verlaufen Trauerfeiern gleich.

In den Bergdörfern der Appalachen – hauptsächlich in Kentucky und Tennessee, aber auch in Virginia, North Carolina und im Norden Georgias – war es bei einem Trauerfall im Dorf bis Ende des 20. Jahrhunderts Sitte, dass die Nachbarn vorbei kamen und die Familie des Verstorbenen acht Tage lang mit Speisen versorgten - Eintöpfe, Maisbrot, gebratene Hähnchen, geschmorte Kaninchen und Eichhörnchen mit Klößen und allerlei Kuchen -, ihr in der Trauerwoche alle Hausarbeiten abnahmen und rund um die Uhr, drei Tage und Nächte lang bis zur Bestattung, gemeinsam mit den Angehörigten rund um den Sarg Wache hielten und ihnen Gesellschaft leisteten.

Im Frühjahr, Sommer und bis zum frühen Herbst zog die Familie gemeinsam mit den Nachbarn am Morgen des vierten Tages zum Friedhof hinaus, um den Verstorbenen zu bestatten und danach auf dem Rasen nahe beim frisch ausgehobenen Grab eine Picknickdecke auszubreiten, im Freien gebratene Hähnchen, Bohneneintopf, Maisbrot und Schichtkuchen auszubreiten und so den Verstorbenen ein letztes Mal an den Freuden des Lebens teilhaben zu lassen. Im Herbst und Winter fand dieses Festmahl in einer Scheune oder im Eingangsbereich einer Höhle statt.

Nach dem Picknick im Freien kehrte man nach Hause zurück, und die Feierlichkeiten gingen weiter, bis sich am Abend des siebten Tages die Nachbarn von der Familie verabschiedeten und ihr Geschirr in ihren Proviantkörben wieder nach Hause schafften, nachdem man zuvor sieben Tage lang erzählt, Neuigkeiten ausgetauscht, Lieder gesungen und zuweilen sogar miteinander gelacht hatte.

Gegen Mittag des achten Tages, wenn die Familie allein zurückblieb und alle Gäste fort waren, kam eine enge Freundin des Hauses mit einem Bohnen-Speck-Eintopf vorbei, um den Hinterbliebenen noch einmal still Gesellschaft zu leisten.

Mit großer Wahrscheinlichkeit hängt dieses Trauerritual, das eher einem rauschenden Fest gleichkommt, mit dem Glauben der Vorfahren zusammen, die einst aus Irland und Schottland eingewandert sind und sich in einem Tal oder auf einer Anhöhe in den Appalachen angesiedelt haben.

Denn in Irland und Schottland heißt es bis heute, dass die Seelen von Verstorbenen drei Tage und Nächte lang in einer Art Zwischenreich verweilen, bis sie endgültig und sicher zum Himmel emporsteigen. Bleiben sie in dieser Zeit unbewacht und unbegleitet, könnte die Schar der „kleinen Leute“ oder das Gefolge des Teufels ihre Seele holen und mit sich ziehen, hinab in ihr Reich unter der Erde.

Deshalb haben sich bereits in der „alten Heimat“ die Nachbarn und Freunde eines Verstorbenen in seinem Haus versammelt und mit Whisky und Poteen, Gesang, Musik und Tanz vom Abend bis in die frühen Morgenstunden gefeiert, nicht aus Freude, weil sie ihn endlich los waren, sondern um sein Leben zu ehren, indem sie die Lieder und Tänze spielten, die er zu Lebzeiten mochte. Auch hier brachte man den Verstorbenen am Morgen nach der dritten Nacht auf den Friedhof und in sein Grab.

In Mexiko wie auch in anderen Ländern Mittelamerikas, die von der Kultur der Maya und Azteken geprägt sind, ist Allerheiligen - der Dia de los Muertos - nach der Osterwoche das höchste Fest des Jahres. Dort begleitet man Verstorbene nicht nur bei ihrem Übergang in die andere Dimension; man glaubt vielmehr, dass sie am Dia de los Muertos zu den Lebenden, vor allem zu ihren Familien zurückkehren.

Deshalb bereitet man in Mexiko und anderswo das Haus angemessen vor, mit einem kleinen Hausaltar an der Stirnseite des Wohnzimmers, in dessen Zentrum die Fotos der Verstorbenen stehen, reich mit Girlanden und Blumen dekoriert. Auf der Festtafel werden an diesem Tag ihre Lieblingsgerichte und -süßigkeiten serviert. Wer es sich leisten kann, holt sich Mariachi ins Haus; wer nicht, singt und spielt selbst ihre Lieblingslieder und -tänze.

