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Blog

Musik und Emotionen

Im Blog-Bereich „Weggefährten“ schildere ich u.a. meine Begegnungen mit wegweisenden Musikern des 20. Jahrhunderts...



Vorwort zu meinem Blog-Bereich „Musik oder Channeling?“ Im Blog-Bereich „Weggefährten“ schildere ich u.a. meine Begegnungen mit wegweisenden Musikern des 20. Jahrhunderts. Ich hätte sie auch im Bereich „Musik oder Channeling?“ unterbringen können; doch ihr Einfluss ging bei mir tiefer, dauerte länger an und tauchte immer wieder auf.

In „Musik oder Channeling?“ soll es um Musiker-/innen, Sängerinnen und Sänger gehen, die auf ihre ganz besondere Weise mehr waren und sind als musikalische Eintagsfliegen oder Pop- oder Schlager-stars, die man kurz kennt, die aber keine weiteren Hits mehr landen und ebenso schnell wieder in Vergessenheit geraten, wie sie gleich Raketen aus dem Boden senkrecht nach oben geschossen sind.

Eines haben all diese Musiker/-innen, Sängerinnen und Sänger gemeinsam: Wenn sie auf der Bühne stehen, scheinen sie etwas außerhalb ihrer selbst „herunterzuholen“ und durch sich strömen zu lassen, dienen nicht sich selbst, sondern dem, was sich durch sie hindurch ausdrücken will; deshalb die Überschrift „Musik oder Channeling?“.

Wenn auch Ihr solche Leute kennt oder gekannt habt, nur zu! Schreibt mir/uns davon!


17.09.2020 - Aretha Franklin - Ein bisschen R-E-S-P-E-K-T !
Aretha Franklins Patentante war keine Geringere als Mahalia Jackson, und zu ihren Förderern zählten die Reverends C.L. Franklin – ihr Vater – und James Cleveland, der außer seiner Baptistengemeinde in L.A. auch den berühmten Southern California Community Choir leitete. Reverend C.L. Franklin sagte einmal über seine berühmte Tochter, sie sei die Synthese ihrer Patentante und ihrer Mentoren. Ich finde, Aretha Franklin ist mehr als nur eine Synthese. Zum einen hat sie den Spagat zwischen der spirituellen Gospel-Welt und der erdhaften, eher als „sündhaft“ betrachteten Welt des Soul geschafft und so gut hinbekommen, dass ganze Generationen von Soul-Sängerinnen und Sängern auf ihrer Art zu singen aufgebaut haben. Und zum anderen hat Aretha Franklin mit ihrer Präsenz und Persönlichkeit für die Rechte ihrer afro-amerikanischen Mitbürger und der Frauen, egal ob schwarz oder weiß, eine Menge bewegt und vorangetrieben.


Aretha Franklin - Ein bisschen R-E-S-P-E-K-T  !
 

In der Bürgerrechtsbewegung gab es Führer bzw. eher schon Lichtgestalten wie Martin Luther King, Jesse Jackson und Malcolm X; doch wie ich bereits ausgeführt habe, zählten auch viele Frauen dazu, und zu den einflussreichsten gehört ohne Zweifel Aretha Franklin.

Wie Nina Simone war auch sie die Tochter eines Baptistenpredigers, stammte aber nicht aus den Südstaaten, sondern aus der „Soul City“ Detroit in Michigan (wer hat noch den Motown-Sound im Ohr, der für Gruppen wie die Supremes oder Ronelles den Grundton und Rhythmus angab und dem Phil Collins in You Cant Hurry Love nachträglich noch einmal die Ehre erwiesen hat?). Um sie herum wurde nicht nur in den Gottesdiensten, sondern auch in ihrer Familie und Nachbarschaft gesungen und musiziert, was das Zeug hielt.

In der Welt der Gospels und Spirituals gibt es Dynastien mit Königinnen und Königen, die zwar nicht in einem Gotha-Register verzeichnet sind, aber innerhalb der schwarzen Community so betrachtet werden und die für ihre „Thronerben“ in Gestalt sanges- und rhythmusbegabter Kinder die Patenschaft, sprich, ihre musikalische Ausbildung und Förderung übernehmen.

Aretha Franklins Patentante war keine Geringere als Mahalia Jackson, und zu ihren Förderern zählten die Reverends C.L. Franklin – ihr Vater – und James Cleveland, der außer seiner Baptistengemeinde in L.A. auch den berühmten Southern California Community Choir leitete.

Reverend C.L. Franklin sagte einmal über seine berühmte Tochter, sie sei die Synthese ihrer Patentante und ihrer Mentoren. Ich finde, Aretha Franklin ist mehr als nur eine Synthese.

Zum einen hat sie den Spagat zwischen der spirituellen Gospel-Welt und der erdhaften, eher als „sündhaft“ betrachteten Welt des Soul geschafft und so gut hinbekommen, dass ganze Generationen von Soul-Sängerinnen und Sängern auf ihrer Art zu singen aufgebaut haben.

Und zum anderen hat sie mit ihrer Präsenz und Persönlichkeit für die Rechte ihrer afro-amerikanischen Mitbürger und der Frauen, egal ob schwarz oder weiß, eine Menge bewegt und vorangetrieben.

Wenn sie Chain of Fools sang, schwang darin die Warnung mit, sich nicht zur Närrin eines Mannes zu machen, der Frauen herumkriegt, vernascht und dann zur nächsten weiter wandert (entkommt genau diesem Mann, dem Klang ihrer Stimme nach zu schließen, aber trotzdem nicht).

In Think rät sie Männern und Frauen, sich sein Gegenüber erst einmal genau anzusehen und darüber nachzudenken, was für einen Charakter, was für eine Persönlichkeit man vor sich hat, bevor man sich Hals über Kopf in ein Verhältnis, unter Umständen ins Verderben stürzt. (Sie wusste nur zu gut, wovon sie singt, ist sie doch selbst mit ihren Partnern mehr als einmal hereingefallen.)

Vor allem aber kann ich mir eines bei ihr lebhaft vorstellen: Wenn sich eine große, mächtige Gestalt aufbaut und einem mit voller Kraft und Wucht entgegenschmettert:

„WHAT YOU WANT, BABY, I’VE GOT!

