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30.08.2026 - IV. Für Christen mit Fehl und Tadel
In vielen Bundesstaaten des Mittleren Westens wie Indiana, Iowa, Ohio oder Oklahoma und auch in manchen Südstaaten wie Alabama, Arkansas, Mississippi, Missouri und Tennessee ist die Landschaft von Horizont zu Horizont flach und platt wie ein Pfannkuchen, und Baumwoll-, Mais- und Getreidefelder dehnen sich, so weit das Auge reicht. Der fruchtbare, ertragreiche Boden ist das sichere Kapital der Farmerfamilien, die ihn bewirtschaften, und zugleich eine lebenslange Haft im offenen Vollzug, denn sie sind auf Gedeih und Verderb an ihn gebunden und sehen tagein, tagaus um sich herum nichts anderes. Als die Massenmedien noch nicht weltweit verbreitet waren – diese Entwicklung war erst gegen Ende des 20. Jahrhunderts abgeschlossen -, und als es die grenzenlose und unerschöpfliche Informations- und Bilderquelle des WWW noch nicht gab, war für die Farmerfamilien der Gottesdienst mit anschließender Sonntagsschule die einzige Abwechslung und auch die einzige Quelle, die ihnen gegenüber der Eintönigkeit und Mühseligkeit ihres Alltags eine höhere Ebene des Daseins eröffnete. Noch besser war es, wenn eine Gruppe weißer oder schwarzer Erweckungsprediger, die als Missionare von Ort zu Ort und von Land zu Land fuhren, ihr Zelt in einer der Gemeinden des Bible Belt aufschlug und sich dort für eine Weile niederließ. Denn die Predigten der Quäker oder Pfingstler waren lebendiger und engagierter als die des Pfarrers, der am Sonntag auf seiner Predigtkanzel ein Kapitel aus einem Evangelium las und auslegte, weil sie aus dem Erleben und Alltag der Menschen sprach, und noch lebendiger war die Musik, die sie mitbrachten, rhythmisch, dynamisch, mitreißend. Mit solchen Eindrücken wuchsen in den 1930er Jahren auch die sieben Kinder von John Ross und Carrie Cash auf. Jack, der zwei Jahre ältere Lieblingsbruder von J. R., hatte sich ernsthaft vorgenommen, selbst Prediger zu werden und zeigte auch früh, dass er dafür eine natürliche Begabung besaß; vermutlich war dies der Grund, weshalb Jack auch der Lieblingssohn des strenggläubigen Ehepaares Cash war. Doch wie ich in der Einleitung bereits ausgeführt habe, verunglückte Jack mit vierzehn Jahren tödlich, so dass er seine Predigerlaufbahn nie einschlagen konnte; und wie ebenfalls erwähnt, fühlte sich Johnny sein Leben lang für den Tod seines Lieblingsbruders schuldig und verantwortlich, umso mehr, als sein Vater ihn nahezu sein Leben lang ächtete und mit Verachtung strafte. Trost und Halt fand Johnny in den Gottesdiensten und Predigten des in den späten 1950er Jahren noch jungen Billy Graham, lebenslang Missionar und einer der Gründer der First Baptist Church in den USA. Die First Baptist Church ist im Mittleren Westen und in den Südstaaten weit verbreitet. Dreh- und Angelpunkt ihrer Lehre sind die Evangelien, vor allem die Bergpredigt, in der Jesus die Menschen zu Hilfsbereitschaft, Duldsamkeit und Vergebung gegenüber ihren Mitmenschen aufruft, und die Offenbarung des Johannes, deren wichtigste Aussage darin liegt, dass sich jeder Mensch im Jüngsten Gericht vor dem Thron Gottes und seines Sohnes für seinen Lebenswandel, seine Taten und sein Verhalten auf dieser Erde verantworten muss. Diese Elemente – Jesu Gebote in der Bergpredigt, das Sich-Verantworten vor ihm und vor Gottes Thron am Ende aller Tage und auch die Vergebung und Erlösung durch Jesu Tod am Kreuz – hat Johnny Cash seit seiner Jugend ernst genommen, geglaubt und gelebt, ebenso wie alle Mitglieder der Carter Family, der seine spätere Ehefrau June entstammte. Doch ebenso oft erwies sich Johnny Cash in seinem Lebenswandel alles andere als heilig und untadelig. Zu genau wusste er um seine Schwächen und Unzulänglichkeiten, die ihm ein Großteil seines Lebens schwer zu schaffen machten. Ihm war stets bewusst, dass jede seiner Verfehlungen im Buch seines Lebens geschrieben stand und der Himmlische Vater und sein Sohn sie ihm einst präsentieren würden, wenn sie ihn vor ihren Thron zitierten Dann gab es keine Ausflüchte und Entschuldigungen mehr!


IV. Für Christen mit Fehl und Tadel


In vielen Bundesstaaten des Mittleren Westens wie Indiana, Iowa, Ohio oder Oklahoma und auch in manchen Südstaaten wie Alabama, Arkansas, Mississippi, Missouri und Tennessee ist die Landschaft von Horizont zu Horizont flach und platt wie ein Pfannkuchen, und Baumwoll-, Mais- und Getreidefelder dehnen sich, so weit das Auge reicht.

Der fruchtbare, ertragreiche Boden ist das sichere Kapital der Farmerfamilien, die ihn bewirtschaften, und zugleich eine lebenslange Haft im offenen Vollzug, denn sie sind auf Gedeih und Verderb an ihn gebunden und sehen tagein, tagaus um sich herum nichts anderes.

Als die Massenmedien noch nicht weltweit verbreitet waren – diese Entwicklung war erst gegen Ende des 20. Jahrhunderts abgeschlossen -, und als es die grenzenlose und unerschöpfliche Informations- und Bilderquelle des WWW noch nicht gab, war für die Farmerfamilien der Gottesdienst mit anschließender Sonntagsschule die einzige Abwechslung und auch die einzige Quelle, die ihnen gegenüber der Eintönigkeit und Mühseligkeit ihres Alltags eine höhere Ebene des Daseins eröffnete.

Noch besser war es, wenn eine Gruppe weißer oder schwarzer Erweckungsprediger, die als Missionare von Ort zu Ort und von Land zu Land fuhren, ihr Zelt in einer der Gemeinden des Bible Belt aufschlug und sich dort für eine Weile niederließ. Denn die Predigten der Quäker oder Pfingstler waren lebendiger und engagierter als die des Pfarrers, der am Sonntag auf seiner Predigtkanzel ein Kapitel aus einem Evangelium las und auslegte, weil sie aus dem Erleben und Alltag der Menschen sprach, und noch lebendiger war die Musik, die sie mitbrachten, rhythmisch, dynamisch, mitreißend.

Mit solchen Eindrücken wuchsen in den 1930er Jahren auch die sieben Kinder von John Ross und Carrie Cash auf. Jack, der zwei Jahre ältere Lieblingsbruder von J. R., hatte sich ernsthaft vorgenommen, selbst Prediger zu werden und zeigte auch früh, dass er dafür eine natürliche Begabung besaß; vermutlich war dies der Grund, weshalb Jack auch der Lieblingssohn des strenggläubigen Ehepaares Cash war.

Doch wie ich in der Einleitung bereits ausgeführt habe, verunglückte Jack mit vierzehn Jahren tödlich, so dass er seine Predigerlaufbahn nie einschlagen konnte; und wie ebenfalls erwähnt, fühlte sich Johnny sein Leben lang für den Tod seines Lieblingsbruders schuldig und verantwortlich, umso mehr, als sein Vater ihn nahezu sein Leben lang ächtete und mit Verachtung strafte.

Trost und Halt fand Johnny in den Gottesdiensten und Predigten des in den späten 1950er Jahren noch jungen Billy Graham, lebenslang Missionar und einer der Gründer der First Baptist Church in den USA.

Die First Baptist Church ist im Mittleren Westen und in den Südstaaten weit verbreitet. Dreh- und Angelpunkt ihrer Lehre sind die Evangelien, vor allem die Bergpredigt, in der Jesus die Menschen zu Hilfsbereitschaft, Duldsamkeit und Vergebung gegenüber ihren Mitmenschen aufruft, und die Offenbarung des Johannes, deren wichtigste Aussage darin liegt, dass sich jeder Mensch im Jüngsten Gericht vor dem Thron Gottes und seines Sohnes für seinen Lebenswandel, seine Taten und sein Verhalten auf dieser Erde verantworten muss.

Diese Elemente – Jesu Gebote in der Bergpredigt, das Sich-Verantworten vor ihm und vor Gottes Thron am Ende aller Tage und auch die Vergebung und Erlösung durch Jesu Tod am Kreuz – hat Johnny Cash seit seiner Jugend ernst genommen, geglaubt und gelebt, ebenso wie alle Mitglieder der Carter Family, der seine spätere Ehefrau June entstammte.

