II. Für die Gescheiterten, von denen man wegsieht
Seit Mitte der 1950er Jahre – zur selben Zeit, als der junge Elvis Presley und andere Rock n’Roller in den USA für Furore sorgten – ging die musikalische Karriere von Johnny Cash und seinen Tennessee Three steil bergauf. Erst für Sun Records, bald darauf für den Marktgiganten Columbia Records erreichten ihre Schallplatten in Windeseile den Gold- und Platin-Status; und sobald eine neue Platte herauskam, folgte die Tournee durch die 50 Bundesstaaten der USA mit Ausnahme von Hawaii, nur bis dorthin haben sie es nicht geschafft.
Viele Laien fragen sich, weshalb so viele große und bedeutende Musiker der Alkohol- und viel eher noch der Tablettensucht verfallen. Vielleicht trägt es zumindest zu einem Teilverständnis bei, wenn man sich den Alltag von Musikern auf einer Tournee einmal vergegenwärtigt:
Man sitzt zusammen im Tourbus, der einen zum Konzertort bringt, wo die Roadies in der Konzerthalle die Bühne für den Gig aufbauen. Mindestens eine Stunde vor dem Einlass der Konzertbesucher stimmen die Musiker ihre Instrumente, um sich und einander im Raum zu hören und über die Soundanlage ihre Instrumente auf die akustischen Verhältnisse der Halle einzustellen. Wenn der Inspizient ihnen mitteilt, dass er die Konzerthalle zum Eintritt freigibt, ziehen sie sich in die Garderobe zurück und üben dort noch eine Weile weiter, bis er ihnen Bescheid gibt, dass sie sich zum Auftritt bereit machen sollen.
Sobald die Musiker die Bühne betreten, haben sie zu funktionieren und die Show durchzuziehen. Das Beifallsgeheul und -geschrei des Publikums hilft ihnen, da es automatisch den Adrenalinpegel hochjagt, und so legen sie sich ins Zeug und geben Vollgas.
Nach der dritten oder vierten Zugabe ist der Gig vorbei; die Musiker packen ihre Instrumente zusammen und verschwinden von der Bühne. Sind sie auf einer Kurzstrecke unterwegs, verbringen sie diese Nacht im Hotel, bevor der Bus am nächsten Morgen zum nächsten Spielort aufbricht; sind sie auf einer Langstrecke unterwegs, verbringen sie die Nacht im Bus.
Doch wo auch immer sie die Nacht verbringen: Sie wissen, dass sie schlafen sollten, damit sie für den Gig am nächsten Tag fit sind. Doch von allein können sie nicht schlafen, weil das Adrenalin nach dem Auftritt noch eine ganze Weile im Körper rumort und den Geist wachhält. Also nehmen sie eine Barbiturat-Tablette, die sie für die nächsten sechs Stunden schlicht und einfach ausknipst.
Denselben Tagesablauf und dasselbe Konzertprogramm haben sie, wenn es hoch kommt, an hundert Tagen in hundert Städten durchzuziehen; in manchen Städten am Nachmittag und am Abend, also zweimal nacheinander. So fahren sie kreuz und quer durch die USA und Kanada, sehen aber von den Staaten und Städten, in denen sie Halt machen, kaum mehr als den Tourbus – wenn sie Glück haben, auch mal ein Hotelzimmer -, die Autobahn und die Bühne, auf der sie auftreten.
Spätestens zur Halbzeit der Tournee haben sie dieselben Songs mindestens zum fünfzigsten Mal gespielt, müssen aber jeden Nachmittag und Abend dieselbe Energie, dieselbe Begeisterung, denselben Einsatz liefern, als sei es das erste Mal.
Inzwischen sind alle müde und fühlen sich wie im Hamsterrad, in dem sie laufen und laufen und laufen. Damit sie auf der nächsten Bühne im nächsten Konzertort – wo sind sie heute, keine Ahnung? – wieder den perfekten Gig hinlegen, schlucken sie ein Amphetamin, das ihren Adrenalinpegel weit genug hochjagt, um ihre Erschöpfung zu übertünchen. Denn bei jedem Gig wachen Manager und Produzent mit Argusaugen darüber, dass die Musiker funktionieren, um das Geld einzuspielen, das die Planung und Durchführung der Tournee sie vorher gekostet hat.
