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Blog

Weggefährten

Von jenen, die mich in meiner Entwicklung am stärksten geprägt haben, möchte ich in meinen Beiträgen erzählen...



Vorwort zu meinem Blog-Bereich „Weggefährten“

Es gibt Neues von mir! Zwischen dem 16. und 31. Dezember 2019 ist mein neues Buch „Weggefährten – Eine kleine Dankmusik“ erschienen, dessen Kapitel zugleich die Beiträge dieses Blog-Bereiches sind.

„Weggefährten“ entspringt einem ähnlichen Bedürfnis wie mein Vorgängerwerk „EUROPRISMA – Meine Seelenreisen“, nur möchte ich diesmal nicht Städten und Ländern danken, in denen ich zu Gast war. Diesmal geht es mir um Persönlichkeiten und Phänomene des 20. Jahrhunderts – einige gehen noch ein bisschen weiter zurück -, die mich zu der gemacht haben, die ich heute bin.

Natürlich kann man sagen: Was man wird und was man aus sich und seinem Leben macht, liegt in der eigenen Verantwortung. Gewiss. Doch zur geistig-seelischen Entwicklung eines Menschen gehören ebenso inspirierende oder gar entscheidende Anstöße und Impulse von außen.

Von jenen, die mich in meiner Entwicklung am stärksten geprägt haben, möchte ich in meinen Beiträgen erzählen und würde mich freuen, wenn auch IIhr mit einsteigen und von euren entscheiden-den Impulsgebern oder Wegweisern erzählen würdet.


30.10.2026 - Geheimnisvolle Mächte in der Natur
Im deutschsprachigen Raum, sprich in Deutschland, Österreich und der Schweiz gibt es kaum eine Gegend oder einen Nationalpark, der vom Wirken der Menschen unberührt geblieben ist. Was wir bei uns als Natur in Gestalt eines Mischwaldes, Mittel- oder Hochgebirges sehen und durchqueren, wurde jahrhundertelang vom Menschen genutzt und gestaltet, und erst seit Beginn des 21.  Jahrhunderts bemühen sich Naturforscher, -schützer und Forstarbeiter zunehmend darum, das ursprüngliche Bild dieser Landschaft zu rekonstruieren. In der Taiga Norwegens, Schwedens, Finnlands und Sibiriens, im Norden Alaskas und Kanadas, in den Appalachen wie auch in den Bergwäldern Zentralafrikas nahe am Äquator gibt es bis heute Gebiete ohne bewohnte Orte, die unberührte, kaum erforschte Wildnis geblieben sind. Gleichwohl hat man durch dieses Gebiete Wanderwege angelegt, auf denen Menschen unterwegs sind, die eben jene echte, unberührte Natur erleben wollen. Seit etwa fünf Jahren bekomme ich in Podcast-Kanälen auf Youtube und anderswo mit, dass es immer wieder Wanderer gibt, die am Morgen von einer Hütte aufbrechen, aber nie am Endpunkt ihrer Tagesetappe ankommen. Übrigens kommt dies auch auf dem Mount Nyangani vor, einem Tafelberg mit einem ausgedehnten Hochplateau in Zimbabwe, und an den Hängen des Black Rock, einem Berg aus schwarzem Schiefer im Südösten Australiens. Wo auch immer Wanderer verschwinden, die Suche der Parkranger, die das Gebiet durchkämmen, bleibt oft stunden- und tagelang erfolglos. Nichts bleibt von ihnen zurück, das einen Hinweis darauf gibt, wohin sie gegangen sind, bis eine von zwei Möglichkeiten geschieht:


Geheimnisvolle Mächte in der Natur
 

Im deutschsprachigen Raum, sprich in Deutschland, Österreich und der Schweiz gibt es kaum eine Gegend oder einen Nationalpark, der vom Wirken der Menschen unberührt geblieben ist. Was wir bei uns als Natur in Gestalt eines Mischwaldes, Mittel- oder Hochgebirges sehen und durchqueren, wurde jahrhundertelang vom Menschen genutzt und gestaltet, und erst seit Beginn des 21.  Jahrhunderts bemühen sich Naturforscher, - schützer und Forstarbeiter zunehmend darum, das ursprüngliche Bild dieser Landschaft zu rekonstruieren.

Doch in der Taiga Norwegens, Schwedens, Finnlands und Sibiriens, im Norden Alaskas und Kanadas, im australischen Outback, in den Appalachen wie auch in den Bergwäldern Zentralafrikas nahe am Äquator gibt es bis heute Gebiete ohne bewohnte Orte, die unberührte, kaum erforschte Wildnis geblieben sind. Gleichwohl hat man durch dieses Gebiete Wanderwege angelegt, auf denen Menschen unterwegs sind, die eben jene echte, unberührte Natur erleben wollen.

Seit etwa fünf Jahren bekomme ich in Podcast-Kanälen auf Youtube und anderswo mit, dass es immer wieder Wanderer gibt, die am Morgen von einer Hütte aufbrechen, aber nie am Endpunkt ihrer Tagesetappe ankommen. Übrigens kommt dies auch auf dem Mount Nyangani vor, einem Tafelberg mit einem ausgedehnten Hochplateau in Zimbabwe, und an den Hängen des Black Rock, einem Berg aus schwarzem Schiefer im Südösten Australiens.

Wo auch immer Wanderer verschwinden, die Suche der Parkranger, die das Gebiet durchkämmen, bleibt oft stunden- und tagelang erfolglos. Nichts bleibt von ihnen zurück, das einen Hinweis darauf gibt, wohin sie gegangen sind, bis eine von zwei Möglichkeiten geschieht:

1. Die Leichen der vermissten Wanderer werden an einer Stelle gefunden, die von dem Ort, wo sie zuletzt gesehen wurden, meilenweit entfernt liegt, ohne dass die Parkranger zu erklären vermögen, wie sie dorthin gelangen konnten.

2. Die vermissten Wanderer tauchen an der Stelle auf, von der sie verschwanden, nachdem sie zuvor kein Suchtrupp dort gesehen hat. Sie erwecken einen verwirrten Eindruck, sind nicht imstande, zu erklären, was ihnen zugestoßen ist und wo sie unterwegs waren. Auch haben sie kein Gefühl für die Zeit, die vergangen ist: Nach ihrem Empfinden tappten sie maximal eine Stunde durch ein nebulöses Nichts, während sie in Wahrheit stunden- oder tagelang wie von der Erde wegradiert waren.

Seit Jahrhunderten beachten und respektieren die Indigenen Nordamerikas, Afrikas und rund um den Polarkreis das, was sich in den Tiefen der Wildnis regen und einen in die Irre führen mag, und haben unabhängig voneinander auf allen bewohnten Kontinenten dieser Erde Verhaltensregeln aufgestellt, die alle einhalten sollten, die sich in die unerforschten Gebiete unserer Erde wagen:

1. Verlasse nie den angelegten und markierten Pfad.

2. Trage nie die Farben Rot und Gelb; dies erregt die Aufmerksamkeit von Jägern.

3. Pfeif nicht, schrei nicht und lärme nicht herum, auch dies erregt die Aufmerksamkeit von Jägern.

4. Wenn du etwas Ungewöhnliches siehst, tu, als hättest du es nicht gesehen. Es ist ein Lockmittel; geh weiter.

5. Wenn du etwas Ungewöhnliches hörst, tu, als hättest du es nicht gehört. Es ist ein Lockmittel; geh weiter.

6. Wenn vor dir und um dich herum die Geräusche des Waldes auf einmal verstummen, dreh dich um und geh zurück.

7. Sei nach Einbruch der Dunkelheit im Zelt, im Haus oder in der Hütte.

8. Schließe alle Türen und Fenster und zieh die Vorhänge zu.

9. Schau nicht in die Dunkelheit hinaus; es könnte etwas zu dir herein schauen.

10. Wenn du keinen Besuch erwartest und es nachts an der Tür klopft oder jemand ruft, öffne nicht.


Was genau in der Wildnis leben und auf einen lauern soll, darüber schweigen sich die indigenen Völker dieser Erde aus. Tatsache ist aber, dass auf ihren Wanderungen und Streifzügen immer wieder Gefährten spurlos verschwanden, und dass sie diese Regeln aufgestellt haben, um sie vor Gefahren zu bewahren, für die sie keinen Namen, geschweige denn eine Erklärung hatten. Aus Jux und Dollerei sind sie gewiss nicht auf diese Regeln gekommen, sondern durch eigenes unmittelbares Erleben!



