Ravensburg - Eine Stadt nicht nur für Spiele
Wer von meinen älteren Leserinnen und Lesern in der Kindheit und Jugend oder auch später dann und wann vor einem Schach-, Mühle- oder Halmabrett saß und sich mit einem Partner duellierte, oder wer zwischen dem siebten und zehnten Lebensjahr Memory gespielt oder Quartette gesammelt und mit Freunden aus der Nachbarschaft oder der Schulklasse getauscht hat, ist mit Ravensburg in Berührung gekommen, ohne dass es ihr oder ihm bewusst war. Denn all die vorgenannten Brett- und Kartenspiele stammen aus dem Ravensburger Verlag, der 1892 von Otto Ritter gegründet wurde und sich im Lauf seiner Geschichte neben dem Schmidt-Verlag zum weltweit größten Erfinder und Produzenten von Spielen entwickelt hat.
Wer sich abends oder an freien Wochenenden mit solchen Spielen die Zeit vertrieb, trainierte sein planmäßiges und strategisches Denken bzw. erweiterte über die mannigfaltigen Memory- und Quartettserien seine Merkfähigkeit und sein Allgemeinwissen.
Seit dem Siegeszug des PC, des WWW und dem Fortschreiten der Digitalisierung ist diese Art von Spielen ins Hintertreffen geraten; doch bis heute sind aus Spielwarenabteilungen wie auch aus Buchhandlungen die Ravensburger Puzzles von 50 bis zu 5.000 Teilen und mit Motiven aus der Tier- und Pflanzenwelt, aus Landschaften und Städten und der klassischen Malerei nicht wegzudenken.
Wie ich dazu komme, über die Ravensburger Spiele und Puzzles zu schreiben? Weil es sie im „Wohnzimmer“, dem Gesellschaftsraum der Reha-Klinik in Aulendorf stapelweise gibt und sich jede und jeder an ihnen frei bedienen kann und darf. Zwei Wochen nach meiner Ankunft begann die Arbeit auf dem Puzzletisch an einem Kolossalschinken mit 5.000 Teilen, und als ich drei Wochen später wieder nach Hause fuhr, war es noch weit davon entfernt, fertig zu werden.
Es handelt sich um eine römische Gemäldegalerie aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. Sie ist in einem Palazzo mit einem Brunnen davor untergebracht, in dem sich über drei säulengestützte Galerien jede Menge Besucher im schwarzen Frack und Zylinder verteilen. Drei Galerien, bei denen der Marmor der Säulen, Balkone und Geländer ebenso grau-weiß-blau meliert ist wie der Rand des Brunnens vor dem Palazzo, die vom Boden bis zur Decke von einem Rahmen aus dunkelbraunem Holz und einem karmesinroten Samtvorhang eingefasst sind, und über denen der Himmel in demselben Blaugrün und Weiß schimmert wie das Wasser im Brunnen…
Wie manch ein anderer Rehabilitand habe ich mich in Therapiepausen oder am Wochenende hin und wieder an diesem in 5.000 Einzelteile zerlegten Repro-Gemälde versucht. Ich saß und brütete an dunklen oder einfarbigen Ecken und Teilen, von denen kein einziges passen wollte. Und jedes Mal stellte ich fest, dass dieses Ding kein Puzzle, sondern eine Strafarbeit ist, und räumte nach zehn Minuten freiwillig das Feld!
Als ich in Ulm kurz in die große Buchhandlung geschaut habe, waren im Erdgeschoss, wie von mir erwähnt, Ravensburger Puzzles in Massen ausgestellt. Mir fiel ein Bild des Fischerviertels bei Sonnenuntergang in die Hände, dessen Farben und Nuancen mich anzogen. Es wäre eine greifbare, dauerhafte Erinnerung an meine Zeit in Ulm gewesen! Nur war es leider in 2.000 Teile zerlegt, an denen ich irgendwann entnervt aufgegeben und das Puzzle auf einen Schrank oder das oberste Brett eines Regals verbannt hätte. Dafür war mir das schöne Bild zu schade…
Doch Ravensburg beliefert die Welt nicht nur mit Spielen und Puzzles in vielerlei Gestalt; Ravensburg ist auch eine Kreisstadt im südlichen Oberschwaben, zu der Aulendorf gehört, und geht wie Ulm auf das Mittelalter zurück. Da sie in den einschlägigen Broschüren als sehenswert empfohlen wird, nahm ich mir auch diese Stadt für einen Samstagsausflug vor.
Einmal mehr machte ich mich am Samstag nach Christi Himmelfahrt auf den Weg vom Kurpark über den Schlossplatz hinunter zum Aulendorfer Bahnhof in der Talsenke. Doch vom 14. Mai bis zum 18. September 2026 ist der Schienenverkehr wegen Gleisbauarbeiten stark eingeschränkt, so dass es nach Ravensburg und weiter hinunter zum Bodensee nur Schienenersatzbusse gibt.