Kurz gesagt: Das Amphetamin vor dem Gig und das Barbiturat danach sind Hilfsmittel, mit denen die Musiker die Tournee durchhalten. Nur haben sie eine verhängnisvolle Nebenwirkung: Körper und Geist gewöhnen sich an die Dosis, so dass eine Tablette bald nicht mehr reicht. So werden schnell zwei, dann drei, dann vier daraus…
In diese Mühle sind auch Johnny Cash und seine Musiker geraten, mit dem Ergebnis, dass sie irgendwann unter dem Einfluss der Medikamente auf der Bühne die Kontrolle über sich selbst verloren und kaum mehr wussten, wo sie standen und was sie spielten und sangen. Und bei Johnny Cash sorgte sein Tabletten- und Alkoholkonsum und die lange Abwesenheit von zu Hause dafür, dass seine Ehe mit seiner ersten Frau Vivian in die Brüche ging und geschieden wurde.
Vor einem Gig im Jahr 1967, bei dem er und June Carter gemeinsam auftreten sollten und zufällig im selben Hotel logierten, rief June ihn an, um mit ihm vorher noch ein paar Details zu klären. Sie wusste, dass er auf seinem Zimmer war. Als er den Hörer nicht abhob, ging sie zu ihm hinüber – zu seinem Glück war die Tür zu seinem Hotelzimmer geöffnet –, wo sie ihn ihn bewusstlos im Badezimmer am Boden liegend vorfand.
Dass sie sofort den Notarzt holte, hat Johnny Cash das Leben gerettet, sonst wäre er an diesem Abend mit einer Überdosis über den Jordan gegangen! Während ihn die Sanitäter abtransportierten, spülte June Carter seine sämtlichen Tabletten die Toilette hinunter.
Als er wieder zu Bewusstsein kam, stand sie an seinem Krankenbett und sagte ihm klipp und klar, dass ihre musikalische Zusammenarbeit jetzt und hier zu Ende sei; ja, dass er sie nicht mehr wiedersehen werde, wenn er nicht den Tabletten und dem Alkohol entsagte und eine Entziehungskur durchzog. Mit diesen Worten ging sie und war fort...
Junes Ansage und Abgang traf Johnny Cash ins Mark, denn zum einen kannte und schätzte er ihr Können als Country-Sängerin und -Musikerin seit Jahren, und zum anderen war ihm ebenfalls schon seit Jahren bewusst dass er in ihr die Liebe seines Lebens gefunden hatte. Dies mag wie ein melodramatisches Klischee klingen, doch beiden war es ernst.
Nicht von ungefähr hat June Carter Ring of Fire geschrieben und komponiert! Es war ihr Lied, das ihre Liebe zu ihm beschrieb und das er später auf den Bühnen dieser Welt bei jedem Gig singen sollte, als Zeichen des Bandes, das sie unauflösbar vereinte. Doch mit ihm zusammen sein und erleben, wie er sich mit seiner Tabletten- und Alkoholsucht ruinierte und sie in seinen Abgrund mit hineinzog – dazu war June Carter nicht bereit.
Als sie aus seinem Leben entschwunden war, zog sich Johnny Cash in eine Höhle unweit seines Hauses in Tennessee zurück und wartete dort nach seinen eigenen Worten auf den Tod. Selbstmord kam für ihn als gläubigen Christen nicht in Frage; aber er betete und flehte in dieser Höhle zu Gott, er möge seinen Geist und seine Seele als Sühneopfer von dieser Welt nehmen.
Doch Gott erhörte ihn nicht, ließ ihn am Leben. Dies war nach seinen Worten für ihn die Wende: dass Gott ihn offenbar für eine besondere Mission ausersehen hatte und ihn trotz seiner Fehler und Mängel weiterhin zu gebrauchen gedachte.
Schließlich rief er June an und sagte ihr, er sei bereit, die Entziehungskur durchzuziehen, brauche aber sie und ihre Familie dazu. Und so trat Johnny Cash im Haus der Familie Carter den Kampf gegen seine Dämonen an, gegen die Presse und neugierige Besucher abgeschirmt und von Junes Vater mit der Schrotflinte gegen einen Dealer verteidigt, der es wagte, aufzutauchen und ihm eine Ration Tabletten andrehen zu wollen.