Doch ebenso oft erwies sich Johnny Cash in seinem Lebenswandel alles andere als heilig und untadelig. Zu genau wusste er um seine Schwächen und Unzulänglichkeiten, die ihm ein Großteil seines Lebens schwer zu schaffen machten. Ihm war stets bewusst, dass jede seiner Verfehlungen im Buch seines Lebens geschrieben stand und der Himmlische Vater und sein Sohn sie ihm einst präsentieren würden, wenn sie ihn vor ihren Thron zitierten Dann gab es keine Ausflüchte und Entschuldigungen mehr!

Dies hat Johnny Cash in God’s Gonna Cut You Down eindringlich verkündet:

Du kannst lange Zeit weitermachen,

aber früher oder später wird Gott dich zurechtstutzen.

Du kannst mit deinen Mauscheleien eine ganze Weile durchkommen,

doch so sicher wie es Schwarz und Weiß gibt,

wird das, was du im Dunklen tust, ans Licht kommen!


Hiervon legt vor allem sein Spiritual und der Song Why Me, Lord, den er von Kris Kristofferson übernahm, ein beredtes Zeugnis ab: Hier spricht bzw. singt einer, der sich seiner Schwächen und Unzulänglichkeiten nur zu bewusst ist und Gott auf Knien anfleht, von ihnen erlöst zu werden. Besonders eindringlich tritt dies in seiner Interpretation von Trevor Reznors Song Hurt zu Tage:

Da hat ein Mensch im Lauf seines Lebens große Reichtümer erworben, doch sie nützen ihm nichts angesichts der Erkenntnis, dass alle, die er gekannt hat, ihn eines Tages verlassen werden und er allein zurückbleibt. Dann ist alles Materielle, das er um sich herum angehäuft hat, nichts als ein Imperium aus Dreck… Ebenso bitter ist es, wenn er sich daran erinnert, wen er im Lauf seines Lebens im Stich gelassen und verletzt hat.

Doch nicht minder stark war zu anderen Zeiten Cashs Stolz, sein Aufbegehren gegen Ungerechtigkeit in jeder Form und seine entschiedene Haltung, mit der er für Benachteiligte, Verlierer und all jene eintrat, von denen sich die Gesellschaft sich abwendet und nichts wissen will.

Und auch wenn er in Ghost Riders in the Sky und gegen Ende seines Lebens in The Man Comes Around die Menschen ermahnt, dass sie eines Tages für ihr Verhalten und ihr Tun und Lassen zur Rechenschaft gezogen werden: In der Melodie und im Rhythmus beider Songs liegt die Faszination und Spannung eines Naturereignisses, das einen ebenso erschreckt wie mitreißt.

Wenn man den Refrain einmal gehört hat, vergisst man es nicht, dieses langgezogene

Yippie-yay-yoooo… Yippie-yay-yeyyyy,,“,

und das dunkle, weit hallende


Ghost riders in the sky!


In Cashs hohl und tief klagender Stimme sieht man den zerklüfteten Himmel und den Wolkenzug, sieht und hört die Kuhherde des Teufels und die Schar der Geister-Cowboys, die ihr in rasendem Tempo über den endlosen Himmel hinterher galoppieren.

Dieselbe schaurige und zugleich mitreißende Faszination liegt meiner Meinung nach auch in The Man Comes Around, einem der letzten Songs, die Johnny Cash aufgenommen hat. Sicher geht es hier um die ernste, gewichtige Mahnung, was bei der Wiederkunft Christi und am Tag des Jüngsten Gericht auf Erden geschehen wird.

Doch jetzt und hier hört man es zum letzten Mal, das unverkennbare Boom-Chicka-Boom von Cashs Westerngitarre. Der Tag des Jüngsten Gerichts und der Siegeszug Christi wird alles Mögliche, nur nicht fade und langweilig:


Hört die Trompeten, hört die Dudelsackpfeifer!

Hundert Millionen Engel singen! Hundert Millionen marschieren zu der großen Kesselpauke!

Stimmen rufen, Stimmen weinen.

Manche werden geboren, manche sterben.

Das Königreich von Alpha und Omega ist gekommen!

Und der Wirbelsturm ist im Dornbusch,

und die Jungfrauen stutzen ihre Lampendochte zurecht.

Ja, der Wirbelsturm ist im Dornbusch!

Schwer wird es dir, wider den Stachel zu löcken!

 

Wenn mit Armageddon die große Endabrechnung und Auslese kommt, ist auf Erden mächtig was los!

Und Johnny Cash wird Jesus, der auf einem weißen Pferd und mit wallendem Königsmantel voran reiten wird, auf seinem Triumphzug folgen!



30.08.2026 - III. Für die Betrogenen und Entrechteten, denen einst das Land gehörte
Lange Zeit hat die Mehrheit der weißen Amerikaner, deren Vorfahren einst als Emigranten den europäischen Kontinent verließen, sich in der immensen Größe und Weite des amerikanischen Kontinents ansiedelten, den Boden für sich urbar machten und Städte gründeten, die Folgen verdrängt und ignoriert, welche die Kolonisation für die Ureinwohner hatte, die schon lange vor der Ankunft der weißen Europäer diesen Kontinent bevölkerten. Bei ihrer Ankunft hatten die Stämme an der Küste des späteren Bundesstaates Virginia jenen Fremden, die auf der britischen Fregatte "Mayflower" über das Meer zu ihnen gekommen waren, ihre Beteuerungen geglaubt, dass sie ihre Heimat als verfolgte und bedrängte Flüchtlinge verlassen hatten, ein neues Zuhause brauchten und bereit waren, sich mit ihnen über die Land- und Besitzrechte auf gerechte und angemessene Weise zu einigen. In der ersten Zeit hatten die Indigenen den neuen und mittellosen Siedlern geholfen, die Wintermonate zu überstehen, indem sie ihre Jagdbeute mit ihnen teilten und ihnen zum Schutz gegen Kälte und Schnee warme Felle schenkten. Bis heute geht der Thanksgiving Day, neben dem Independence Day aus Anlass der Unabhängigkeitserklärung und dem Constitution Day zur Feier der Verfassung und Staatsgründung der höchste Nationalfeiertag der Vereinigten Staaten von Amerika, auf diese Tatsache zurück. Und viele U.S.-amerikanische Bundesstaaten tragen die Namen der Stämme, die einst dort lebten. Bei North Dakota und South Dakota ist es allein anhand der Namen offenkundig, dass diese beiden Staaten die einstigen Stammesgebiete der Sioux waren, die sich selbst Dakota nennen; doch dies gilt auch für Minnesota, Omaha, Iowa, Ohio, Oklahoma… Alles Namen früherer Stämme der Native Americans! Bei der offiziellen Gründung der Vereinigten Staaten von Amerika hatte die Bundesversammlung unter George Washington, Benjamin Franklin, John Adams und Thomas Jefferson Verträge aufgesetzt, welche die Jagd- und Ackergründe zwischen den Ureinwohnern und den weißen Siedlern gerecht und fair aufteilen sollten. Doch zwischen dem Wortlaut der Verträge und ihrer Umsetzung lagen Welten. Kaum ein Siedler fragte nach Gebietsgrenzen oder auch nur nach Mein und Dein. Sie verstanden sich als die neuen Herren des Landes, nahmen sich ohne zu fragen den Grund und Boden, den sie vorfanden, und betrachteten die Indigenen als Wilde ohne Kultur, Verstand und Bildung, die sich glücklich schätzen konnten, dass die weiße Rasse ihnen ihren Begriff von Kultur, ihre Religion und die Segnungen ihrer Zivilisation brachte. Doch mit den Segnungen kamen auch Flüche. Als weiße Siedler und native Stämme sich einander annäherten und zum Teil zu vereinen begannen, steckten die weißen Siedler die Native Americans u.a. mit Erkältungsviren und Windpocken an, mit denen ihr eigenes Immunsystem fertig wurde, das der Indigenen aber nicht, so dass ganze Dörfer daran starben. Und das „Feuerwasser“ – meist Brandy, Whisky oder Rum -, das die Weißen ihnen auf ihren Festen einschenkten oder ihnen zum Geschenk machten, wenn sie zu Festen eingeladen waren, vertrugen die Indigenen nicht. Es führte viele von ihnen nicht nur rasch in die Abhängigkeit, sondern zu rapidem Kräfteverfall an Körper und Geist. Bald breiteten sich die Rinder- und Pferdeherden der Weißen unkontrolliert über die Weidegründe der Sioux und anderer Stämme aus, und wenn sie auf Jagd gingen, dezimierten sie ebenso unkontrolliert die Bisonherden, die für die Indigenen die wichtigste Nahrungs- und Lebensquelle waren. Irgendwann begriffen die Native Americans, dass sie nicht nur ungefragt von ihrem Grund und Boden verdrängt wurden, sondern dass die Verträge, die ihnen ihre Rechte und Besitztümer sichern sollten, das Papier nicht wert waren, auf dem sie geschrieben standen. Sie schlossen sich zusammen und griffen die Siedler und Pioniere an, die sie zunehmend an den Rand ihrer Existenz drängten. Von diesem Zeitpunkt an waren sie in den Augen der Weißen wilde, mörderische, unmenschliche Barbaren, gegen die es sich zu wehren galt. In den Geschichtsbüchern, später in den Westernfilmen, die zwischen 1950 und 1965 entstanden, waren Indianerstämme fast immer die bösen, grausamen Angreifer und die U.S.-Kavallerie, die mit Feuerwaffen zurückschlug, die Retter in der Not… Und diese Filme waren zum Großteil Abbilder der Wirklichkeit, allerdings einseitig aus Sicht der Weißen. Der Kampf zwischen Indigenen und weißen Amerikanern dauerte über Jahrhunderte an und erreichte seinen Höhepunkt im Massaker am Wounded Knee im Jahr 1886, als die verbündeten Stämme der Sioux, Cherokee und Comanchen von den Truppen von General George Armstrong Custer, dem obersten Heeresführers der U.S.-Streitkräfte, bis auf wenige Überlebende aufgerieben wurden. Seit dieser Zeit hat man den Native Americans Reservate zugewiesen, in denen die meisten von ihnen ein Dasein ohne Perspektiven, Sinn und Ziel fristeten. Weiße Missionare entrissen indigenen Müttern ihre Kinder und brachten sie in Internate, um sie dort zu Weißen umzuerziehen; ja, manche der Frauen wurden in Kliniken zwangssterilisiert, so dass sie keine Nachkommen zur Welt bringen konnten. Erst mit dem Beginn der 1960er Jahre, als mit der Flower Power-Bewegung der Trend zurück zur Natur und damit auch zu den Sitten und Traditionen der Naturvölker einsetzte, änderte sich bei manchen Weißen der Blick auf jene, denen einst das Land gehört hatte.