ALL I’M ASKING IS A BIT OF RESPECT OF YOU!“

gibt man ihr besser, was sie verlangt oder geht ihr aus dem Weg, bevor sie einen über den Haufen rennt und man platt wie eine Briefmarke auf der Strecke bleibt…

Der größte Triumph war für Aretha Franklin ohne Zweifel, dass sie zur Amtseinführung von Barack Obama singen durfte, dem ersten afro-amerikanischen Präsidenten der Vereinigten Staaten. Gab es während seiner achtjährigen Amtszeit im Weißen Haus oder anderswo einen Festakt, war sie stets ein gern gesehener Gast und wurde bis zum Ende ihres Lebens wie eine Königin gefeiert und bejubelt, wenn sie auftrat und die Hymnen ihrer Zeit und ihrer Landsleute in den Raum schmetterte und donnerte.

Doch sie, ihre schwarzen Landsleute und alle, die Barack Obamas Amtszeit mitverfolgt haben, mussten in den folgenden acht Jahren entsetzt und machtlos mit ansehen, was man ihm antat.

Hier war ein junger, dynamischer Präsident, so begabt und mitreißend, wie es vor ihm nur John F. Kennedy und dessen Bruder Robert gewesen waren. In der ersten Zeit nach seiner Einführung war Barack Obama ein brillanter, inspirierender Redner, der wie die beiden Kennedy-Brüder große Pläne und Reformen vorhatte; zumindest hat er sie mit seinem Kabinett im Oval Office geplant, und der demokratische Flügel im Senat unterstützte sie.

Doch er und sein Kabinett hatten ein Problem: Ihnen stand als undurchdringliche Mauer die Front der Republikaner gegenüber, die im Repräsentantenhaus saß; sprich, reiche weiße Amerikaner angelsächsischer Herkunft. Und diese Mauer torpedierte so gut wie jeden Gesetzesentwurf und jede Reform, die Obama mit seinem Kabinett aufsetzte.

Es grenzt an ein Wunder, dass es Barack Obama während seiner Amtszeit gelang, das Obamacare-Programm einzuführen, das erste Kranken- und Sozialversicherungssystem, das es in den USA überhaupt gab und den Armen, Schwachen und Kranken zu Gute kommen sollte. Leider, und vor allem für uns Deutsche unbegreiflich, hat sein Nachfolger Donald Trump das Obamacare-Programm kurz nach seiner Amtseinführung sofort wieder beseitigt.

Und ganz unter uns: Ich finde, es ist noch ein größeres Wunder, dass Barack Obama während seiner Amtszeit keinem Attentäter zum Opfer gefallen ist und erschossen wurde wie JFK oder Robert Kennedy.

Dafür aber hat die Welt seiner Machtlosigkeit, seinem zermürbenden und vergeblichen Kampf gegen diese unüberwindliche Mauer acht Jahre lang zugesehen. In seiner jetzigen Funktion hat Barack Obama hoffentlich mehr Einfluss und kann voranbringen, was ihm und seiner Frau Michelle am Herzen liegt.

Vielleicht war es die Ohnmacht „ihres“ Präsidenten, die dazu führte, dass Aretha Franklin 2018 ihrem Krebsleiden erlag, gegen das sie acht Jahre lang tapfer gekämpft hat; vielleicht auch der Untergang ihres Patenkindes Whitney Houston, auf die ich in einer anderen Artikelreihe gesondert zu sprechen kommen werde. Über Whitney Houstons Verfall und frühen Tod mit nur achtundvierzig Jahren wollte sie sich sich nie äußern; vielleicht, weil sie deutlicher als andere erkannte, was ihr Patenkind wirklich umgebracht hat. Denn Drogen und Alkohol sind nur die äußeren Anzeichen für das, was einen Menschen zu Grunde richtet.

Ein bleibendes Vermächtnis ist von Aretha Franklin geblieben, das der Nachwelt beinahe entgangen wäre, weil sie sich gegen die Veröffentlichung dieses Vermächtnisses zeit ihres Lebens gesträubt hat; denn hier handelte es sich um etwas Persönliches, das sie weder für die Öffentlichkeit noch den Kommerz vorgesehen hat.

Im Jahr 1972 gab sie in der Baptistenkirche von Los Angeles ein privates Gospel- Konzert, das sie produzierte, mit ihren eigenen Mitteln finanzierte und von dem damals noch nicht berühmten Regisseur Sydney Pollack filmen ließ.

Nach ihrem Tod kam der Film unter dem Titel Amazing Grace heraus, und wer ihn sieht, dem wird eines klar: Mag ihr erster Titel auch „First Lady of Soul“ sein, nie ist sie besser und überzeugender, als wenn sie die Gospels und Spirituals ihrer Kindheit singt!

Diese Eigenschaft hat sie mit ihrer großen Patentante Mahalia Jackson gemeinsam. Aretha Franklin hat nicht ganz so viel Wärme und Herzensgüte, vor allem nicht ihre Demut und Bescheidenheit, doch ihr Glaube an Gott und Jesus ist nicht weniger tief als der ihrer Vorgängerin.

Wenn sie aus der ganzen Kraft ihres Herzens und der Tiefe ihrer Seele singt, strahlt sie wie eine Tausend-Watt-Glühbirne und hat in den Augenblicken, wenn sie die Augen schließt und der Welt zu entgleiten scheint, die Unschuld eines Kleinkindes, das sich im Licht und in der Geborgenheit Gottes sonnt und sich rundherum und durch und durch wohlfühlt.

Und wenn der Heilige Geist diese Frau bewegt, um nicht zu sagen erschüttert, dann bringt jene voluminöse, mächtige Stimme die Wände um sich herum und die Decke über sich zum Wackeln, fast zum Einstürzen, wenn sie ihren Urschrei loslässt: „IIAAAAAAAAAaaaaaaarrrhhh!“



17.09.2020 - Nina Simone - Die andere Seite des Spektrums
Welchen Weg geht eine junge Frau, die genau weiß, dass ihre Fähigkeiten und Leistungen sie zu dem befähigen, wonach sie strebt; und dass der einzige Grund, weshalb es ihr verweigert wird, in ihrer Hautfarbe liegt? Sie hat zwei Möglichkeiten: Entweder beugt sie sich den Gesetzen und den gesellschaftlichen Spielregeln ihrer Zeit und tut, was ihre Umgebung von ihr verlangt und erwartet. Dann ist ihr Leben weder erfüllt noch glücklich, aber sicher und unspektakulär. Oder sie stellt fest, dass ein System, das einer Bevölkerungsschicht alle Rechte gewährt und der anderen allein auf Grund ihrer Hautfarbe verweigert, ungerecht und widersinnig ist, und stellt sich ihm entgegen. Nina Simone ging in ihrem Leben und Wirken den letzteren Weg. Bis zum Ende ihres Lebens hat sie für ihre unterdrückten und entrechteten Landsleute in ihren Konzertauftritten gesprochen und gekämpft; und sie hat diesen Kampf als ihre Pflicht betrachtet, ganz gleich, wieviel es sie persönlich kostete.


