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Blog

Musik und Emotionen

Im Blog-Bereich „Weggefährten“ schildere ich u.a. meine Begegnungen mit wegweisenden Musikern des 20. Jahrhunderts...



Vorwort zu meinem Blog-Bereich „Musik oder Channeling?“ Im Blog-Bereich „Weggefährten“ schildere ich u.a. meine Begegnungen mit wegweisenden Musikern des 20. Jahrhunderts. Ich hätte sie auch im Bereich „Musik oder Channeling?“ unterbringen können; doch ihr Einfluss ging bei mir tiefer, dauerte länger an und tauchte immer wieder auf.

In „Musik oder Channeling?“ soll es um Musiker-/innen, Sängerinnen und Sänger gehen, die auf ihre ganz besondere Weise mehr waren und sind als musikalische Eintagsfliegen oder Pop- oder Schlager-stars, die man kurz kennt, die aber keine weiteren Hits mehr landen und ebenso schnell wieder in Vergessenheit geraten, wie sie gleich Raketen aus dem Boden senkrecht nach oben geschossen sind.

Eines haben all diese Musiker/-innen, Sängerinnen und Sänger gemeinsam: Wenn sie auf der Bühne stehen, scheinen sie etwas außerhalb ihrer selbst „herunterzuholen“ und durch sich strömen zu lassen, dienen nicht sich selbst, sondern dem, was sich durch sie hindurch ausdrücken will; deshalb die Überschrift „Musik oder Channeling?“.

Wenn auch Ihr solche Leute kennt oder gekannt habt, nur zu! Schreibt mir/uns davon!


29.03.2020 - Die Rhapsody in Blue von George Gershwin
Um dem momentan schwer geprüften New York auf meine Weise mein Beileid auszusprechen, will ich versuchen, ein Stück für Klavier und Orchester zum Leben zu erwecken, das für mich wie kein anderes Stück den Charakter dieser Stadt einfängt: die Rhapsody in Blue von George Gershwin aus dem Jahr 1924. Ich finde, dass im Film Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind die Atmosphäre vom New York der 1920er Jahre anschaulich und treffend eingefangen wurde: mit den vielen kleinen Läden, deren Waren vor der Tür angeboten wurden, den Pferdekutschen, den ersten Automobilen und Taxis, den Zeitungsjungen, die die neuesten Nachrichten verkündeten… Doch schon damals gab es die Skyline von Manhattan mit den ersten Wolkenkratzern, den New Yorker Hafen und die Brooklyn Bridge; und schon damals herrschte geschäftiges, quirliges Treiben auf den Straßen. Nur nach Einbruch der Dunkelheit dürfte New York um 1924 um einiges stiller und dunkler gewesen sein als heute. Und genau hier fängt die Rhapsody in Blue an.


Die Rhapsody in Blue von George Gershwin

Aktuell ist die Lage in den USA kritisch und bedrohlich, aber nirgendwo so desolat und verheerend wie in New York, weil ein die Tatsachen leugnender und verdrehender Präsident die Gefahr verharmlost und die Bürger dieser Stadt zu lange in falscher Sicherheit gewiegt hat. Darüber hinaus hat er die Reform des maroden Sozial- und Gesundheitswesens, das sein Vorgänger Barack Obama auf eine solide, fundierte Basis gestellt hatte, kurz nach der Amtseinführung wieder zu Nichte gemacht.

Schon zu der Zeit, als Donald Trump Bürgermeister von New York war, hat er sich dort allenfalls bei Börsenhaien und Immobilien-Spekulanten Freunde gemacht. Denn zu seiner Amtszeit trieb er die Preise für Mietwohnungen in astronomische Höhen, wodurch Scharen von Bürgern auf der Straße landeten, die selbst mit einem oder mehreren Jobs ihre Miete nicht mehr bezahlen konnten. Doch nun ist er drauf und dran, seine Stadt, ja, sein ganzes Land in den Ruin zu treiben...

Hoffentlich hat das Kapitol jetzt endlich genügend Beweise, um dem Amtsenthebungsverfahren, das vor wenigen Monaten vom Senat eingeleitet, aber leider von Trump-treuen Republikanern zu Fall gebracht wurde, zuzustimmen und es vor dem Obersten Gerichtshof durchzusetzen!

Um dem momentan schwer geprüften New York auf meine Weise mein Beileid auszusprechen, will ich versuchen, ein Stück für Klavier und Orchester zum Leben zu erwecken, das für mich wie kein anderes Stück den Charakter dieser Stadt einfängt: die Rhapsody in Blue von George Gershwin aus dem Jahr 1924.

Ich finde, dass im Film Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind die Atmosphäre vom New York der 1920er Jahre anschaulich und treffend eingefangen wurde: mit den vielen kleinen Läden, deren Waren vor der Tür angeboten wurden, den Pferdekutschen und den ersten Automobilen und Taxis, den Zeitungsjungen, die die neuesten Nachrichten verkündeten…

Doch schon damals gab es die Skyline von Manhattan mit den ersten Wolkenkratzern, den New Yorker Hafen und die Brooklyn Bridge; und schon damals herrschte geschäftiges, quirliges Treiben auf den Straßen. Nur nach Einbruch der Dunkelheit dürfte New York um 1924 um einiges stiller und dunkler gewesen sein als heute. Und genau hier fängt die Rhapsody in Blue an.

Genau gesagt, mit einem leisen tiefen Blubbern der Klarinette, das in eine langgezogene, wehmütige, sehnsuchtsvolle Klage übergeht. Es könnte ein Einsamer unter Millionen sein, der um Mitternacht keinen Schlaf findet und, von einer unbestimmten Sehnsucht getrieben, zwischen dem Times Square und dem Hudson River durch die Straßenzüge streift.

Mit dem tiefen, wuchtigen Dröhnen der Trompeten und Posaunen heben sich die Wolkenkratzer der Skyline von Manhattan wie hoch aufragende schwarze Quader und Blöcke gegen den tiefblauen Nachthimmel ab. Der nächtliche Wanderer schlägt den Kragen seines Trenchcoats gegen die Kälte hoch, die vom Fluss und vom Hafenbecken auf ihn zugekrochen kommt.

Nur einen Häuserblock weiter rennt einer zum Notausgang hinaus, poltert und hastet eine eiserne Wendeltreppe hinunter, auf der Flucht vor wem? Seine Verfolger sind nicht zu sehen; aber ohne Zweifel rennt dieser Schatten um sein Leben.

Der nächtliche Spaziergänger bleibt eine Weile stehen, zündet sich vielleicht eine Zigarette an und blickt über das Hafenbecken und die Brooklyn Bridge auf das andere Ufer hinüber. Vielleicht fragt er sich, was drüben hinter den hell erleuchteten Fensterscheiben gerade vor sich geht?