30.10.2026 - Zweifelhafte Erweckungen, die man lieber hätte bleiben lassen sollen
Ist es umgekehrt möglich, Lebloses zum Leben zu erwecken? Diese Frage kam zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Europa auf, als man die Kräfte und Wirkungen von Magnetfeldern und des aus ihnen entstehenden elektrischen Stroms entdeckte. Nicht nur, dass man Birnen zum Glühen und Motoren zum Laufen bringen konnte: In den Hörsälen von Universitäten experimentierten Professoren mit Amphibien und Vögeln, die sie an einem Draht aufhängten und Strom durch den Draht leiteten. Dass die Gliedmaßen der leblosen Versuchsobjekte beim Durchfluss des Stroms zu zucken begannen, ließ die Zuschauerinnen und Zuschauer glauben, die Elektrzität hätte die toten Tiere erneut zum Leben erweckt. Da das Experiment an Tieren glückte, versuchte man es auch mit den Leichen von Selbstmördern und hingerichteten Verbrechern – hier ist die Wissenschaft zum Teil der Lust an der Sensation und am Spektakel erlegen -, und da das Resultat dieselben Zuckungen der Gliedmaßen waren, erschrak das Publikum nicht wenig und meinte, es sei durch Elektrizität möglich, Tote wieder ins Leben zurückzuholen. Auf dieser Annahme beruht Mary Shelleys Roman Frankenstein – Der moderne Prometheus. Er erschien erstmals im Jahr 1818 und hat seither die Welt derart fasziniert, dass über Generationen hinweg immer wieder Adaptionen dieses Stoffes und im 20. Jahrhundert zahlreiche Verfilmungen daraus entstanden sind. Der Ursprung war eine stürmische, verregnete Nacht im Juni 1816, als Mary, die damals noch ihren Mädchennamen Wollstonecraft trug, ihr späterer Ehemann Percy Bysshe Shelley, ihre Stiefschwester Claire Clairmont und Lord George Gordon Byron in der Villa Diotati am Genfer See als Gäste einquartiert waren. Sturm und Dauerregen machte es den vier jungen Menschen unmöglich, auszugehen und etwas zu unternehmen; und da kamen sie auf die Idee, jede und jeder von ihnen sollte eine Schauergeschichte zu Papier bringen und sie den anderen erzählen, um gemeinsam zu entscheiden, welche Geschichte die beste war.


Zweifelhafte Erweckungen, die man lieber hätte bleiben lassen sollen

Ist es umgekehrt möglich, Lebloses zum Leben zu erwecken? Diese Frage kam zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Europa auf, als man die Kräfte und Wirkungen von Magnetfeldern und des aus ihnen entstehenden elektrischen Stroms entdeckte.

Nicht nur, dass man Birnen zum Glühen und Motoren zum Laufen bringen konnte: In den Hörsälen von Universitäten experimentierten Professoren mit Amphibien und Vögeln, die sie an einem Draht aufhängten und Strom durch den Draht leiteten. Dass die Gliedmaßen der leblosen Versuchsobjekte beim Durchfluss des Stroms zu zucken begannen, ließ die Zuschauerinnen und Zuschauer glauben, die Elektrzität hätte die toten Tiere erneut zum Leben erweckt.

Da das Experiment an Tieren glückte, versuchte man es auch mit den Leichen von Selbstmördern und hingerichteten Verbrechern – hier ist die Wissenschaft zum Teil der Lust an der Sensation und am Spektakel erlegen -, und da das Resultat dieselben Zuckungen der Gliedmaßen waren, erschrak das Publikum nicht wenig und meinte, es sei durch Elektrizität möglich, Tote wieder ins Leben zurückzuholen.

Auf dieser Annahme beruht Mary Shelleys Roman Frankenstein – Der moderne Prometheus. Er erschien erstmals im Jahr 1818 und hat seither die Welt derart fasziniert, dass über Generationen hinweg immer wieder Adaptionen dieses Stoffes und im 20. Jahrhundert zahlreiche Verfilmungen daraus entstanden sind.

Der Ursprung war eine stürmische, verregnete Nacht im Juni 1816, als Mary, die damals noch ihren Mädchennamen Wollstonecraft trug, ihr späterer Ehemann Percy Bysshe Shelley, ihre Stiefschwester Claire Clairmont und Lord George Gordon Byron in der Villa Diotati am Genfer See als Gäste einquartiert waren. Sturm und Dauerregen machte es den vier jungen Menschen unmöglich, auszugehen und etwas zu unternehmen; und da kamen sie auf die Idee, jede und jeder von ihnen sollte eine Schauergeschichte zu Papier bringen und sie den anderen erzählen, um gemeinsam zu entscheiden, welche Geschichte die beste war.

Alle hatten sich zuvor mit den von mir beschriebenen Experimenten mit der Elektrizität und auch mit den Schriften der Alchimisten des 15. und 16. Jahrhunderts wie Albertus Magnus und Paracelsus befasst, und in neuerer Zeit mit den Aufzeichnungen Friedrich Messmers zu Themen wie Hypnose, Seelenwanderung, der Aura des Menschen und dergleichen mehr; und diese Studien hatten bei Mary Wollstonecraft Shelley einen Alptraum ausgelöst, der zum Grundgerüst ihres Frankenstein-Romans wurde: die Erschaffung und Belebung eines künstlichen Menschen.

Wie genau dies geschehen sein soll, darüber schweigt sie sich aus und berichtet nur, dass der Arzt und Forscher Victor Frankenstein, der an der Universität von Ingolstadt wirkte, über Monate hinweg Geräte und Körperteile von Leichen sammelte, dass er sich danach monatelang in seiner Dachkammer einschloss und an seinem Experiment arbeitete, und dass ihm schließlich die Erweckung seiner Kreatur – nie hat er sie anders genannt – gelang.

Viel interessanter und relevanter sind für Mary die Folgen von Frankensteins Experiment: der 2,40 Meter große Riese und seine teils vollkommene, teils abstoßende Erscheinung erfüllt den jungen Arzt und Forscher derart mit Grauen und Abscheu, dass er unmittelbar nach der Belebung seines Geschöpfes auf und davon läuft und sich radikal von dem abwendet, was er geschaffen hat.

Die verwaiste und verlassene Kreatur hat zunächst Glück im Unglück: Sie wird von einem blinden Mann und seinen beiden Enkeltöchtern aufgenommen, eingekleidet, versorgt und erzogen. Da der Blinde das Geschöpf nie zu sehen bekommt, behandelt er es stets freundlich und mit Respekt, und seine beiden Enkelinnen überwinden ihr Grauen vor seiner gelben Haut und dem Geflecht der Adern und Sehnen, das sich deutlich darunter abzeichnet; zumindest soweit, dass auch sie sich mit Empathie und Fürsorge um ihn kümmern. Und so wird aus dem Geschöpf ein gebildeter, empathischer, tief und lebhaft empfindender Mensch.

Doch sobald sich dieser künstlich erschaffene Mensch aus dem Haus wagt und Kontakt zu anderen Menschen aufnimmt, stößt er auf Angst, Abscheu und Ablehnung, wo er Empathie, Anteilnahme und Freundschaft sucht. Sein blinder Ziehvater eröffnet ihm, auf welche Weise er entstanden ist; und fortan entsteht in ihm der Entschluss, die Spur seines Schöpfers aufzunehmen und sich an ihm für das Leben zu rächen, zu dem er ihn verdammt hat.