Nina Simone – Die andere Seite des Spektrums

Auch die Sängerin und Pianistin Nina Simone, zu der mich meine Suche nach authentischer schwarzer Musik auf Youtube geführt hat, wurde wie Mahalia Jackson in den Südstaaten geboren, genau gesagt, in Georgia. Auch ihr musikalischer Grundstock liegt in den Gospels und Spirituals, wofür sie als Tochter eines Baptistenpredigers prädestiniert war.

Doch ihr Können als Pianistin – sie spielte seit ihrem vierten Lebensjahr Klavier – führte dazu, dass sie an der renommierten Juillard School in New York eine klassische Ausbildung in Klavier und Komposition absolvierte.

In ihrem neuen Umfeld stürzte Nina Simone sich fortan auch in Literatur und Philosophie – am meisten hat sie Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir verehrt, deren Namen sie für sich selbst und ihre Künstlerlaufbahn übernahm -, und entwickelte einen wachen Geist und einen scharfen, klugen Verstand, der von den Strömungen ihrer Zeit gespeist und genährt wurde.

Sie erwies sich als begabte Studentin und erbrachte hervorragende Leistungen, die sie dazu befähigt hätten, ihr Studium am ebenfalls renommierten Curtis Institute in Philadelphia fortzusetzen. Doch das Curtis Institute lehnte es ab, Nina Simone zu den Prüfungen zuzulassen und sie aufzunehmen; und der einzige Grund hierfür war ihre Hautfarbe.

Ihre prompte Reaktion war, dass sie sich der Bürgerrechtsbewegung anschloss und bald zu deren machtvollsten Aktivisten zählte. Viel hat sie gemeinsam mit ihren Mitstreitern bewegt; und doch erlebte sie auf ihren Tourneen durch die USA, dass an einer Universität auf 18.000 eingeschriebene Studenten nur 300 Schwarze kamen, wie sie am Ende eines ihrer Konzerte sagte.

Welchen Weg geht eine junge Frau, die genau weiß, dass ihre Fähigkeiten und Leistungen sie zu dem befähigen, wonach sie strebt; und dass der einzige Grund, weshalb es ihr verweigert wird, in ihrer Hautfarbe liegt?

Sie hat zwei Möglichkeiten:

Entweder beugt sie sich den Gesetzen und den gesellschaftlichen Spielregeln ihrer Zeit und tut, was ihre Umgebung von ihr verlangt und erwartet. Dann ist ihr Leben weder erfüllt noch glücklich, aber sicher und unspektakulär.

Oder sie stellt fest, dass ein System, das einer Bevölkerungsschicht alle Rechte gewährt und der anderen allein auf Grund ihrer Hautfarbe verweigert, ungerecht und widersinnig ist, und stellt sich ihm entgegen.

Nina Simone ging in ihrem Leben und Wirken den letzteren Weg. Bis zum Ende ihres Lebens hat sie für ihre unterdrückten und entrechteten Landsleute in ihren Konzertauftritten gesprochen und gekämpft; und sie hat diesen Kampf als ihre Pflicht betrachtet, ganz gleich, wieviel es sie persönlich kostete.

Am Ende eines Konzerts wendete sie sich an die schwarzen Studenten im Publikum und sagte: „Eines weiß ich gewiss: Wenn ich eines Tages von dieser Welt gehen werde, weiß ich, dass ich ein Fundament hinterlasse, auf dem ihr bauen könnt. Dieses Konzert und alles, was ich tue, ist für euch (…) Denn ihr braucht Inspiration dringend, hundert Mal am Tag.“

In ihrem Kampf hatte Nina Simone weder den tiefen, unerschütterlich zuversichtlichen Glauben von Mahalia Jackson noch die elementare Kraft und Wucht von Aretha Franklin, auf die ich ebenfalls gesondert zu sprechen komme. Ihr Geist war zu gebildet und kritisch, um gläubig zu sein; und um im Kampf zu siegen, war ihr Gemüt zu feinfühlig, zu verwundbar und verwundet. Doch ihre unbestechliche, aufrechte Haltung und die Integrität, Einheit und Ganzheit im Denken, Fühlen und Handeln hat Nina Simone ihr Leben lang behalten und bewiesen.

Und was für ein Fundament hat Nina Simone der Nachwelt hinterlassen?

Da ist zum Beispiel der Song Sinnerman mit seinem unruhig vibrierenden, dahineilenden, flackernden und flirrenden Rhythmus, der von der atemlosen, gehetzten Flucht eines Verfolgten erzählt, der am Ende seiner Kräfte in höchster Not um Hilfe und Schutz bittet, aber von den Elementen der Erde und sogar von Gott zurückgewiesen wird; eine Anklage gegen Selbstgerechtigkeit.

In Four Women stellt Nina Simone das Schicksal von vier afro-amerikanischen Frauen vor, die stellvertretend für vier typische Schicksale stehen:

Aunt Sarah ist die geduldig Leidende und Schuftende, die klaglos die ihr aufgebürdeten Arbeiten verrichtet und ihre Lasten trägt.

Saffronia ist die Tochter einer Schwarzen, ihr Vater ein Weißer, der ihre Mutter mit Gewalt genommen hat. Als Mischling ist sie eine Wanderin zwischen der Welt der Weißen und der Schwarzen, gehört also zu beiden Welten, wird aber von keiner anerkannt und akzeptiert.

Sweet Thing ist eine Prostituierte, die sich für Geld verkauft. Ihr Job ist es, stupide, lieb und gefügig zu sein, wofür sie von den Weißen gut bezahlt wird und auch gut lebt, aber für sie keinerlei Wert hat außer Sex.

Und Peaches ist eine Verbrecherin, die ohne Skrupel, Hemmungen und Erbarmen zu den Waffen greift und sich mit Gewalt gegen die Sklaverei wehrt, die ihren Eltern angetan wurde.

