Pink Floyd - Vom Menschen und seinem Verhältnis zum Universum und zum Dasein
Seit Menschen sich erstmals in dünnen Metallkapseln in die Umlaufbahn um die Erde katapultiert und den Mond besucht haben – eine Epoche, deren Beginn Stanley Kubrick in 2001 – Odyssee im Weltraum und Jahrzehnte später im Sequel 2010 – Das Jahr, in dem wir Kontakt aufnehmen einfing und verewigte -, hat sich dadurch die Blickrichtung der Menschheit entscheidend verändert.
Hatten wir bis dahin hauptsächlich die Erscheinungen dieser Erde vor Augen und im Fokus, wurden die unermesslichen Weiten des Weltalls mit seinen Myriaden von Sonnensystemen und Galaxien zum neuen Sehnsuchtsort; und durch den Blick vom Mond auf die Erde erkannten wir erstmals, dass unser Planet gemessen an der Größe des Universums eine winzige blau-weiße Murmel ist, die in der Schwärze des Alls wunderschön leuchtet und funkelt.
Doch zugleich verfügen die Elemente unseres Planeten Erde – Luft, Wasser, Erde und Feuer – über eine ebenso einfache wie gewaltige Macht. Denn was hat der Mensch mit all seinem Wissen, all seinen Fähigkeiten des Geistes und Verstandes der blinden, überwältigenden Wucht eines Tornados oder Tsunamis, eines Vulkanausbruchs oder eines Felssturzes im Gebirge entgegenzusetzen? Rein gar nichts!
Diese neue Betrachtungsweise des Weltalls und der Erde schlug sich rasch in der zeitgenössischen Kunst nieder. Filme und ganze Serien über Abenteuer in fernen Galaxien entstanden, Maler, Designer und Skulpturisten versuchten, die Dimension der räumlichen Tiefe und Weite darzustellen, und natürlich geschah es auch in der Musik.
In ihren frühen Alben schickte die Band Genesis ihre Zuhörerinnen und Zuhörer durch einen in tausend Farben schillernden Korridor von Spiralnebeln auf die Reise durch Raum und Zeit.
Der junge David Bowie faszinierte sein Publikum als Ziggy Stardust, der mit seinen Spiders of Mars von einem anderen Planeten kam, und ließ in A Space Oddity als erster Major Tom in seiner Raumkapsel ins Ungewisse driften.
In seinem Oxygène-Zyklus stattete Jean-Michel Jarre allein über die Manuale seiner Synthesizer, die ihn gleich dem Turm einer Festung umgaben, den Planeten unseres Sonnensystems einen Besuch ab – erst am Mars, dann am Jupiter vorbei und dann zwischen den Ringen des Saturns hindurch…
Und dann war da jene eine Band, die es in meinen Augen eindrucksvoller als alle anderen Gruppen ihrer Zeit verstand, die Weite und Tiefe des Weltalls greif- und spürbar zu machen: Pink Floyd.
Meine erste Begegnung mit den Klangsphären von Pink Floyd hatte ich nicht mit The Dark Side of the Moon, sondern dem Folge-Album Wish You Were Here; aber dies so prägend und nachhaltig, dass meine Betrachtungen zu diesem Album an erster Stelle stehen.
Denn The Dark Side of the Moon, das Album, das Pink Floyd 1973 den internationalen Durchbruch beschert hat und das viele Kenner als ihr bestes und gelungenstes betrachten, folgte bei mir erst später.
Und das Artrock-Epos The Wall, das Roger Waters als sein bedeutendstes Werk bezeichnet, lernte ich erst 1990 als Ganzes kennen, als es am Potsdamer Platz aufgeführt wurde, genau dort, wo sich vierzig Jahre lang die Berliner Mauer erhob. Vor 1990 kannte ich wie viele junge Menschen meiner Generation daraus nur Another Brick in the Wall.
Mit The Division Bell und der auf dieses Album folgenden P.U.L.S.E.-Tour von 1994 verabschiedete sich eine Band von der Produktion herausragender Alben und spektakulärer Bühnenshows, deren Musik eine Generation junger Menschen in Großbritannien und weiten Teilen Europas begleitet und geprägt hat.