III. Für die Betrogenen und Entrechteten, denen einst das Land gehörte


Lange Zeit hat die Mehrheit der weißen Amerikaner, deren Vorfahren einst als Emigranten den europäischen Kontinent verließen, sich in der immensen Größe und Weite des amerikanischen Kontinents ansiedelten, den Boden für sich urbar machten und Städte gründeten, die Folgen verdrängt und ignoriert, welche die Kolonisation für die Ureinwohner hatte, die schon lange vor der Ankunft der weißen Europäer diesen Kontinent bevölkerten.

Bei ihrer Ankunft hatten die Stämme an der Küste des späteren Bundesstaates Virginia jenen Fremden, die auf der britischen Fregatte Mayflower über das Meer zu ihnen gekommen waren, ihre Beteuerungen geglaubt, dass sie ihre Heimat als verfolgte und bedrängte Flüchtlinge verlassen hatten, ein neues Zuhause brauchten und bereit waren, sich mit ihnen über die Land- und Besitzrechte auf gerechte und angemessene Weise zu einigen.

In der ersten Zeit hatten die Indigenen den neuen und mittellosen Siedlern geholfen, die Wintermonate zu überstehen, indem sie ihre Jagdbeute mit ihnen teilten und ihnen zum Schutz gegen Kälte und Schnee warme Felle schenkten. Bis heute geht der Thanksgiving Day, neben dem Independence Day aus Anlass der Unabhängigkeitserklärung und dem Constitution Day zur Feier der Verfassung und Staatsgründung der höchste Nationalfeiertag der Vereinigten Staaten von Amerika, auf diese Tatsache zurück.

Und viele U.S.-amerikanische Bundesstaaten tragen die Namen der Stämme, die einst dort lebten. Bei North Dakota und South Dakota ist es allein anhand der Namen offenkundig, dass diese beiden Staaten die einstigen Stammesgebiete der Sioux waren, die sich selbst Dakota nennen; doch dies gilt auch für Minnesota, Omaha, Iowa, Ohio, Oklahoma… Alles Namen früherer Stämme der Native Americans!

Bei der offiziellen Gründung der Vereinigten Staaten von Amerika hatte die Bundesversammlung unter George Washington, Benjamin Franklin, John Adams und Thomas Jefferson Verträge aufgesetzt, welche die Jagd- und Ackergründe zwischen den Ureinwohnern und den weißen Siedlern gerecht und fair aufteilen sollten.

Doch zwischen dem Wortlaut der Verträge und ihrer Umsetzung lagen Welten. Kaum ein Siedler fragte nach Gebietsgrenzen oder auch nur nach Mein und Dein. Sie verstanden sich als die neuen Herren des Landes, nahmen sich ohne zu fragen den Grund und Boden, den sie vorfanden, und betrachteten die Indigenen als Wilde ohne Kultur, Verstand und Bildung, die sich glücklich schätzen konnten, dass die weiße Rasse ihnen ihren Begriff von Kultur, ihre Religion und die Segnungen ihrer Zivilisation brachte.

Doch mit den Segnungen kamen auch Flüche. Als weiße Siedler und native Stämme sich einander annäherten und zum Teil zu vereinen begannen, steckten die weißen Siedler die Native Americans u.a. mit Erkältungsviren und Windpocken an, mit denen ihr eigenes Immunsystem fertig wurde, das der Indigenen aber nicht, so dass ganze Dörfer daran starben.

Und das „Feuerwasser“ – meist Brandy, Whisky oder Rum -, das die Weißen ihnen auf ihren Festen einschenkten oder ihnen zum Geschenk machten, wenn sie zu Festen eingeladen waren, vertrugen die Indigenen nicht. Es führte viele von ihnen nicht nur rasch in die Abhängigkeit, sondern zu rapidem Kräfteverfall an Körper und Geist.

Bald breiteten sich die Rinder- und Pferdeherden der Weißen unkontrolliert über die Weidegründe der Sioux und anderer Stämme aus, und wenn sie auf Jagd gingen, dezimierten sie ebenso unkontrolliert die Bisonherden, die für die Indigenen die wichtigste Nahrungs- und Lebensquelle waren.

Irgendwann begriffen die Native Americans, dass sie nicht nur ungefragt von ihrem Grund und Boden verdrängt wurden, sondern dass die Verträge, die ihnen ihre Rechte und Besitztümer sichern sollten, das Papier nicht wert waren, auf dem sie geschrieben standen. Sie schlossen sich zusammen und griffen die Siedler und Pioniere an, die sie zunehmend an den Rand ihrer Existenz drängten.

Von diesem Zeitpunkt an waren sie in den Augen der Weißen wilde, mörderische, unmenschliche Barbaren, gegen die es sich zu wehren galt. In den Geschichtsbüchern, später in den Westernfilmen, die zwischen 1950 und 1965 entstanden, waren Indianerstämme fast immer die bösen, grausamen Angreifer und die U.S.-Kavallerie, die mit Feuerwaffen zurückschlug, die Retter in der Not… Und diese Filme waren zum Großteil Abbilder der Wirklichkeit, allerdings einseitig aus Sicht der Weißen.

Der Kampf zwischen Indigenen und weißen Amerikanern dauerte über Jahrhunderte an und erreichte seinen Höhepunkt im Massaker am Wounded Knee im Jahr 1886, als die verbündeten Stämme der Sioux, Cherokee und Comanchen von den Truppen von General George Armstrong Custer, dem obersten Heeresführers der U.S.-Streitkräfte, bis auf wenige Überlebende aufgerieben wurden.

Seit dieser Zeit hat man den Native Americans Reservate zugewiesen, in denen die meisten von ihnen ein Dasein ohne Perspektiven, Sinn und Ziel fristeten. Weiße Missionare entrissen indigenen Müttern ihre Kinder und brachten sie in Internate, um sie dort zu Weißen umzuerziehen; ja, manche der Frauen wurden in Kliniken zwangssterilisiert, so dass sie keine Nachkommen zur Welt bringen konnten.

Erst mit dem Beginn der 1960er Jahre, als mit der Flower Power-Bewegung der Trend zurück zur Natur und damit auch zu den Sitten und Traditionen der Naturvölker einsetzte, änderte sich bei manchen Weißen der Blick auf jene, denen einst das Land gehört hatte.

Peter La Farge, Sohn eines Anthropologen, der gemeinsam mit seinem Vater das Leben der Ureinwohner erforschte, setzte sich besonders intensiv mit der Geschichte der Native Americans auseinander, stellte fest, dass sie eine Kette von Verrat, Vertragsbrüchen und Enteignungen war, und begann als erster weißer Amerikaner, Lieder aus ihrer Sicht zu schreiben, die Teile ihrer Geschichte schilderten. Doch er fand nur wenig Gehör und Publikum für seine Lieder, mit denen er auf Folk- und Country-Festivals auftrat.

Seit Mitte der 1950er Jahre fiel ihm jener junge, rebellische, unangepasste Country-Sänger namens Johnny Cash auf; vor allem, dass er einer war, der Unrecht mit wachen Augen wahrnahm und offen darüber sang. Anfang 1964 gelang es Peter La Farge, mit Johnny Cash ein Treffen zu zweit auszumachen.

Er sang und spielte ihm seine Ballad of Ira Hayes vor, die Geschichte jenes U.S.-Marinesoldaten vom Stamm der Pima, der 1945 gemeinsam mit drei Kameraden die Flagge auf dem Hügel von Iwo Jima hisste und verteidigte, aber mit seinem Ruhm nicht klarkam, dem Alkohol verfiel und in einem Straßengraben elend und einsam starb.