Er folgt Frankensteins Spuren über die Alpen bis zum Haus seiner Familie am Genfer See. Als Victor Frankenstein ihn erneut abweist und von sich stößt, tötet er seinen jüngsten Bruder Wilhelm und schiebt die Tat dem langjährigen Dienstmädchen der Familie in die Schuhe. Frankenstein erscheint nicht im Prozess vor Gericht, um auszusagen und die Unschuld der treuen Dienerin seiner Familie zu beweisen; zu sehr fürchtet er die Ächtung und Verstoßung durch die Menschen im Gerichtssaal, ja in der ganzen Stadt, wenn er bekennt, wer seinen Bruder getötet hat und weshalb. Und so lässt er das Fehlurteil und die aus ihr resultierende Hinrichtung geschehen.

Schließlich fragt er den von ihm erschaffenen künstlichen Menschen, was er tun muss, damit er von seiner Rache absieht und ihn künftig in Ruhe und unbehelligt leben lässt. Da verlangt er von seinem Schöpfer, dass er ihm eine gleichartige, ebenbürtige Gefährtin erschaffen soll, die sein Leben mit ihm teilt und ihm Gesellschaft leistet. Wenn Frankenstein dies für ihn tut, wird er sich mit ihr in die Stille zurückziehen und ihn verschonen. Wenn nicht, wird er ihn auf ewig dafür strafen, dass er ihn vom Tag seiner Entstehung an von der Gemeinschaft mit Menschen, ja von der bloßen Annäherung an sie ausgeschlossen hat.

 

In der Tat schickt sich Victor Frankenstein daraufhin an, die Bestandteile zusammenzusuchen, um für seine Kreatur eine gleichwertige, ebenbürtige Gefährtin zu erschaffen. Doch er hat gelernt, die Rachsucht seines Geschöpfes zu fürchten, und schreckt vor dem Gedanken zurück, aus der Verbindung der beiden könnten Kinder hervorgehen:

Was für eine neue Gattung von Menschen wäre das? Und mit welchen Merkmalen, vor allem mit welchen körperlichen, geistigen und seelischen Gebrechen und Defekten wären sie womöglich geschlagen?

Und so zerstört und vernichtet Frankenstein sein neues Geschöpf, noch bevor er es zum Leben erweckt. Mit dem Fluch und Racheschwur des künstlichen Menschen im Nacken flieht er aufs Neue vor ihm: „Wenn du mit deiner Braut Hochzeit hältst, werde ich in der Hochzeitsnacht da sein und sie töten, weil du mir meine Braut verweigert hast!“

Und so geschieht es. Nicht nur, dass er in der Hochzeitsnacht tatsächlich Victors Braut Elisabeth tötet; ihr Tod kostet auch seinen Vater das Leben, der nach dem Tod seines jüngsten Sohnes diesen erneuten, nicht weniger grausamen Schlag nicht übersteht.

So bleiben beide, Schöpfer und Geschöpf, durch das Band aus Schuld und Rache aneinander gekettet. Bis ans Ende seines Lebens, das zerstört und zerbrochen ist, bereut Victor Frankenstein sein vermessenes Experiment, und sein Geschöpf, das von seinem „Vater“ ein Leben lang abgelehnt, verleugnet und verlassen wurde, wählt angesichts der Hofflungslosigkeit seines Daseins den Tod in den Flammen eines Scheiterhaufens, den es selbst errichtet und anzündet.

Doch Frankensteins Kreatur ist nicht das einzige künstlich erschaffene Geschöpf, das in die Kulturgeschichte der Menschheit eingegangen ist. Im späten 16. Jahrhundert soll es in Prag ein Wesen gegeben haben, das aus Lehm entstand und mit vorgeschriebenen Gebeten und einem einzigen Wort zum Leben erweckt wurde: der Golem des Rabbi Löw, mit vollem Namen Jehuda ben Bezal’el Löw, der von 1524 bis 1609 lebte und zu den bedeutendsten Persönlichkeiten des Judentums zählt.

Er verbrachte seine Kindheit und Jugend in einem Dorf bei Posen in Polen und zeichnete sich schon früh durch seine rasche Auffassungsgabe, die Tiefe seines Glaubens an das Wirken des lebendigen Gottes Israels und die Schärfe und Kühnheit seines Denkens aus. Gleichwohl wirkte er zunächst in einer kleinen Gemeinde in Mähren, bevor er 1578 nach Prag zog, wo er zum Oberrabbiner und Vorsteher der jüdischen Gemeinde wurde und  zum persönlichen Berater des Kaisers Rudolf II. aufstieg, der Löws Interesse an philosophischen Fragen, wissenschaftlicher Forschung wie auch an Alchimie und den Lehren des Talmud und der Kabbala teilte.

Gegen 1580 flackerte in Böhmen und auch in Prag einmal mehr das alte und weitverbreitete Gerücht auf, Juden würden umherziehen und die Kinder von Christen stehlen, um sie als Blutopfer zu verwenden. Da entstand im Zehnerrat der jüdischen Gemeinde der Vorschlag, man bräuchte einen ständigen Wächter, der abends und nachts an den Grenzen des jüdischen Viertels auf Patrouille ging, um Zusammenstöße oder auch nur kritische Vorfälle zwischen Juden und Christen zu verhindern.

Und so beschlossen Rabbi Löw, sein Schwiegersohn Isaak Kohen und ein Talmudschüler des Rabbi, einen solchen Wächter zu erschaffen, der ihnen auch grobe Arbeiten abnehmen konnte: Holz hacken, Wasser aus dem Brunnen ins Haus holen, Getreide zur Mühle und Mehl nach Hause bringen, die Synagoge fegen und putzen und dergleichen mehr.

Am 17. März 1580 zogen dese drei Männer um vier Uhr morgens, noch weit vor Sonnenaufgang, aus den Toren der Stadt Prag hinaus, auf eine Wiese nahe am Ufer der Moldau, wo niemand hinkommen und Zeuge ihres Tuns werden würde. Aus dem feuchten Lehm des Flussbetts formten sie eine menschliche Figur mit Kopf, Armen und Beinen.

Alle drei stellten sich zu Füßen der Lehmfigur auf. Löws Schwiegersohn Isaak Kohen, der das Element Feuer verkörperte, sollte als erster sieben Mal die Figur im Uhrzeigersinn umkreisen und bei jeder Umkreisung ein bestimmtes Gebet sprechen. Schon nach der ersten Umkreisung begann die Lehmfigur von innen heraus zu glühen und beständig zu wachsen, und bis zur siebten Umkreisung war der Lehm zu Ton gebrannt und die Figur gut 1,80 Meter groß.

 

Dann war Rabbi Löws Talmudschüler an der Reihe, der für das Element Wasser stand. Auch er sollte die Figur sieben Mal umkreisen und bei jeder Umkreisung ein bestimmtes Gebet sprechen. Als er dies tat, schien der Lehm von innen heraus feucht und nass zu werden, und bis zur siebten Umkreisung waren ihm Kopf- und Barthaare, Finger- und Zehennägel gewachsen.

Als Letzter war Rabbi Löw als Vertreter des Elementes Luft mit seinem Gebet und den sieben Umkreisungen an der Reihe. Zum Schluss reihten sich die drei Männer am Fußende der Figur auf, und Löw sprach die Worte: „Und Gott hauchte ihm seinen Atem ein und erweckte ihn zum Leben“ aus dem 1. Buch Mose, Kapitel 1. Er schob der Gestalt aus Ton einen Zettel in den Mund, auf dem das Wort „Schem“ geschrieben stand, einer der erlaubten Namen Gottes.

Da begann sich die Gestalt zu regen, richtete sich auf und stellte sich auf die Füße.

Isaak Kohen hüllte den nackten Mann in die Gewänder eines Synagogendieners, und gemeinsam brachten die drei ihn ins jüdische Viertel zu Rabbi Löws Haus. Stehen, gehen und greifen konnte er, tat auch alles, was man ihm sagte, nur sprach er nie ein Wort. Löw gab ihm den Namen Joseph und stellte ihn als künftigen Diener der Gemeinde vor.

Sobald Löw ihm das Schem aus dem Mund nahm, saß der Golem still in einer Ecke, tat nichts, rührte sich nicht. Allein das Wort, in dem sich der lebendige Gott Israels verkörperte, erweckte ihn zum Leben; und er gehorchte nur Löws Worten und Anweisungen und niemand anderem.