Eine besondere Stellung in Nina Simones Schaffen nehmen für mich die Lieder Blackbird und Take Me to the Water ein.

Der Text von Blackbird warnt in abgrundtiefer, rabenschwarzer Verzweiflung davor, für die Freiheit aufzustehen und zu kämpfen:

„Blackbird, why d’ya try flying? You’re never gonna fly…“

„Your mama’s name is Lonely, your daddy’s name is Pain, and your name is Little Sorrow…“

Doch die Melodie des Liedes ist hell und fast heiter, die Stimme von Nina Simone klingt sanft, klar und ätherisch, und der federleichte, schwebende Trommelrhythmus ist nicht amerikanischen, sondern afrikanischen Ursprungs.

Und so besagen Melodie und Rhythmus im Gegensatz zu dem düsteren, hoffnungslosen Text, dass die Amsel dennoch abhebt und fliegt, weil sie als Vogel gar nicht anders kann. Solang sie noch fliegt, solang sie noch lebt, gibt es auch Hoffnung. Mit anderen Worten: Aufgeben ist für die Amsel nie eine Option!

Und in Take Me to the Water verlässt Nina Simone sowohl die USA als auch das Christentum und kehrt zu ihren afrikanischen und animistischen Wurzeln zurück. Sie singt, dass ihr Sternzeichen Fisch und ihr Gott der Wassermann ist, und sie verlangt, zum Wasser gebracht zu werden, zu ihrem Element, in dem sie Geborgenheit, Heimat und Erlösung findet. Nicht der Text dieses Liedes ist so bemerkenswert, eher das, was mit dieser Frau mitten im Lied passiert.

Sie beginnt in winzigen, trommelnden Trippelschritten zu tanzen, durch ihren Oberkörper laufen kleine rhythmische Wellen, ihre Arme zucken an ihrem Körper empor wie in einer Trance, als hätte das Element Wasser bzw. dessen Elementargeist von ihr Besitz ergriffen und zeige sich durch ihren Körper hindurch.

Das Phänomen der Trance und Besessenheit – oder sagen wir eine tiefe psychisch-spirituelle Versenkung, die ein Verhalten auslösen kann, das auf uns Europäer erschreckend wirkt - ist im Voodoo- und Yoruba-Kult, der in Westafrika, auf den Inseln der Karibik und im ländlichen Louisiana und Florida bis heute verbreitet und bekannt ist, gang und gäbe.
Ich halte mich da heraus und sage nur wie Shakespeares Hamlet: Es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde, von denen sich unsere Schulweisheit nichts träumen lässt.

Bemerkenswert an Nina Simona als Sängerin und Pianistin ist, dass sie nie laut, wild und explosiv wird. Leise, verhalten, beinahe in sich zurückgezogen klingt ihre Stimme und dabei so weich und sanft wie Karamell, der auf einer glühenden Herdplatte seine feste Konsistenz verliert und in den flüssigen Zustand übergeht; und so ist auch ihr Klavierspiel.

Und gerade ihre sanfte, weiche, feine Stimme ist fähig, in Wild is the Wind eine Leidenschaft spürbar zu machen wie kaum eine andere Sängerin ihres Genres. Es ist keine Leidenschaft, die tobt und wütet, vorwärtsstürmt und alle Grenzen einreißt; aber sie erbebt und glüht bis ins Tiefste, bis ins letzte bisschen Knochenmark hinein.

Und diese Leidenschaft, das Unbezwingliche, Unauslöschliche, durch und durch Echte ist es, das Nina Simones Schaffen und Sein bis ans Ende ihres Lebens geprägt hat.

 



17.09.2020 - Mahalia Jackson - Das kleine große Licht Gottes
Wie zu allen Liedern gehört auch zu Gospels und Spirituals eine bestimmte Melodie und ein Rhythmus; doch sofort beginnt die Solistin oder der Solist die Melodie zu variieren und zu umspielen. Hinter dem Solisten und um ihn herum stützt ein Chor ihn und seinen Gesang, erst nur mit Summen und Raunen. Dann wirft, ja schmettert der Solist dem Chor einen Text- und Melodiefetzen zu, und der Chor gibt ihn fulminant und mit Wucht zurück; „Call and Response“ nennt man das in der schwarzen geistlichen Musik. Und schließlich schmettern Solist und Chor ihr Lob Gottes hinaus, wiegen sich und tänzeln im Rhythmus, klatschen und stampfen ihn, immer schneller, immer heftiger, bis der Gesang eine Wucht und Intensität erreicht, die nicht mehr zu überbieten ist; und danach sinkt das Lied, weiter getragen von den Sängerinnen und Sängern, nach und nach in sich zusammen und erlischt schließlich. Das ist es, in ein paar Worten ausgedrückt, was ein Gospel oder Spiritual ausmacht.


Mahalia Jackson – Das kleine große Licht Gottes
 

Wer die Keimzelle finden will, auf der ein Großteil der afro-amerikanischen Musik beruht und in der sie wurzelt, sollte einmal in den USA einen Gottesdienst besuchen, am besten in einer Baptisten-, Methodisten- oder Pfingstgemeinde. New Orleans oder Baton Rouge wären ideal dafür; doch im Grund ist es gleich, ob diese Kirche in den Nord- oder Südstaaten, an der Ost- oder Westküste steht.

Kein Gottesdienst der Baptisten oder Methodisten oder Pfingstler ist denkbar ohne die Gospels und Spirituals, die dort gesungen werden; und genau dort spürt und erlebt man, was den Afro-Amerikanern ihr „fünftes Element“ Musik bedeutet: Für sie ist es gleichbedeutend mit dem Heiligen Geist, in dem der Himmlische Vater und sein Sohn Jesus Christus anwesend und gegenwärtig ist.

Wie zu allen Liedern gehört auch zu Gospels und Spirituals eine bestimmte Melodie und ein Rhythmus; doch sofort beginnt die Solistin oder der Solist die Melodie zu variieren und zu umspielen. Hinter dem Solisten und um ihn herum stützt ein Chor ihn und seinen Gesang, erst nur mit Summen und Raunen.

Dann wirft, ja schmettert der Solist dem Chor einen Text- und Melodiefetzen zu, und der Chor gibt ihn fulminant und mit Wucht zurück; „Call and Response“ nennt man das in der schwarzen geistlichen Musik.