Dass nur einen Straßenzug von ihm entfernt die Jagd weitergeht und der Verfolgte wie von Furien gehetzt durch die Gegend rennt, kümmert den Spaziergänger nicht; er hat mit seinen eigenen Angelegenheiten zu tun, so wie in dieser Stadt jeder auf sich selbst angewiesen ist und sehen muss, wo er bleibt.

Da bricht mit wuchtigen metallischen Hammerschlägen das zentrale Leitmotiv der Rhapsody in Blue herein, getragen vom Klavier und allem, was die Blechbläser hergeben. Es steht für die wuchtige, rohe Kraft, die diese Stadt antreibt: der gnadenlose, unerbittliche Kampf ums Überleben und das Recht des Stärkeren, das hart und ohne zu zögern hinwegfegt, was sich ihm in den Weg stellt.

Was wird da aus dem einsamen Spaziergänger mit seiner großen Sehnsucht? Vielleicht hängt er einer verlorengegangenen Liebe nach, vielleicht hat ihn eine neue Bekanntschaft versetzt, von der er sich viel erhofft und versprochen hat.

Weil ihm nichts Besseres einfällt, schlüpft er in eine Bar, die zu dieser späten Stunde noch geöffnet hat. Am Tresen, über dem sich die Rauchschwaden ungezählter Zigaretten mit den blauen Schatten der Nacht vermischen - damals hat man in Bars und Clubs geraucht, was das Zeug hielt -, qualmt auch der Bluesgeplagte vor sich hin und stürzt einen Whisky Soda nach dem anderen hinunter, bis er sternhagelvoll vom Barhocker kippt. Ungerührt vom Absturz ihres Mitmenschen plaudern die anderen Gäste in der Bar weiter und nippen an ihren Cocktails.

Schließlich endet auch diese Nacht. Über der Brooklyn Bridge und dem Hafenbecken von New York bricht der Tag an, und im rosigen Zwielicht der aufgehenden Sonne blühen ebenso rosige Träume, Hoffnungen und Verheißungen auf. Wieviele solcher Träume schaukeln da wohl mit der U-Bahn in den Tag hinein?

In Manhattan erwacht das Leben. Die ersten Zeitungsverkäufer packen ihre Stapel aus und verkünden das Neueste vom Tage. Büroangestellte, Bankiers, Verkäufer und andere Passanten eilen ihrer Arbeit entgegen. Lieferwagen, Taxis und Autos rumpeln durch die hohen steilen Straßenschluchten.

Irgendwo klopft, nein hämmert jemand ungeduldig gegen eine Tür.

Die eisernen Räder eines Zuges beginnen sich zu drehen, erst langsam, dann schneller, überschlagen sich in ihrem Tempo fast. Der A-Train gleitet auf seiner Schiene aus dem Terminal des Hauptbahnhofs hinaus ins Freie.

Money makes the world go round! Big Business zählt! Die Stadt nimmt Fahrt auf…

Ein letztes Mal nehmen Klavier und Orchester mit dem harten, stählernen, hämmernden-Leitmotiv den wuchtigen Takt und Puls von New York auf; der Stadt, die niemals schläft!

 



22.03.2020 - Viel mehr als die Polizei erlaubt - Das wandelnde Phänomen Sting
Im Jahr 2003 wurde Sting als Musik- und Kulturbotschafter seines Landes von Queen Elizabeth II. zum Commander of the British Empire geschlagen und dürfte sich demnach Sir Gordon Matthew Thomas Sumner nennen. Tut er aber nicht. Er bleibt, wer und was er ist: schlicht und einfach Sting. Nicht schlecht für den Sohn eines Milchmannes aus Wallsend, einem Vorort von Newcastle upon Tyne, der seine Laufbahn ganz bescheiden als Lehrer für Englisch, Musik und Sport begonnen und sich als Bauarbeiter und Busfahrer hin und wieder ein paar Pfund dazu verdient hat!


Viel mehr als die Polizei erlaubt – Das wandelnde Phänomen Sting

Es gibt Menschen, bei denen man sich fragt: „Wie kann einer so viel tun, und alles was er tut, gelingt ihm? Er kann sich ja nicht auf den Kopierer legen und auf „Start“ drücken! Oder gibt es ein paar Klone von ihm?“

Ein solcher Mensch ist ohne Zweifel der Ausnahme-Musiker und Aktivist Sting. Um ein paar Beispiele zu geben, was er bisher alles unternommen hat, fange ich ausnahmsweise nicht mit dem an, was er musikalisch auf dem Kasten hat.

Seit 1987 unterstützt Sting Raoni, den Häuptling der Kayapó, in seinem Kampf für den Erhalt des Regenwaldes am Amazonas und hat wiederholt und erfolgreich mit ihm gegen Rodungs- und Staudamm-Projekte protestiert, die sonst den Regenwald in Brasilien gravierend und irreparabel zerstört und den Kayapó und anderen Indianerstämmen ihren Lebensraum genommen hätten.

Etwa seit derselben Zeit setzt er sich für die Witwen und Waisen in Chile ein, deren Männer und Väter zur Zeit der Pinochet-Militärdiktatur ohne Prozess oder Angabe von Gründen verhaftet oder verschleppt wurden und zum Teil bis heute auf Nimmerwiedersehen verschwunden sind. Seit den späten 1980er Jahren erinnern diese Witwen und Waisen regelmäßig an den ungeheuren Verlust, der ihnen widerfahren ist, indem sie sich auf der Straße versammeln und tanzen.

Mit den Album Soul Cages aus dem Jahr 1991 und dem Musical und gleichnamigem Album The Last Ship von 2013 klagt Sting den Niedergang der eins blühenden Schiffsbau-Industrie in seiner Heimatstadt Newcastle an, aber auch den Verfall des Bergbaus in Nordengland, durch den eine ganze Region ebenso verarmt, dahinsiecht und zu Grunde geht wie bei uns das Ruhrgebiet in Nordrhein-Westfalen.

Nach den massiven islamistischen Terroranschlägen, die die Welt seit 2015 heimsuchen und Paris häufiger als irgendeine andere Stadt oder Gegend Europas angreifen, war es Sting, der den Nachtclub Bataclan nach dem verheerenden Gemetzel im Jahr 2016 neu eröffnete und mit diesem Benefiz-Auftritt und seinem Folgekonzert von 2017 den Bürgern von Paris Mut, Trost und Zuversicht zusprach.

Wenn er sich nicht gerade ehrenamtlich für eine Sache einsetzt, geht er mit berühmten und bedeutenden Musikern wie Sinéad O’Connor, Annie Lennox, Paul Simon oder Peter Gabriel auf Tournee, um an sie und ihre Lebensleistung zu erinnern. Nebenbei hielt und hält er in Großbritannien und den USA an renommierten Colleges Vorlesungen zu den Themen Musik, Literatur und Kultur.