Zu meinem Glück kam genau zur richtigen Zeit ein Schienenersatzbus daher, der mein Ziel anfuhr; und nachdem ich mein Tagesticket am Fahrkartenautomaten gelöst hatte, fackelte ich nicht lange und schwang mich in den Bus. Allerdings bedeutet Schienenersatzverkehr auch, dass man über das Land und durch kleine Dörfer fährt und der Bus anders als der Zug an jeder Milchkanne hält, so dass die Fahrt gute zwanzig Minuten länger dauert als auf der Schiene.
Doch ich erreichte Ravensburg relativ früh am Vormittag. Wie in Ulm liegt auch in dieser Stadt der Bahnhof mitten in der Innenstadt, und auch hier erstreckt sich vor dem Bahnhofsvorplatz ein großer Busbahnhof für den Stadt- und Regionalverkehr. Von hier aus kommt man mit dem Bus nach Lindau, Meersburg, Friedrichshafen, Überlingen und Konstanz; sprich, man erreicht alle wichtigen Städte am Nordufer des Bodensees, und das viel schneller als mit dem Zug und ohne Umsteigen!
Und auch in Ravensburg gelangt man zu Fuß in zehn Minuten ins Zentrum der Altstadt. Wenn man sich am Busbahnhof halb nach rechts wendet, erhebt sich hinter dem großen gläsernen Funkhaus und Redaktionsgebäude des Südwestdeutschen Rundfunks (SWR) der Gemalte Turm, neben dem „Mehlsack“, dem weißen Rundturm, der sich neben der Veitsburg über der Stadt erhebt, eines der markanten Wahrzeichen Ravensburgs. Direkt an den Gemalten Turm schließt sich die Stadtmauer an, die hinter einer Allee aus Laubbäumen den Stadtkern umschließt wie in Nürnberg, Nördlingen oder Rothenburg ob der Tauber; nur, dass die Stadtmauer von Ravensburg nicht so hoch, wuchtig und massiv ist wie in den vorgenannten Städten.
Wo die Mauer endet, führt die Charlottenstraße direkt ins Herz der Altstadt. Wegen Straßen- und Tiefbauarbeiten sind nicht nur die Häuser mittelalterlich, sondern die Straße selbst: Es gibt hier weder Asphalt noch Kopfsteinpflaster, nur festgestampften Lehm und Kies. Doch folgt man der Charlottenstraße einfach schnurgeradeaus, endet sie genau vor dem Herzen der Stadt, sprich am Marienplatz gegenüber dem Blaserturm. Am Marienplatz? Jawohl!
Wie in München ist auch in Ravensburg der Marienplatz das Zentrum der Stadt, von dem alles ausgeht. Nur, dass der Marienplatz kein Quadrat ist wie in München, sondern eher eine Straße, die zwar breit ist, bei der aber die Länge deutlich überwiegt, ähnlich wie beim Wenzelsplatz in Prag.Und wie in Prag säumen auch in Ravensburg die Häuser den Platz in hellen Pastellfarben: beige, blassblau, hellorange, maigrün, zartgelb.
In Ravensburg streitet das Fachwerk mit dem gewölbten und geschweiften Barock um den Vorrang. Alle Häuser am Marienplatz und in den Gassen, die von ihm abzweigen, müssen zu Beginn der 2000er Jahre frisch getüncht worden sein, denn ihre Farben strahlen klar und rein.
Wie in Ulm findet auch in Ravensburg an jedem Samstag ein großer Markt statt. Er bietet nicht nur Obst, Gemüse und Lebensmittel, auch Strümpfe und Socken, Schuhe, Hemden und Shirts, Schreibwaren, Andenken und vieles mehr, ähnlich wie die Auer Dult am Mariahilfplatz. Auch gibt es auf diesem Markt jede Menge Essbuden und -hütten, die Maultaschen mit vielerlei Füllung, Dinnete mit vielerlei Belag und Käsespätzle servieren, nicht nur in der klassischen Urform mit Röstzwiebeln, auch mit Bärlauch-Pesto, Chili-Limetten-Sauce, Trüffelcreme etc.
Anstatt für die „Einsamkeitsspätzle“ mit Knoblauch und Zwiebeln entschied ich mich lieber für die „Winterspätzle“ mit einem Schwall eingekochter Preiselbeeren unter den Röstzwiebeln und habe meine Wahl nicht bereut. Während die oberbayerischen Kasspatz’n zuweilen eine recht trockene Angelegenheit sind, waren diese Spätzle aus dem Schwabenland frisch und saftig.
Auch eine Dinnete kann ich wärmstens empfehlen! Ich wählte die schwäbische Variante der Pizza, mit Frischkäse bestrichen und mit Rucola, Kirschtomaten und rohem Schwarzwälder Schinken belegt, und konnte mit meinem Fladen, seinem großzügigen Belag und seinem runden, vollmundigen Geschmack nur zufrieden sein.