Und schließlich schmettern Solist und Chor ihr Lob Gottes hinaus, wiegen sich und tänzeln im Rhythmus, klatschen und stampfen ihn, immer schneller, immer heftiger, bis der Gesang eine Wucht und Intensität erreicht, die nicht mehr zu überbieten ist; und danach sinkt das Lied, weiter getragen von den Sängerinnen und Sängern, nach und nach in sich zusammen und erlischt schließlich.

Das ist es, in ein paar Worten ausgedrückt, was ein Gospel oder Spiritual ausmacht.

Doch sowohl für Solist und Chor als auch für den Geistlichen und die ganze Gemeinde, die diese Lieder und Rhythmen trägt, steht weit mehr dahinter: In ihrer Vorstellung nehmen alle beim Singen Verbindung zum Heiligen Geist auf, wird Gott für alle spürbar in der immensen spirituellen Energie, die sich in einem Gospel-Gottesdienst aufbaut, in den mit voller Kraft und Inbrunst schmetternden Stimmen der Sängerinnen und Sänger, im Schwingen und Wippen der Körper aller Mitglieder der Gemeinde.

Und so bin ich auf der Suche nach authentischer schwarzer Musik auf Youtube bei Mahalia Jackson gelandet. Sie wuchs in New Orleans als drittes von sechs Kindern auf, verlebte ihre Kindheit und Jugend in bitterer Armut und lebte von 1911 bis 1972. In den letzten Jahren ihres Lebens litt sie an Sarkoidose, eine Krankheit, die vom Lymphsystem ausgeht und dazu führt, dass sich das Bindegewebe des Körpers nach und nach verhärtet und erstarrt, und an starker Herzinsuffizienz, woran sie schließlich im Alter von sechzig Jahren starb.

Ihr Leben lang war und blieb sie eine einfache Frau, die, wenn jemand sie besuchte, ihre Gäste immer als erstes mit deftigen Bohnen- und Gemüseeintöpfen oder am Nachmittag mit Teekuchen verwöhnte; und ihren Interviewpartnern gegenüber hat sie immer wieder betont, dass sie über wenig Bildung verfügte, weil sie in ihrer Kindheit und Jugend zusehen musste, wie und wovon sie überlebte. Im Zuge der ersten Weltwirtschaftskrise hat sie die Depression und später den Zweiten Weltkrieg überlebt, Zeiten, die für ganz Amerika hart waren, aber die Armen wie überall auf der Welt am schwersten und gnadenlosesten getroffen haben.

Doch zugleich gehörte sie wie Rosa Parks und Aretha Franklin, auf die ich später auch zu sprechen komme, zu den treibenden Kräften der Bürgerrechtsbewegung in den 1960er Jahren.

Geistliche wie Martin Luther King, Jesse Jackson oder auch James Cleveland und Samuel Barber II. haben als Ikonen Amerika mit ihren Reden und Visionen von einer besseren, gerechteren und friedlicheren Welt beflügelt; doch nicht selten war es Mahalia Jackson, von deren Stimme sich diese Männer am Telefon Trost, Kraft und Mut holten und auf deren Rat und Worte sie hörten.

Ich habe mir einige ihrer Live-Auftritte angesehen, die gottlob aufgezeichnet worden sind und somit auf Youtube abgerufen werden können; und man braucht sie nur drei Takte lang zu sehen und zu hören, um zu verstehen, warum.

Wenn sie You Got the Whole World In Your Hand singt, klingt ihre Stimme so warm und weich, als wäre sie die Mutter aller im Konzertsaal, und sie strahlt und lächelt nicht wie ein Honigkuchenpferd, sondern gleich wie zehn.

Genauso klingt bei ihr Stille Nacht, Heilige Nacht, das Weihnachtslied, das die ganze Welt kennt; doch ihre Silent Night ist wirklich heilig, und zwar auf eine heilende, wärmende Weise, die alle Menschen anspricht.

Setzt sie zu Precious Lord, Take My Hand oder Lord, Don’t Move the Mountain an, scheint in ihrem Gesicht das schwere Leid ihrer Kindheit und Jugend aufzusteigen und nach außen zu drängen; doch nur wenige Takte später verwandelt sich das Leid nach und nach in ein inniges Glück, das tief in sich ruht. Zelebriert sie – anders kann man es nicht nennen - Amazing Grace, scheint jedes einzelne Wort durch sie zu dringen und nach außen zu strahlen.

Nicht nur, dass ihre Stimme stark, klar und durchdringend ist wie die vieler schwarzer Sängerinnen und Sänger; in ihr wird nahezu in jeder Zeile eine Wärme und Herzensgüte spürbar, vor der jeglicher Zynismus und Sarkasmus zurückweicht und zu dem zerfällt, was er ist: eine leere, hohle Blase, die diese Frau weder erreichen noch gar treffen kann.

Und dann sind da ihre schmalen dunklen Augen, die häufig geschlossen sind, während sie singt; doch öffnet sie sie nur einen Spalt weit, leuchten und schimmern sie, wie ich selten menschliche Augen gesehen habe, wenn sie nicht zwischendurch immer wieder mal in Tränen schwimmen.

Wer Mahalia Jackson sieht und hört, weiß, dass sie nicht nur an Gott, Christus und den Heiligen Geist glaubt, sondern dass sie für sie sofort und unmittelbar gegenwärtig sind, sobald sie singt. Man mag selbst glauben oder nicht, doch die spirituelle Kraft, die von dieser stets schlicht und bescheiden auftretenden Frau ausgeht, nietet einen um, macht einen klein und still.

 



28.08.2020 - Dreiviertelblut als "Weltraumtouristen"
Mit seinem neuesten Film „Weltraumtouristen“, der aktuell vom RIO-Filmpalast, vom Kino am Sendlinger Tor und vom Maxim gezeigt wird, zeigt Marcus Rosenmüller den bayrischen Mundartdichter und Sänger Sebastian Horn und den Komponisten und Gitarristen Gerd Baumann, die ursprünglich von den Bananafishbones kommen und mit ihrem Projekt Dreiviertelblut seit ein paar Jahren in der bayrischen Musik neue Wege gehen. Ich sage bewusst nicht „volkstümliche bayrische Musik“, denn mit volkstümlichen Hitparaden oder bierselig-krachledernen Biertrinkerhymnen hat das Ensemble Dreiviertelblut ganz und gar nichts am Hut; im Gegenteil, dagegen wehren und sträuben sich Textdichter und Komponist vehement. In seinen Texten zu „Der Sturm“, „Mia san ned nur mia“ oder „Amoi“ reflektiert Sebastian Horn über den Lauf der Zeit, den Wandel der Natur im ewigen Zyklus der Jahreszeiten und das menschliche Gemüt, und dies mit einer Echtheit und Wucht, die nicht allein aus dem Tiefsten seines Inneren, sondern aus dem Waldboden und den Felsen der bayrischen Alpen aufzusteigen scheint.