Ganz nebenbei: Im Jahr 2003 wurde Sting als Musik- und Kulturbotschafter seines Landes von Queen Elizabeth II. zum Commander of the British Empire geschlagen und dürfte sich demnach Sir Gordon Matthew Thomas Sumner nennen.
Tut er aber nicht. Er bleibt, wer und was er ist: schlicht und einfach Sting.

Nicht schlecht für den Sohn eines Milchmannes aus Wallsend, einem Vorort von Newcastle upon Tyne nahe an der Grenze zu Schottland, der seine Laufbahn ganz bescheiden als Lehrer für Englisch, Musik und Sport begonnen und sich als Bauarbeiter und Busfahrer hin und wieder ein paar Pfund dazu verdient hat!

Auch in musikalischer Hinsicht gelingt diesem Mann alles, was er sich vornimmt.

Von 1978 bis 1983 brachte er gemeinsam mit seinen Mannen von der Pop- und Rock-Band The Police ein Album nach den anderen heraus. Noch heute sind die Songs der ehemaligen „Polizisten“ weltweit bekannt:

  • fetzige Rock-Kracher wie Many Miles Away, Petrolhead oder Roxanne;
     
  • mystisch-geheimnisvolle Epen wie Spirits in a Material World oder Message in a Bottle;
     
  • Reggae-lastige Nummern wie So Lonely oder Walking on the Moon

    oder
     
  • gefühlvolle und zugleich doppelbödige, hintergründige Balladen wie Falling Down und das berühmte Every Breath You Take, das zugleich Stings Abschied von The Police markierte.

Als Solist war und blieb er indes auf den Konzertbühnen dieser Welt nie allein, meist hat er seine bewährten Freunde und Mitstreiter dabei: den Keyboarder und Co-Sänger Kipper, den Drummer Josh Freeze und nicht zuletzt den kongenialen Gitarristen und Kumpel Dominic Miller. Ihre beiden Söhne, Rufus Miller und Joe Sumner, gesellen sich hin und wieder dazu.

Die Lieder, die Sting geschrieben hat und mit seinen Mannen singt und spielt, sind überwiegend von einer nachdenklichen, träumerisch-melancholischen Stimmung geprägt, ob nun eine klassische Country-Nummer wie I Hung My Head, Folk-Songs wie Fields of Gold oder Pretty Young Soldier oder stille, fast nur mit der Flamenco-Gitarre begleitete Balladen wie Shape of My Heart oder Fragile.

Doch dann und wann tut Sting immer wieder etwas Neues, Unerwartetes. So verlässt sein Song Desert Rose aus dem Jahr 1999 die regenverhangenen grünen Hügel Großbritanniens und galoppiert auf dem Rücken eines Berberpferdes durch das Dünenmeer der nördlichen Sahara, begleitet vom Rak, dem wilden, ekstatischen Trommelrhythmus der Imazighen, der in Marokko, Algerien und Tunesien - sprich, im gesamten Maghreb - bekannt und beliebt ist.

Im Album Songs from the Labyrinth von 2006 verlässt er die Rock- und Popschiene ganz und gar und widmet sich der Laute und den ebenso zarten wie präzise strukturierten Liedern des britischen Barock-Komponisten John Dowland.

If On a Winter’s Night aus dem Jahr 2009 ist, wie der Name schon sagt, vor allem dem Winter und seinen Stimmungen gewidmet, aber auch der Weihnachtszeit. Die Lieder dieses Albums klingen wie ein Crossover aus Jazz und Barock und haben nicht das Geringste mit Rock oder Pop zu tun. Zu meinem Erstaunen erklingt hier das alte Weihnachtslied Es ist ein Ros‘ entsprungen fast so schlicht, wie es im Gesangbuch steht, nur eben auf Englisch anstatt auf Deutsch.

Bis er 2013 zu seinen Wurzeln zurückkehrt und mit The Last Ship ein Musical oder eher ein Rock-Oratorium hinlegt!

Für einen einzigen Menschen und nur ein Leben ist all das eigentlich viel zu viel!

Und doch ist Sting sich immer treu geblieben und ganz bei dem, was er tut. Er kommt mit einer Ruhe und Gelassenheit daher, als hätte er alle Zeit der Welt, steht in Jeans und T-Shirt mit seiner abgegriffenen Gitarre, der man den jahrzehntelangen Einsatz ansieht, auf der Bühne des Pariser Olympia und strahlt eine Ruhe und Selbstverständlichkeit aus, die weder sich noch irgendjemandem etwas beweisen muss.

Sting macht sein Ding, einfach weil er es kann.

Wenn ich irgendwann in meinem Leben dorthin käme, wo er jetzt ist, hätte ich viel geschafft und gewonnen…



15.03.2020 - Travellers auf freiwilliger Basis - Die Kelly Family
Die Kelly Family, auf die ich mit meiner Einführung hinauswill, stammt nicht von irischen Travellers ab. Ihr Gründer und Familienvater Dan Kelly, dessen Großvater Sean O’Kelley in die USA emigriert war wie viele Iren, die Mitte des 19. Jahrhunderts ihre Insel verließen, um dem Hungertod auf Grund der Kartoffelfäule zu entrinnen, hatte einst mit seiner ersten Frau und vieren seiner vielen Kinder einen festen Wohnsitz in Erie nahe beim Michigan-See. Er hatte an einem Jesuitenkolleg katholische Theologie studiert, später Philosophie und Literatur, und arbeitete einige Zeit lang als Lehrer. Eine kreuzbrave bürgerliche Existenz eigentlich.


Travellers auf freiwilliger Basis – Die Kelly Family

Neben den Völkern und Volksgruppen dieser Welt, die in einem bestimmten Landstrich ihren festen Wohnsitz haben und ihn nur zeitweise verlassen, gab und gibt es auch solche, die sich für eine Weile irgendwo niederlassen, aber irgendwann ihre Zelte abbrechen und weiterziehen.

Die weltweit bekanntesten Völker, die in grauer Vorzeit aus Vorderindien kamen, den Ural überquert haben und im Lauf ihrer Geschichte durch ganz Europa reisten, sind die Sinti und Roma. Doch auch innerhalb der Nationen Europas gibt es Nicht-Sesshafte, die sich zwar als zu einem bestimmten Volk zugehörig, jedoch als eigener Stamm bezeichnen und ihre eigene Sprache, ihre Sitten, Traditionen und Gebräuche, ja ihr eigenes Gesetz haben.

Hierzu gehören bei uns in Deutschland die Jenischen (gibt es sie eigentlich heute noch?) und in Irland die Traveller; beide nennt man auch das Fahrende Volk. Ihren Lebensunterhalt verdienen sie als Händler, die Kurzwaren, notwendige oder auch nicht unbedingt notwendige Haushaltsartikel, Wundermittel und Amulette verkaufen; als Kleinhandwerker wie z.B. Korbflechter, Besenbinder, Kesselflicker oder Scherenschleifer; am häufigsten aber – und so gelang es ihnen am ehesten, sich bei den Sesshaften soviel Beliebtheit zu verschaffen, dass man sie duldete – als Musiker und Sänger.

