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Blog

Musik und Emotionen

Im Blog-Bereich „Weggefährten“ schildere ich u.a. meine Begegnungen mit wegweisenden Musikern des 20. Jahrhunderts...



Vorwort zu meinem Blog-Bereich „Musik oder Channeling?“ Im Blog-Bereich „Weggefährten“ schildere ich u.a. meine Begegnungen mit wegweisenden Musikern des 20. Jahrhunderts. Ich hätte sie auch im Bereich „Musik oder Channeling?“ unterbringen können; doch ihr Einfluss ging bei mir tiefer, dauerte länger an und tauchte immer wieder auf.

In „Musik oder Channeling?“ soll es um Musiker-/innen, Sängerinnen und Sänger gehen, die auf ihre ganz besondere Weise mehr waren und sind als musikalische Eintagsfliegen oder Pop- oder Schlager-stars, die man kurz kennt, die aber keine weiteren Hits mehr landen und ebenso schnell wieder in Vergessenheit geraten, wie sie gleich Raketen aus dem Boden senkrecht nach oben geschossen sind.

Eines haben all diese Musiker/-innen, Sängerinnen und Sänger gemeinsam: Wenn sie auf der Bühne stehen, scheinen sie etwas außerhalb ihrer selbst „herunterzuholen“ und durch sich strömen zu lassen, dienen nicht sich selbst, sondern dem, was sich durch sie hindurch ausdrücken will; deshalb die Überschrift „Musik oder Channeling?“.

Wenn auch Ihr solche Leute kennt oder gekannt habt, nur zu! Schreibt mir/uns davon!


22.04.2021 - Wie Mensch und Tod einander begegnen
Über den Himmel und über Gott hat sich Jacques Brel mokiert und Bigotterie und Frömmelei scharf aufs Korn genommen; er hatte zu beidem seine eigenen, durchweg eigenwilligen Ansichten. Und doch hat ihn schon in seinen jungen Jahren, lange bevor er von seiner Krebserkrankung erfuhr und ihr mit neunundvierzig Jahren erlag, der Gedanke an den Tod immer wieder beschäftigt; oder eher die Frage, wie man ihm als Mensch am besten begegnet. Viele berühmte Künstler, die jung gestorben sind, hat der Tod jäh und plötzlich aus dem Leben gerissen, so schnell, dass sie nicht damit gerechnet haben, wie Buddy Holly oder Aaliyah, die mit dem Flugzeug abgestürzt sind; oder sie wurden erschossen wie Sam Cooke, Marvin Gaye oder John Lennon. Andere aber scheinen früh zu ahnen, dass ihr Leben kurz sein wird; und zu ihnen hat wohl auch Jacques Brel gehört. Nach seinen Aussagen in den Chansons "Le Moribond" und "Vieillir" ist der Tod zwar ernst zu nehmen, aber nicht zu fürchten; eine saubere, anständige Angelegenheit, der man als Mensch mit Stil und Haltung zu begegnen hat. Schlimmer und furchtbarer als der Tod ist für Jacques Brel ein Altern, das mit schleichendem, aber unaufhaltsamem Verfall einhergeht, das dem Menschen die Freude am Leben raubt und ihn von der Welt und den Menschen verlassen zurücklässt, so wie er es in "Les Vieux" schildert. Dann wird das Schnurren des Pendels der Uhr im Salon zur ewigen, in seiner Einförmigkeit und Gleichgültigkeit unerbittlichen Mahnung: “Ich warte auf dich!”


Wie Mensch und Tod einander begegnen

Über den Himmel und über Gott hat sich Jacques Brel mokiert und Bigotterie und Frömmelei scharf aufs Korn genommen; er hatte zu beidem seine eigenen, durchweg eigenwilligen Ansichten. Und doch hat ihn schon in seinen jungen Jahren, lange bevor er von seiner Krebserkrankung erfuhr und ihr mit neunundvierzig Jahren erlag, der Gedanke an den Tod immer wieder beschäftigt; oder eher die Frage, wie man ihm als Mensch am besten begegnet.

Viele berühmte Künstler, die jung gestorben sind, hat der Tod jäh und plötzlich aus dem Leben gerissen, so schnell, dass sie nicht damit gerechnet haben, wie Buddy Holly oder Aaliyah, die mit dem Flugzeug abgestürzt sind; oder sie wurden erschossen wie Sam Cooke, Marvin Gaye oder John Lennon.

Andere aber scheinen früh zu ahnen, dass ihr Leben kurz sein wird; und zu ihnen hat wohl auch Jacques Brel gehört. Nach seinen Aussagen in den Chansons Le Moribond und Vieillir ist der Tod zwar ernst zu nehmen, aber nicht zu fürchten; eine saubere, anständige Angelegenheit, der man als Mensch mit Stil und Haltung zu begegnen hat.

Schlimmer und furchtbarer als der Tod ist für Jacques Brel ein Altern, das mit schleichendem, aber unaufhaltsamem Verfall einhergeht, das dem Menschen die Freude am Leben raubt und ihn von der Welt und den Menschen verlassen zurücklässt, so wie er es in Les Vieux schildert. Dann wird das Schnurren des Pendels der Uhr im Salon zur ewigen, in seiner Einförmigkeit und Gleichgültigkeit unerbittlichen Mahnung: “Ich warte auf dich!”

In Mon Dernier Repas hat sich Jacques Brel seinen Abschied vom Leben als ein Fest vorgestellt: Von seinem Fenster aus hat er eine Ebene und eine Hügelkuppe im Blick, die sich im Wind wiegt und tanzt. Um sich herum versammelt er seine Brüder und Cousins, seine Freunde und Geliebten und seine Tiere. Es wird noch einmal vorzüglich gegessen und getrunken, Fasan aus dem Périgord und Muskatellerwein.