Die „Weltraumtouristen“ von Dreiviertelblut

Neben den City-Kinos in der Sonnenstraße und dem Theatiner-Kino am Odeonsplatz gehört der RIO-Filmpalast zu den kleinen engagierten Kinos, die sich den Arthouse- bzw. Independent-Filmen verschrieben haben. Filme, die von Menschenschicksalen erzählen und Menschen in ihrem Wesen und Sein porträtieren, dabei Geist und Herz in gleichem Maß ansprechen und für einen freien, unabhängigen, bewusst subjektiven Blick auf die Welt und das Leben stehen.

Zu den Regisseuren dieser Schule zählen u.a. Werner Herzog, Wim Wenders und Marcus Rosenmüller. 

Mit seinem neuesten Film „Weltraumtouristen“, der aktuell vom RIO-Filmpalast, vom Kino am Sendlinger Tor und vom Maxim gezeigt wird, zeigt Marcus Rosenmüller den bayrischen Mundartdichter und Sänger Sebastian Horn und den Komponisten und Gitarristen Gerd Baumann, die ursprünglich von den Bananafishbones kommen und mit ihrem Projekt Dreiviertelblut seit ein paar Jahren in der bayrischen Musik neue Wege gehen.

Ich sage bewusst nicht „volkstümliche bayrische Musik“, denn mit volkstümlichen Hitparaden oder bierselig-krachledernen Biertrinkerhymnen hat das Ensemble Dreiviertelblut ganz und gar nichts am Hut; im Gegenteil, dagegen wehren und sträuben sich Textdichter und Komponist vehement.

In seinen Texten zu „Der Sturm“, „Mia san ned nur mia“ oder „Amoi“ reflektiert Sebastian Horn über den Lauf der Zeit, den Wandel der Natur im ewigen Zyklus der Jahreszeiten und das menschliche Gemüt, und dies mit einer Echtheit und Wucht, die nicht allein aus dem Tiefsten seines Inneren, sondern aus dem Waldboden und den Felsen der bayrischen Alpen aufzusteigen scheint.

In den Texten und Melodien dieser Lieder ist die Atmosphäre so dicht, dass sie den Zuhörer in ihrer Eindringlichkeit mehr als einmal an der Kehle packt und schwer atmen lässt (Wie singt Sebastian Horn gleich wieder: ‚Der Himme is blau, und mia draht’s di Gurgel zua…‘)

Anders geartet sind Lieder wie Falak oder Deifetanz. Ich will versuchen, anhand dieser beiden Lieder spürbar und begreiflich zu machen, was das Besondere an ihnen und an der Musik von Dreiviertelblut ist.

Kommen wir zuerst zu Falak:

Es ist eines der wenigen Lieder, die Sebastian Horn auf Hochdeutsch und nicht auf Bayrisch singt; vielleicht, weil dieses Lied nicht seinem oberbayrischen Grund und Boden, sondern der Kultur der Sinti entspringt, jenem rätselhaften, magischen und uns nach wie vor fremden Volk, das seit Jahrhunderten durch die Lande zieht und nach seinen einzelnen Gesetzen und Regeln lebt. Und eine der Regeln der Sinti besagt offenbar, dass jeder, der eine Frau heiraten will, zuvor einen Brautpreis für sie bezahlen muss; je schöner und begehrter die Frau, desto höher ihr Preis.

Bei Falak war es wohl so, dass sie so gut wie alle Männer ihres Stammes mit ihrer Schönheit und Anmut bezauberte, aber sich für keinen Freiersmann entscheiden mochte und dadurch ihren Brautpreis weiter und weiter in die Höhe trieb, so dass er schließlich sieben Kisten Gold umfasst haben soll. Wegen ihres Reichtums wurde sie wohl eines Tages in einer Talsenke nahe der Jache ermordet. Jedenfalls fand man ihre Leiche, die eines Morgens im Gebirgsbach trieb, und errichtete zu ihrem Gedenken eine Gedenktafel – in Bayern ein Marterl – mit ihrem Bildnis, das von unbekannter Hand seither in Stand gehalten wird.

Sebastian Horn und Gerd Baumann gelingt es, sowohl im Text als auch in der Melodie und dem Arrangement alles einzufangen, was diese Frau und ihr Geheimnis ausmacht: Im wiegenden Dreivierteltakt wie auch im samtigen, geschmeidigen Klang der Geigen und Gitarren findet sich ihre Schönheit und ihr anmutiger Tanz, mit dem sie einst reihenweise Männersinne und -herzen betörte; und im sparsamen Einsatz der Instrumente und der tiefen, rauen Stimme des Sängers spürt man das bis heute ungeklärte Geheimnis um ihren Schatz, der dort an der Jache bis heute vergraben liegen soll, aber nie geborgen wurde, weil im Dunkel der Nacht wohl allerlei Seltsames zu hören und zu sehen ist, das bisher jeden Schatzsucher früher oder später in die Flucht schlug.

Nun dagegen zum Lied Deifetanz:

Hier sind Musik und Text ganz anders, besingen aber etwas ebenso etwas Uraltes, das für uns ebenso wenig greifbar ist wie die Kultur der Sinti, aber uns gleichfalls nie loslässt: die Faszination am Teufel und der Gedanke, dass einem die Welt zu Füßen liegen könnte, wenn man ihm als „Herrn dieser Welt“ Leib und Seele verschreibt.

Der rasante, akzentuierte Rhythmus ist der eines russischen Kasatschok, er stampft und wirbelt mit Kraft und Wucht dahin. Auch hier hat die Art, wie Sebastian Horn singt, etwas Düster-Melancholisches, warnt er doch seine Zuhörer davor, sich mit dem Leibhaftigen einzulassen, weil man immer zuerst gewinnt und wie im Rausch lebt - im Rausch des Erfolges und des Reichtums -, aber auf lange Sicht gegen ihn immer den Kürzeren zieht.