Die Kelly Family, auf die ich mit meiner Einführung hinauswill, stammt nicht von irischen Travellers ab. Ihr Gründer und Familienvater Dan Kelly, dessen Großvater Sean O’Kelley in die USA emigriert war wie viele Iren, die Mitte des 19. Jahrhunderts ihre Heimat verließen, um dem Hungertod auf Grund der Kartoffelfäule zu entrinnen, hatte einst mit seiner ersten Frau und vieren seiner vielen Kinder einen festen Wohnsitz in Erie nahe beim Michigan-See. Er hatte an einem Jesuitenkolleg katholische Theologie studiert, später Philosophie und Literatur, und arbeitete einige Zeit lang als Lehrer. Eine kreuzbrave bürgerliche Existenz eigentlich.

Doch zur selben Zeit, als er seine spätere zweite Frau Barbara Ann Suokko kennen und lieben lernte, die in seinem Haushalt als Kindermädchen und Haushälterin arbeitete - und zwar so heftig, dass aus seiner Verbindung mit ihr zwei Kinder hervorgingen, er sich von seiner ersten Frau scheiden ließ und Barbara heiratete -, sagte er sich, dass das Streben nach Geld, Reichtum, Karriere und Ansehen, das in den USA die dominierende Geisteshaltung war und ist, die menschliche Seele korrumpierte, verdarb und zu Grunde richtete. Und seine Frau teilte seine Meinung voll und ganz.

Und so machten sich Dan und Barbara Ann Kelly mit ihren fünf Kindern eines Tages über den Großen Teich auf und wurden so etwas wie Travellers auf freiwilliger Basis. Sie landeten in Nordspanien an der Küste von Asturien, wo sie eine Taverne und ein Antiquitätengeschäft betrieben. Doch hier blieben sie nicht und tauschten ihr Haus gegen einen VW1-Bus, in dem sie fortan lebten.

Ihr Weg führte sie von Belascoain im Baskenland durch Frankreich, Belgien und die Niederlande, kurz nach Irland, dem Land ihrer Vorfahren, dann kreuz und quer durch ganz Deutschland mit einer längeren Winterpause auf einem Bauernhof im Schwarzwald, und schließlich an den Rhein, wo sie sich für längere Zeit niederließen.

Das hieß, wenn sie nicht gerade mit ihrem Doppeldeckerbus – ihre Familie war während ihrer langen Wanderschaft auf neun Kinder angewachsen, so dass sie im VW-1-Bus keinen Platz mehr hatten – in Deutschland, Österreich und der Schweiz oder auch in Skandinavien auf Tournee gingen.

In Deutschland wurden wir erstmals auf die Kelly Family um 1980 herum aufmerksam, als sie in schottischen Kilts in deutschen Samstagabend-Shows auftraten und das Lied sangen, das irgendwie ihr Schicksalslied war und ist: Who’ll Come With Me bzw. David’s Song aus der Serie Die Abenteuer des David Balfour.

Denn der Refrain von David’s Song ist das Anliegen, die Mission der Kelly Family: frei wie Zugvögel um die Welt zu reisen, Menschen kennen zu lernen und ihre Herzen zu gewinnen: „Wer kommt mit uns? Wer fliegt mit uns rund um die Welt? Fürchtet euch nicht! Wir kennen den Weg!“

Und fürwahr gelang es ihnen, in aller Herren Länder Menschen für sich zu gewinnen, die sie förderten und unterstützen, und ihre Herzen sowieso.

Doch sie hatten nicht nur Freunde. In Spanien und in Paris wurden sie mehrfach ausgeraubt, so dass sie finanziell und existenziell mehr als einmal vor dem Nichts standen. Für ihren unkonventionellen Lebensstil abseits aller Normen und Systeme wurden sie von den einen als eine Art Familiensekte, von den anderen als ungepflegte und ungebildete Asoziale diffamiert.

Gut, die Kinder der Kelly Family gingen nie zur Schule. Aber sie sprechen neben ihrer englischen Muttersprache fließend Spanisch, Französisch und Deutsch und sind seit jeher, wohin sie auch kamen, für ihr höfliches, freundliches Benehmen bei jederfrau und jedermann bekannt. Sieht so ein Mangel an Bildung und Erziehung aus?

Auch gab es immer wieder namhafte Presseorgane, die dem Familienvater vorwarfen, durch das einseitige Leben als fahrende Musikanten hätte er seinen Kindern das Recht auf einen „anständigen Beruf“ verweigert. Nun, diese Kinder konnten neben Singen und Musizieren: eine Konzertbühne auf- und abbauen, Stromversorgung, Beleuchtung und Soundanlage selbst einrichten und einstellen, ihre eigenen Kostüme schneidern und nähen, ihre Tourneen planen, bei den Behörden ihre Konzerte anmelden und mit ihnen die Auftrittsgenehmigungen aushandeln…

Das sieht für mich 1.) nach einem anständigen und 2.) nach einem knallharten Beruf aus, bei dem mancher Arbeitnehmer in die Knie gehen würde, wenn er ein solches Pensum stemmen müsste. Allen Miesmachern und Neidhammeln kann ich nur sagen: Probiert es aus und macht eine Konzert-Tour durch Deutschland eine Woche lang im Stil der Kellys – sprich, macht alles selbst! Hinterher reden wir noch einmal darüber…

Und eines kann den Kellys niemand nehmen: Sie sind professionelle Musiker. Alle können singen und beherrschen ihre Instrumente, mindestens zwei, manche sogar drei. Jede und jeder der Kellys ist ein Individuum mit einer eigenen Stimme, Präsenz und Ausstrahlung, und doch kommen sie in ihren Chor-Refrains alle wieder zusammen…

Und ob nun Michael Patrick und Maite sich vom Rest der Familie abseilen – sie haben ihre Gründe, und man sollte ihren Entschluss akzeptieren und respektieren, wie es der Kelly-Clan als Ganzes tut - und andere die Familientradition hochhalten wie Jimmy, der heute wieder als Straßenmusiker auftritt, und Angelo, der mit seiner Frau und seinen mittlerweile fünf Kindern im Camping-Bus von Ort zu Ort zieht wie einst seine Eltern: Besondere und vor allem feine Menschen sind sie alle!