Mir ist aufgefallen, dass Ravensburg in einem Aspekt Nürnberg ebenso ähnelt wie Ulm: Beides sind Bürgerstädte, in deren Blütezeit die Kaufleute und vor allem die Zünfte und Gilden der Handwerker das Sagen hatten.
Denn das Lederhaus, das ehemalige Zunfthaus der Gerber mit seinen hellgrauen Sgraffito-Malereien im weißgetünchten Mauerwerk, ist seiner Fläche nach größer als das Rathaus. Und das zartgelbe Kornhaus mit seinen grünen Fensterläden, früher der Speicher und zentrale Umschlagplatz für Getreide, erhebt sich so hoch und wuchtig wie eine Trutzburg auf einer eigenen Anhöhe über die Altstadt; nur der Wehrturm fehlt dem Kornhaus zu einer Burg.
Das Rathaus, obgleich scharlachrot getüncht und mit weißen Kanten verbrämt, nimmt sich neben dem Kornhaus und dem Lederhaus geradezu klein und kompakt aus. Auch das Zunfthaus der Tuchglätter und -färber, ein klassischer dreistöckiger Fachwerkbau mit schwarzem Gebälk, weißem Mauerwerk und dunkelgrünen Fensterläden, nimmt einen ganzen Häuserblock ein. Heute ist hier eine traditionsreiche Apotheke untergebracht, doch auch dieses Gebäude stellt in seiner Größe und Ausdehnung das Rathaus in den Schatten…
Besonderes Ansehen genießt in Ravensburg die Feuerwehr, deren Leitzentrale in einem großen freistehenden Fachwerkhaus nahe der Stadtmauer untergebracht ist. Denn so solide und massiv Fachwerkhäuser auch gebaut sind, gilt für sie leider auch eine Tatsache: Fängt es einmal Feuer, dann brennt das knochentrockene Holz des Daches und des Gebälks wie Zunder. Und dann ist der Alarm des Wächters auf dem Blaserturm und der Einsatz der Feuerwehr gefragt!
Zuletzt ist dies 1989 geschehen, als der Frauentorturm nahe der Stadtmauer in Flammen aufging. Bei ihren Bemühungen, das Baudenkmal und die angrenzenden Häuser der Altstadt zu retten, kamen zwei Feuerwehrmänner ums Leben; und zum Gedenken an diesen Brand und den Tod der beiden Männer in den Flammen hat man jedem eine eigene Straße gewidmet.
Doch nicht nur die Zunfthäuser der Gilden und Handwerker machen die Ravensburger Altstadt bemerkenswert. Vom Marienplatz zweigen enge Gassen und stille lauschige Winkel mit alten verwitterten Mauern ab, an denen sich Efeu, Weinlaub, Rosen oder Trichterwinden ranken und den Eindruck erschaffen, dass hier seit Jahrhunderten die Zeit stillsteht...
Auch fallen auf dem Streifzug durch die Stadt die vielen Türme ins Auge: der Gemalte Turm an der Stadtmauer, der Blaserturm, der höchste Punkt der Altstadt und die Achse, um die sie sich dreht; der Goldene Turm hinter dem Kornhaus, der diesen Namen seinem mit vergoldeten Schindeln gedeckten Spitzdach verdankt; und der schlichte runde Turm des Unteren Tores am südlichen Ende des Stadtkerns, der dem Wall des Heiliggeistspitals schräg gegenüber liegt.
Wie in Nürnberg zählt auch dieses Heiliggeistspital zu den ältesten öffentlichen Krankenhäusern Deutschlands, die für die Armen und Bedürftigen erbaut wurden. Heute ist im Frontispiz eine Gaststätte und im Längstrakt die Stadtbibliothek untergebracht.
So weit kam ich, um festzustellen, dass ich umkehren und zum zentralen Busbahnhof zurück musste, um zum Schienenersatzbus und mit ihm zum Aulendorfer Bahnhof zu gelangen! Denn auf mich wartete einmal mehr der Aufstieg zum Kurpark und der leidige, unausweichliche „Abendappell“ auf meiner Station...
Immerhin gelang es mir, in der Buchhandlung Osiander am Marienplatz noch einen Reiseführer über Oberschwaben mitzunehmen, um zu Hause nachzulesen, was ich an Sehenswertem verpasst hatte bzw. nicht hatte mitnehmen können.
So hat sich mir zwar leider nur flüchtig, aber dennoch eindrucksvoll ein Guckloch in eine Region aufgetan, von der ich vorher nichts wusste, in der ich mich aber nie unwohl gefühlt habe und die sich mir ausnahmslos licht und freundlich gezeigt hat, wo auch immer ich in den fünf Wochen meines Aufenthalts unterwegs war.