Doch zugleich brennt im Klang der Geigen und Gitarren bei diesem „Teufelstanz“ ein wildes, unbändiges Feuer, das alle erfasst und in seinen Bann zieht, die sich dem Gottseibeiuns verschrieben haben, so dass sie auf Gedeih und Verderb hinter ihm her tanzen und wirbeln.

Was sich aber durch alle Lieder von Dreiviertelblut zieht – ganz gleich ob philosophisch, naturverbunden oder mystisch oder im besten Fall alles zusammen -, ist zum einen die tiefe, raue, voluminöse  Stimme von Sebastian Horn, die es in ihrer Intensität und Gefühlstiefe mit der von Joe Cocker aufnehmen kann.
(Gott hab ihn selig, diesen warmherzigen, rauen und zugleich sanften, durch und durch aufrichtigen Mann, den das Leben so heftig gebeutelt hat.)

Zum anderen ist es die sorgsam und mit Bedacht ausgewählte Instrumentierung, die jeder Zeile, ja fast jedem Wort den gedanklichen und emotionalen Gehalt verleiht. Denn in seinem Freund, Komponisten und Gitarristen Gerd Baumann, den anderen Musikern und Sängerinnen von Dreiviertelblut und in den Münchner Symphonikern unter der Leitung von Olivier Martinez hat sich eine Truppe zusammengefunden, die Horns Texte ebenso wie seine Stimme subtil und mit großer Aufmerksamkeit stützt, trägt und hervorhebt.

In seinem intimen Schwarz-Weiß-Film mit Aufnahmen aus der winterlichen Bergwelt am Brauneck, aus dem Circus Krone und dem Gasteig ist es dem Regisseur Marcus Rosenmüller gelungen, das Wesen eines Vollblutkünstlers und das sichtbar und hörbar zu machen, was ihn zum Schaffen treibt: zum einen der unmittelbare, authentische Ausdruck geistig-seelischen Erlebens, das aus der Künstlerseele emporsteigt und einfach heraus muss, und zum anderen das Bedürfnis, in der begrenzten Zeitspanne, die Menschenleben heißt, der Welt etwas Bleibendes zu hinterlassen.

Ich wünsche mir für Sebastian Horn, Gerd Baumann und die anderen „Weltraumtouristen“, dass sie sich auch künftig in solchen Konzerten, wie Marcus Rosenmüller sie für die Nachwelt festgehalten hat, zeigen und porträtieren dürfen – und dass sie noch lange leben und schaffen können.

Dasselbe wünsche ich dem kleinen, unabhängigen und inhabergeführten RIO-Filmpalast am Rosenheimer Platz und den anderen Münchner Arthouse- und Independent-Kinos; vor allem aber wünsche ich ihnen, dass sie nicht aufhören, weiter Filme mit Geist und Herz unter die Menschen und in die Welt zu bringen.

 



18.06.2020 - Der Vogel, der Wind und die See - "Albatros" von Karat
„Albatros“ entstand im Jahr 1979, zu einer Zeit, als der Eiserne Vorhang zwischen Ost und West noch so dicht hielt, dass zwei Generationen von Deutschen – von 1945 bis 1989 – kaum etwas voneinander hörten oder sahen, in zwei völlig unterschiedlichen Welten lebten, so dass seit 1989 bis heute ein Bruch mitten durch Deutschland geht, zu dem 44 Jahre Konditionierung und Indoktrination durch die Supermächte USA und UdSSR auf beiden Seiten beigetragen haben. Vordergründig geht es um jenen Vogel, den die Seeleute kennen, seit Menschen erstmals Holz zu einem Rumpf zusammengefügt, einen Mast aufgestellt und eine Leinwand daran befestigt haben, um sich auf die See hinaus zu wagen und herauszufinden, was hinter ihren unermesslichen Weiten liegen mag.


Der Vogel, der Wind und die See – „Albatros“ von Karat

Für gewöhnlich ist ein Lied, das man im Radio oder auf Youtube hört, selten länger als drei Minuten. Was über diese Zeitspanne hinausgeht, dauert den Radiosendern zu lang, einmal abgesehen von den Klassik-Sendern, für die ein Instrumental- oder Chorwerk erst ab vier Minuten Länge interessant und relevant zu werden beginnt.

Doch dann und wann brechen Werke der Pop- und Rockmusik die ihnen gesetzten Grenzen, und Komponisten und Textdichter, die meist auch die Interpreten ihrer Werke sind, beweisen, dass es in der sogenannten Unterhaltungsmusik ebenso komplexe, ausgefeilte und durchkomponierte Stücke gibt wie in der sogenannten ernsten Musik. Paradebeispiele hierfür sind „Bohemian Rhapsody“ von Queen, „Music“ von John Miles, „Cinema Show“ von Genesis oder „Shine On You Crazy Diamond“ von Pink Floyd, um nur einige zu nennen.

Durch Zufall geriet ich auf Youtube unlängst an das Rock-Epos „Albatros“ von Karat. Nur nach einer Minute erkannte ich, dass dieses Stück, das ich zuvor noch nie gehört hatte, den oben genannten Klassikern des Art oder Progressive Rock jederzeit das Wasser reichen kann!

Es beginnt mit einem leisen Blubbern und Glucksen der E-Gitarre und einem kaum hörbaren Säuseln des Keyboards, dessen kühler sphärischer Klangteppich langsam und sanft an Intensität zunimmt. Das Bild von einem unermesslich großen Himmel, von der endlosen Weite des Ozeans und von dem Vogel, der einsam und schwerelos hoch oben am Firmament schwebt, ist von den ersten Tönen an da!

„Es gibt einen Vogel, den haben Matrosen zum Herrscher gekrönt“,

beginnt tief, leise und sehnsuchtsvoll die Stimme des Leadsängers zu raunen. E-Gitarren und Keyboard ziehen langsam an, nehmen gemeinsam mit der menschlichen Stimme an Intensität und Kraft zu.

Mit einem Schlag kracht schwer und wuchtig das Riff des Basses und der Leadgitarre herein und drängt voran, vom Schlagzeug mächtig und druckvoll angeschoben.