Bald begab sich Joseph stumm und schweigend auf seine abendlichen und nächtlichen Patrouillerunden um das jüdische Viertel und erwies sich im Haushalt des Rabbis als tatkräftige Hilfe.

Doch einmal, an einem Sabbat, vergaß Rabbi Löw, dem Golem das Schem aus dem Mund zu nehmen, bevor er zur Synagoge ging. Und Joseph, der nicht wusste, was er tun sollte, begann aus gottfreien Stücken mit einem Knüppel um sich zu schlagen, verwüstete die Auslagen vor den Läden der Händler und Handwerker, schlug alles kurz und klein, was ihm in die Quere kam.

Eilends holte man Rabbi Löw zur Hilfe. Es soll genügt haben, dass er dem Golem gegenüber stand und ihm zurief: „Joseph, bleib stehen!“ Alsbald wurde er fromm wie ein Lamm und folgte seinem Herrn nach Hause, und künftig achtete Löw stets darauf, am Sabbat auf jeden Fall das Schem aus Josephs Mund zu nehmen.

Zu einer anderen Zeit forderte Löws Frau Joseph auf, für sie Wasser vom Brunnen für das Bad zur Reinigung vor dem Sabbat zu holen, damit die Badewanne später für sie bereit war, während sie zum Gebet in die Synagoge ging. Und dies tat Joseph. Eimer um Eimer schleppte er vom Brunnen ins Haus und leerte ihn in die Wanne aus – doch er hörte damit nicht auf! Als Löws Frau zurückkehrte, schwamm bereits der Boden des Badezimmers, und das Wasser lief über sämtliche Flure im Erdgeschoss; doch Joseph hörte nicht auf ihre Worte und Rufe. Dann kehrte Rabbi Löw in sein Haus zurück und rief erneut: „Joseph, bleib stehen!“ Allein auf ihn hörte er.

Im Jahr 1593 erließ Kaiser Rudolf II. auf Löws Bitte und Fürsprache hin ein Dekret, dass alle Juden, die in Prag oder sonstwo im Reich Böhmen und Mähren lebten, unbehelligt leben sollten und unter seinem Schutz standen.

Daraufhin meinte Rabbi Low zu seinem Schwiegersohn Isaak Kohen und seinem Schüler, da die Gefahr eines Pogroms nun vom jüdischen Volk abgewendet sei, bräuchte man die Dienste des Golems als Wächter nicht mehr. Möglich ist auch, dass ihm sein zuweilen unberechenbares Verhalten ein wenig unheimlich war.

Und so wiesen die drei Männer Joseph eines Nachts an, sich auf den Dachboden der Altneusynagoge zu begeben und dort schlafen zu gehen. Als er eingeschlafen war, stellten sich Rabbi Löw, Isaak Kohen und Löws Schüler diesmal am Kopfende der Gestalt auf. Löw nahm dem Golem den Zettel mit dem Schem aus dem Mund. Jeder der drei Männer umkreiste seine Gestalt sieben Mal entgegen dem Uhrzeigersinn und sprach ein Gebet; und währenddessen fiel die Gestalt in sich zusammen, schrumpfte und wurde wieder zu einer Lehmfigur, nur, dass sie diesmal Kleidung trug.

Als aus dem Mann wieder Lehm geworden war, ließ Rabbi Löw die Tür zum Dachboden der Altneusynagoge versiegeln und erließ ein Gebot, dass niemand diesen Dachboden betreten solle. Und so geschah es auch bis heute.

Alle hatten sich zuvor mit den von mir beschriebenen Experimenten mit der Elektrizität und auch mit den Schriften der Alchimisten des 15. und 16. Jahrhunderts wie Albertus Magnus und Paracelsus befasst, und in neuerer Zeit mit den Aufzeichnungen Friedrich Messmers zu Themen wie Hypnose, Seelenwanderung, der Aura des Menschen und dergleichen mehr; und diese Studien hatten bei Mary Wollstonecraft Shelley einen Alptraum ausgelöst, der zum Grundgerüst ihres Frankenstein-Romans wurde: die Erschaffung und Belebung eines künstlichen Menschen.

Wie genau dies geschehen sein soll, darüber schweigt sie sich aus und berichtet nur, dass der Arzt und Forscher Victor Frankenstein, der an der Universität von Ingolstadt wirkte, über Monate hinweg Geräte und Körperteile von Leichen sammelte, dass er sich danach monatelang in seiner Dachkammer einschloss und an seinem Experiment arbeitete, und dass ihm schließlich die Erweckung seiner Kreatur – nie hat er sie anders genannt – gelang.

Viel interessanter und relevanter sind für Mary die Folgen von Frankensteins Experiment: der 2,40 Meter große Riese und seine teils vollkommene, teils abstoßende Erscheinung erfüllt den jungen Arzt und Forscher derart mit Grauen und Abscheu, dass er unmittelbar nach der Belebung seines Geschöpfes auf und davon läuft und sich radikal von dem abwendet, was er geschaffen hat.

Die verwaiste und verlassene Kreatur hat zunächst Glück im Unglück: Sie wird von einem blinden Mann und seinen beiden Enkeltöchtern aufgenommen, eingekleidet, versorgt und erzogen. Da der Blinde das Geschöpf nie zu sehen bekommt, behandelt er es stets freundlich und mit Respekt, und seine beiden Enkelinnen überwinden ihr Grauen vor seiner gelben Haut und dem Geflecht der Adern und Sehnen, das sich deutlich darunter abzeichnet; zumindest soweit, dass auch sie sich mit Empathie und Fürsorge um ihn kümmern. Und so wird aus dem Geschöpf ein gebildeter, empathischer, tief und lebhaft empfindender Mensch.

Doch sobald sich dieser künstlich erschaffene Mensch aus dem Haus wagt und Kontakt zu anderen Menschen aufnimmt, stößt er auf Angst, Abscheu und Ablehnung, wo er Empathie, Anteilnahme und Freundschaft sucht. Sein blinder Ziehvater eröffnet ihm, auf welche Weise er entstanden ist; und fortan entsteht in ihm der Entschluss, die Spur seines Schöpfers aufzunehmen und sich an ihm für das Leben zu rächen, zu dem er ihn verdammt hat.

Er folgt Frankensteins Spuren über die Alpen bis zum Haus seiner Familie am Genfer See. Als Victor Frankenstein ihn erneut abweist und von sich stößt, tötet er seinen jüngsten Bruder Wilhelm und schiebt die Tat dem langjährigen Dienstmädchen der Familie in die Schuhe. Frankenstein erscheint nicht im Prozess vor Gericht, um auszusagen und die Unschuld der treuen Dienerin seiner Familie zu beweisen; zu sehr fürchtet er die Ächtung und Verstoßung durch die Menschen im Gerichtssaal, ja in der ganzen Stadt, wenn er bekennt, wer seinen Bruder getötet hat und weshalb. Und so lässt er das Fehlurteil und die aus ihr resultierende Hinrichtung geschehen.

Schließlich fragt er den von ihm erschaffenen künstlichen Menschen, was er tun muss, damit er von seiner Rache absieht und ihn künftig in Ruhe und unbehelligt leben lässt. Da verlangt er von seinem Schöpfer, dass er ihm eine gleichartige, ebenbürtige Gefährtin erschaffen soll, die sein Leben mit ihm teilt und ihm Gesellschaft leistet. Wenn Frankenstein dies für ihn tut, wird er sich mit ihr in die Stille zurückziehen und ihn verschonen. Wenn nicht, wird er ihn auf ewig dafür strafen, dass er ihn vom Tag seiner Entstehung an von der Gemeinschaft mit Menschen, ja von der bloßen Annäherung an sie ausgeschlossen hat.

 

In der Tat schickt sich Victor Frankenstein daraufhin an, die Bestandteile zusammenzusuchen, um für seine Kreatur eine gleichwertige, ebenbürtige Gefährtin zu erschaffen. Doch er hat gelernt, die Rachsucht seines Geschöpfes zu fürchten, und schreckt vor dem Gedanken zurück, aus der Verbindung der beiden könnten Kinder hervorgehen:

Was für eine neue Gattung von Menschen wäre das? Und mit welchen Merkmalen, vor allem mit welchen körperlichen, geistigen und seelischen Gebrechen und Defekten wären sie womöglich geschlagen?