Nach dem Festmahl verabschiedet er seine Gefährten, will, dass sich alle zurückziehen und ihn allein lassen. Dann, während er ein letztes Mal Angst hat, schwebt sein Geist über die Ebene zur Hügelkuppe hinüber, die im Wind wogt und tanzt...

In Le Moribond klärt er mit seinem Freund, seinem Beichtvater, seinem Nebenbuhler und seiner Frau die letzten Angelegenheiten, die es nach seinem Ableben zwischen ihnen zu regeln gibt. Bei der Beerdigung will er, dass alles lacht und tanzt und sich wie verrückt amüsiert, während er in die Grube fährt...

Seine letzten Lebensjahre und sein Abschied von dieser Welt verliefen doch ein wenig anders.

In den letzten Jahren gab er seine Gesangskarriere auf und auch die Filme, die er drehte, hatte vom Trubel und Zirkus des Konzert- und Tourneelebens und vom hektischen, gereizten Leben in Paris und anderen Großstädten dieser Welt die Nase voll.

Mit einer kleinen Segelyacht, seiner Tochter und seiner letzten Lebensgefährtin reiste er quer über den Atlantik und durchquerte den Panama-Kanal, wo seine Tochter im wahrsten Sinne des Wortes ausstieg. Jacques Brel segelte mit seiner Lebensgefährtin weiter und ließ sich mit ihr auf Hiva Oa nieder, einer Insel im Pazifik, die zum Archipel der Marquesas gehört.

Hier zog er mit ihr in ein schlichtes weißgetünchtes Haus mit Blick auf Strand und Meer. Selten hatten die beiden Gäste, doch sobald sich gute Freunde und Bekannte auf seine Insel verirrten, wartete ein Galadiner auf sie, mit allem, was dazu gehört. Daneben kümmerte er sich um die Eingeborenen, ließ auf Hiva Oa das erste Kino bauen und einrichten, gab hin und wieder mit seiner Gitarre kleine private Konzerte für sie und sorgte mit seinen Touren in seinem kleinen einmotorigen Flugzeug persönlich dafür, dass die Bewohner der Insel mit dem versorgt waren, was sie zum Leben brauchten, und dass ihre Verbindung zur Welt und zur Zivilisation erhalten blieb.

Und das genügte Jacques Brel und seine Lebensgefährtin; sie waren auf Hiva Oa glücklich. Ruhm, Ansehen, Hektik und Trubel brauchten, suchten und wollten sie nicht; was sie wollten und hatten, war ihr Leben als Insulaner unter Insulanern.

Doch dann verschlechterte sich sein Gesundheitszustand, so dass er nach Paris zurück musste, um sich behandeln zu lassen. Als er nach Orly zurückkehrte, hielt er sich sich in einer Toilette auf dem Flughafen versteckt, während seine Lebensgefährtin sich bemühte, die zudringliche Meute von Reportern und Paparazzi, die ihm auflauerte, von ihm fernzuhalten und zu verscheuchen. Nach zwei Stunden hatten sie endlich genug und ließen von ihm ab.

Doch nach zwei Stunden auf der kalten, zugigen Toilette hatte er sich eine Lungenentzündung zugezogen, die sein Körper, der zu diesem Zeitpunkt zu sehr geschwächt war, nicht mehr abzuwehren vermochte, so dass er schließlich an den Folgen seines Krebsleidens starb.

Gemäß seinem letzten Wunsch brachte man ihn zurück nach Hiva Oa, wo er neben dem Maler Paul Gauguin bestattet wurde.

Bis heute kann man beide Gräber und ein kleines Jacques Brel- Museum besichtigen, das sein Leben auf der Insel in den Mittelpunkt rückt.

Und wer weiß? Ich könnte mir durchaus vorstellen, dass seine Seele bis heute über Hiva Oa schwebt, frei und im Frieden mit sich, dem Himmel und der See...



22.04.2021 - Die Sache mit der Liebe
Seit Beginn der 1980er Jahre und bis in unsere Zeit hinein hat sich an unseren Frauen- und Männerbildern und am Verhältnis zwischen Männern und Frauen viel verändert und bewegt. Doch Männer, für die Frauen hauptsächlich Sexobjekte sind, die sie am sie liebsten sicher an den heimischen Herd und ins Haus verbannt sehen möchten, gibt es heute noch. Und Frauen, denen an Männern hauptsächlich ihr Status und Reichtum interessiert und die vorrangig ihre Ansprüche und Wünsche von ihnen befriedigt sehen wollen, gibt es auch heute noch. Wenn es dergleichen gibt, wenn man in seinem eigenen Freundes- und Bekanntenkreis solche Beispiele kennt, soll man darüber schweigen und solche Einstellungen und Verhaltensweisen unter den Teppich kehren? Verschwinden unbequeme und unangenehme Tatsachen, indem man sie leugnet und von sich weist? Nein. Aus meiner Sicht wäre der Welt und vor allem der Weltgemeinschaft geholfen, wenn Männer und Frauen sich eines Tages dazu überwinden könnten, ihren ewig schwelenden Krieg zu begraben und einander als Menschen zu akzeptieren; als Menschen mit all ihren Eigenarten und Charakterzügen, anstatt diese als Feindbilder und Kampfparolen zu gebrauchen und damit bis in alle Ewigkeit aufeinander einzuknüppeln. Vor allem wäre auf beiden Seiten viel gewonnen, wenn Männer und Frauen einander endlich auf Augenhöhe begegnen und behandeln würden, nicht nach dem Motto: “Der Ober sticht den Unter, und ich will und muss der Ober sein.” Vielleicht kämen wir dann eines Tages so weit wie in der Ballade "Les Vieux Amants", in der ein Mann und eine Frau einander gründlich und gut kennengelernt haben. Vor allem haben sie gelernt, das richtige Maß zwischen Nähe und Distanz, zwischen Geben und Nehmen zu halten, und es ist ihnen gelungen, sich über die Jahre die Zuneigung und Zärtlichkeit zu bewahren, die sie noch immer für einander empfinden.