Cash wurde hellwach; dies war ein Stoff und Anliegen nach seinem Herzen! Er fragte La Farge, ob es möglich sei, Angehörige indigener Stämme kennenzulernen. Auf seine Vermittlung hin besuchten beide Anfang Februar 1964 die Pine Ridge Reservation, ein Sioux-Reservat in South Dakota.

Empfangen wurden Johnny Cash und Peter La Farge vom Häuptling und Sprecher Joseph Iron Cloud und acht Stammesältesten mit reglosen Mienen und ohne ein Lächeln. Als erstes stellte Iron Cloud Cash und La Farge die Frage, ob sie hierher gekommen seien, um aus dem Elend, in dem sein Stamm lebte, eine Show und Sensation zu machen, oder ob sie bereit waren, die Geschichte seines Stammes zu hören. Beide erklärten, sie seien bereit zu hören, was er und seine Leute ihnen zu sagen hatten.

Cash und La Farge blieben insgesamt vier Wochen. Sie sahen die Armut der Menschen, die in ärmlichen Holzverschlägen hausten und kaum ausreichend Kleidung hatten, um den Winter zu überstehen. Sie sahen die Hoffnungs- und Ziellosigkeit eines Volkes, dem man sein Land und seine Rechte geraubt hatte und dessen Traditionen und Kultur weiße Missionare auszulöschen versuchten. Und sie erfuhren von Iron Cloud und den Stammesältesten, was den Native Americans seit der vernichteten Niederlage am Wounded Knee über Jahrzehnte und Generationen hinweg angetan worden war.

Während der gesamten vier Wochen hörten Cash und La Farge fast nur zu, teils unter Tränen. Iron Cloud sagte schließlich, sie seien die einzigen Weißen, die ihnen zugehört und Tränen über ihr Los vergossen hätten. Wenn sie ihrer Geschichte gerecht werden wollten, müssten sie sie den Weißen in ihren Liedern erzählen! Daraufhin versprachen Johnny Cash und Peter La Farge Joseph Iron Cloud und den Ältesten des Sioux-Stammes, sie würden ein Album herausbringen, das genau davon handeln werde.

Cashs Plattenfirma Columbia Records, bei der er unter Vertrag stand, lehnte es zuerst ab, dieses Album zu produzieren und herauszubringen. Angesichts der Haltung der Mehrheit zu den Indigenen sei dies viel zu heikel und riskant!

Cash, der auf Grund seiner vorherigen Erfolge zu den bestverdienenden Musikern seiner Zeit zählte, beschloss, das Album auf eigene Kosten zu produzieren. Unterstützt wurde er von den weiblichen Mitgliedern der Carter Family, sprich, von Maybelle und ihren Töchtern Anita, Helen und June Carter, die sich zur Mitwirkung bereiterklärten und auf dem Album als Hintergrundchor zu hören sind.

In Bitter Tears – Ballads of the American Indians berichtet Johnny Cash in As Long as the Grass Shall Grow von den Vertragsbrüchen, mit denen die weißen Siedler seit den Tagen von George Washington die Ureinwohner betrogen und übervorteilt haben.

In Apache Tears greift er die Legende auf, mit der die Apachen die Entstehung der schwarzen Obsidiantropfen erklären, die im Bundesstaat Utah rund um den Topaz Mountain in Millard County bis heute in großen Mengen über den Boden verstreut sind.

In The Ballad of Ira Hayes erzählt er die traurige Geschichte des Marinesoldaten und Iwo Jima-Helden Ira Hayes, der an seinem Ruhm und dem unverändert traurigen Los seines Stammes zu Grunde ging.

In The Talking Leaves berichtet er, wie Sequoyah vom Stamm der Cherokee die Vision entwickelte, dass sein Volk Papier nutzen sollte wie die Weißen, um seine Geschichte festzuhalten. Für die Cherokee hat Sequoyah ein eigenes Alphabet entwickelt und die wichtigsten Meilensteine ihrer Geschichte unter Mitwirkung der Häuptlinge und Ältesten aufgezeichnet.

Und der Refrain von The Vanishing Race ist eine Totenklage der Navajo und unterstreicht den Verfall und das schleichende Sterben eines Stammes als Beispiel für viele...

Entgegen der Erwartungen von Columbia Records wurde das Album Bitter Tears – Ballads of the American Indians nicht nur zu einem großen Erfolg, sondern stieß auch bei Kritikern über Generationen hinweg auf hohe Anerkennung.

Und so zählte Johnny Cash zu den ersten weißen Amerikanern, die zu einer Änderung der Einstellung ihrer Landsleute zu den Ureinwohnern des amerikanischen Kontinents entscheidend beitrugen.



30.08.2026 - II. Für die Gescheiterten, von denen man wegsieht
Viele Laien fragen sich, weshalb so viele große und bedeutende Musiker der Alkohol- und viel eher noch der Tablettensucht verfallen. Vielleicht trägt es zumindest zu einem Teilverständnis bei, wenn man sich den Alltag von Musikern auf einer Tournee einmal vergegenwärtigt: Man sitzt zusammen im Tourbus, der einen zum Konzertort bringt, wo die Roadies in der Konzerthalle die Bühne für den Gig aufbauen. Mindestens eine Stunde vor dem Einlass der Konzertbesucher stimmen die Musiker ihre Instrumente, um sich und einander im Raum zu hören und über die Soundanlage ihre Instrumente auf die akustischen Verhältnisse der Halle einzustellen. Wenn der Inspizient ihnen mitteilt, dass er die Konzerthalle zum Eintritt freigibt, ziehen sie sich in die Garderobe zurück und üben dort noch eine Weile weiter, bis er ihnen Bescheid gibt, dass sie sich zum Auftritt bereit machen sollen. Sobald die Musiker die Bühne betreten, haben sie zu funktionieren und die Show durchzuziehen. Das Beifallsgeheul und -geschrei des Publikums hilft ihnen, da es automatisch den Adrenalinpegel hochjagt, und so legen sie sich ins Zeug und geben Vollgas. Nach der dritten oder vierten Zugabe ist der Gig vorbei; die Musiker packen ihre Instrumente zusammen und verschwinden von der Bühne. Sind sie auf einer Kurzstrecke unterwegs, verbringen sie diese Nacht im Hotel, bevor der Bus am nächsten Morgen zum nächsten Spielort aufbricht; sind sie auf einer Langstrecke unterwegs, verbringen sie die Nacht im Bus. Doch wo auch immer sie die Nacht verbringen: Sie wissen, dass sie schlafen sollten, damit sie für den Gig am nächsten Tag fit sind. Doch von allein können sie nicht schlafen, weil das Adrenalin nach dem Auftritt noch eine ganze Weile im Körper rumort und den Geist wachhält. Also nehmen sie eine Barbiturat-Tablette, die sie für die nächsten sechs Stunden schlicht und einfach ausknipst. Denselben Tagesablauf und dasselbe Konzertprogramm haben sie, wenn es hoch kommt, an hundert Tagen in hundert Städten durchzuziehen; in manchen Städten am Nachmittag und am Abend, also zweimal nacheinander. So fahren sie kreuz und quer durch die USA und Kanada, sehen aber von den Staaten und Städten, in denen sie Halt machen, kaum mehr als den Tourbus – wenn sie Glück haben, auch mal ein Hotelzimmer -, die Autobahn und die Bühne, auf der sie auftreten. Spätestens zur Halbzeit der Tournee haben sie dieselben Songs mindestens zum fünfzigsten Mal gespielt, müssen aber jeden Nachmittag und Abend dieselbe Energie, dieselbe Begeisterung, denselben Einsatz liefern, als sei es das erste Mal. Inzwischen sind alle müde und fühlen sich wie im Hamsterrad, in dem sie laufen und laufen und laufen. Damit sie auf der nächsten Bühne im nächsten Konzertort – wo sind sie heute, keine Ahnung? – wieder den perfekten Gig hinlegen, schlucken sie ein Amphetamin, das ihren Adrenalinpegel weit genug hochjagt, um ihre Erschöpfung zu übertünchen. Denn bei jedem Gig wachen Manager und Produzent mit Argusaugen darüber, dass die Musiker funktionieren, um das Geld einzuspielen, das die Planung und Durchführung der Tournee sie vorher gekostet hat. Kurz gesagt: Das Amphetamin vor dem Gig und das Barbiturat danach sind Hilfsmittel, mit denen die Musiker die Tournee durchhalten. Nur haben sie eine verhängnisvolle Nebenwirkung: Körper und Geist gewöhnen sich an die Dosis, so dass eine Tablette bald nicht mehr reicht. So werden schnell zwei, dann drei, dann vier daraus…


II. Für die Gescheiterten, von denen man wegsieht
 

Seit Mitte der 1950er Jahre – zur selben Zeit, als der junge Elvis Presley und andere Rock n’Roller in den USA für Furore sorgten – ging die musikalische Karriere von Johnny Cash und seinen Tennessee Three steil bergauf. Erst für Sun Records, bald darauf für den Marktgiganten Columbia Records erreichten ihre Schallplatten in Windeseile den Gold- und Platin-Status; und sobald eine neue Platte herauskam, folgte die Tournee durch die 50 Bundesstaaten der USA mit Ausnahme von Hawaii, nur bis dorthin haben sie es nicht geschafft.