Anhand der aus meiner Sicht eindrucksvollsten Stücke dieser Alben möchte ich nachfolgend versuchen, nachzuvollziehen und einzufangen, was Roger Waters, David Gilmour, Richard Wright und Nick Mason uns über die Weite und Tiefe des Weltalls und die Kraft und Macht unseres Planeten erzählt haben – und wie wir Menschen hergegangen sind und uns in engen Systemen und starren Rastern eingerichtet haben, aus denen einige auszubrechen versuchten und auf schmerzliche Weise gescheitert sind...
Wish You Were Here
Obwohl Pink Floyd neben den Beatles, Led Zeppelin und Genesis zu den herausragendsten Klangarchitekten des ausgehenden 20. Jahrhunderts zählen, waren nur zwei Songs dieser Band während ihrer Wirkungszeit regelmäßig im Radio zu hören: Wish You Were Here, dem ich mich am Ende dieses Kapitels widme, und Another Brick in the Wall, mit dem ich mich befasse, wenn ich zu The Wall komme.
Es liegt daran, dass nur diese beiden Songs für Radiosender kurz genug sind, um sie während einer Sendung zu spielen, während die anderen Stücke ihrer Konzeptalben – sie nur Songs zu nennen, wird ihnen auf Grund ihrer Struktur nicht gerecht – mit Sorgfalt und Präzision aufgebaute Werke sind, denen man bewusst zuhören und in die man eintauchen muss, um ihre Fülle und Tiefe zu ermessen.
Wer ungeduldig wird, wenn ein Stück keinen klar und eindeutig vorwärtsstrebenden Melodiebogen bildet, sondern sich Schicht um Schicht aufbaut und fast statisch im Raum stehen bleibt, kann mit der Musik von Pink Floyd nicht viel anfangen.
Um zu veranschaulichen, was ich damit meine, greife ich Shine On You Crazy Diamond heraus, eine Klangsphäre, die sich gute zwanzig Minuten lang nach und nach entfaltet, mit der das Album Wish You Were Here beginnt und endet und die mich in ihren Bann gezogen hat, als mir jemand im Jahr 2003 dieses Album erstmals zum Hineinhören auslieh.
Als erstes hört man nur einen verhaltenen, stillen, aber allgegenwärtigen Klangteppich, den Richard Wright an den drei Manualen seines Synthesizers aufbaut.
Über der lautstarken, Jahrzehnte andauernden Auseinandersetzung, welchem Alphatier es in der Band zustand, zu bestimmen, wo es lang ging - Roger Waters als Textdichter und Architekt der musikalischen Struktur der meisten Stücke oder David Gilmour, der diese Strukturen mit seiner Fender Stratocaster und seiner Stimme zum Leben erweckte - und den fulminanten Orgien an Klängen, Bildern und Lichteffekten, die beide auf die Ohren und Augen ihres Publikums losließen, vergisst man mitunter, dass es die sanften, ruhigen, dezenten Klangschichten von Richard Wright sind, welche die großformatigen Epen von Pink Floyd tragen und zusammenhalten.
Und anders als in den Songs und Stücken vieler großer Rockbands dominiert bei dem Schlagzeuger Nick Mason der Rhythmus nie. Eher setzt er klare, präzise Akzente, um die Aufmerksamkeit der Zuhörenden auf die Entwicklung des Stückes zu lenken.
Während Richard Wright seinen Klangteppich mit sicheren ruhigen Händen ausbreitet und entfaltet, meldet sich sich ebenso sanft, verhalten und schwebend David Gilmours E-Gitarre zu Wort, und beide weben gemeinsam das Bild einer Vollmondnacht auf dem Lande. Ich stehe in meiner Vorstellung auf einer weiten Grasebene, sehe zum stillen, von Myriaden Sternen erhellten Nachthimmel empor und habe zugleich einen niedrigen Auwald vor mir, durch den ein Bach leise seine Bahn zieht.
Dann vier einfache Töne, die kristallklar durch den Raum hallen: „ Da - di - da - damm“, das Leitmotiv von Shine On You Crazy Diamond. Allein mit diesen vier Tönen malt David Gilmour den Vollmond an den Nachthimmel, dessen Silberlicht sich im Bach widerspiegelt und auf der Wasseroberfläche schimmert.
Von dem sanften, sich variierenden und doch immer wiederkehrenden „Da - di - da - damm“ und dem Keyboard, das seinen Schleier darum webt, wird meine Seele zum Vollmond emporgehoben, während ich zugleich den Wasserspiegel des Baches im Blick habe. Sie verlässt die Begrenztheit und Schwere des Körpers, geht im Nachthimmel auf und fühlt sanft und doch eindringlich die unermessliche Weite und Tiefe des Alls...