Die Sache mit der Liebe

Um es vorweg zu sagen: Es gibt Chansons von Jacques Brel, in denen Frauen alles andere als gut wegkommen. In Les Biches, Le Lion und Les Filles Et Les Chiens stellt er Frauen als habgierig-berechnende, bei allem auf ihren Vorteil und ihre Sicherheit bedachte Geschöpfe dar, die darauf lauern, Männer in ihr Netz zu locken, sie gefangenzunehmen und auszubeuten. Ihr oberstes Ziel ist es, ein sicheres, wohlgebautes Nest zu haben und versorgt zu sein. Dafür hat der Mann zu sorgen und ihre Wünsche und Launen zu befriedigen.

Hierzu hatten und haben Frauenrechtlerinnen eine Menge zu sagen: dass Männer Frauen weltweit und jahrhundertelang als minderwertige, sündhafte Geschöpfe betrachtet haben. Dass sie Frauen von sich abhängig gemacht haben, sie ihrerseits ausgebeutet und benutzt haben, wo und wie es ging.

Solche Aussagen oder Kampfparolen lassen Frauen und Männer in ihren negativsten Facetten erscheinen, und für beide Seiten ist es unangenehm, sie um die Ohren gehauen zu bekommen.

Seit Beginn der 1980er Jahre und bis in unsere Zeit hinein hat sich an unseren Frauen- und Männerbildern und am Verhältnis zwischen Männern und Frauen viel verändert und bewegt. Doch Männer, für die Frauen hauptsächlich Sexobjekte sind, die sie am sie liebsten sicher an den heimischen Herd und ins Haus verbannt sehen möchten, gibt es heute noch. Und Frauen, denen an Männern hauptsächlich ihr Status und Reichtum interessiert und die vorrangig ihre Ansprüche und Wünsche von ihnen befriedigt sehen wollen, gibt es auch heute noch.

Wenn es dergleichen gibt, wenn man in seinem eigenen Freundes- und Bekanntenkreis solche Beispiele kennt, soll man darüber schweigen und solche Einstellungen und Verhaltensweisen unter den Teppich kehren? Verschwinden unbequeme und unangenehme Tatsachen, indem man sie leugnet und von sich weist? Nein.

Aus meiner Sicht wäre der Welt und vor allem der Weltgemeinschaft geholfen, wenn Männer und Frauen sich eines Tages dazu überwinden könnten, ihren ewig schwelenden Krieg zu begraben und einander als Menschen zu akzeptieren; als Menschen mit all ihren Eigenarten und Charakterzügen, anstatt diese als Feindbilder und Kampfparolen zu gebrauchen und damit bis in alle Ewigkeit aufeinander einzuknüppeln.

Vor allem wäre auf beiden Seiten viel gewonnen, wenn Männer und Frauen einander endlich auf Augenhöhe begegnen und behandeln würden, nicht nach dem Motto: “Der Ober sticht den Unter, und ich will und muss der Ober sein.”

Vielleicht kämen wir dann eines Tages so weit wie in der Ballade Les Vieux Amants, in der ein Mann und eine Frau einander gründlich und gut kennengelernt haben. Vor allem haben sie gelernt, das richtige Maß zwischen Nähe und Distanz, zwischen Geben und Nehmen zu halten, und es ist ihnen gelungen, sich über die Jahre die Zuneigung und Zärtlichkeit zu bewahren, die sie noch immer für einander empfinden:

“O mon amour,
Mon doux, mon tendre, mon merveilleux amour,
de’l aube clair jusqu’à la fin du jour,
Je t’aime encore, tu sais,
je t’aime...”

Einst hat Jacques Brel in Une Ile von der Liebe das Bild einer Insel entworfen. Eine Insel, auf der Liebende alles haben, was sie brauchen; auf der das Laute, Dissonante und Hässliche dieser Welt keinen Zutritt erhält; auf der Ruhe, Friede und Harmonie herrscht. Und nicht zuletzt hat gerade der als Zyniker und Frauenfeind verschriene Jacques Brel zwei der ergreifendsten Liebeslieder aller Zeiten geschrieben und gesungen.

In Orly erzählt er von zwei Liebenden, die im Flughafen voneinander Abschied nehmen und wissen, dass sie sich nicht wiedersehen werden. Wie die beiden Liebenden mit der Trennung ringen, wissen, dass sie sein muss, und trotzdem nicht voneinander lassen wollen und können, hat er mit eindringlichen, ja beklemmenden Worten und Gesten beschrieben:

Da stehen die beiden voreinander, erst still und stumm. Plötzlich bricht es aus ihm heraus, er beginnt zu weinen. Mit einem Mal stürzen sie einander in die Arme und flammen noch einmal zu der Leidenschaft auf, die sie bisher verband. Langsam, unendlich langsam lösen sich ihre Körper voneinander, dass man meint, sie schreien zu hören. Brüsk und abrupt dreht er sich um und flieht die Rolltreppe hinauf. Sie bleibt zurück, mit dem Gefühl, als würde sie innerlich leerlaufen, und als wäre sie tausend Jahre alt...

Und dann ist da Ne Me Quitte Pas, dessen Strophen in die Weltliteratur Eingang gefunden haben. Nach Jacques Brels frühem Tod haben sich Generationen von Interpreten daran versucht, manche durchaus mit Erfolg.

Doch neben den Worten und der sparsamen, dezenten Instrumentierung ist es seine männlich-herbe, brüchige Stimme, die unauflöslich mit diesem Chanson verbunden ist. Ich möchte nicht zu viele Worte über Ne Me Quitte Pas verlieren, weil darüber schon so viel gesagt wurde, nur zum Ausdruck bringen, wie ich es verstehe:

Da hat einer seine Geliebte zu lange ignoriert und vernachlässigt. Nun reicht es ihr, und sie will gehen. Erst jetzt, im Augenblick der bevorstehenden Trennung, erkennt und spürt er in vollem Umfang, wieviel sie ihm bedeutet; und dass er, wenn sie jetzt geht, das Wichtigste und Kostbarste verliert, das er in seinem Leben jemals hatte. Erst jetzt, als es zu spät ist, wirbt und kämpft er ernsthaft um sie und ihre Liebe, um sie in seinem Leben zu behalten.