Viele Laien fragen sich, weshalb so viele große und bedeutende Musiker der Alkohol- und viel eher noch der Tablettensucht verfallen. Vielleicht trägt es zumindest zu einem Teilverständnis bei, wenn man sich den Alltag von Musikern auf einer Tournee einmal vergegenwärtigt:

Man sitzt zusammen im Tourbus, der einen zum Konzertort bringt, wo die Roadies in der Konzerthalle die Bühne für den Gig aufbauen. Mindestens eine Stunde vor dem Einlass der Konzertbesucher stimmen die Musiker ihre Instrumente, um sich und einander im Raum zu hören und über die Soundanlage ihre Instrumente auf die akustischen Verhältnisse der Halle einzustellen. Wenn der Inspizient ihnen mitteilt, dass er die Konzerthalle zum Eintritt freigibt, ziehen sie sich in die Garderobe zurück und üben dort noch eine Weile weiter, bis er ihnen Bescheid gibt, dass sie sich zum Auftritt bereit machen sollen.

Sobald die Musiker die Bühne betreten, haben sie zu funktionieren und die Show durchzuziehen. Das Beifallsgeheul und -geschrei des Publikums hilft ihnen, da es automatisch den Adrenalinpegel hochjagt, und so legen sie sich ins Zeug und geben Vollgas.

Nach der dritten oder vierten Zugabe ist der Gig vorbei; die Musiker packen ihre Instrumente zusammen und verschwinden von der Bühne. Sind sie auf einer Kurzstrecke unterwegs, verbringen sie diese Nacht im Hotel, bevor der Bus am nächsten Morgen zum nächsten Spielort aufbricht; sind sie auf einer Langstrecke unterwegs, verbringen sie die Nacht im Bus.

Doch wo auch immer sie die Nacht verbringen: Sie wissen, dass sie schlafen sollten, damit sie für den Gig am nächsten Tag fit sind. Doch von allein können sie nicht schlafen, weil das Adrenalin nach dem Auftritt noch eine ganze Weile im Körper rumort und den Geist wachhält. Also nehmen sie eine Barbiturat-Tablette, die sie für die nächsten sechs Stunden schlicht und einfach ausknipst.

Denselben Tagesablauf und dasselbe Konzertprogramm haben sie, wenn es hoch kommt, an hundert Tagen in hundert Städten durchzuziehen; in manchen Städten am Nachmittag und am Abend, also zweimal nacheinander. So fahren sie kreuz und quer durch die USA und Kanada, sehen aber von den Staaten und Städten, in denen sie Halt machen, kaum mehr als den Tourbus – wenn sie Glück haben, auch mal ein Hotelzimmer -, die Autobahn und die Bühne, auf der sie auftreten.

Spätestens zur Halbzeit der Tournee haben sie dieselben Songs mindestens zum fünfzigsten Mal gespielt, müssen aber jeden Nachmittag und Abend dieselbe Energie, dieselbe Begeisterung, denselben Einsatz liefern, als sei es das erste Mal.

Inzwischen sind alle müde und fühlen sich wie im Hamsterrad, in dem sie laufen und laufen und laufen. Damit sie auf der nächsten Bühne im nächsten Konzertort – wo sind sie heute, keine Ahnung? – wieder den perfekten Gig hinlegen, schlucken sie ein Amphetamin, das ihren Adrenalinpegel weit genug hochjagt, um ihre Erschöpfung zu übertünchen. Denn bei jedem Gig wachen Manager und Produzent mit Argusaugen darüber, dass die Musiker funktionieren, um das Geld einzuspielen, das die Planung und Durchführung der Tournee sie vorher gekostet hat.

Kurz gesagt: Das Amphetamin vor dem Gig und das Barbiturat danach sind Hilfsmittel, mit denen die Musiker die Tournee durchhalten. Nur haben sie eine verhängnisvolle Nebenwirkung: Körper und Geist gewöhnen sich an die Dosis, so dass eine Tablette bald nicht mehr reicht. So werden schnell zwei, dann drei, dann vier daraus…

In diese Mühle sind auch Johnny Cash und seine Musiker geraten, mit dem Ergebnis, dass sie irgendwann unter dem Einfluss der Medikamente auf der Bühne die Kontrolle über sich selbst verloren und kaum mehr wussten, wo sie standen und was sie spielten und sangen. Und bei Johnny Cash sorgte sein Tabletten- und Alkoholkonsum und die lange Abwesenheit von zu Hause dafür, dass seine Ehe mit seiner ersten Frau Vivian in die Brüche ging und geschieden wurde.

Vor einem Gig im Jahr 1967, bei dem er und June Carter gemeinsam auftreten sollten und zufällig im selben Hotel logierten, rief June ihn an, um mit ihm vorher noch ein paar Details zu klären. Sie wusste, dass er auf seinem Zimmer war. Als er den Hörer nicht abhob, ging sie zu ihm hinüber – zu seinem Glück war die Tür zu seinem Hotelzimmer geöffnet –, wo sie ihn ihn bewusstlos im Badezimmer am Boden liegend vorfand.

Dass sie sofort den Notarzt holte, hat Johnny Cash das Leben gerettet, sonst wäre er an diesem Abend mit einer Überdosis über den Jordan gegangen! Während ihn die Sanitäter abtransportierten, spülte June Carter seine sämtlichen Tabletten die Toilette hinunter.

Als er wieder zu Bewusstsein kam, stand sie an seinem Krankenbett und sagte ihm klipp und klar, dass ihre musikalische Zusammenarbeit jetzt und hier zu Ende sei; ja, dass er sie nicht mehr wiedersehen werde, wenn er nicht den Tabletten und dem Alkohol entsagte und eine Entziehungskur durchzog. Mit diesen Worten ging sie und war fort...

Junes Ansage und Abgang traf Johnny Cash ins Mark, denn zum einen kannte und schätzte er ihr Können als Country-Sängerin und -Musikerin seit Jahren, und zum anderen war ihm ebenfalls schon seit Jahren bewusst dass er in ihr die Liebe seines Lebens gefunden hatte. Dies mag wie ein melodramatisches Klischee klingen, doch beiden war es ernst.

Nicht von ungefähr hat June Carter Ring of Fire geschrieben und komponiert! Es war ihr Lied, das ihre Liebe zu ihm beschrieb und das er später auf den Bühnen dieser Welt bei jedem Gig singen sollte, als Zeichen des Bandes, das sie unauflösbar vereinte. Doch mit ihm zusammen sein und erleben, wie er sich mit seiner Tabletten- und Alkoholsucht ruinierte und sie in seinen Abgrund mit hineinzog – dazu war June Carter nicht bereit.

Als sie aus seinem Leben entschwunden war, zog sich Johnny Cash in eine Höhle unweit seines Hauses in Tennessee zurück und wartete dort nach seinen eigenen Worten auf den Tod. Selbstmord kam für ihn als gläubigen Christen nicht in Frage; aber er betete und flehte in dieser Höhle zu Gott, er möge seinen Geist und seine Seele als Sühneopfer von dieser Welt nehmen.

Doch Gott erhörte ihn nicht, ließ ihn am Leben. Dies war nach seinen Worten für ihn die Wende: dass Gott ihn offenbar für eine besondere Mission ausersehen hatte und ihn trotz seiner Fehler und Mängel weiterhin zu gebrauchen gedachte.

Schließlich rief er June an und sagte ihr, er sei bereit, die Entziehungskur durchzuziehen, brauche aber sie und ihre Familie dazu. Und so trat Johnny Cash im Haus der Familie Carter den Kampf gegen seine Dämonen an, gegen die Presse und neugierige Besucher abgeschirmt und von Junes Vater mit der Schrotflinte gegen einen Dealer verteidigt, der es wagte, aufzutauchen und ihm eine Ration Tabletten andrehen zu wollen.

Um es klarzustellen: Von seinem Tabletten- und Alkoholkonsum abgesehen, der in den USA nicht als kapitales Verbrechen gilt, hat Johnny Cash keine gravierende Straftat begangen und auch keine Haftstrafe abgesessen. Doch sein eigener Zustand, aus dem er nur mit Hilfe seiner späteren Frau June und ihrer Familie heil und trocken herauskam, war für ihn dasselbe wie eine Kerkerhaft. Seine Schuld und sein Fehlverhalten war ihm bewusst, so dass er sich nicht besser oder höher einschätzte als ein Häftling, der im Gefängnis sitzt.

Das erklärt, weshalb er 1968 ankündigte, dass er mit den Tennessee Three zwei Konzerte in Folsom geben werde. Viele rieten ihm davon ab, meinten, mit Gigs im Knast vor Schwerverbrechern begehe er in gesellschaftlicher Hinsicht und im Hinblick auf seine Karriere als Musiker Selbstmord. Doch er nahm die beiden Gigs im Staatsgefängnis Folsom auf seine Kappe und sagte, er werde gerade für jene spielen, von denen sich die Gesellschaft abwendet und nichts wissen will. Auch sie seien nach wie vor Menschen und hätten ein Recht darauf, menschenwürdig behandelt zu werden!