04.03.2020 - Per aspida ad astra und zurück - Vom Kampf der Shuhadat Sadaqat aka Sinead O Connor
Nur wenige Sängerinnen und Sänger unserer Zeit sind so umstritten und haben so viele Abstürze erlebt, von denen sie wieder aufgestanden sind, sich so vielen Wandlungen unterzogen wie die irische Sängerin und Songwriterin Sinéad O’Connor aus Dublin. Ihre letzte und erstaunlichste Wandlung ist die einer gläubigen Christin – ich sage bewusst nicht Katholikin – zur einer ebenso gläubigen Muslima - ich sage auch bewusst nicht radikalen Islamistin - namens Shuhadat Sadaqat. Einmal mehr wird sie momentan von der christlichen, vor allem fundamental katholischen Welt genauso verhöhnt, verachtet und gehasst wie damals, als sie das Bild des Papstes Johannes Paul II. vor aller Augen zerriss. Provokanterweise trägt sie jetzt freiwillig Schleier und Kopftuch, singt aber immer noch ihre altvertrauten Lieder; d.h. sie ist immer noch dieselbe, die sie immer war, nur in einem anderen Gewand.


Per aspida ad astra und zurück – Vom Kampf der Shuhadat Sadaqat aka Sinéad O‘Connor

Nur wenige Sängerinnen und Sänger unserer Zeit sind so umstritten und haben so viele Abstürze erlebt, von denen sie wieder aufgestanden sind, sich so vielen Wandlungen unterzogen wie die irische Sängerin und Songwriterin Sinéad O’Connor aus Dublin.

Ihre letzte und erstaunlichste Wandlung ist die einer gläubigen Christin – ich sage bewusst nicht Katholikin – zur einer ebenso gläubigen Muslima - ich sage auch bewusst nicht radikalen Islamistin - namens Shuhadat Sadaqat.

Einmal mehr wird sie momentan von der christlichen, vor allem fundamental katholischen Welt genauso verhöhnt, verachtet und gehasst wie damals, als sie das Bild des Papstes Johannes Paul II. vor aller Augen zerriss. Provokanterweise trägt sie jetzt freiwillig Schleier und Kopftuch, singt aber immer noch ihre altvertrauten Lieder; d.h. sie ist immer noch dieselbe, die sie immer war, nur in einem anderen Gewand.

Damit hier kein Missverständnis entsteht: Sinéad O’Connor war und ist keine, die um des Glaubens willen blindlings mit einem Auto oder LKW in eine Menschenmenge rasen oder auf Menschen schießen würde. Auch würde sie nie einen Menschen an einem Kreuz sehen wollen oder ihn am liebsten persönlich daran festnageln.

Aber sie ist ein tiefgläubiger, zutiefst spiritueller Mensch, und das ist etwas anderes als ein religiöser Fanatiker, der nur seinen Glauben, seine Welt und seinen Gott sieht. Sie kennt das Prinzip Gott in vielen Bildern und Gestalten, und noch immer glaubt sie daran, dass es einen lebendigen Gott gibt. Nur heißt dieser Gott bei ihr nicht Jahwe oder Allah oder Jesus Christus, sondern schlicht und einfach Gott. Und es ist ein Gott, der in kein Bild passt, das sich Menschen von ihm machen oder in einem Buch festzuhalten versuchen. Dafür lebt sie, und dafür nagelt sie sich selbst wieder und wieder an das Kreuz.

Es sind die fanatischen, einseitig religiösen Menschen, die ihren Glauben als das einzig gültige Maß aller Dinge sehen, und die dummen, primitiven Menschen ohne jegliche Bildung des Geistes und des Herzens, die sie dafür mit Spott, Hohn, Hass und Häme überhäufen.

Und es sind die Tyrannen, die ihre Throne wackeln und einstürzen sehen. Eine wie Sinéad O’Connor, die an ihren Thronen rüttelt, sie zum Einstürzen zu bringen droht, fürchten sie mehr als irgendetwas anderes auf der Welt. Wie war das gleich nochmal? Was hat Meister Yoda aus Star Wars immer gesagt? „Furcht führt zu Wut. Wut führt zu Hass. Hass führt zu unsagbarem Leid.“

Ein Teil der Öffentlichkeit wirft ihr auch immer wieder die Sucht nach Aufmerksamkeit und Rampenlicht vor. Doch diese kleine, scheue Frau, der die Zerbrechlichkeit förmlich aus den Augen und ihrem abgemagerten, verhärmten Gesicht strömt; die, wenn sie nicht gerade singt, vor Schüchternheit und Menschenfurcht nicht einmal aufzublicken wagt und kaum ein Wort herausbringt, ist mit dieser Art Leiden ganz bestimmt nicht geschlagen. Sie genießt es ganz und gar nicht, dem Licht und der Meinung der Öffentlichkeit ausgesetzt zu sein, fürchtet sie genauso wie der Teufel das Weihwasser.Eine solche Frau handelt nicht aus egoistischen Motiven; sie kämpft für die Sache selbst. Und sie kämpft, weil sie nach dem Prinzip ihrer Natur, ihres innersten Wesens nicht anders kann.

Erst nach und nach rückte Sinéad O’Connor mit der Geschichte ihres Lebens heraus: dass sie als Kind von ihrer eigenen, leiblichen Mutter regelmäßig körperlich und seelisch misshandelt wurde. Ihr Vater, ein Dubliner Anwalt, ließ sich von dieser Frau scheiden und verließ die Familie, konnte aber seine Tochter erst aus den Klauen ihrer Mutter befreien, als sich in Irland die Scheidungsgesetze änderten und Kinder nicht automatisch der Mutter zugesprochen wurden, sondern dem Elternteil, der das Wohl des Kindes im Sinn hat. Damals war sie dreizehn Jahre alt.

Ich nehme an, dass Sinéad O’Connors Mutter entweder 1.) eine schwache, unreife Kindfrau war, die ihr Kind mal verhätschelte und verwöhnte, um dann ihre Launen, ihre Wut, ihren Zorn an einem Kind auszulassen, das sich nicht wehren konnte, von ihr abhängig war. 2.) Oder sie war eine jener Mütter, die ihr Kind für sich allein haben wollen und sie mit einer alles verschlingenden, erdrückenden Liebe quälen und strafen, die keine Götter neben sich duldet. Oder – was der schlimmste Fall wäre – beides.

Leider gibt es solche Mütter, auch wenn eine normal liebende – d.h. ihr Kind schützende, behütende - Mutter so etwas nicht glaubt oder auch nur für möglich hält.

Den ersteren Fall lernte ich in einem Münchner Linienbus kennen, in dem ich unterwegs war. Ohne zuhören zu wollen, bekam ich mit und hätte jeder und jede Außenstehende mitbekommen, dass sich eine Mutter bei ihrer neunjährigen Tochter bitter über ihre eigene Mutter – also die Großmutter des Mädchens – beklagte, was für eine ungerechte, schlimme, gemeine Frau sie war. Und dann griff sie auf einmal ihre eigene Tochter an und warf ihr vor, dass sie dann und wann bei ihrer Mutter zu sitzen wagte, dass sie auf das hörte, was sie sagte, dass ihr eigenes Kind sie an ihre eigene Mutter verriet.