Auch wenn es von einem Mann handelt, der in Sachen Liebe und als Mann an sich versagt hat, ist Ne Me Quitte Pas für mich das todtraurigste und zugleich schönste Liebeslied aller Zeiten. Zu oft kann ich es nicht hören, weil es mir von den ersten Tönen an das Herz im Leib umdreht; und zu oft will ich es auch nicht hören, damit sich dieses Lied nicht abnutzt und zu etwas Billigem und Banalem wird. Denn darum geht es letzten Endes: dass die Liebe und der geliebte Lebensmensch kostbar und einmalig bleibt und nicht zu etwas Billigem und Banalem wird.



22.04.2021 - Mein Flandernland - Belgien im Spiegelbild
In den ersten Jahren seiner Laufbahn wurde Jacques Brel in Paris unsanft und regelmäßig auf die Tatsache gestoßen, dass manche Franzosen zu Belgiern dasselbe Verhältnis haben wie manche Deutsche zu Ostfriesen: Sie halten Belgier für behäbig und schwerfällig, für Leute, die nicht die hellste Kerze auf der Torte sind. Wie dieses Vorurteil zu Stande kam, weiß ich nicht, da ich weder Belgier noch Ostfriesen persönlich kenne. Das Einzige, was mir an Walloniern, d.h. französischsprachigen Belgiern auffällt, ist, dass sie langsamer, gedämpfter und bedächtiger sprechen als Franzosen, in einem wiegenden, melodischen Singsang, der den Ohren eigentlich wohltut. Wie auch immer, eines Tages packte Jacques Brel den Stier bei den Hörnern und gab seinem Publikum im "Domino", "Olympia" oder "Bobino" das, was es wollte: das Klischee des behäbigen, spießigen, beschränkten Belgiers. So bemüht er sich in "Les Bonbons" als schüchtern-verklemmter Jüngling um die Gunst einer Dame, indem er ihr die Bonbons anpreist, die er ihr zum Rendezvous als Geschenk überreichen will: “Ich habe Ihnen Bonbons mitgebracht, weil Blumen doch so schnell verderben. Und Bonbons sind doch immer etwas Gutes, auch wenn Blumen mehr hermachen...” Nicht gerade ein Debüt, mit dem man Punkte sammelt, oder? Und wie brav und artig er fortfährt: “Ich hoffe, dass wir spazieren gehen können; dass Ihre Frau Mutter nichts dagegen sagt. Später um acht bringe ich Sie nach Hause zurück.” Ist es das 20. oder eher das 19. Jahrhundert, das aus ihm spricht?


Mein Flandernland - Belgien im Spiegelbild


An Belgien habe ich nur wenige Erinnerungen, die dennoch über die Jahre hinweg immer wieder mal meinem Gedächtnis aufgetaucht sind.

Auf der Fahrt unserer Abschlussklasse nach London, die von der Fremdsprachenschule organisiert wurde, an der ich von 1984 bis 1986 in Coburg meine Ausbildung zur Fremdsprachenkorrespondentin absolviert habe, mussten wir einen Teil der Normandie und Belgien durchqueren, um nach Ostende zu unserer Fähre zu gelangen, die uns über den Ärmelkanal nach Dover bringen würde.

Ich erinnere mich daran, dass sich auf einer Seite der Autobahn ein endloses Band von Wiesen, Äckern und Felden erstreckte und jenseits davon das graue, ebenso endlos anmutende Band des Ärmelkanals; eine Wassermasse, die mir auf unserer Fahrt ebenso pfannkuchenplatt und unbewegt wie das Land erschien.

Auf der anderen Seite der Autobahn erhoben sich große stattliche Häuser mit geschweiften oder wabenartigen Giebeln und vorspringenden Erkern, die in klaren satten Farben getüncht waren und alles in allem den Eindruck von Wohlstand, wenn nicht gar Reichtum erweckten. Auch erinnere ich mich noch daran, dass in Belgien Restaurants, Bistros und Cafés nicht in den Häusern untergebracht sind, sondern meist davor, in einem von Säulen gestützten Pavillon oder Wintergarten aus Glas, der das stilvolle, blitzsaubere Interieur der Gaststube zeigt.

Auf der Rückreise von London nach Coburg nahmen wir denselben Weg - sprich, von Dover nach Ostende -, und vor der endgültigen Heimfahrt legten wir noch eine dreistündige Pause in Brüssel ein, um in einem chinesischen Restaurant zu Abend zu essen. Daran erinnere ich mich auch noch, aber darüber hinaus sind von Brüssel in meinem Gedächtnis leider nur Straßen mit Kopfsteinpflaster hängengeblieben, die von gusseisernen Straßenlaternen erleuchtet sind, Häuser, die mit jeder Menge Glühbirnen verziert sind, und das vage Bild des Atomiums.

Ein immaterielles Wahrzeichen von Belgien gibt es allerdings, das über die Landesgrenzen hinaus bekannt ist und immer noch existiert: die Comicreihe Tim und Struppi, in Belgien und Frankreich als Tintin et Milou bekannt. Wer erinnert sich an den furchtlosen, unermüdlichen Reporter Tim, der mit seinem weißen Terrier Struppi in ein exotisch-bizarres Abenteuer nach dem anderen gerät und aus allen Gefahren und Strapazen mit seinem stets gleichbleibenden Ausdruck freundlicher, naiv staunender Neugier hervorgeht?