Und so zerstört und vernichtet Frankenstein sein neues Geschöpf, noch bevor er es zum Leben erweckt. Mit dem Fluch und Racheschwur des künstlichen Menschen im Nacken flieht er aufs Neue vor ihm: „Wenn du mit deiner Braut Hochzeit hältst, werde ich in der Hochzeitsnacht da sein und sie töten, weil du mir meine Braut verweigert hast!“

Und so geschieht es. Nicht nur, dass er in der Hochzeitsnacht tatsächlich Victors Braut Elisabeth tötet; ihr Tod kostet auch seinen Vater das Leben, der nach dem Tod seines jüngsten Sohnes diesen erneuten, nicht weniger grausamen Schlag nicht übersteht.

So bleiben beide, Schöpfer und Geschöpf, durch das Band aus Schuld und Rache aneinander gekettet. Bis ans Ende seines Lebens, das zerstört und zerbrochen ist, bereut Victor Frankenstein sein vermessenes Experiment, und sein Geschöpf, das von seinem „Vater“ ein Leben lang abgelehnt, verleugnet und verlassen wurde, wählt angesichts der Hofflungslosigkeit seines Daseins den Tod in den Flammen eines Scheiterhaufens, den es selbst errichtet und anzündet.

Doch Frankensteins Kreatur ist nicht das einzige künstlich erschaffene Geschöpf, das in die Kulturgeschichte der Menschheit eingegangen ist. Im späten 16. Jahrhundert soll es in Prag ein Wesen gegeben haben, das aus Lehm entstand und mit vorgeschriebenen Gebeten und einem einzigen Wort zum Leben erweckt wurde: der Golem des Rabbi Löw, mit vollem Namen Jehuda ben Bezal’el Löw, der von 1524 bis 1609 lebte und zu den bedeutendsten Persönlichkeiten des Judentums zählt.

Er verbrachte seine Kindheit und Jugend in einem Dorf bei Posen in Polen und zeichnete sich schon früh durch seine rasche Auffassungsgabe, die Tiefe seines Glaubens an das Wirken des lebendigen Gottes Israels und die Schärfe und Kühnheit seines Denkens aus. Gleichwohl wirkte er zunächst in einer kleinen Gemeinde in Mähren, bevor er 1578 nach Prag zog, wo er zum Oberrabbiner und Vorsteher der jüdischen Gemeinde wurde und  zum persönlichen Berater des Kaisers Rudolf II. aufstieg, der Löws Interesse an philosophischen Fragen, wissenschaftlicher Forschung wie auch an Alchimie und den Lehren des Talmud und der Kabbala teilte.

Gegen 1580 flackerte in Böhmen und auch in Prag einmal mehr das alte und weitverbreitete Gerücht auf, Juden würden umherziehen und die Kinder von Christen stehlen, um sie als Blutopfer zu verwenden. Da entstand im Zehnerrat der jüdischen Gemeinde der Vorschlag, man bräuchte einen ständigen Wächter, der abends und nachts an den Grenzen des jüdischen Viertels auf Patrouille ging, um Zusammenstöße oder auch nur kritische Vorfälle zwischen Juden und Christen zu verhindern.

Und so beschlossen Rabbi Löw, sein Schwiegersohn Isaak Kohen und ein Talmudschüler des Rabbi, einen solchen Wächter zu erschaffen, der ihnen auch grobe Arbeiten abnehmen konnte: Holz hacken, Wasser aus dem Brunnen ins Haus holen, Getreide zur Mühle und Mehl nach Hause bringen, die Synagoge fegen und putzen und dergleichen mehr.

Am 17. März 1580 zogen dese drei Männer um vier Uhr morgens, noch weit vor Sonnenaufgang, aus den Toren der Stadt Prag hinaus, auf eine Wiese nahe am Ufer der Moldau, wo niemand hinkommen und Zeuge ihres Tuns werden würde. Aus dem feuchten Lehm des Flussbetts formten sie eine menschliche Figur mit Kopf, Armen und Beinen.

Alle drei stellten sich zu Füßen der Lehmfigur auf. Löws Schwiegersohn Isaak Kohen, der das Element Feuer verkörperte, sollte als erster sieben Mal die Figur im Uhrzeigersinn umkreisen und bei jeder Umkreisung ein bestimmtes Gebet sprechen. Schon nach der ersten Umkreisung begann die Lehmfigur von innen heraus zu glühen und beständig zu wachsen, und bis zur siebten Umkreisung war der Lehm zu Ton gebrannt und die Figur gut 1,80 Meter groß.

 

Dann war Rabbi Löws Talmudschüler an der Reihe, der für das Element Wasser stand. Auch er sollte die Figur sieben Mal umkreisen und bei jeder Umkreisung ein bestimmtes Gebet sprechen. Als er dies tat, schien der Lehm von innen heraus feucht und nass zu werden, und bis zur siebten Umkreisung waren ihm Kopf- und Barthaare, Finger- und Zehennägel gewachsen.

Als Letzter war Rabbi Löw als Vertreter des Elementes Luft mit seinem Gebet und den sieben Umkreisungen an der Reihe. Zum Schluss reihten sich die drei Männer am Fußende der Figur auf, und Löw sprach die Worte: „Und Gott hauchte ihm seinen Atem ein und erweckte ihn zum Leben“ aus dem 1. Buch Mose, Kapitel 1. Er schob der Gestalt aus Ton einen Zettel in den Mund, auf dem das Wort „Schem“ geschrieben stand, einer der erlaubten Namen Gottes.

Da begann sich die Gestalt zu regen, richtete sich auf und stellte sich auf die Füße.

Isaak Kohen hüllte den nackten Mann in die Gewänder eines Synagogendieners, und gemeinsam brachten die drei ihn ins jüdische Viertel zu Rabbi Löws Haus. Stehen, gehen und greifen konnte er, tat auch alles, was man ihm sagte, nur sprach er nie ein Wort. Löw gab ihm den Namen Joseph und stellte ihn als künftigen Diener der Gemeinde vor.

Sobald Löw ihm das Schem aus dem Mund nahm, saß der Golem still in einer Ecke, tat nichts, rührte sich nicht. Allein das Wort, in dem sich der lebendige Gott Israels verkörperte, erweckte ihn zum Leben; und er gehorchte nur Löws Worten und Anweisungen und niemand anderem.

Bald begab sich Joseph stumm und schweigend auf seine abendlichen und nächtlichen Patrouillerunden um das jüdische Viertel und erwies sich im Haushalt des Rabbis als tatkräftige Hilfe.

Doch einmal, an einem Sabbat, vergaß Rabbi Löw, dem Golem das Schem aus dem Mund zu nehmen, bevor er zur Synagoge ging. Und Joseph, der nicht wusste, was er tun sollte, begann aus gottfreien Stücken mit einem Knüppel um sich zu schlagen, verwüstete die Auslagen vor den Läden der Händler und Handwerker, schlug alles kurz und klein, was ihm in die Quere kam.

Eilends holte man Rabbi Löw zur Hilfe. Es soll genügt haben, dass er dem Golem gegenüber stand und ihm zurief: „Joseph, bleib stehen!“ Alsbald wurde er fromm wie ein Lamm und folgte seinem Herrn nach Hause, und künftig achtete Löw stets darauf, am Sabbat auf jeden Fall das Schem aus Josephs Mund zu nehmen.

Zu einer anderen Zeit forderte Löws Frau Joseph auf, für sie Wasser vom Brunnen für das Bad zur Reinigung vor dem Sabbat zu holen, damit die Badewanne später für sie bereit war, während sie zum Gebet in die Synagoge ging. Und dies tat Joseph. Eimer um Eimer schleppte er vom Brunnen ins Haus und leerte ihn in die Wanne aus – doch er hörte damit nicht auf! Als Löws Frau zurückkehrte, schwamm bereits der Boden des Badezimmers, und das Wasser lief über sämtliche Flure im Erdgeschoss; doch Joseph hörte nicht auf ihre Worte und Rufe. Dann kehrte Rabbi Löw in sein Haus zurück und rief erneut: „Joseph, bleib stehen!“ Allein auf ihn hörte er.