Aus derselben Haltung heraus organisierte er auch die beiden Konzerte, die im Folgejahr 1969 in San Quentin stattfanden, diesmal mit Verstärkung durch seine frisch angetraute Frau June und die Carter Family.

So kam es, dass Johnny Cash in seinem Folsom Prison Blues mit seinen Mitstreiterinnen und Mitstreitern im Speisesaal von zwei Gefängnissen des Bundesstaates Kalifornien erzählte, wie es den 2.000 Inhaftierten an 365 Tagen im Jahr geht:

Ich höre den Zug kommen; er biegt gerade um die Kurve.

Wie lange ich den Sonnenschein nicht mehr gesehen habe, weiß ich nicht.

Ich sitze im Gefängnis Folsom fest, und die Zeit schleppt sich dahin,

während der Zug weiterfährt, runter nach San Antonio.


Es ist die Geschichte des Häftlings, der „einen Mann in Reno“ erschossen hat, „nur um ihn sterben zu sehen“. Ihm ist bewusst, dass er seine Strafe verdient und seine Freiheit verwirkt hat.

Doch was ihn foltert ist der Gedanke, dass andere zur selben Zeit Kaffee trinken, Zigarren rauchen und feine Autos fahren, dass sie sich frei bewegen können.

Doch Johnny Cash hat bei seinen Auftritten in Folsom mehr getan als nur die Situation von Knastbrüdern zu schildern. Er bat auf der Bühne um ein Glas Wasser, und ein Gefängniswärter brachte ihm ein Glas mit einer undurchsichtigen Brühe, die gelb wie Urin war. Cash hielt das Glas hoch, sagte: „Das bekommen die Menschen hier täglich zu trinken?“ und kippte die Brühe ohne weiteren Kommentar auf den Boden aus.

Ja, er sang sogar das Lied eines Häftlings namens Glenn Shirley, The Graystone Chapel. Nach dem Song kämpfte sich Shirley durch die Reihen der anderen Häftlinge nach vorne zur Bühnenrampe durch und streckte die Hand nach Johnny Cash aus, der sie ohne zu zögern ergriff und ihm fest und klar in die Augen sah, von Mensch zu Mensch.

In San Quentin stellt Cash sogar die seinerzeit gängige Methode des Strafvollzuges in Frage:

San Quentin, was denkst du, das du an Gutem bewirkst?

Du verwundest und verdirbst mich durch und durch.

Denkst du wirklich, ich komme hier als ein anderer, besserer Mensch heraus?

San Quentin, ich hasse jeden Zoll von dir!


Interessant an Cashs „Knastsongs“ ist, dass die Häftlinge durch ihre Strafe in keinem einzigen Lied zu einer Veränderung, geschweige denn Besserung ihres Denkens und Verhaltens gelangen. Das einzige Resultat ist, dass sie ihre Umgebung und Lage verfluchen, und diese Haltung verhärtet sich und bleibt, anstatt eine Änderung ihrer Gesinnung oder gar Reue über ihre Tat zu bewirken.

Dies tritt im Song 25 Minutes To Go klar zu Tage, in dem Cash die letzten Minuten eines Delinquenten vor seiner Hinrichtung durch den Strang schildert. Jener Delinquent hat beim Gouverneur von Kalifornien eine Petition auf Begnadigung eingereicht und hofft bis zum letzten Augenblick, dass ein Sheriff oder Wärter mit dem Erlass des Gouverneurs eintrifft, dass die Todesstrafe aufgehoben ist.

Es sind ausschließlich Morde, für die in Kalifornien und Texas noch heute die Todesstrafe verhängt wird; doch während der letzten 25 Minuten, die ihm bleiben, bereut auch er seinen Mord nicht, für den er gleich hängen wird. Mit großer Wahrscheinlichkeit war das Motiv für den Mord Selbstjustiz, weil der Ermordete das Leben des Mörders für immer ruiniert hat. Nur so ist es zu erklären, dass der Delinquent den Sheriff, als dieser ihn auffordert, seine Tat zu bereuen, angrinst und ihm ins Gesicht spuckt!

Wie auch immer: Die Begnadigung durch den Gouverneur von Kalifornien trifft nicht ein, und für den Delinquenten ist es eine Qual, den blauen Himmel und die Vögel zu sehen, die dort oben über ihm frei fliegen, während sein Leben in einer Minute… Da senkt sich die Klappe über der offenen Falltür unter seinen Füßen, und der Delinquent baumelt in der Luft am Strick. Es liegt ein gallebitterer, schwarzer Sinn für Humor in der Art, wie heiter und vergnügt Cashs Stimme dieses Baumeln beschreibt…

Eine ganz andere Geschichte erzählt ein Autobahn-Streifenpolizist namens Joe Roberts in Highway Patrol Man. Schon seit Jahren spielt sich sein Einsatz rund um Pineville/Michigan nahe der kanadischen Grenze ab, und er hat einen jüngeren Bruder namens Franky, der nach seinen eigenen Worten nichts taugt.

1965 wurde Franky zum Dienst im Vietnamkrieg eingezogen. Joe übernahm eine Farm und heiratete seine Jugendliebe Maria, auf die es Franky seinerzeit genauso abgesehen hatte wie er. Da zwischen 1965 und 1968 die Weizenpreise in den Keller sanken, konnte Joe seine Farm nicht halten und musste sie aufgeben.

So geschah es, dass Joe in den Staatsdienst ging, Streifenpolizist wurde und zum Sergeanten aufstieg, während Franky 1968 aus dem Krieg zurückkehrte und seither nichts Anständiges auf die Reihe bekam. Schon seit früher Jugend und bis jetzt hat Joe Franky sich immer wieder zur Brust genommen und ihm ins Gewissen geredet, ihn aber stets davonkommen lassen.

Denn in früheren Zeiten, bevor Franky in den Krieg musste und Joes Farm pleite ging, haben sie abends miteinander gelacht und getrunken und abwechselnd mit Maria getanzt – nichts geht über Blut hautnah an Blut -, und ein Mann, der sich von seiner Familie abwendet, taugt nach Joes Einschätzung nichts.

Eines Abends um viertel vor neun erreicht Joe ein Funkspruch der Autobahnstreife: In einer Kneipe in Michigan liegt ein Mann am Boden und blutet aus einer Kopfwunde, ein Mädchen sitzt am Tisch und weint, und derjenige, der zugeschlagen hat, war Franky.

Joe rast in seinem Einsatzwagen los, jagt mit 110 Meilen pro Stunde über die Autobahn und Frank hinterher, durch ganz Michigan. Da sieht er bei Willow Banks den Wegweiser „5 Meilen bis zur Grenze nach Kanada“. Joe treibt Franky auf den Grenzübergang zu, und bald sind die Hecklichter seines Buicks jenseits der kanadischen Grenze verschwunden.

Denn, wie Joe immer sagt, ein Mann, der sich von seiner Familie abwendet, taugt nichts. Mit anderen Worten, im Zweifelsfall zählen für ihn Blutsbande mehr als Recht und Gesetz…



30.08.2026 - I. Für fragwürdige Revolverhelden
​​​​​​​Für die Texte von Johnny Cash gilt grundsätzlich, dass er sich nicht in psychologischen Analysen und tiefschürfenden Betrachtungen ergeht. Meist erzählt er von einer Begebenheit oder einer bestimmten Konstellation, mag man sie annehmen oder nicht, es ist nun einmal diese eine Geschichte, und damit basta. Dass er der Sohn einfacher Farmer war, hat er nie verleugnet, und so erzählt er in rauen, schlichten Worten. Was seinen Songs Gehalt verleiht und einen packt, je länger man zuhört, ist – wie von mir eingangs erwähnt - jene tiefe Stimme, deren Klang mich an einen Baum erinnert, eine einsame aber frei und aufrecht stehende Eiche mit schwarzen, knorrigen, krummen Ästen. Mit dieser ebenso ernsten und schweren wie lakonischen und trockenen Stimme erzählt er in "Don’t Take Your Guns to Town" von einem Jungen namens Billy Joe, der sich zu Hause auf seiner Farm langweilt und sich abends bereit macht, um in der Stadt um die Häuser zu ziehen. Seine Mutter mahnt ihn eindringlich: „Nimm deine Waffen nicht mit in die Stadt, mein Sohn! Lass deine Waffen zu Hause, Bill!“ Doch ihr Sohn hört nicht auf sie, küsst sie zum Abschied und sagt: „Dein Billy Joe ist ein Mann und kann mit Waffen umgehen wie jeder andere auch. Ich werde nicht angreifen, aber wenn mich einer bedroht, ziehe ich.“ Noch einmal wiederholt die Mutter ihre Warnung, aber er geht mit zwei Revolvern im Holster in die Stadt und steuert den Saloon an.