Oder an die vor Sprachgewalt und Phantasie überschäumenden Flüche und Kraftausdrücke des ewig betrunkenen Kapitäns Haddock (”Hunderttausend heulende Höllenhunde!”)? Oder die tollpatschigen eineiigen Detektiv-Zwillinge Schulze und Schultze (im Französischen Dupont und Dupond)?

1978 wurde diese Comicreihe eingestellt und nicht mehr fortgesetzt, doch bis heute sind fast alle Tim und Struppi-Bände als historische Dokumente des Fortschritts in Wissenschaft und Technik im 20. Jahrhundert in gutsortierten Buch- und Zeitschriftenhandlungen erhältlich. Zu den spannendsten und eindrucksvollsten Geschichten, die ich gelesen habe, zählen Tim in Tibet und Flug 714 nach Sydney.

Was mein Ausflug in meine Erinnerungen an Belgien mit Jacques Brel zu tun hat? Nun ja, er stammte aus Brüssel, genau gesagt, aus dem gutsituierten Stadtteil Schaerbeek. Eines Tages verließ er die Kartonnagenfabrik seines Vaters, die er übernehmen hätte sollen, und ging nach Paris, um zunächst in Gestalt und Kostüm eines Mexikaners mit der Gitarre von einer Kneipe zur anderen zu tingeln und für ein Bier und ein Brot mit Schinken und Käse zu singen (der gute alte Croque-Monsieur, mit dem sich Studenten und Berufsanfänger durch den Tag schlagen, die nicht viel Geld in der Tasche haben).

In den ersten Jahren seiner Laufbahn wurde Jacques Brel in Paris unsanft und regelmäßig auf die Tatsache gestoßen, dass manche Franzosen zu Belgiern dasselbe Verhältnis haben wie manche Deutsche zu Ostfriesen: Sie halten Belgier für behäbig und schwerfällig, für Leute, die nicht die hellste Kerze auf der Torte sind.

Wie dieses Vorurteil zu Stande kam, weiß ich nicht, da ich weder Belgier noch Ostfriesen persönlich kenne. Das Einzige, was mir an Walloniern, d.h. französischsprachigen Belgiern auffällt, ist, dass sie langsamer, gedämpfter und bedächtiger sprechen als Franzosen, in einem wiegenden, melodischen Singsang, der den Ohren eigentlich wohltut.

Wie auch immer, eines Tages packte Jacques Brel den Stier bei den Hörnern und gab seinem Publikum im Domino, Olympia oder Bobino das, was es wollte: das Klischee des behäbigen, spießigen, beschränkten Belgiers.

So bemüht er sich in Les Bonbons als schüchtern-verklemmter Jüngling um die Gunst einer Dame, indem er ihr die Bonbons anpreist, die er ihr zum Rendezvous als Geschenk überreichen will:

“Ich habe Ihnen Bonbons mitgebracht, weil Blumen doch so schnell verderben. Und Bonbons sind doch immer etwas Gutes, auch wenn Blumen mehr hermachen...”

Nicht gerade ein Debüt, mit dem man Punkte sammelt, oder?

Und wie brav und artig er fortfährt:

“Ich hoffe, dass wir spazieren gehen können; dass Ihre Frau Mutter nichts dagegen sagt. Später um acht bringe ich Sie nach Hause zurück.”

Ist es das 20. oder eher das 19. Jahrhundert, das aus ihm spricht?

Oder er träumt in Madeleine davon, dass er mit seiner Angebeteten die Linie 33 nimmt, mit ihr ins Kino geht und hinterher mit ihr Pommes frites ist, weil sie das ja so gern hat... (Übrigens ist in Belgien und auch in den Niederlanden der Alltag undenkbar ohne Pommes frites in allen Variationen und Lebenslagen.) Nur, dass Madeleine nicht zum Rendezvous erscheint und er vergebens auf sie wartet. Doch dem armen Kerl genügt allein die Vorfreude auf den nächsten Termin, der Gedanke, dass Madeleine nächstes Mal vielleicht kommen wird...

Mit seinen Attacken gegen Klischees, Vorurteile und Standesdünkel, die in anderen Chansons noch viel schärfer und bissiger ausfielen, hat sich Jacques Brel unter seinen Landsleuten zu Lebzeiten Feinde gemacht, vor allem in dem gutsituierten, wohlhabenden Bürgertum, dem er selbst entstammte.

So nimmt er in Les Flamandes die Fläminnen aufs Korn, die sich beim Tanzen früher offenbar schweigsam und freudlos zeigten; die nur tanzten, um sich bald zu verloben und zu heiraten, oder um später zu zeigen, dass es um ihre Familien bestens bestellt ist, weil ihre Lehrer und Pfarrer es ihnen so beigebracht haben. Doch Genuss oder gar Lebensfreude strahlen sie nicht aus.

In Mon Enfance erinnert sich Jacques Brel daran, wie seltsam und fremd ihm als Kind die Mitglieder seiner Familie und seines Haushalts erschienen, zu deren Stamm er dennoch gehörte; wie kalt, starr und beklemmend er die Atmosphäre in seiner Umgebung empfand.

Tatsache war, dass in seiner Familie Gegensätze aufeinandergeprallt sind, die in Belgien bis heute existieren:

Da war sein Vater, nüchtern, schweigsam und bedächtig, der planende, wirtschaftende und kalkulierende Geschäftsmann und Firmeninhaber, und auf der anderen Seite seine Mutter, lustig, gesellig und geistig beweglich, der Musik, dem Theater und der Malerei ihr Leben lang zugetan.

Auch begegneten sich in seinen Eltern die französischsprachigen Wallonen und die niederländisch sprechenden Flamen, die beiden großen Volksgruppen, die in Belgien seit jeher darum ringen, sich gegeneinander zu behaupten.

Ich kann mir das Unverständnis, die Unvereinbarkeit lebhaft vorstellen, die in dieser Familie geherrscht und für eine Atmosphäre der Bedrückung, Unzufriedenheit und Feindseligkeit gesorgt haben muss; so etwas kenne ich selbst zur Genüge.