Die Stimmung auf den Straßen und Plätzen vor und rund um den Dia de los Muertos schwankt zwischen lebensvoller Ausgelassenheit und der leicht gruseligen Morbidität, die von den unzähligen Skeletten und Totenschädeln aus Zuckerguss ausgeht, die einen von allen Fassaden und Schaufenstern her angrinsen.

Ein solcher Anblick mag auf Fremde makaber bis despektierlich wirken, doch letzten Endes ist auch dies eine Möglichkeit, mit dem Tod umzugehen, der uns alle eines Tages erwartet.



30.08.2026 - IV. Für Christen mit Fehl und Tadel
In vielen Bundesstaaten des Mittleren Westens wie Indiana, Iowa, Ohio oder Oklahoma und auch in manchen Südstaaten wie Alabama, Arkansas, Mississippi, Missouri und Tennessee ist die Landschaft von Horizont zu Horizont flach und platt wie ein Pfannkuchen, und Baumwoll-, Mais- und Getreidefelder dehnen sich, so weit das Auge reicht. Der fruchtbare, ertragreiche Boden ist das sichere Kapital der Farmerfamilien, die ihn bewirtschaften, und zugleich eine lebenslange Haft im offenen Vollzug, denn sie sind auf Gedeih und Verderb an ihn gebunden und sehen tagein, tagaus um sich herum nichts anderes. Als die Massenmedien noch nicht weltweit verbreitet waren – diese Entwicklung war erst gegen Ende des 20. Jahrhunderts abgeschlossen -, und als es die grenzenlose und unerschöpfliche Informations- und Bilderquelle des WWW noch nicht gab, war für die Farmerfamilien der Gottesdienst mit anschließender Sonntagsschule die einzige Abwechslung und auch die einzige Quelle, die ihnen gegenüber der Eintönigkeit und Mühseligkeit ihres Alltags eine höhere Ebene des Daseins eröffnete. Noch besser war es, wenn eine Gruppe weißer oder schwarzer Erweckungsprediger, die als Missionare von Ort zu Ort und von Land zu Land fuhren, ihr Zelt in einer der Gemeinden des Bible Belt aufschlug und sich dort für eine Weile niederließ. Denn die Predigten der Quäker oder Pfingstler waren lebendiger und engagierter als die des Pfarrers, der am Sonntag auf seiner Predigtkanzel ein Kapitel aus einem Evangelium las und auslegte, weil sie aus dem Erleben und Alltag der Menschen sprach, und noch lebendiger war die Musik, die sie mitbrachten, rhythmisch, dynamisch, mitreißend. Mit solchen Eindrücken wuchsen in den 1930er Jahren auch die sieben Kinder von John Ross und Carrie Cash auf. Jack, der zwei Jahre ältere Lieblingsbruder von J. R., hatte sich ernsthaft vorgenommen, selbst Prediger zu werden und zeigte auch früh, dass er dafür eine natürliche Begabung besaß; vermutlich war dies der Grund, weshalb Jack auch der Lieblingssohn des strenggläubigen Ehepaares Cash war. Doch wie ich in der Einleitung bereits ausgeführt habe, verunglückte Jack mit vierzehn Jahren tödlich, so dass er seine Predigerlaufbahn nie einschlagen konnte; und wie ebenfalls erwähnt, fühlte sich Johnny sein Leben lang für den Tod seines Lieblingsbruders schuldig und verantwortlich, umso mehr, als sein Vater ihn nahezu sein Leben lang ächtete und mit Verachtung strafte. Trost und Halt fand Johnny in den Gottesdiensten und Predigten des in den späten 1950er Jahren noch jungen Billy Graham, lebenslang Missionar und einer der Gründer der First Baptist Church in den USA. Die First Baptist Church ist im Mittleren Westen und in den Südstaaten weit verbreitet. Dreh- und Angelpunkt ihrer Lehre sind die Evangelien, vor allem die Bergpredigt, in der Jesus die Menschen zu Hilfsbereitschaft, Duldsamkeit und Vergebung gegenüber ihren Mitmenschen aufruft, und die Offenbarung des Johannes, deren wichtigste Aussage darin liegt, dass sich jeder Mensch im Jüngsten Gericht vor dem Thron Gottes und seines Sohnes für seinen Lebenswandel, seine Taten und sein Verhalten auf dieser Erde verantworten muss. Diese Elemente – Jesu Gebote in der Bergpredigt, das Sich-Verantworten vor ihm und vor Gottes Thron am Ende aller Tage und auch die Vergebung und Erlösung durch Jesu Tod am Kreuz – hat Johnny Cash seit seiner Jugend ernst genommen, geglaubt und gelebt, ebenso wie alle Mitglieder der Carter Family, der seine spätere Ehefrau June entstammte. Doch ebenso oft erwies sich Johnny Cash in seinem Lebenswandel alles andere als heilig und untadelig. Zu genau wusste er um seine Schwächen und Unzulänglichkeiten, die ihm ein Großteil seines Lebens schwer zu schaffen machten. Ihm war stets bewusst, dass jede seiner Verfehlungen im Buch seines Lebens geschrieben stand und der Himmlische Vater und sein Sohn sie ihm einst präsentieren würden, wenn sie ihn vor ihren Thron zitierten Dann gab es keine Ausflüchte und Entschuldigungen mehr!