I. Für fragwürdige Revolverhelden


Für die Texte von Johnny Cash gilt grundsätzlich, dass er sich nicht in psychologischen Analysen und tiefschürfenden Betrachtungen ergeht. Meist erzählt er von einer Begebenheit oder einer bestimmten Konstellation, mag man sie annehmen oder nicht, es ist nun einmal diese eine Geschichte, und damit basta. Dass er der Sohn einfacher Farmer war, hat er nie verleugnet, und so erzählt er in rauen, schlichten Worten.

Was seinen Songs Gehalt verleiht und einen packt, je länger man zuhört, ist – wie von mir eingangs erwähnt - jene tiefe Stimme, deren Klang mich an einen Baum erinnert, eine einsame aber frei und aufrecht stehende Eiche mit schwarzen, knorrigen, krummen Ästen.

Mit dieser ebenso ernsten und schweren wie lakonischen und trockenen Stimme erzählt er in Don’t Take Your Guns to Town von einem Jungen namens Billy Joe, der sich zu Hause auf seiner Farm langweilt und sich abends bereit macht, um in der Stadt um die Häuser zu ziehen.

Seine Mutter mahnt ihn eindringlich: „Nimm deine Waffen nicht mit in die Stadt, mein Sohn! Lass deine Waffen zu Hause, Bill!“

Doch ihr Sohn hört nicht auf sie, küsst sie zum Abschied und sagt: „Dein Billy Joe ist ein Mann und kann mit Waffen umgehen wie jeder andere auch. Ich werde nicht angreifen, aber wenn mich einer bedroht, ziehe ich.“

Noch einmal wiederholt die Mutter ihre Warnung, aber er geht mit zwei Revolvern im Holster in die Stadt und steuert den Saloon an.

Prompt fordert ihn einer am Tresen heraus. Billy greift nach seiner Waffe, doch der andere schießt, noch bevor er es gesehen hat. Als er getroffen zu Boden geht, sind seine letzten Worte die seiner Mutter: „Nimm deine Waffen nicht mit in die Stadt, mein Sohn! Lass deine Waffen zu Hause, Bill!“ So endet ein junges Leben in einem Kräftemessen, bei dem den Duellpartnern nichts Besseres einfällt als zu schießen…

Offenbar war im Mittleren und Wilden Westen denen, die sich mit Waffen duellierten, das Leben an sich nichts wert und völlig egal! Wie soll man sonst die Zeile in Cashs berühmten Folsom Prison Blues verstehen: „Ich erschoss einen Mann in Reno, nur um zuzusehen, wie er stirbt“?

Die Reue setzt erst ein, als der Täter im Knast sitzt und seiner Freiheit und seiner Rechte beraubt ist; aber vorher erschießt ein Mann einen anderen einfach so, wegen nichts und wieder nichts…

Gegen Ende seines Lebens klagt Johnny Cash in I Hung My Head die Vernarrtheit mancher seiner Landsleute in ihre Waffe und den fahrlässigen Umgang damit noch einmal an:

Eines Morgens sitzt ein Mann auf einem Hügel. Um die Zeit totzuschlagen und ein wenig zu üben, probiert er das Gewehr seines Bruders aus. Eher im Spiel als in bewusster Absicht richtet er das Gewehr auf die Gestalt eines Mannes, der gerade über den Grat des gegenüberliegenden Hügels reitet. Das Gewehr geht in seinen Händen los; ein Schuss hallt über das Land. Der Reiter sinkt getroffen zu Boden, und das Pferd galoppiert weiter.

Erschreckt und verstört flieht der Schütze, kommt aber nicht weit, bis ihn die Gendarmerie stellt. Als ihn der Sheriff fragt, was er getan hat, begreift der Täter das Ausmaß seiner Tat in vollem Umfang: Er hat diesen Mann, der ihm nichts getan hat und den er nicht einmal kennt, mit seiner Spielerei erschossen.

In tiefer Reue und Trauer lässt er den Kopf hängen. Dass er zum Tod durch den Strang verurteilt wird, akzeptiert er ohne Auflehnung und Widerspruch. Denn für das, was er nicht nur dem Mann, sondern auch seiner Frau und seinen Kindern angetan hat, wünscht er sich selbst, er wäre tot.

Als auf dem Hügel der Galgen steht und er bereits die Schlinge um den Hals trägt, sieht er noch einmal zum gegenüberliegenden Hügelgrat hinüber. Dort erscheint ihm die Gestalt eines Reiters, der den Arm wie zum Gruß hebt. Das heißt, mit seiner Hinrichtung ist seine Strafe nicht zu Ende; der Getötete wird ihn mit seiner bloßen Erscheinung von nun an bis in alle Ewigkeit verfolgen…



30.08.2026 - Johnny Cash - Die Mission des Mannes in Schwarz
Von den späten 1950er Jahren bis zur Jahrtausendwende stand der Titel „Man in Black“ nicht für einen Geheimagenten im dunklen Maßanzug und mit Sonnenbrille, der auftaucht, wenn es einen Vorfall zwischen Menschen und Außerirdischen gibt, die vom Vorfall Betroffenen mit Nachdruck zum Schweigen auffordert und ihre Erinnerung am Ende mit „Blitzdingsen“ löscht. Nein, der Titel „Man in Black“ stand einst für einen Mann, der von seiner Lederjacke über Hemd und Jeans bis zu seinen Cowboystiefeln stets in Schwarz gekleidet war; ja, der auf dem Höhepunkt seiner Karriere in den späten 1980er Jahren bis zu seinem Tod im September 2003 sogar eine für ihn gefertigte schwarze Westerngitarre spielte, eine Martin DC-35. Ich spreche von Johnny Cash. Wir in Deutschland, die wir ihn hauptsächlich von "I Walk the Line", "Ring of Fire" und "Ghost Riders in the Sky" kannten, haben ihn zu seinen Lebzeiten als Inbegriff des Country-Genres betrachtet; doch was die Themen angeht, die er in seinen Songs aufgriff, und sein Anliegen, das sie transportieren, ging er vom Anfang bis zum Ende seines Musikerlebens weit darüber hinaus. Dieses Anliegen - oder sollte man es eher Mission nennen? - hat er in jenem Song zusammengefasst, der erklärt, warum er in der Öffentlichkeit und auf der Bühne immer Schwarz trug: „Ich trage es für die Armen und Niedergeknüppelten, für jene, die auf der hungrigen, hoffnungslosen Seite der Stadt leben.“ „Ich trage es für den Häftling, der längst für sein Verbrechen bezahlt hat und noch hier ist, weil er ein Opfer der Zeit ist.“ Und später: „Ich trage es in Trauer um die Millionen, die gestorben sind, weil sie glaubten, Gott sei auf ihrer Seite, und die anderen Millionen, die glaubten, wir seien auf ihrer Seite.“ Und solange es Verlierer, Verstoßene und Verlassene gebe, solange die Dinge nicht in Ordnung seien, werde er der Mann in Schwarz bleiben. Für sie hat er seine tiefe Bassbaritonstimme erhoben, die zuweilen ernst und fest klang - die Stimme eines Mannes, der in einfachen Worten eine Geschichte erzählt, die sich so und nicht anders zugetragen hat -, und zuweilen wie eine düster grollende Totenklage, die indes nie ins Sentimentale oder Weinerliche kippte; dafür klang sie zu trocken, zu lakonisch, zu sehr von Haltung geprägt. Nachfolgend möchte ich versuchen zusammenzufassen, was den Mann in Schwarz sein Leben lang geprägt und für wen er seine Stimme mit besonderem Nachdruck erhoben hat.


Johnny Cash - Die Mission des Mannes in Schwarz
 

Von den späten 1950er Jahren bis zur Jahrtausendwende stand der Titel „Man in Black“ nicht für einen Geheimagenten im dunklen Maßanzug und mit Sonnenbrille, der auftaucht, wenn es einen Vorfall zwischen Menschen und Außerirdischen gibt, die vom Vorfall Betroffenen mit Nachdruck zum Schweigen auffordert und ihre Erinnerung am Ende mit „Blitzdingsen“ löscht.

Nein, der Titel „Man in Black“ stand einst für einen Mann, der von seiner Lederjacke über Hemd und Jeans bis zu seinen Cowboystiefeln stets in Schwarz gekleidet war; ja, der auf dem Höhepunkt seiner Karriere in den späten 1980er Jahren bis zu seinem Tod im September 2003 sogar eine für ihn gefertigte schwarze Westerngitarre spielte, eine Martin DC-35.

Ich spreche von Johnny Cash. Wir in Deutschland, die wir ihn hauptsächlich von I Walk the Line, Ring of Fire und Ghost Riders in the Sky kannten, haben ihn zu seinen Lebzeiten als Inbegriff des Country-Genres betrachtet; doch was die Themen angeht, die er in seinen Songs aufgriff, und sein Anliegen, das sie transportieren, ging er vom Anfang bis zum Ende seines Musikerlebens weit darüber hinaus. Dieses Anliegen - oder sollte man es eher Mission nennen? - hat er in jenem Song zusammengefasst, der erklärt, warum er in der Öffentlichkeit und auf der Bühne immer Schwarz trug:

Ich trage es für die Armen und Niedergeknüppelten, für jene, die auf der hungrigen, hoffnungslosen Seite der Stadt leben.“

Ich trage es für den Häftling, der längst für sein Verbrechen bezahlt hat und noch hier ist, weil er ein Opfer der Zeit ist.