Als Kind in einem Kreuzfeuer konträrer Interessen und Mentalitäten aufzuwachsen, lässt einem kaum eine andere Wahl, als sich seinen Teil zu denken. Und als Kind begreift man nicht, woher sie stammt, diese Giftwolke, die auf dem Haus und ihren Bewohnern lastet und für Kälte, Starre und Düsternis sorgt.

Es gibt nur zwei Möglichkeiten, in einer dysfunktionalen Familie zu überleben: Entweder akzeptiert man, was man sieht, hört und erlebt und reiht sich darin ein, oder es geht einem ein Licht in Form eines Auswegs, einer Alternative auf, und man bricht auf ins Leben, in die Freiheit. Mit der Entscheidung für das Letztere, die Jacques Brel für sich getroffen hat, endet Mon Enfance.

Doch ebenso oft, wie er seinen Landsleuten auf unangenehme Weise den Spiegel vorhielt, hat er sein Land, vor allem die Küste und das Meer, voller Sehnsucht und Melancholie porträtiert.

So zum Beispiel, wenn er in Mon Pêre Disait die Wucht des Nordwindes spürbar macht, der die Flut bei Scheveningen donnern lässt; den Nordwind, der macht, dass sich die Erde um die Türme von Brügge dreht; der dafür gesorgt hat, dass die Erde zwischen Zeebrügge und England entzwei riss, so dass London nichts als ein Teil von Zeebrügge ist, der im Meer verloren ging...

Oder wenn er in Il Neige Sur Liège den Winter in Lüttich (Liège) beschreibt: Wenn der Fluss (die Maas) den Klang des Schnees mit sich trägt... Wenn alle Straßen und Plätze in Weiß getaucht sind und Freunde und Geliebte aus der Vergangenheit wie Schemen im Schneetreiben neben einem her gehen... Wenn man nicht mehr weiß, ob der Himmel auf Lüttich herabschneit oder ob Lüttich zum Himmel schneit...

Oder wenn er in Le Plat Pays von seinem flachen Land erzählt, in dem die einzigen Berge die Kirchtürme sind, die schwarz wie Schiffsmasten emporragen und an denen Teufel mit ihren Krallen den Himmel zerfetzen; dessen Himmel so niedrig ist, dass ein Kanal in ihm verloren ging, und so grau, dass man ihm vergeben muss; sein Land, das sich der Kraft und Macht der Winde entgegenstemmt: “Hört ihr, wie’s dagegen hält?”

Eines Tages, wenn wir wieder frei reisen dürfen, hoffe ich, dass ich das Belgien, das Jacques Brel in seinen Chansons beschrieben hat, kennenlernen und mich dort umsehen werde, zwischen den Türmen von Brügge und Gent...



28.03.2021 - Edith Piaf - Das Häuflein Elend und das Stehauffrauchen
Was Edith Piaf davor bewahrte, zu einer “armen Irren” zu werden und in einer Nervenklinik zu landen, war womöglich ihre erbitterte, lichterloh flammende Weigerung, jedwedes Unglück kampflos über sich ergehen zu lassen. Jedes Mal, wenn das Schicksal zuschlug und sie unangespitzt in den Boden rammte, biss sie die Zähne zusammen, rappelte sich wieder auf und blies zur Attacke. Am deutlichsten wird ihre Empörung, ja ihre Revolte in "Opinion Publique", wo ein Mann von einer geifernden, sensationslüsternen Meute einer Gerüchte- und Verleumdungskampagne ausgesetzt und fast zu Tode gehetzt wird, und am Ende ihres noch heute berühmten Chansons "Milord". Da klingt ihre Stimme nach verzweifeltem Trotz wider die Grausamkeit des Schicksals, ja, nach einer Neuauflage des Sturms auf die Bastille: “Das willst du mir antun? Nicht mit mir! Grrrrrrr !!!!” Ja, überhaupt dieses “rrrrrr”! In abgeschwächter Form habe ich es auch drauf. Bei mir hängt es vorne hinter den Zähnen, und lange Zeit nahm ich an, auch Edith Piaf hätte es auf diese Weise gerollt, so wie es in manchen Regionen Frankens und Bayerns üblich ist. Bis ich eines Tages mitbekam, dass in ganz Frankreich das “r” grundsätzlich hinten am Gaumen hängt. Hm. Am Gaumen kann man ein “r” raunen, hauchen oder meinetwegen auch röcheln. Aber rollen und schnarren kann man es nicht, es sei denn, man hätte da hinten eine Extragarnitur Zähne... Hat irgendjemand einmal bei Edith Piaf nachgesehen....? Wie dem auch sei, diesen “Extrabiss” hatte sie ihr Leben lang, sonst hätte sie wohl nicht einmal siebenundvierzig Jahre geschafft!


Das Häuflein Elend und das Stehauffrauchen

Nur wenige Menschen haben das Leben als eine derartige Achterbahnfahrt zwischen strahlender Glückseligkeit und abgrundtiefer Verzweiflung, zwischen siegreichem Triumph und vernichtender Niederlage erlebt wie Edith Piaf.

Sie wurde um ein Haar auf der Straße geboren und weder von ihrer Mutter noch von ihrem Vater versorgt und beachtet, bis sie mit etwa neun Jahren von ihrem Vater in das Bordell ihrer Großmutter gebracht wurde, wo sich die Prostituierten ihrer annahmen und sich rührend und liebevoll um sie kümmerten. Damals verlor sie durch eine Bindehautentzündung ihre Sehkraft und gewann sie auf einer Wallfahrt zur Heiligen Thérèse von Lisieux zurück, an der das ganze Bordell samt ihrer Großmutter teilnahm.