Wer leidet wohl in einer solchen Situation am meisten? Das Kind, das sowohl die Mutter als auch die Großmutter liebt, aber letztere nicht lieben darf, weil es sonst seine Mutter verrät. Wer wird einen abgrundtiefen Hass gegen seine Mutter entwickeln, die ihm das Recht verweigert, zu lieben, wen es will; die fordert, dass dieses Kind niemand anderen lieben, zu niemand anderem halten soll als zu dieser Mutter, die ihr in diesem Moment wie ein Ungeheuer vorkommt? Genau dieses Kind.

Den letzteren Fall erlebte ich einmal in einem Restaurant in Dingle, an der irischen Südwestküste. Betrieben wurde dieses Restaurant von der Mutter und ihrer etwa siebzehnjährigen Tochter, die auf mich zukam und die Bestellung aufnahm. Irgendwie bemerkte ich, dass sie mich in dem Moment wohl still bewunderte: eine Frau, die sich traute, ganz allein zu reisen und in der Welt unterwegs zu sein. So eine wie mich hatte sie wohl bis zu diesem Tag noch nicht gesehen oder geglaubt, dass es so etwas gibt.

Und dann sah ich ihre Mutter hinter der Theke; sah, welche von Hass, Neid und Groll erfüllte Blicke sie mir zuwarf. Ihre Tochter kam nur dieses eine einzige Mal in meine Nähe; danach bediente mich ausschließlich die Mutter, still, stumm und mit Blicken voller Hass und Verachtung für eine wie mich; in ihren Augen wohl eine Schlampe, ein liederliches Frauenzimmer! Und ich sah die Verzweiflung und Resignation in den Augen des Mädchens, über deren Leben und Seelenheil ihre Mutter wachte wie ein Drache…

Auf diese Weise können Mutter und Tochter aneinander gekettet sein, und Dritte, Außenstehende wissen es und stehen machtlos nebendran. Denn mischt sich ein Dritter, Außenstehender ein und erhebt das Wort gegen diesen Drachen von einer Mutter, leidet die Tochter hinterher doppelt und dreifach, ähnlich wie Carrie in dem Buch und Film von Stephen King…

Dann darf sich die Mutter und die Welt aber auch nicht wundern, wenn „des Satans jüngste Tochter“ sich eines Tages auf furchtbare Weise wehrt und zurückschlägt!

Es sei denn, dem Mädchen gelingt es zu fliehen, weit, so weit weg von ihrer Mutter wie nur irgend möglich, damit sie nicht eines Tages furchtbares Unheil anrichtet und das Schlimmste, Äußerste tut, um sich zu wehren – ihre eigene, leibliche Mutter tötet… Kann sein, dass dieses Mädchen niemals heiraten und Kinder haben wird, weil sie fürchtet, sie könne ihrem eigenen, wehrlosen, hilflosen Kind antun, was ihre Mutter ihr angetan hat, ohne es zu wollen – weil sie nicht anders kann…

Was macht eine solche Konstellation mit und aus einem Menschen? Was passiert, wenn ein Kind früh begreift, dass es sich auf seine Mutter nicht verlassen kann, ja, sich vor ihr in Acht nehmen muss? Wenn es seinen Vater als gleichgültig erlebt, weil er es verlässt, und als schwach, weil er scheinbar keinen Finger rührt, um seinem Kind zu helfen und es zu beschützen?

Es hat nur sich selbst, kann sich auf niemanden verlassen als auf sich selbst. Weil es aber in der Natur eines jeden Kindes angelegt ist, dass es Schutz, Wärme und Geborgenheit sucht, muss es sich mit kleinen Bröckchen Wärme, Geborgenheit und Zuwendung begnügen, das es dann und wann von anderen Menschen bekommt, aber nicht viel davon und auch nicht auf Dauer. Ein solches Kind muss sich fühlen, als würde es ständig in den Staub gedrückt bzw. stünde mit dem Rücken zur Wand und würde mehr und mehr dagegen gequetscht.

Hat dieses Kind nur einen Funken Stolz und Mut in sich, wird es sich aus dem Staub erheben, sich gegen den beständigen Druck wehren. Es wird kämpfen, weil es seiner Natur nach nicht anders kann.

All meinen Mitmenschen kann ich nur raten: Unterschätzt nie jemanden, der an die Wand gequetscht wird und um sein nacktes Leben kämpft! Fürchtet ihn! Ein solcher Mensch wird zum Tier!

Hiervon handelt Sinéad O’Connors erstes, unvergessliches Debütalbum The Lion and The Cobra, vor allem und mehr als alles andere ihr Lied Troy. Eine Kobra ist sie allerdings nicht, auch wenn sie in dem Album diese Rolle einnimmt.

Auch keine Löwin wie etwa Vincent, den ich an anderer Stelle erwähnt habe; jenes Fabelwesen, halb Mensch, halb Löwe aus der Serie Die Schöne und das Biest. Wer war in ihrem Leben und in diesem Album damals der Löwe, der sie beschützt, sie mit Zähnen und Klauen verteidigt hat – weil sie für ihn das Kostbarste auf Erden war?

Nein. Sinéad O’Connor ist eine Wölfin. Man höre sich das Lied Troy genau an! In der Mitte des Liedes hat ihre Stimme nichts Menschenähnliches mehr. Sie klingt wie eine Wölfin, die den Mond anheult bzw. den Chor der Wölfe führt und sie auffordert, gemeinsam mit ihr den Mond anzuheulen.

Ich glaube, eine Wölfin ist auch Mari Boine vom Stamm der Sami. Auch sie verlässt in ihrem Lied Muj Vajmu Vajdul Doppe an einem bestimmten Punkt die menschliche Ebene, und ihre Stimme wird zu der einer Wölfin, die den Mond anheult und den Chor der Wölfe anführt…

Was für ein Tier ich wäre, wenn ich eines in mir hätte? Das habe ich noch nicht herausgefunden….



23.01.2020 - Zwei aus dem "Klub 27" - Janis Joplin und Amy Winehouse
„Meine“ Generation von 1968 entspringt zwar der Zeit der Vietnam-Krise, der Flower-Power-Bewegung und der Jugendproteste, hat diese Zeit aber nicht erlebt und kann nur auf sie zurückblicken. Einerseits kamen uns diese „Beatniks“ oder „Hippies“ mit ihren bunten Flatterklamotten und Lederjacken, mit ihren Blumen und Gehängen und ihren langen wilden Wallemähnen schräg und verrückt vor, und ganz gewiss hätten wir „Achtziger“ nicht so leben wollen wie sie: von Joints und Räucherstäbchen umwölkt und immer auf der Suche nach Bewusstseinserweiterung mit allen möglichen und unmöglichen Mitteln. Andererseits war die Musik, die damals angesagt war und etwas galt, nie eine seichte, belanglose Berieselung. Irgendwie ging es in der Musik der 1960er Jahre immer um die Wurst: Wer sind wir bzw. wollen wir sein? Wohin gehen wir? Wie wollen wir in dieser Welt leben und wie soll sie aussehen? Und wie gehen wir mit unseren Mitmenschen, unseren Freunden, unseren Lebensabschnittsgefährten um?