Im Jahr 1593 erließ Kaiser Rudolf II. auf Löws Bitte und Fürsprache hin ein Dekret, dass alle Juden, die in Prag oder sonstwo im Reich Böhmen und Mähren lebten, unbehelligt leben sollten und unter seinem Schutz standen.

Daraufhin meinte Rabbi Low zu seinem Schwiegersohn Isaak Kohen und seinem Schüler, da die Gefahr eines Pogroms nun vom jüdischen Volk abgewendet sei, bräuchte man die Dienste des Golems als Wächter nicht mehr. Möglich ist auch, dass ihm sein zuweilen unberechenbares Verhalten ein wenig unheimlich war.

Und so wiesen die drei Männer Joseph eines Nachts an, sich auf den Dachboden der Altneusynagoge zu begeben und dort schlafen zu gehen. Als er eingeschlafen war, stellten sich Rabbi Löw, Isaak Kohen und Löws Schüler diesmal am Kopfende der Gestalt auf. Löw nahm dem Golem den Zettel mit dem Schem aus dem Mund. Jeder der drei Männer umkreiste seine Gestalt sieben Mal entgegen dem Uhrzeigersinn und sprach ein Gebet; und währenddessen fiel die Gestalt in sich zusammen, schrumpfte und wurde wieder zu einer Lehmfigur, nur, dass sie diesmal Kleidung trug.

Als aus dem Mann wieder Lehm geworden war, ließ Rabbi Löw die Tür zum Dachboden der Altneusynagoge versiegeln und erließ ein Gebot, dass niemand diesen Dachboden betreten solle. Und so geschah es auch bis heute.



30.10.2026 - Wenn Seelen keine Ruhe finden
Aus dem Gedanken des Übergangs und des nicht endgültigen Endes heraus, der den im vorherigen Kapitel geschilderten Ritualen und Bräuchen zu Grunde liegt, hat sich in Europa und weltweit über Jahrhunderte hinweg ebenso hartnäckig die Vorstellung gehalten, dass unter bestimmten Umständen eine Seele nicht die Reise in die andere Dimension antritt, sondern an einen bestimmten Ort gebunden ist. Entweder ist der Verstorbene durch ein ungesühntes Verbrechen ums Leben gekommen, für das sie/er die Lebenden heimsucht, die das Verbrechen begangen haben oder durch ihre familiären Bindungen darin verstrickt sind, oder sie/er hat selbst eine solche Tat begangen und sie zu Lebzeiten nicht gesühnt oder ist dafür in den Freitod gegangen. Im von Teichen, Mooren und Wasserburgen geprägten Münsterland waren manche Unglückliche indes für viel geringere Verbrechen als Morde gezwungen, unter Heulen und Wehklagen das Ufer eines Sumpfes oder Teiches heimzusuchen. Dort genügte es, dass Spinnerinnen ihre Garnspulen nicht bis zum Eichmaß füllten, Bäcker oder Krämer ihre Kunden mit einer falsch geeichten Waage abkassierten oder Musiker auf einer Hochzeitsfeier den Gästen unbemerkt Geld aus der Tasche zogen. Und in ganz Süddeutschland war es ein ebenso unerhörtes Verbrechen, nach Einbruch der Dunkelheit unbemerkt einen Grenzstein, der einen Acker oder ein Feld von dem des Nachbarn trennt, zu seinen Gunsten zu versetzen.


Wenn Seelen keine Ruhe finden


Aus dem Gedanken des Übergangs und des nicht endgültigen Endes heraus, der den im vorherigen Kapitel geschilderten Ritualen und Bräuchen zu Grunde liegt, hat sich in Europa und weltweit über Jahrhunderte hinweg ebenso hartnäckig die Vorstellung gehalten, dass unter bestimmten Umständen eine Seele nicht die Reise in die andere Dimension antritt, sondern an einen bestimmten Ort gebunden ist.

Entweder ist der Verstorbene durch ein ungesühntes Verbrechen ums Leben gekommen, für das sie/er die Lebenden heimsucht, die das Verbrechen begangen haben oder durch ihre familiären Bindungen darin verstrickt sind, oder sie/er hat selbst eine solche Tat begangen und sie zu Lebzeiten nicht gesühnt oder ist dafür in den Freitod gegangen.

Im von Teichen, Mooren und Wasserburgen geprägten Münsterland waren manche Unglückliche indes für viel geringere Verbrechen als Morde gezwungen, unter Heulen und Wehklagen das Ufer eines Sumpfes oder Teiches heimzusuchen. Dort genügte es, dass Spinnerinnen ihre Garnspulen nicht bis zum Eichmaß füllten, Bäcker oder Krämer ihre Kunden mit einer falsch geeichten Waage abkassierten oder Musiker auf einer Hochzeitsfeier den Gästen unbemerkt Geld aus der Tasche zogen.

Und in ganz Süddeutschland war es ein ebenso unerhörtes Verbrechen, nach Einbruch der Dunkelheit unbemerkt einen Grenzstein, der einen Acker oder ein Feld von dem des Nachbarn trennt, zu seinen Gunsten zu versetzen.

Weil man eine Tat, die zwischen Finster und Siehst-Mich-Nicht unbemerkt geschah, weder nachweisen noch den Täter zur Rechenschaft ziehen konnte, sagten die Leute in früheren Zeiten, dass ein Grenzsteinversetzer nach seinem Tod gezwungen war, mit dem Grenzstein auf dem Rücken nachts auf dem Feld oder Acker umzugehen, auf dem er seine Tat beging.

Oft ist es dem Geistwesen nicht gegeben, klar zu sagen, weshalb es zu den unerlösten Seelen gehört, und äußert sich lediglich durch Klopfen und Pochen an Wänden und Schränken, dem Verschieben von Gegenständen und Möbeln oder als durchscheinende Gestalt, die seufzt und stöhnt und die Hände ringt.

Diese Art Spuk kommt vor allem in Großbritannien und Irland, aber auch in Norwegen, Schweden und Finnland so häufig vor, dass Fremde glauben mögen, es gäbe dort mehr „bespukte“ als „unbespukte“ Häuser und Gegenden.

Bei manchen Burg- oder Schlossruinen im Alpen- und Voralpenland, die seit mehr als hundert Jahren leer stehen, weiß man, wer dort umgeht und wie man die- oder denjenigen erlösen kann. Doch solche Orte sind von derart unheimlichen, furchteinflößenden Erscheinungen erfüllt, dass jene, die sich nachts in die Überreste der Burg- oder Schlossruine wagen, alles stehen und liegen lassen und das Weite suchen; und so bleibt der armen Seele nichts anderes übrig, als weiter zu spuken...

In früheren Zeiten half es, wenn ein Priester oder Pfarrer das Haus betrat, es segnete und ein Gebet sprach, in dem er die Seele der Gnade und Erlösung durch den Herrn empfahl und ihr gebot, in den ewigen Frieden einzugehen und dieses Haus und die Welt der Lebenden für immer zu verlassen.

Auch hat es über die Jahrhunderte hinweg immer wieder Frauen oder Männer gegeben, die fähig waren, zu einer unerlösten Seele Kontakt aufzunehmen und sie zu fragen, was ihr geschehen war. Dann teilten sie ihr mit, dass ihr Leben und die Tat schon lange vorbei war, und forderten sie auf, ins Licht zu gehen. Auch dies half, aber nur, wenn es Experten waren, die Erfahrung im Umgang mit solchen Dimensionen und ihren Wesenheiten hatten.

Manch ein neugieriges Grüppchen junger Menschen hat versucht, einen Blick in die andere Dimension zu werfen und Kontakt zur Geisterwelt aufzunehmen. Doch viele, die mit einem ovalen Zeiger oder einem umgestülpten Glas auf einem Ouijabrett hantierten, haben sich ebenso ungute wie hartnäckige Phänomene ins Haus geholt, die ihnen nicht bekamen. Deshalb meine ich, dass man die Finger davon lassen sollte; nicht umsonst ist uns Sterblichen die Anderswelt fern und verschlossen!