Ein Variétébesitzer nahm sich ihres Talents an, als er Edith auf der Straße sah und singen hörte. Es war ihr geliebter “Papa” Leplée, der sich als erster Mann in ihrem Leben wie ein Vater um sie kümmerte und für sie sorgte. Bis er eines Tages von einem seiner Liebhaber erschossen wurde und ausgerechnet Edith, die an diesem Punkt ihrer Karriere genausogut Selbstmord hätte begehen können, wenn sie ihn umgebracht hätte, unter Mordverdacht gestellt und von der Presse aufs Brutalste durch die Mangel gedreht wurde...

Der französische Boxweltmeister Marcel Cerdan, für den und mit dem Edith ein neues Leben anfangen wollte und der sie ebenso tief und aufrichtig liebte wie sie ihn, nahm auf ihren Anruf und ihre Bitte hin, er möge zu ihr kommen, sie hielte es ohne ihn nicht mehr aus, das Flugzeug nach Paris, das über dem Atlantik abstürzte und zerschellte...

Genau dieses haarsträubende Wechselbad, dem sie ihr Leben lang ausgesetzt war, spiegelt sich in der Art wieder, wie sie ihre Chansons sang und lebte. Wenn wir von den Schicksalsschlägen hören oder lesen, die andere Menschen treffen, nehmen wir sie als Tatsache zur Kenntnis. Vielleicht machen sie uns vorübergehend bestürzt und beklommen - aber sie treffen uns nicht, weil sie uns nicht betreffen. Doch wenn Edith auf der Bühne stand und vom Unrecht und Unglück sang, das einen Menschen traf, spürte und lebte sie in diesem Moment seinen Schmerz und seine Not - weil sie all dies selbst kannte.

Besonders erschütternd finde ich Les Blouses Blanches und Bravo pour le Clown. In beiden Chansons geht es um jemanden, den ein Unglück derart aus der Bahn wirft, dass sie bzw. er den Verstand verliert, in einer Irrenanstalt landet und zwischen verzweifeltem Aufbegehren und verwirrter Verständnislosigkeit hin und her pendelt. Edith Piaf gehört zu den wenigen Künstlern, die es wagen, in diese Abgründe hinabzusteigen und auch jenen verlorenen Seelen, die man gerne “arme Irre” nennt, zu ihrem Recht und ihrer Würde zu verhelfen...

Was Edith Piaf davor bewahrte, zu einer “armen Irren” zu werden und in einer Nervenklinik zu landen, war womöglich ihre erbitterte, lichterloh flammende Weigerung, jedwedes Unglück kampflos über sich ergehen zu lassen. Jedes Mal, wenn das Schicksal zuschlug und sie unangespitzt in den Boden rammte, biss sie die Zähne zusammen, rappelte sich wieder auf und blies zur Attacke.

Am deutlichsten wird ihre Empörung, ja ihre Revolte in Opinion Publique, wo ein Mann von einer geifernden, sensationslüsternen Meute einer Gerüchte- und Verleumdungskampagne ausgesetzt und fast zu Tode gehetzt wird, und am Ende ihres noch heute berühmten Chansons Milord. Da klingt ihre Stimme nach verzweifeltem Trotz wider die Grausamkeit des Schicksals, ja, nach einer Neuauflage des Sturms auf die Bastille: “Das willst du mir antun? Nicht mit mir! Grrrrrrr !!!!”

Ja, überhaupt dieses “rrrrrr”! In abgeschwächter Form habe ich es auch drauf. Bei mir hängt es vorne hinter den Zähnen, und lange Zeit nahm ich an, auch Edith Piaf hätte es auf diese Weise gerollt, so wie es in manchen Regionen Frankens und Bayerns üblich ist. Bis ich eines Tages mitbekam, dass in ganz Frankreich das “r” grundsätzlich hinten am Gaumen hängt.

Hm. Am Gaumen kann man ein “r” raunen, hauchen oder meinetwegen auch röcheln. Aber rollen und schnarren kann man es nicht, es sei denn, man hätte da hinten eine Extragarnitur Zähne... Hat irgendjemand einmal bei Edith Piaf nachgesehen....? Wie dem auch sei, diesen “Extrabiss” hatte sie ihr Leben lang, sonst hätte sie wohl nicht einmal siebenundvierzig Jahre geschafft!



28.03.2021 - Edith Piaf - Vom ewigen Streben nach dem Licht
Schade, dass Victor Hugo und Edith Piaf nicht in derselben Zeit gelebt haben und einander daher zu ihren Lebzeiten nie begegnet sind. Hätte Edith Piaf bereits um 1830 gelebt und auf den Straßen von Paris gesungen, wäre Victor Hugo gewiss auf sie aufmerksam geworden. Er hätte sie gesehen, diese winzige, zerbrechliche Gestalt in Schwarz, der Armut und Krankheit förmlich aus den Poren strömte; hätte sie gehört, diese mächtige Stimme, die aus den Tiefen der Erde grollt und donnert und sich zu strahlendem, ja gleißendem Licht entfaltet wie Eisenerz, das sich in der Schmelze eines Hochofens in weißglühenden Stahl verwandelt. Er hätte das einzigartige Strahlen in ihren Augen und ihrem Gesicht gesehen. Ohne Zweifel hätte er sie, diese armselige Elendsgestalt in Schwarz mit der fordernden, gebieterischen Stimme einer Königin und jenen riesigen, wundersamen blauen Augen, seinem Epos "Les Misérables" als eindrucksvolle Figur einverleibt. Umgekehrt: Hätte Victor Hugo in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gelebt und hätte Edith Piaf von ihm gehört, hätte sie ihn gewiss in seiner Stadtvilla am Place des Vosges besucht, sich ihm zu Füßen gesetzt und einem seiner Gedichte oder einem Kapitel aus einem seiner Romane gelauscht, ebenso fasziniert, begeistert und ergriffen, wie sie es zu ihrer Zeit von dem Dichter und Dramatiker Jean Cocteau war. Denn auch wenn Edith Piaf aus einem ebenso armen wie bildungsfernen Milieu stammte, fehlte es ihr weder an Intelligenz noch an Geist, und sie hat ihr Leben lang gelernt und sich weiterentwickelt, so dass sie durchaus eine Frau nach Victor Hugos Herzen gewesen wäre. Nun ja, inzwischen sind beide längst im Elysium angekommen und werden einander seither bestimmt viel erzählt haben...