In den fein gesponnenen, ausgeklügelten Instrumentalpassagen, die in nahezu jedem Pink Floyd-Album dominieren, tut sich immer wieder die Perspektive der räumlichen Weite und Tiefe auf. Ich nenne diesen Moment immer: „Der Raum klappt auf.“ Ein Eindruck, vergleichbar mit jenen 3D-Bildern, bei denen man zuerst nur die Oberflächenstruktur sieht, bis der Blick in die Tiefe taucht und im zuvor flachen Bild eine plastische Form hervortritt. Die menschliche Seele tritt aus der Enge, Begrenztheit und Schwere des Körpers heraus und lässt auf ihrer Reise in die Schwerelosigkeit ihre Grenzen und Beschränkungen hinter sich…
Doch Shine On You Crazy Diamond dreht sich nicht nur um den Vollmond, das All und den Nachthimmel. Es geht auch um ein Genie, dessen Geist und Seele nach Klarheit und Erkenntnis gestrebt hat und dabei gescheitert und abgestürzt ist. Für seine Umgebung, vor allem für seine Freunde ist er Visionär und Narr, Prophet und Lachnummer, Sieger und Verlierer zugleich; einer, der zu hoch und zu weit gegriffen hat, als er nach Wahrheit und Irrtum grub. Und dennoch, trotz seines gnadenlosen Absturzes soll dieser verrückte Diamant von einem Menschen weiter strahlen…
Die Strophen des Songs, die nach und nach in dieses Stück hineinfließen, hängen mit einem tragischen Geschehen zusammen – das, was mit Syd Barrett geschah, der die Konzepte und Klangstrukturen der Musik von Pink Floyd ursprünglich gemeinsam mit Roger Waters ausgearbeitet und aufgebaut hat, ein hochbegabter, feinsinniger Denker und Träumer.
Doch mehr und riskanter als seine Freunde von der Band experimentierte Syd Barrett mit LSD und stürzte eines Tages bei einem Acid Test derart ab, dass er danach nie mehr ins reale Leben zurückkehrte und für die Band nicht mehr tragbar war, da er wirr und mit leerem Blick auf der Bühne stand, auf seiner Gitarre kein zusammenhängendes Stück mehr zu Stande brachte und auch nicht auf das Spiel der anderen Bandmitglieder hörte, wenn er sie überhaupt wahrnahm.
So geschah es, dass Syd Barrett erst in einer Nervenheilanstalt, später unter privater Betreuung den Rest seines Lebens in geistiger Umnachtung zubrachte und David Gilmour seinen Platz einnahm. Dennoch haben die anderen aus der Band nie vergessen, dass sie ihr Schaffen auf seinen Ideen und seinem Können aufgebaut haben, und daher ist Shine On You Crazy Diamond ihre Hommage an ihn.
Welch ein Kontrastprogramm zu dieser Elegie in einer Vollmondnacht auf dem Lande sind dagegen die nächsten beiden Stücke, Welcome to the Machine und Have a Cigar, die sowohl ihrem Inhalt als auch ihrer musikalischen Struktur nach zusammengehören!
In Welcome to the Machine hört man als erstes das Dröhnen einer Werkssirene, als Zeichen, dass in einer Fabrikhalle eine Maschinenstraße anläuft, dann das scharfe Zischen des Dampfstrahls aus einem Heizkessel, den ein Ventil unter Hochdruck auf die Schaufelräder einer Turbine überträgt. Unter einem tiefen Knurren setzt sich die Turbine in Bewegung und treibt einen Kolben an, ein-aus, ein-aus, ein-aus.
Das mechanische, in seiner emotionslosen Gleichförmigkeit unerbittliche Pumpen dieses Kolbens ist das rhythmische Gerüst von Welcome to the Machine und steht zugleich symbolisch für einen Mechanismus, der nach einem präzisen Regelwerk abläuft und den nichts und niemand aufhält, sobald jemand die Stromzufuhr einschaltet und auf den Start-Knopf drückt.
Tatsache ist, dass alle Industrienationen in ihren Produktionsbetrieben diese Maschinenstraßen errichtet haben, die über Antrieb, Transmission, Förderbänder und Verteilersysteme gleich riesigen Spinnennetzen funktionieren und, sobald sie einmal in Gang gesetzt sind, rund um die Uhr laufen.