IV. Für Christen mit Fehl und Tadel


In vielen Bundesstaaten des Mittleren Westens wie Indiana, Iowa, Ohio oder Oklahoma und auch in manchen Südstaaten wie Alabama, Arkansas, Mississippi, Missouri und Tennessee ist die Landschaft von Horizont zu Horizont flach und platt wie ein Pfannkuchen, und Baumwoll-, Mais- und Getreidefelder dehnen sich, so weit das Auge reicht.

Der fruchtbare, ertragreiche Boden ist das sichere Kapital der Farmerfamilien, die ihn bewirtschaften, und zugleich eine lebenslange Haft im offenen Vollzug, denn sie sind auf Gedeih und Verderb an ihn gebunden und sehen tagein, tagaus um sich herum nichts anderes.

Als die Massenmedien noch nicht weltweit verbreitet waren – diese Entwicklung war erst gegen Ende des 20. Jahrhunderts abgeschlossen -, und als es die grenzenlose und unerschöpfliche Informations- und Bilderquelle des WWW noch nicht gab, war für die Farmerfamilien der Gottesdienst mit anschließender Sonntagsschule die einzige Abwechslung und auch die einzige Quelle, die ihnen gegenüber der Eintönigkeit und Mühseligkeit ihres Alltags eine höhere Ebene des Daseins eröffnete.

Noch besser war es, wenn eine Gruppe weißer oder schwarzer Erweckungsprediger, die als Missionare von Ort zu Ort und von Land zu Land fuhren, ihr Zelt in einer der Gemeinden des Bible Belt aufschlug und sich dort für eine Weile niederließ. Denn die Predigten der Quäker oder Pfingstler waren lebendiger und engagierter als die des Pfarrers, der am Sonntag auf seiner Predigtkanzel ein Kapitel aus einem Evangelium las und auslegte, weil sie aus dem Erleben und Alltag der Menschen sprach, und noch lebendiger war die Musik, die sie mitbrachten, rhythmisch, dynamisch, mitreißend.

Mit solchen Eindrücken wuchsen in den 1930er Jahren auch die sieben Kinder von John Ross und Carrie Cash auf. Jack, der zwei Jahre ältere Lieblingsbruder von J. R., hatte sich ernsthaft vorgenommen, selbst Prediger zu werden und zeigte auch früh, dass er dafür eine natürliche Begabung besaß; vermutlich war dies der Grund, weshalb Jack auch der Lieblingssohn des strenggläubigen Ehepaares Cash war.

Doch wie ich in der Einleitung bereits ausgeführt habe, verunglückte Jack mit vierzehn Jahren tödlich, so dass er seine Predigerlaufbahn nie einschlagen konnte; und wie ebenfalls erwähnt, fühlte sich Johnny sein Leben lang für den Tod seines Lieblingsbruders schuldig und verantwortlich, umso mehr, als sein Vater ihn nahezu sein Leben lang ächtete und mit Verachtung strafte.

Trost und Halt fand Johnny in den Gottesdiensten und Predigten des in den späten 1950er Jahren noch jungen Billy Graham, lebenslang Missionar und einer der Gründer der First Baptist Church in den USA.

Die First Baptist Church ist im Mittleren Westen und in den Südstaaten weit verbreitet. Dreh- und Angelpunkt ihrer Lehre sind die Evangelien, vor allem die Bergpredigt, in der Jesus die Menschen zu Hilfsbereitschaft, Duldsamkeit und Vergebung gegenüber ihren Mitmenschen aufruft, und die Offenbarung des Johannes, deren wichtigste Aussage darin liegt, dass sich jeder Mensch im Jüngsten Gericht vor dem Thron Gottes und seines Sohnes für seinen Lebenswandel, seine Taten und sein Verhalten auf dieser Erde verantworten muss.

Diese Elemente – Jesu Gebote in der Bergpredigt, das Sich-Verantworten vor ihm und vor Gottes Thron am Ende aller Tage und auch die Vergebung und Erlösung durch Jesu Tod am Kreuz – hat Johnny Cash seit seiner Jugend ernst genommen, geglaubt und gelebt, ebenso wie alle Mitglieder der Carter Family, der seine spätere Ehefrau June entstammte.