Um es klarzustellen: Von seinem Tabletten- und Alkoholkonsum abgesehen, der in den USA nicht als kapitales Verbrechen gilt, hat Johnny Cash keine gravierende Straftat begangen und auch keine Haftstrafe abgesessen. Doch sein eigener Zustand, aus dem er nur mit Hilfe seiner späteren Frau June und ihrer Familie heil und trocken herauskam, war für ihn dasselbe wie eine Kerkerhaft. Seine Schuld und sein Fehlverhalten war ihm bewusst, so dass er sich nicht besser oder höher einschätzte als ein Häftling, der im Gefängnis sitzt.
Das erklärt, weshalb er 1968 ankündigte, dass er mit den Tennessee Three zwei Konzerte in Folsom geben werde. Viele rieten ihm davon ab, meinten, mit Gigs im Knast vor Schwerverbrechern begehe er in gesellschaftlicher Hinsicht und im Hinblick auf seine Karriere als Musiker Selbstmord. Doch er nahm die beiden Gigs im Staatsgefängnis Folsom auf seine Kappe und sagte, er werde gerade für jene spielen, von denen sich die Gesellschaft abwendet und nichts wissen will. Auch sie seien nach wie vor Menschen und hätten ein Recht darauf, menschenwürdig behandelt zu werden!
Aus derselben Haltung heraus organisierte er auch die beiden Konzerte, die im Folgejahr 1969 in San Quentin stattfanden, diesmal mit Verstärkung durch seine frisch angetraute Frau June und die Carter Family.
So kam es, dass Johnny Cash in seinem Folsom Prison Blues mit seinen Mitstreiterinnen und Mitstreitern im Speisesaal von zwei Gefängnissen des Bundesstaates Kalifornien erzählte, wie es den 2.000 Inhaftierten an 365 Tagen im Jahr geht:
„Ich höre den Zug kommen; er biegt gerade um die Kurve.
Wie lange ich den Sonnenschein nicht mehr gesehen habe, weiß ich nicht.
Ich sitze im Gefängnis Folsom fest, und die Zeit schleppt sich dahin,
während der Zug weiterfährt, runter nach San Antonio.“
Es ist die Geschichte des Häftlings, der „einen Mann in Reno“ erschossen hat, „nur um ihn sterben zu sehen“. Ihm ist bewusst, dass er seine Strafe verdient und seine Freiheit verwirkt hat.
Doch was ihn foltert ist der Gedanke, dass andere zur selben Zeit Kaffee trinken, Zigarren rauchen und feine Autos fahren, dass sie sich frei bewegen können.
Doch Johnny Cash hat bei seinen Auftritten in Folsom mehr getan als nur die Situation von Knastbrüdern zu schildern. Er bat auf der Bühne um ein Glas Wasser, und ein Gefängniswärter brachte ihm ein Glas mit einer undurchsichtigen Brühe, die gelb wie Urin war. Cash hielt das Glas hoch, sagte: „Das bekommen die Menschen hier täglich zu trinken?“ und kippte die Brühe ohne weiteren Kommentar auf den Boden aus.
Ja, er sang sogar das Lied eines Häftlings namens Glenn Shirley, The Graystone Chapel. Nach dem Song kämpfte sich Shirley durch die Reihen der anderen Häftlinge nach vorne zur Bühnenrampe durch und streckte die Hand nach Johnny Cash aus, der sie ohne zu zögern ergriff und ihm fest und klar in die Augen sah, von Mensch zu Mensch.
In San Quentin stellt Cash sogar die seinerzeit gängige Methode des Strafvollzuges in Frage:
„San Quentin, was denkst du, das du an Gutem bewirkst?
Du verwundest und verdirbst mich durch und durch.
Denkst du wirklich, ich komme hier als ein anderer, besserer Mensch heraus?
San Quentin, ich hasse jeden Zoll von dir!“
Interessant an Cashs „Knastsongs“ ist, dass die Häftlinge durch ihre Strafe in keinem einzigen Lied zu einer Veränderung, geschweige denn Besserung ihres Denkens und Verhaltens gelangen. Das einzige Resultat ist, dass sie ihre Umgebung und Lage verfluchen, und diese Haltung verhärtet sich und bleibt, anstatt eine Änderung ihrer Gesinnung oder gar Reue über ihre Tat zu bewirken.