Und später:

Ich trage es in Trauer um die Millionen, die gestorben sind, weil sie glaubten, Gott sei auf ihrer Seite, und die anderen Millionen, die glaubten, wir seien auf ihrer Seite.“

Und solange es Verlierer, Verstoßene und Verlassene gebe, solange die Dinge nicht in Ordnung seien, werde er der Mann in Schwarz bleiben.

Für sie hat er seine tiefe Bassbaritonstimme erhoben, die zuweilen ernst und fest klang - die Stimme eines Mannes, der in einfachen Worten eine Geschichte erzählt, die sich so und nicht anders zugetragen hat -, und zuweilen wie eine düster grollende Totenklage, die indes nie ins Sentimentale oder Weinerliche kippte; dafür klang sie zu trocken, zu lakonisch, zu sehr von Haltung geprägt.

Nachfolgend möchte ich versuchen zusammenzufassen, was den Mann in Schwarz sein Leben lang geprägt und für wen er seine Stimme mit besonderem Nachdruck erhoben hat.


Eine Kindheit und Jugend im tiefen Süden
 

„How high’s the water, Mama?

‚Two feet high and risin’.‘

How high’s the water, Papa?

She says, ‚Two feet high and risin’.‘

(Johnny Cash, Five Feet High and Risin‘)


Zweimal – als er sieben und zwölf Jahre alt war – hat Johnny Cash mit eigenen Augen erlebt, was Hochwasser und Überschwemmung bedeutet und diesem Naturphänomen ein ebenso drastisches wie präzises Denkmal gesetzt:

Wenn der Weizen-und Hafer auf den Feldern ruiniert ist… Wenn Bienenstöcke hin sind, Hühner in die Kronen der Weiden flüchten und Rinder bis an die Knöchel im Wasser stehen… Wenn ein Bus die Bewohner zu dem Zug bringt, der sie in den nächsten flutfreien Ort schaffen soll, die Bahntrasse aber bereits zur Hälfte weggespült ist, so dass ihnen nichts übrig bleibt, als zur nächstbesten Anhöhe hinauf zu steigen und dort oben abzuwarten, bis der Fluss das Land wieder freigibt und sich in sein Bett zurückzieht.

Johnny Cash sagte später, dass er nie den Anblick vergessen wird, wie das Wasser still, langsam aber unaufhaltsam in die Küche und ins Wohnzimmer drang, und auch nicht den Geruch des schlammigen Flussbetts, der nach dem Aufräumen und Renovieren noch wochen- und monatelang im Boden und Mauerwerk hängen blieb.

Wenn der Tyrzona River, ein Nebenfluss des Mississippi, der in Windeseile anschwoll und stieg, wenn es der Ol’ Man River tat, nicht über die Ufer trat und das Land überflutete, arbeiteten John Ross Cash, seine Frau Carrie und ihre sieben Kinder in der Tiefebene des Mississippi-Deltas tagein, tagaus auf den Baumwollfeldern, die ihrem Grundstück laut Roosevelts New Deal-Vertrag zugeteilt waren, hatten ein paar Hektar Weizen und Hafer und hielten auch ein paar Hühner und Kühe.

Mehr als dies und ihr kleines hölzernes Südstaatenhaus, das in der Gemeinde Dyess/Arkansas stand, hatte die Familie Cash nicht. Wenn sie auf ihren Feldern zugange waren, begann Mutter Carrie zu singen - Lieder aus der Baptistengemeinde ebenso wie die Gospels und Spirituals der Schwarzen und die ersten Blues-Songs -, um sich und ihren Kindern die mühsame, kräftezehrende Plackerei zu erleichtern.

Als sie ihrem Sohn J.R. zu seinem zehnten Geburtstag eine einfache Konzertgitarre schenkte, hatte er das Element gefunden, in dem er fortan auszudrücken vermochte, was ihn bewegte. Sein zwei Jahre älterer Bruder Jack, der selbst seit ein paar Jahren Gitarre spielte, zeigte ihm die Akkordgriffe und Spieltechniken und fand bald, dass Johnny recht gut spielte und sang… Bis Jack eines Tages in das Sägewerk ging, das sein Vater am Fluss hatte, Johnny zurückblieb, um beim Haus zu spielen – und Jack in die Kreissäge geriet und tödlich verunglückte...

Über den Verlust von Jack, der sein Lieblingsbruder war, und das Gefühl, an seinem Tod schuld zu sein, weil er nicht bei ihm gewesen war, kam Johnny Cash für den Rest seines Lebens nicht hinweg. Auch nicht darüber, dass sein Vater ihm mehr als einmal ins Gesicht sagte, es sei der falsche Sohn im Sägewerk umgekommen.

Kurz zusammengefasst: Kummer und Gram über ein Leid, das nie endete, und monotone, zermürbende Schwerarbeit auf den Baumwoll- und Zuckerrohrfeldern kannten sowohl die schwarzen als auch die weißen Farmarbeiter; und dies drückte sich von Anfang an in den Gospels und Spirituals aus.

Auch der Blues, der ebenfalls im tiefen Süden entstand, ist von Grund auf ein Seufzen über die Schwere und Mühsal des Daseins, nur ohne die Verheißungen des christlichen Glaubens auf eine bessere und gerechtere Welt, die jene, die an Jesus Christus, sein Wort und die Erlösung durch seinen Tod glauben, nach dem Ende dieses Erdenlebens erwartet.

In seiner Grundstruktur besteht der Blues aus drei, höchstens vier Strophen à vier Zeilen, in denen die erste Zeile die konkrete Situation ausspricht, die zweite Zeile das Gesagte zur Betonung wiederholt, und die dritte und vierte Zeile eine Einschätzung oder einen Kommentar dazu abgibt:


They call it stormy Monday, but Tuesday’s just as bad.

I say they call it stormy Monday, but Tuesday’s just as bad.

Wednesday is even worse,

and Thursday’s also sad.“

(Aaron ‚T-Bone‘ Walker, Stormy Monday)


Da der Blues von einfachen Menschen stammt, die außer der Welt, die sie umgibt, kaum etwas anderes kennen, sind seine Texte wie auch seine melodische Sprache genauso einfach. Neben dem Gesang braucht man nur wenige Instrumente, doch sie sind für die richtige Klangfarbe unerlässlich:

eine Bassgitarre oder mit Stahlsaiten verstärkte Western-Gitarre, die den schwer und eindringlich stampfenden Vier-Viertel-Takt liefert; eine akustische E-Gitarre oder besser noch die waagrecht montierte Steel Guitar, auf der man mit dem Slide-Kapodaster die Saiten so langgezogen wie möglich jaulen lässt, und eine Mundharmonika, die je nach der Blastechnik grell, scharf und schneidend oder klagend und wehmütig klingt.

Das war die Musik, mit der Johnny Cash aufwuchs und die der Grundstein für sein eigenes Schaffen war.

Später, als er mit den Tennessee Three auftrat - Luther Perkins, nach seinem Tod 1970 in den Flammen seines Hauses Bob Wootton an der E-Gitarre, Marshall Grant am Bass und Tom Holland am Schlagzeug –, fügte er dem Blues seinen eigenen unverwechselbaren Sound hinzu:

das rasant dahineilende und zugleich gleichförmig pumpende Boom-Chicka-Boom von E-Gitarre, Bass und Schlagzeug, das nach seinen eigenen Worten den Rhythmus eines Güterzuges nachahmen sollte. Für dieses Boom-Chicka-Boom verliehen ihm seine Country-Kollegen Waylon Jennings, Willie Nelson und Kris Kristofferson, die von 1985 bis 1995 gemeinsam mit ihm als The Highwaymen große Erfolge feierten, den Spitznamen „The Engine“.

Andere Songs, die man im tiefen Süden ebenfalls liebte, waren Cowboy-Songs aus dem Mittleren und Wilden Westen, die von jenen Männern stammten, die von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang Rinder und Pferde hüteten und von Weideplatz zu Weideplatz trieben und nach dem Viehtrieb im Saloon ihres Kaffs Dampf abließen, indem sie Whisky tranken und Poker spielten, bis sie zu streiten begannen und einander quer durch den Saloon auf die Straße prügelten oder ernste Streitigkeiten mit dem Revolver klärten.

Dass Johnny Cash diesen unter heißer Sonne und Staub reitenden und Vieh treibenden, sich prügelnden und mit dem Revolver duellierenden Cowboys ein Denkmal setzte und zugleich die bis heute gültige Tatsache, dass in den USA jede und jeder das Recht hat, eine Schusswaffe zu tragen und in Notwehr von ihr Gebrauch zu machen, scharf kritisierte, war seine erste und rund um die Welt bekannteste Mission, und so möchte ich auch als erstes von seinen Western-Songs erzählen.