Zwei vom „Klub 27“: Janis Joplin und Amy Winehouse


Piece of My Heart - Janis Joplin


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„Meine“ Generation von 1968 entspringt zwar der Zeit der Vietnam-Krise, der Flower-Power-Bewegung und der Jugendproteste, hat diese Zeit aber nicht erlebt und kann nur auf sie zurückblicken.

Einerseits kamen uns diese „Beatniks“ oder „Hippies“ mit ihren bunten Flatterklamotten und Lederjacken, mit ihren Blumen und Gehängen und ihren langen wilden Wallemähnen schräg und verrückt vor, und ganz gewiss hätten wir „Achtziger“ nicht so leben wollen wie sie: von Joints und Räucherstäbchen umwölkt und immer auf der Suche nach Bewusstseinserweiterung mit allen möglichen und unmöglichen Mitteln.

Andererseits war die Musik, die damals angesagt war und etwas galt, nie eine seichte, belanglose Berieselung. Irgendwie ging es in der Musik der 1960er Jahre immer um die Wurst: Wer sind wir bzw. wollen wir sein? Wohin gehen wir? Wie wollen wir in dieser Welt leben und wie soll sie aussehen? Und wie gehen wir mit unseren Mitmenschen, unseren Freunden, unseren Lebensabschnittsgefährten um?

Wir „Achtziger“ waren kaum oder selten in der Richtung aktiv; eher waren wir von einer lähmenden Lustlosigkeit und Passivität, ja fast Resignation befallen. Vielleicht lag das auch an der Endphase des Kalten Krieges, als zwischen 1980 und 1988 auf der Welt nichts vorwärts ging und die Supermächte USA und UdSSR taten, was sie wollten, ohne dass wir darauf auch nur den geringsten Einfluss gehabt hätten.

Und so belächelten wir die „Sechziger“ ebenso wie wir sie beneideten, denn ihnen ging es um das friedvolle Miteinander aller Menschen auf dieser Welt, um Wahrheit und Echtheit in menschlichen Beziehungen, mit der sich die Welt heilen ließ, und sie haben damals noch geglaubt, dass dies möglich wäre. Man höre sich beispielsweise irgendein Album der „Doors“ an: Aus all ihren Texten sprechen Optimismus, Zuversicht und positive Visionen für eine neue Welt und eine neue Zeit.

Und eines der Kinder dieser Zeit, ein Stern, der nur vier Jahre lang - von 1966 bis 1970 - ebenso strahlend hell aufleuchtete, wie er jäh und plötzlich verlosch, war Janis Joplin.

Es war eine Mitbewohnerin in unserem Studentinnenwohnheim in Erlangen, die mich erstmals auf sie aufmerksam machte. Sie war immer diejenige, die - wenn sie im Gemeinschaftsraum des dritten Stockwerks am Flurtelefon mit ihrer Familie zu Hause sprach - zuerst vor Frechheit und Selbstbewusstsein strotzte, bis mitten im Telefonat ihre Stimmung ins Gegenteil kippte und in bitterliches, heimwehgeplagtes Weinen umschlug.

Kurz, sie erzählte mir von ihrer Begeisterung für Janis Joplin. Bis zu diesem Zeitpunkt sah ich in ihr nichts als eine ständig bekiffte Hippie-Nudel, die mit ihrer Nickelbrille, ihrem explodierenden Haar und ihrer Federboa auf dem Kopf offenbar noch eine Spur schräger und durchgeknallter als alle anderen Hippies war

Doch meine damalige Mitstudentin und Mitbewohnerin drückte mir eine Kassette mit von ihr selbst zusammengestellten Songs in die Hand und sagte: „Hör sie dir an, ober ich warne dich: Sie ist sehr extrem. Entweder kannst du sie nicht ausstehen oder bist von ihr hin und weg. Ein Zwischending gibt es bei ihr nicht.“

Nun ja, wenn eine Stimme in voller Lautstärke wie folgt losplatzt:

„I am so all alone..

H E Y,   D A D D Y ,   D A D D Y ,   D A D D Y ,   O H !

N O,   N O ,   N O !   N O ,   N O ,  N O ! 

A L L   R I G H T !   A L L   R I G H T !

Y E E E A A A A A H H H H ! ! ! “ ,

springt eine wie ich schon mal einen halben Meter vor dem Kassettenrecorder zurück.

Nach meinem ersten Empfinden sang Janis Joplin ungefähr so, als wäre sie das gefürchtetste Mitglied der Hell’s Angels weit und breit und würde mit ihrer Harley losrasen und alles plattwalzen, was ihr im Weg stand.

Eigentlich hätte ich vor ihr grundsätzlich entsetzt zurückprallen müssen, aber etwas in ihrer Art zu singen hielt mich über Jahre immer wieder bei der Stange.

Es mag damit zu tun haben, dass einmal im Olympiapark eine Harley-Davidson-Roadshow mit ausgestellten Modellen, stilechter Motorradbekleidung und Live-Rockmusik stattfand und ich plötzlich wieder mit einem Ruck in die 1960er Jahre zurückbefördert wurde; und dass Wolfgang Fierek ein wenig später in Zamdorf einen Harley-Laden mit allem Drum und Dran eröffnet hat.

Etwas an diesen Maschinen faszinierte mich und zog mich an. Leider war selbst die kleinste „Custom“ ein zu teurer Spaß für mich, und einen Motorradführerschein besitze ich auch nicht. Doch ich habe noch heute eine Kaffeetasse und ein Sweatshirt mit dem berühmten Harley-Davidson-Logo.

Wie auch immer, als ich von Janis Joplin dann „Piece of My Heart“ hörte, klang sie für mich wie eine Indianerin, die mit Mutter Erde in enger, unmittelbarer Verbindung steht und direkt aus ihr heraus singt.

Und dann hat sie ein Lied auf eine Weise gesungen, dass die Welt stillstand und einem das Blut in den Adern gerann und am Rückenmark festklebte: „Ball and Chain“ von Willie Mae Thornton.

Es handelt davon, dass eine Frau ihr Herz, ihre Hoffnungen, ihr ganzes Leben auf einen Mann gesetzt und er sie verlassen hat; es ist genau der Moment, in dem die Erkenntnis, dass es vorbei ist, einen mit voller Wucht auf der emotionalen Ebene heimsucht.

Zu oft kann und sollte man dieses Lied nicht hören, denn der nackte, ungefilterte Schmerz, der aus der Stimme von Janis Joplin wimmert und stöhnt, schreit und brüllt, scheint direkt der Streckbank zu entspringen und überschreitet auch beim Hörer die Schmerzgrenze, wenn er sich auf das Lied und diese Stimme einlässt.