Dies tritt im Song 25 Minutes To Go klar zu Tage, in dem Cash die letzten Minuten eines Delinquenten vor seiner Hinrichtung durch den Strang schildert. Jener Delinquent hat beim Gouverneur von Kalifornien eine Petition auf Begnadigung eingereicht und hofft bis zum letzten Augenblick, dass ein Sheriff oder Wärter mit dem Erlass des Gouverneurs eintrifft, dass die Todesstrafe aufgehoben ist.
Es sind ausschließlich Morde, für die in Kalifornien und Texas noch heute die Todesstrafe verhängt wird; doch während der letzten 25 Minuten, die ihm bleiben, bereut auch er seinen Mord nicht, für den er gleich hängen wird. Mit großer Wahrscheinlichkeit war das Motiv für den Mord Selbstjustiz, weil der Ermordete das Leben des Mörders für immer ruiniert hat. Nur so ist es zu erklären, dass der Delinquent den Sheriff, als dieser ihn auffordert, seine Tat zu bereuen, angrinst und ihm ins Gesicht spuckt!
Wie auch immer: Die Begnadigung durch den Gouverneur von Kalifornien trifft nicht ein, und für den Delinquenten ist es eine Qual, den blauen Himmel und die Vögel zu sehen, die dort oben über ihm frei fliegen, während sein Leben in einer Minute… Da senkt sich die Klappe über der offenen Falltür unter seinen Füßen, und der Delinquent baumelt in der Luft am Strick. Es liegt ein gallebitterer, schwarzer Sinn für Humor in der Art, wie heiter und vergnügt Cashs Stimme dieses Baumeln beschreibt…
Eine ganz andere Geschichte erzählt ein Autobahn-Streifenpolizist namens Joe Roberts in Highway Patrol Man. Schon seit Jahren spielt sich sein Einsatz rund um Pineville/Michigan nahe der kanadischen Grenze ab, und er hat einen jüngeren Bruder namens Franky, der nach seinen eigenen Worten nichts taugt.
1965 wurde Franky zum Dienst im Vietnamkrieg eingezogen. Joe übernahm eine Farm und heiratete seine Jugendliebe Maria, auf die es Franky seinerzeit genauso abgesehen hatte wie er. Da zwischen 1965 und 1968 die Weizenpreise in den Keller sanken, konnte Joe seine Farm nicht halten und musste sie aufgeben.
So geschah es, dass Joe in den Staatsdienst ging, Streifenpolizist wurde und zum Sergeanten aufstieg, während Franky 1968 aus dem Krieg zurückkehrte und seither nichts Anständiges auf die Reihe bekam. Schon seit früher Jugend und bis jetzt hat Joe Franky sich immer wieder zur Brust genommen und ihm ins Gewissen geredet, ihn aber stets davonkommen lassen.
Denn in früheren Zeiten, bevor Franky in den Krieg musste und Joes Farm pleite ging, haben sie abends miteinander gelacht und getrunken und abwechselnd mit Maria getanzt – nichts geht über Blut hautnah an Blut -, und ein Mann, der sich von seiner Familie abwendet, taugt nach Joes Einschätzung nichts.
Eines Abends um viertel vor neun erreicht Joe ein Funkspruch der Autobahnstreife: In einer Kneipe in Michigan liegt ein Mann am Boden und blutet aus einer Kopfwunde, ein Mädchen sitzt am Tisch und weint, und derjenige, der zugeschlagen hat, war Franky.
Joe rast in seinem Einsatzwagen los, jagt mit 110 Meilen pro Stunde über die Autobahn und Frank hinterher, durch ganz Michigan. Da sieht er bei Willow Banks den Wegweiser „5 Meilen bis zur Grenze nach Kanada“. Joe treibt Franky auf den Grenzübergang zu, und bald sind die Hecklichter seines Buicks jenseits der kanadischen Grenze verschwunden.
Denn, wie Joe immer sagt, ein Mann, der sich von seiner Familie abwendet, taugt nichts. Mit anderen Worten, im Zweifelsfall zählen für ihn Blutsbande mehr als Recht und Gesetz…