Der Clou dieses Songs ist, dass es nicht um die Fertigung von Maschinen, Geräten oder Kraftwagen geht, sondern um den Betrieb Musikindustrie, der wie alle anderen Branchen nach seinen Mechanismen läuft:
Eine Band oder ein von Musikern begleiteter Solokünstler nimmt im Tonstudio ein neues Album auf. Sobald es abgemischt und gepresst ist, läuft in allen Musikläden, Radio- und Fernsehsendern die Marketing-Maschinerie ebenso an wie das eherne Gesetz, das die Band nach Erscheinen des neuen Albums mit ihrem Equipment und den Roadies, die es aufbauen, auf Tournee schickt, je nach Bekanntheitsgrad und bisher erzieltem Umsatz durch das eigene Land, die EU oder rund um die Welt.
Dabei ist es nicht relevant, ob ein Unternehmer überhaupt etwas von der Materie versteht, die sein Betrieb produziert und vertreibt. Für ihn zählt nur, dass er die Entwicklungen des Kapitalmarktes und des Zeitgeistes erkennt und rechtzeitig auf den Zug aufspringt. Dies wird im Song Have A Cigar deutlich, in dem der Vertriebsmanager der Plattenfirma der Band eine großartige Zukunft an den Himmel malt und zugleich zu erkennen gibt, dass er von Musik und den kreativen Impulsen und Prozessen, denen sie entspringt, nicht die leiseste Ahnung hat, wenn er in die Runde fragt: „Übrigens, wer von euch ist Pink?“
Ebenso erschaffen wir Menschen gesellschaftliche Strukturen, in die wir eingebunden sind und die uns ebenso unerbittlich antreiben: erst das Schulsystem, dann die Ausbildung oder das Studium zu einem Beruf, und schließlich unser Dasein als Bürger und Steuerzahler mit allen hiermit verbundenen Pflichten und Auflagen bis an unser Ende. Wir alle sind Teil dieser Maschinerie, bevor es uns bewusst wird, und in und mit dieser Maschinerie laufen wir, ebenso wie es den Jungs von Pink Floyd seinerzeit bewusst wurde, dass sie mit dem Durchbruch und Erfolg des Albums The Dark Side of the Moon Teil der Musikindustrie geworden waren…
Und doch gibt es im Leben Dinge, die uns Menschen über das bloße Funktionieren in Systemen hinaus heben: unsere kreativen Impulse, Ideen und Einfälle, und vor allem unsere Erlebnisse in der Kindheit, während der Schulzeit und des Studiums mit Freunden, die uns begegnen und uns ein Stück weit auf unserem Lebensweg begleiten.
Von der Sehnsucht nach einem alten Freund aus der Jugend, den man vor geraumer Zeit verlassen, aber nicht vergessen hat und der einem auf einmal wieder näher rückt als viele andere Menschen, mit denen man täglich zusammen ist, handelt der unspektakuläre und in seiner Einfachheit und Schlichtheit doch so tiefe Song Wish You Were Here.
Er beginnt damit, dass zwei Menschen miteinander plaudern, während im Hintergrund leise das Radio läuft. Dann zupft jemand auf seiner Konzertgitarre, als würde er den Ansatz einer Melodie ausprobieren, die im Entstehen begriffen ist. Während er spielt, steigt in diesem Gitarristen die Erinnerung an seinen Freund aus der Jugendzeit auf; und erst jetzt wird die Melodie und Akkordfolge bewusst und konkret.
Dieser einfache Song ist zugleich der bekannteste und beliebteste von Pink Floyd, an dem sich in den großen Städten Europas fast jeder Straßenmusiker versucht.
Und doch lässt sich eines bis heute nicht bestreiten: Wer in der Fußgängerzone irgendeiner Stadt die ersten gezupften Töne und die Worte hört:
„So! So you think you can tell
Heaven from Hell,
blue skies from pain?
Can you tell me: Do you feel
the cold steel rain,
a smile from a veil?
Do you think you can tell?“,
bleibt inmitten der Alltagsgeschäfte stehen und wird ein paar Augenblicke lang still.
Eben weil jeder von uns, wenn sie/er nur lange genug lebt, jemanden kennt, der einem in der Jugend viel bedeutet, mit dem man sinniert und tiefgehende Gespräche geführt hat – bis das Leben die Weichen stellte und man diesen Freund aus den Augen verlor…