Nach ihrem frühen Tod mit siebenundzwanzig Jahren gab es immer wieder Sängerinnen, die sich an den Songs von Janis Joplin versucht haben, aber nur wenige haben sich an „Ball and Chain“ herangetraut. Denn ihr nahe- oder gar gleichzukommen ist nur möglich, wenn man wie Janis Joplin dorthin geht, wo es weh tut. Und nicht jeder hält das aus – nicht einmal sie selbst.

Viele sagen, sie sang den Blues wie eine Schwarze, und wenn sie damit den unmittelbaren, hemmungs- und schrankenlosen Ausdruck von Gefühlen meinen, stimmt das wohl.

Doch ihr Aussehen auf der Bühne - meist trug sie Sachen aus Leinen oder Leder und Holz- und Lederschmuck - erinnert mich eher an eine Schamanin von einem Indianerstamm. Ihre Stimme und ihre Art zu singen hat etwas Archaisches, Uraltes, durch und durch Erdhaftes, wie eben jemand, der für die Mutter Erde oder den Großen Geist singt oder auch beide durch sich hindurch singen lässt.

Als ich das erkannte, sah ich mir die „durchgeknallte Hippie-Nudel“ ein wenig genauer an und stellte fest, dass sie ein strahlendes, sonniges Lächeln ohne Argwohn und Misstrauen und warmherzige, ehrliche Augen hatte

Sie hat wohl etwas erlebt und ist von etwas erfasst worden, das stärker und größer war als sie selbst, dem sie folgen musste und von dem sie wusste, dass es für sie richtig war.

Mehr begriff und verstand sie nicht; dazu hatte sie auch kaum Zeit in den vier Jahren, in denen sie durch die USA und Europa sauste. Und sie hat auch nie auf sich aufgepasst, bis sie eines Nachts in ihrem Hotelzimmer von der Welt und vielleicht sogar von sich selbst unerwartet starb. Doch die Musik und die Lieder, die sie sang, waren ihr absolut ernst; sie hat dafür, damit und dadurch gelebt und alles dafür gegeben…

 

Die toxische Seite der Liebe – Amy Winehouse

 

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Wer hätte gedacht, dass nach der Jahrtausendwende noch einmal ein Mädchen auftaucht, das sieben Jahre lang strahlend hell wie ein Komet aufleuchtet und dann ebenso jäh und abrupt verlischt wie Janis Joplin?

Leider bekamen auch wir in Deutschland zwischen 2008 und 2011 nur mit, dass sie gemeinsam mit ihrem Ehemann von einem Alkohol- und Drogenexzess zum nächsten taumelte und ein Konzert nach dem anderen in den Sand setzte, bis sie mit siebenundzwanzig Jahren an Alkoholvergiftung starb.

Und dennoch ist sie bis heute im Radio präsent, und noch immer spricht die Welt von den drei Alben, die sie herausgebracht hat:

  • Ihr Debütalbum „Frank“ aus dem Jahr 2003, als sie gerade einmal neunzehn Jahre alt war,
     
  • Ihr Erfolgsalbum „Back to Black“ von 2006, in dem sie bereits ihre Vollendung als Sängerin, Textdichterin und Komponistin erreichte

und

  • „Lionness – Hidden Treasures“, das posthum im Jahr 2011 herauskam und Cover-Versionen bekannter Musiker und Duette mit Jazz-Größen ihrer Zeit beinhaltet.


Sowohl in „Frank“ als auch in „Back to Black“ sprechen ihre Lieder, die sie alle selbst geschrieben und komponiert hat, von der dunklen, gefährlichen, verhängnisvollen Seite der Liebe. Sie entspringen einem einsichtigen, durch und durch illusionslosen Verstand, der seine Situation, die Schwächen und Mängel der eigenen Persönlichkeit und jener des Lebenspartners klar, ehrlich und ungeschönt beim Namen nennt.

Und dann ist da diese tiefe, runde, volle Stimme, die durch alle Täler der Verzweiflung und der Finsternis gegangen sein muss, die die menschliche Seele jemals gekannt hat, und die einer viel älteren und reiferen Frau zu gehören scheint als einem neunzehn- bzw. zweiundzwanzigjährigen Mädchen (so alt war sie, als sie ihre Lieder auf „Frank“ und „Back to Black“ herausbrachte).

Wenn man sie zur „Frank“-Zeit oder vor ihrem Durchbruch mit „Back to Black“ auf einer Konzertbühne oder bei einem Interview sieht, wirkt sie hellwach, klug und geistreich, vor allem aber durch und durch ehrlich und authentisch. Nie hätte sie etwas geschrieben oder gesungen, das sie so nicht meinte oder ausdrücken wollte.

Auch ich habe nach und nach mehr von diesem ebenso klugen und wachen wie tiefgründigen und großherzigen Mädchen gesehen und mich gefragt: „Was ist bei ihr so entsetzlich schiefgelaufen? Ab wann ist das Leben für sie derart schiefgelaufen, dass es mit ihr nur noch bergab ging und es nichts mehr gab, das sie aus dem Strudel der Vernichtung herausgezogen oder -gerissen hätte?“

Nach ihrem Tod und bis heute sagen viele: „Selber schuld! Wieso hat sie sich selbst so verkommen lassen und nicht alles darangesetzt, aus dem Loch wieder herauszukommen?“ Doch das muss man selbst wollen, und vor allem muss man einen Grund haben, weshalb man herauskommen will. Amy Winehouse schien keinen Grund zu finden – nicht einmal oder eher schon gar nicht ihren Mann Blake Fielder-Civil.

Viele sagten und sagen: „Er ist schuld. Er konnte nichts als Alkohol- und Drogenparties feiern und von dem Geld leben, das sie verdiente, und hat sie mit seiner Haltlosigkeit in seinen Strudel mit hinabgezogen.“ Von außen und für die Welt mag es so aussehen. Doch woher wollen Außenstehende wissen, was die beiden zusammengeführt und auf Gedeih und Verderb miteinander verbunden hat?

Amy Winehouse hat einmal gesagt, sie und Blake Fielder-Civil seien Seelenverwandte. Das heißt, sie wussten in jedem Augenblick immer genau, was der andere denkt und empfindet, wie er tickt und reagiert, und haben sich in ihrer Beziehung wohl ständig gespiegelt.

Und eines vergessen Außenstehende auch ganz gern: Man sucht sich nicht bewusst aus, in wen man sich verliebt, eher erwischt einer den anderen. Und wenn einen ein anderer erwischt, dann richtig und volle Kanne. Wenn die Hormone den Verstand übertönen und betäuben, stehen Verstand und Einsicht und Vernunftgründe machtlos nebendran, selbst wenn sie durchaus da sind. Hier wieder herauszukommen, wenn zwei gleich stark an einem Strang ziehen, ist für die Verstrickten so gut wie unmöglich - und davon handelt letzten Endes das Album „Back to Black“.