Auch jetzt ist sofort das gedankliche Bild da – von den schweren mannshohen Wogen, die im Sturm schwellen und mit all ihrer Wucht gegen eine Steilküste donnern, von den bleigrauen Gewitterwolken, die in ihrer Schwere fast bis zur Meeresoberfläche niederhängen, vom Heulen und Brüllen des Sturms.

„Und krachen die Stürme mit rauer Gewalt,
dann fliegt er mit Feuer und steigt ungeheuer
zur Freiheit der Meere…“

Diese Worte gelten wiederum dem Albatros; gemeinsam mit ihm schwingt sich die Stimme des Leadsängers mit Macht empor in die Lüfte.

Dann ein plötzliches Abflauen, wie sie bei schweren Stürmen auf See oft geschieht, heraufbeschworen durch das kühle, leichte, schwebende Säuseln des Keyboards. Das Heulen und Brüllen des Sturmes legt sich und weicht einer gespenstischen Stille. Noch tost und wogt das Meer, doch es scheint stillzustehen und Atem zu schöpfen… In die sphärisch-elektronischen Klänge mischen sich die Melodiebögen von Streichinstrumenten, schaffen eine weihevolle, geradezu andächtige Atmosphäre, der sich das Ohr gerne überlässt.

Jäh legt das Schlagzeug aufs Neue los, machtvoll und wuchtig gestützt von den E-Gitarren; und sofort ist das Heulen und Kreischen des Sturms, das Donnern und Krachen der Brandung wieder da!

Doch in all dem Gewoge und Getose hält die klare, sanfte und doch starke Stimme des Leadsängers ebenso ihren Kurs wie der Albatros, der sich seinen Weg durch den Sturm erkämpft und seinem inneren Kompass unbeirrt weiter folgt. Das Flirren und Sirren des Keyboards segelt gemeinsam mit dem Vogel empor ans Licht und in die Unendlichkeit hinaus…

„Albatros“ entstand im Jahr 1979, zu einer Zeit, als der Eiserne Vorhang zwischen Ost und West noch so dicht hielt, dass zwei Generationen von Deutschen – von 1945 bis 1989 – kaum etwas voneinander hörten oder sahen, in zwei völlig unterschiedlichen Welten lebten, so dass seit 1989 bis heute ein Bruch mitten durch Deutschland geht, zu dem 44 Jahre Konditionierung und Indoktrination durch die Supermächte USA und UdSSR auf beiden Seiten beigetragen haben.

Vordergründig geht es um jenen Vogel, den die Seeleute kennen, seit Menschen erstmals Holz zu einem Rumpf zusammengefügt, einen Mast aufgestellt und eine Leinwand daran befestigt haben, um sich auf die See hinaus zu wagen und herauszufinden, was hinter ihren unermesslichen Weiten liegen mag.

Seit Menschengedenken schwebt der Albatros hoch droben am Himmel auf seinem einsamen Kurs von Süden nach Norden und wieder zurück, folgt aber gerne einem Schiff, dessen Kiel die See aufwühlt und dabei Beute an die Oberfläche befördert.

Umgekehrt haben die Matrosen und Steuerleute auf den Schiffen diesen Vogel mit seinen langen schmalen Schwingen und seinem eleganten, schwerelos dahingleitenden Flug als „Meistersegler“ verehrt, der die Winde stets optimal nutzte und den selbst die schwerste See und die steifste Brise nicht von seinem Kurs abzubringen vermochte. Ich nehme an, dass Generationen von Schiffsbesatzungen vom Albatros einiges abgeschaut und gelernt haben!

Doch im Gegensatz zum Menschen braucht der Albatros keine Masten, Rahen und Stengen, keine Falle, Schote und Brassen, um mit den Launen der Winde und der Ozeane klarzukommen; ihm genügen seine Flügel. Und im Gegensatz zum Menschen ist er nicht darauf angewiesen, dass ihn ein schwimmender Rumpf aus Holz vor dem Ertrinken schützt; er hat sein Federkleid, das selbst dann noch dicht hält, wenn er auf seinen Beutezügen mit Seewasser in Berührung kommt. Er kennt weder Grenzen noch das Gesetz der Schwerkraft.

Mit anderen Worten: Der Albatros verkörpert die Freiheit an sich.

Wenn es im Lied heißt:

Er segelt mit Würde, durchwandert die Lüfte, als wär er ein Gott“,

dann ist damit nicht gemeint, dass Menschen sich diesem Vogel unterwerfen und er über sie herrschen soll.

Der Albatros herrscht über niemanden, dient aber auch niemandem. Er ist allein an die Gesetze der Natur gebunden, die sich von selbst vollziehen und seit dem Anbeginn der Zeit gelten, folgt allein den Winden und Meeresströmungen.

Doch als damals dieses Lied entstand und 1979 herauskam, hatte sein Text einen doppelten Boden, dessen verborgener Sinn alle ansprach, die gegen die Bevormundung, ja Entmündigung durch den SED-Einheitsstaat und seine Funktionäre zunehmend aufbegehrten. Er verkörpert die Sehnsucht nach der Freiheit, zu denken, was man denken will, zu fühlen, was man fühlen will, zu gehen, wohin man gehen will, ohne dafür bedroht, gemaßregelt oder gar bestraft zu werden.

Wenn es später heißt:

„Doch wenn er gefangen (…), dann brechen die Schwingen“

und

„Die Sklaven der Erde, verhöhnt und geschunden, sie teilen sein Los“,

dann ist dies eine Anklage gegen Druck, Zwang und Willkür gegenüber den Schwachen, Machtlosen und Gedemütigten.

Wem tatsächlich die Schwingen brechen, wenn man ihn mit Stricken fesselt, wem Gefangenschaft tatsächlich gleichbedeutend mit dem Tod ist, der weiß, was für ein teures, kostbares Gut die Freiheit ist.

Genau das habe ich schon früh gewusst bzw. mit diesem Wissen lebe ich, seit ich denken kann.

Mein persönlicher Kampf um und für die Freiheit des Geistes und der Seele jedes einzelnen Menschen war von Anbeginn ein Kampf aus dem Staub heraus, ein Streben vom Staub zu den Sternen, und er scheint für mich nicht zu enden, so lange ich lebe.

Das Prinzip der Freiheit, nach dem ich strebe, bedeutet für mich, dass ich über niemanden herrschen und auch niemanden an mich ketten will; dass ich es aber auch nicht dulde, dass jemand über mich herrscht und mich an sich kettet, mit allen Konsequenzen, die für mich damit einhergehen.