Doch ebenso oft erwies sich Johnny Cash in seinem Lebenswandel alles andere als heilig und untadelig. Zu genau wusste er um seine Schwächen und Unzulänglichkeiten, die ihm ein Großteil seines Lebens schwer zu schaffen machten. Ihm war stets bewusst, dass jede seiner Verfehlungen im Buch seines Lebens geschrieben stand und der Himmlische Vater und sein Sohn sie ihm einst präsentieren würden, wenn sie ihn vor ihren Thron zitierten Dann gab es keine Ausflüchte und Entschuldigungen mehr!

Dies hat Johnny Cash in God’s Gonna Cut You Down eindringlich verkündet:

„Du kannst lange Zeit weitermachen,

aber früher oder später wird Gott dich zurechtstutzen.

Du kannst mit deinen Mauscheleien eine ganze Weile durchkommen,

doch so sicher wie es Schwarz und Weiß gibt,

wird das, was du im Dunklen tust, ans Licht kommen!“


Hiervon legt vor allem sein Spiritual und der Song Why Me, Lord, den er von Kris Kristofferson übernahm, ein beredtes Zeugnis ab: Hier spricht bzw. singt einer, der sich seiner Schwächen und Unzulänglichkeiten nur zu bewusst ist und Gott auf Knien anfleht, von ihnen erlöst zu werden. Besonders eindringlich tritt dies in seiner Interpretation von Trevor Reznors Song Hurt zu Tage:

Da hat ein Mensch im Lauf seines Lebens große Reichtümer erworben, doch sie nützen ihm nichts angesichts der Erkenntnis, dass alle, die er gekannt hat, ihn eines Tages verlassen werden und er allein zurückbleibt. Dann ist alles Materielle, das er um sich herum angehäuft hat, nichts als ein Imperium aus Dreck… Ebenso bitter ist es, wenn er sich daran erinnert, wen er im Lauf seines Lebens im Stich gelassen und verletzt hat.

Doch nicht minder stark war zu anderen Zeiten Cashs Stolz, sein Aufbegehren gegen Ungerechtigkeit in jeder Form und seine entschiedene Haltung, mit der er für Benachteiligte, Verlierer und all jene eintrat, von denen sich die Gesellschaft sich abwendet und nichts wissen will.

Und auch wenn er in Ghost Riders in the Sky und gegen Ende seines Lebens in The Man Comes Around die Menschen ermahnt, dass sie eines Tages für ihr Verhalten und ihr Tun und Lassen zur Rechenschaft gezogen werden: In der Melodie und im Rhythmus beider Songs liegt die Faszination und Spannung eines Naturereignisses, das einen ebenso erschreckt wie mitreißt.

Wenn man den Refrain einmal gehört hat, vergisst man es nicht, dieses langgezogene

„Yippie-yay-yoooo… Yippie-yay-yeyyyy,,“,

und das dunkle, weit hallende


„Ghost riders in the sky!“


In Cashs hohl und tief klagender Stimme sieht man den zerklüfteten Himmel und den Wolkenzug, sieht und hört die Kuhherde des Teufels und die Schar der Geister-Cowboys, die ihr in rasendem Tempo über den endlosen Himmel hinterher galoppieren.

Dieselbe schaurige und zugleich mitreißende Faszination liegt meiner Meinung nach auch in The Man Comes Around, einem der letzten Songs, die Johnny Cash aufgenommen hat. Sicher geht es hier um die ernste, gewichtige Mahnung, was bei der Wiederkunft Christi und am Tag des Jüngsten Gericht auf Erden geschehen wird.

Doch jetzt und hier hört man es zum letzten Mal, das unverkennbare Boom-Chicka-Boom von Cashs Westerngitarre. Der Tag des Jüngsten Gerichts und der Siegeszug Christi wird alles Mögliche, nur nicht fade und langweilig:


„Hört die Trompeten, hört die Dudelsackpfeifer!

Hundert Millionen Engel singen! Hundert Millionen marschieren zu der großen Kesselpauke!

Stimmen rufen, Stimmen weinen.

Manche werden geboren, manche sterben.

Das Königreich von Alpha und Omega ist gekommen!

Und der Wirbelsturm ist im Dornbusch,

und die Jungfrauen stutzen ihre Lampendochte zurecht.

Ja, der Wirbelsturm ist im Dornbusch!

Schwer wird es dir, wider den Stachel zu löcken!“

 

Wenn mit Armageddon die große Endabrechnung und Auslese kommt, ist auf Erden mächtig was los!

Und Johnny Cash wird Jesus, der auf einem weißen Pferd und mit wallendem Königsmantel voran reiten wird, auf seinem Triumphzug folgen!