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30.10.2026 - Mein Halloween-Special - Vom nicht endgültigen Ende, ruhelosen Seelen, zweifelhaften Erweckungen und geheimnisvollen Mächten
Einmal mehr ist es soweit: Allerheiligen kommt und mit ihm der Monat November, in dem Menschen in aller Welt ihrer Verstorbenen gedenken. Nach wie vor ist das, was mit uns nach unserem leiblichen Tod geschieht, das letzte ungeklärte Mysterium. Wer von uns bereits am Sterben und an der Bestattung eines nahestehenden Menschen Anteil genommen hat, weiß um den Unterschied zwischen einem Schlafenden, der still ruht, und einem Toten: Schlafende oder Bewusstlose verströmen immer noch Leben, während von Toten nur eine wächserne, bleiche, erstarrte Hülle übrig ist, die geschrumpft und in sich zusammengesunken zu sein scheint. Was sie zum Leben erweckt und ihr Wesen und Sein ausgemacht hat, ist fort, hat ihre sterbliche Hülle verlassen. Aus diesem Empfinden heraus hat sich bis heute in Europa und weltweit der Brauch erhalten, dass man in dem Zimmer, in dem jemand gestorben ist, sofort alle Fenster öffnet und den Spiegel an der Wand mit einem Tuch verhängt: Die Seele, die ihre sterbliche Hülle verlassen hat, soll im Spiegel ihre Erscheinung nicht sehen und in der reflektierenden Glasfläche „hängenbleiben“, sondern den Ausgang finden. Bis heute lebt in den Völkern dieser Erde der Gedanke fort, dass der Tod nur ein Übergang ist: Das Wesen, die Seele des Menschen erlischt nicht und lebt weiter, in einer Dimension des Daseins, die sich den Sterblichen entzieht, die ihrem Erdenleben weiter verhaftet bleiben. Doch auf welche Weise vollzieht sich dieser Übergang? Schwebt man noch eine Weile dort, wo man zuletzt gelebt hat und braucht Zeit, um in der anderen Dimension endgültig und dauerhaft anzukommen? Oder geschieht es zuweilen, dass eine verirrte Seele keine Ruhe findet und gezwungen ist, an den Ort zurückzukehren, mit dem die Ursache ihrer/seiner Ruhelosigkeit zusammenhängt? Ist es andererseits möglich, etwas Lebloses zum Leben zu erwecken? Wenn es gelingt, rächt sich eine derartige Vermessenheit nicht eines Tages zwangsläufig am Schöpfer dieses künstlich erschaffenen Lebens? Gibt es in der menschenleeren Natur elementare Mächte und Kräfte, die sich bis heute zuweilen geltend machen? Diesen Fragen und den Überlieferungen, die daraus hervorgegangen sind, will ich in meinem diesjährigen Halloween-Special nachgehen und es wie immer meinen geneigten Leserinnen und Lesern überlassen, was sie davon glauben möchten oder nicht.


Mein Halloween-Soecial - Vom nicht endgültigen Ende, ruhelosen Seelen, zweifelhaften Erweckungen und geheimbnisvollen Mächten


Einmal mehr ist es soweit: Allerheiligen kommt und mit ihm der Monat November, in dem Menschen in aller Welt ihrer Verstorbenen gedenken. Nach wie vor ist das, was mit uns nach unserem leiblichen Tod geschieht, das letzte ungeklärte Mysterium.

Wer von uns bereits am Sterben und an der Bestattung eines nahestehenden Menschen Anteil genommen hat, weiß um den Unterschied zwischen einem Schlafenden, der still ruht, und einem Toten: Schlafende oder Bewusstlose verströmen immer noch Leben, während von Toten nur eine wächserne, bleiche, erstarrte Hülle übrig ist, die geschrumpft und in sich zusammengesunken zu sein scheint. Was sie zum Leben erweckt und ihr Wesen und Sein ausgemacht hat, ist fort, hat ihre sterbliche Hülle verlassen.

Aus diesem Empfinden heraus hat sich bis heute in Europa und weltweit der Brauch erhalten, dass man in dem Zimmer, in dem jemand gestorben ist, sofort alle Fenster öffnet und den Spiegel an der Wand mit einem Tuch verhängt: Die Seele, die ihre sterbliche Hülle verlassen hat, soll im Spiegel ihre Erscheinung nicht sehen und in der reflektierenden Glasfläche „hängenbleiben“, sondern den Ausgang finden.

Bis heute lebt in den Völkern dieser Erde der Gedanke fort, dass der Tod nur ein Übergang ist: Das Wesen, die Seele des Menschen erlischt nicht und lebt weiter, in einer Dimension des Daseins, die sich den Sterblichen entzieht, die ihrem Erdenleben weiter verhaftet bleiben.

Doch auf welche Weise vollzieht sich dieser Übergang? Schwebt man noch eine Weile dort, wo man zuletzt gelebt hat und braucht Zeit, um in der anderen Dimension endgültig und dauerhaft anzukommen?

Oder geschieht es zuweilen, dass eine verirrte Seele keine Ruhe findet und gezwungen ist, an den Ort zurückzukehren, mit dem die Ursache ihrer/seiner Ruhelosigkeit zusammenhängt? 

Ist es andererseits möglich, etwas Lebloses zum Leben zu erwecken? Wenn es gelingt, rächt sich eine derartige Vermessenheit nicht eines Tages zwangsläufig am Schöpfer dieses künstlich erschaffenen Lebens?

Gibt es in der menschenleeren Natur elementare Mächte und Kräfte, die sich bis heute zuweilen geltend machen? 

Diesen Fragen und den Überlieferungen, die daraus hervorgegangen sind, will ich in meinem diesjährigen Halloween-Special nachgehen und es wie immer meinen geneigten Leserinnen und Lesern überlassen, was sie davon glauben möchten oder nicht.

 

Das nicht endgültige Ende
 

Wenn bei uns der Arzt an einem Krankenbett den Tod eines Patienten bestätigt und den Totenschein ausgestellt hat, kommen die Träger, die den Verstorbenen aus seiner letzten Wohnung und ins Bestattungsinstitut schaffen, um ihn für die Aufbahrung und Bestattung vorzubereiten: Waschen, Anziehen, Schminken und die Präsentation der Leiche im offenen Sarg in der Aussegnungshalle, bevor der Trauergottesdienst in der Kirche oder die Abschiedszeremonie im Krematorium stattfindet.

In der Aussegnungshalle verweilen die Familienangehörigen, Verwandten und engsten Freunde, um auf ihre Weise Abschied zu nehmen. Dann legen die Sargträger den Deckel auf, schrauben ihn zu und bringen den Sarg in die Kirche oder die Festhalle, wo die letzten Worte gesprochen werden, bevor der Sarg entweder in den Krematoriumsofen oder auf dem Friedhof in das ausgehobene Grab versenkt wird.

Eine letzte Blume, ein letzter Gruß, dann wendet sich die Trauergemeinde ab. Hat die Familie Verwandte und Freunde eingeladen, versammeltn sie sich noch zu Kaffee und Kuchen und streben danach auseinander, in ihr Leben zurück.

Vom Abtransport des Toten bis zum letzten Umtrunk ist eine Bestattung in Deutschland, Österreich und der Schweiz und den meisten Ländern Osteuropas eine stille, ernste, weihevolle Angelegenheit, und sowohl im Gottesdienst als auch im Kreis der Verwandten und Freunde wird das Leben und Sein der/des Verstorbenen mit ernsten, weihevollen Worten gewürdigt.

Doch nicht überall in Europa und auf der Welt verlaufen Trauerfeiern gleich.

In den Bergdörfern der Appalachen – hauptsächlich in Kentucky und Tennessee, aber auch in Virginia, North Carolina und im Norden Georgias – war es bei einem Trauerfall im Dorf bis Ende des 20. Jahrhunderts Sitte, dass die Nachbarn vorbei kamen und die Familie des Verstorbenen acht Tage lang mit Speisen versorgten - Eintöpfe, Maisbrot, gebratene Hähnchen, geschmorte Kaninchen und Eichhörnchen mit Klößen und allerlei Kuchen -, ihr in der Trauerwoche alle Hausarbeiten abnahmen und rund um die Uhr, drei Tage und Nächte lang bis zur Bestattung, gemeinsam mit den Angehörigten rund um den Sarg Wache hielten und ihnen Gesellschaft leisteten.