Edith Piaf oder Vom ewigen Streben nach dem Licht

Schade, dass Victor Hugo und Edith Piaf nicht in derselben Zeit gelebt haben und einander daher zu ihren Lebzeiten nie begegnet sind.

Hätte Edith Piaf bereits um 1830 gelebt und auf den Straßen von Paris gesungen, wäre Victor Hugo gewiss auf sie aufmerksam geworden. Er hätte sie gesehen, diese winzige, zerbrechliche Gestalt in Schwarz, der Armut und Krankheit förmlich aus den Poren strömte; hätte sie gehört, diese mächtige Stimme, die aus den Tiefen der Erde grollt und donnert und sich zu strahlendem, ja gleißendem Licht entfaltet wie Eisenerz, das sich in der Schmelze eines Hochofens in weißglühenden Stahl verwandelt. Er hätte das einzigartige Strahlen in ihren Augen und ihrem Gesicht gesehen.

Ohne Zweifel hätte er sie, diese armselige Elendsgestalt in Schwarz mit der fordernden, gebieterischen Stimme einer Königin und jenen riesigen, wundersamen blauen Augen, seinem Epos Les Misérables als eindrucksvolle Figur einverleibt.

Umgekehrt: Hätte Victor Hugo in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gelebt und hätte Edith Piaf von ihm gehört, hätte sie ihn gewiss in seiner Stadtvilla am Place des Vosges besucht, sich ihm zu Füßen gesetzt und einem seiner Gedichte oder einem Kapitel aus einem seiner Romane gelauscht, ebenso fasziniert, begeistert und ergriffen, wie sie es zu ihrer Zeit von dem Dichter und Dramatiker Jean Cocteau war.

Denn auch wenn Edith Piaf aus einem ebenso armen wie bildungsfernen Milieu stammte, fehlte es ihr weder an Intelligenz noch an Geist, und sie hat ihr Leben lang gelernt und sich weiterentwickelt, so dass sie durchaus eine Frau nach Victor Hugos Herzen gewesen wäre.

Nun ja, inzwischen sind beide längst im Elysium angekommen und werden einander seither bestimmt viel erzählt haben...

Als ich noch in Erlangen Fremdsprachen studierte und in einem Studentinnenwohnheim lebte, ergab es sich einmal, dass eine meiner Mitbewohnerinnen vom selben Flur, die zugleich mit mir Französisch als Nebensprache studierte, mich nach der letzten Vorlesung in Französisch in ihrem Wagen nach Hause mitnahm.

Auf dem Weg zu unserem Wohnheim lief im Autoradio zufällig Milord. Meine Mitbewohnerin und ich hörten schweigend zu, und als das Chanson endete, meinte sie: “Tolle Frau, nicht wahr?” “Findest du?” “Oh ja! Ich habe eine ganze Kassette voll von ihren Chansons, und die Frau hat wirklich was drauf! Soll ich sie dir mal leihen?”

Ich sagte zu und war ein wenig verwundert, denn ich hielt meine Mitstudentin für eine ebenso toughe wie moderne Frau, die mit nostalgisch-sentimentalem Schmalz aus Großmutters Zeiten nicht das Geringste anfangen konnte.

Und so hörte ich aus meinem Kassettenrecorder zum ersten Mal jene unverwechselbare Stimme, die in den tiefen Lagen wie eine dunkle Gewitterwolke donnert und grollt, wozu ihr unverkennbares “rrrrrr” das seine beiträgt (das übrigens für Franzosen ganz und gar untypisch ist, nur bei Edith Piaf und in bestimmten Vororten von Paris), und die in den Höhen über die Trompeten und Posaunen eines ganzen Orchesters hinwegschmettert.

Über die Tragödien, die Edith Piaf vom Anfang bis zum Ende ihres Lebens heimgesucht haben - bei ihr war es so, als hätte das Schicksal sie jedes Mal, wenn sie glücklich und zufrieden war, gepackt und unangespitzt in den Boden gerammt - sind schon so viele Bände geschrieben worden, dass ich ihnen nichts mehr hinzufügen kann und will.

Eines ihrer Chansons beschreibt und definiert nach meiner Ansicht besser als irgendein anderes, wie Edith Piaf das Leben sah und wie sie sich dazu verhielt, auch wenn es nicht aus ihrer eigenen Feder stammt: Je sais comment.

Ich möchte versuchen, in der Übersetzung einiger Verse aus diesem Chanson die Essenz dessen wiederzugeben, wer sie war und wie sie gelebt hat:

“Hör mir zu, mein Freund!

Liebst du die Freiheit?

Möchtest du von hier entfliehen,

um jenen Punkt am blauen Himmel zu sehen?

Es ist hart, das Leben zu leben,

ohne Ketten an den Füßen zu gehen!

Hör mir zu, mein Freund!

Möchtest du entrinnen?”

Und später:

“Du sagst nichts, mein Freund,

doch du hast auf dem Grund deiner Augen

eher Träume als Lust,

diesen Punkt am blauen Himmel zu sehen.

Du glaubst jetzt, dass ich dich angelogen habe

und dass ich keine Geheimnisse habe;

doch im Tiefsten deines Herzens hast du begriffen:

Alles, was ich dir gesagt habe, ist wahr..”


Im Folgenden will ich herauszugreifen versuchen, was diese Frau und ihren Ruf als die Chansonnière Frankreichs so einzigartig gemacht hat, dass sie uns noch heute zu berühren vermag. Fast ist es so, als hätte Edith Piaf erst nach dem Ende ihres nur siebenundvierzig Jahre währenden Lebens ihr volles, wirkliches Potential entfalten können...