Im Frühjahr, Sommer und bis zum frühen Herbst zog die Familie gemeinsam mit den Nachbarn am Morgen des vierten Tages zum Friedhof hinaus, um den Verstorbenen zu bestatten und danach auf dem Rasen nahe beim frisch ausgehobenen Grab eine Picknickdecke auszubreiten, im Freien gebratene Hähnchen, Bohneneintopf, Maisbrot und Schichtkuchen auszubreiten und so den Verstorbenen ein letztes Mal an den Freuden des Lebens teilhaben zu lassen. Im Herbst und Winter fand dieses Festmahl in einer Scheune oder im Eingangsbereich einer Höhle statt.

Nach dem Picknick im Freien kehrte man nach Hause zurück, und die Feierlichkeiten gingen weiter, bis sich am Abend des siebten Tages die Nachbarn von der Familie verabschiedeten und ihr Geschirr in ihren Proviantkörben wieder nach Hause schafften, nachdem man zuvor sieben Tage lang erzählt, Neuigkeiten ausgetauscht, Lieder gesungen und zuweilen sogar miteinander gelacht hatte.

Gegen Mittag des achten Tages, wenn die Familie allein zurückblieb und alle Gäste fort waren, kam eine enge Freundin des Hauses mit einem Bohnen-Speck-Eintopf vorbei, um den Hinterbliebenen noch einmal still Gesellschaft zu leisten.

Mit großer Wahrscheinlichkeit hängt dieses Trauerritual, das eher einem rauschenden Fest gleichkommt, mit dem Glauben der Vorfahren zusammen, die einst aus Irland und Schottland eingewandert sind und sich in einem Tal oder auf einer Anhöhe in den Appalachen angesiedelt haben.

Denn in Irland und Schottland heißt es bis heute, dass die Seelen von Verstorbenen drei Tage und Nächte lang in einer Art Zwischenreich verweilen, bis sie endgültig und sicher zum Himmel emporsteigen. Bleiben sie in dieser Zeit unbewacht und unbegleitet, könnte die Schar der „kleinen Leute“ oder das Gefolge des Teufels ihre Seele holen und mit sich ziehen, hinab in ihr Reich unter der Erde.

Deshalb haben sich bereits in der „alten Heimat“ die Nachbarn und Freunde eines Verstorbenen in seinem Haus versammelt und mit Whisky und Poteen, Gesang, Musik und Tanz vom Abend bis in die frühen Morgenstunden gefeiert, nicht aus Freude, weil sie ihn endlich los waren, sondern um sein Leben zu ehren, indem sie die Lieder und Tänze spielten, die er zu Lebzeiten mochte. Auch hier brachte man den Verstorbenen am Morgen nach der dritten Nacht auf den Friedhof und in sein Grab.

In Mexiko wie auch in anderen Ländern Mittelamerikas, die von der Kultur der Maya und Azteken geprägt sind, ist Allerheiligen - der Dia de los Muertos - nach der Osterwoche das höchste Fest des Jahres. Dort begleitet man Verstorbene nicht nur bei ihrem Übergang in die andere Dimension; man glaubt vielmehr, dass sie am Dia de los Muertos zu den Lebenden, vor allem zu ihren Familien zurückkehren.

Deshalb bereitet man in Mexiko und anderswo das Haus angemessen vor, mit einem kleinen Hausaltar an der Stirnseite des Wohnzimmers, in dessen Zentrum die Fotos der Verstorbenen stehen, reich mit Girlanden und Blumen dekoriert. Auf der Festtafel werden an diesem Tag ihre Lieblingsgerichte und -süßigkeiten serviert. Wer es sich leisten kann, holt sich Mariachi ins Haus; wer nicht, singt und spielt selbst ihre Lieblingslieder und -tänze.

Die Stimmung auf den Straßen und Plätzen vor und rund um den Dia de los Muertos schwankt zwischen lebensvoller Ausgelassenheit und der leicht gruseligen Morbidität, die von den unzähligen Skeletten und Totenschädeln aus Zuckerguss ausgeht, die einen von allen Fassaden und Schaufenstern her angrinsen.

Ein solcher Anblick mag auf Fremde makaber bis despektierlich wirken, doch letzten Endes ist auch dies eine Möglichkeit, mit dem Tod umzugehen, der uns alle eines Tages erwartet.



15.08.2026 - Das Wirken der Menschen und der höheren Gewalten
Es half nichts! Einmal mehr mussten sie die Insel erkunden, um nach Wasser, Lebensmitteln und Menschen zu suchen, die ihnen helfen konnten, das Wrack ihres Schiffes wieder flott zu bekommen. Diesmal wählte Odysseus drei Männer und sandte sie unter der Führung seines verlässlichen Freundes Eutychos aus. Auf dem Weg durch einen dichten Wald stießen sie auf etliche Wildtiere; hier ein Affe, dort ein Bär, drüben ein Löwe, im Baum über ihnen ein Leopard. Doch zu ihrem Erstaunen floh keines der Tiere vor ihnen oder griff sie an, wie es dem üblichen Verhalten von Tieren in freier Wildbahn entsprochen hätte. Sie alle näherten sich dem Expeditionstrupp, zutraulich und sanftmütig, mit einem seltsamen Flehen in ihrem Blick. „Als seien es Menschen in Tiergestalt!“ Eutychos wurde es unbehaglich zu Mute; auf dieser Insel stimmte etwas nicht! Während seine drei Gefährten zu den Stufen eines weißen Palastes emporstiegen und das Tor durchschritten, blieb er draußen und verbarg sich im Schatten der Bäume. Und er tat gut daran, denn dies war die Insel Aiaia, Sitz der Zauberin Kirke, die zu ihrem Zeitvertreib fremde Besucher in Tiere verwandelte und sie so auf ihrer Insel festhielt. Sehr freundlich hieß Kirke die Fremden willkommen und lud sie an ihre reich gedeckte Tafel ein; doch die Männer aßen und tranken nicht lange, bis sie sich in Schweine verwandelten. Böse Zungen sagen an dieser Stelle, angesichts der Gier, mit der sich die erschöpften, ausgehungerten Männer auf die Speisen und Getränke stürzten und sie hinunterschlangen, wäre zu ihrer Verwandlung nicht mehr viel nötig gewesen… Als die drei Gefährten nicht zurückkehrten, von drinnen anstatt Männerstimmen auf einmal Grunzen und Quieken zu hören war und drei Mägde drei Hausschweine in den angrenzenden Stall trieben, machte sich Eutychos im Schutz der Äste davon, die ihn nach wie vor verborgen hielten. Er kehrte an den Strand zurück und erstattete Odysseus entsetzt Bericht. Prompt rüstete sich dieser mit Schwert und Schild und zog los, durch den Dschungel, auf das Haus der Kirke zu. Da trat ihm der Götterbote Hermes in den Weg und sagte ihm, er solle von dem Zauberkraut Moly essen, damit er gegen Kirkes Zauber immun blieb, und sie dann mit vorgehaltenem Schwert auffordern, seine Gefährten herauszugeben und wieder in Menschen zu verwandeln. Und so handelte Odysseus. Als aus drei Schweinen wieder Männer wurden, erwies sich Kirke als aufmerksame und großzügige Gastgeberin. An ihrem Tisch und in ihrem Haus fühlten sich die Männer aus Ithaka so wohl, dass sie blieben und fast ein Jahr nicht daran dachten, aufbrechen und nach Hause fahren zu wollen. Nur Odysseus dachte an seinen Palast, seine Frau und seinen Sohn, und schließlich hielt er es nicht mehr aus und bat Kirke, ihm zu helfen, nach Hause zurückzukehren. Sie sorgte dafür, dass er und die übriggebliebenen Männer seiner Besatzung ein neues seetüchtiges Schiff bekamen, und versah sie reichlicher und üppiger mit Proviant, als es Aiolos zuvor getan hatte. Dann erklärte Kirke, sie müssten vor der Pforte zum Hades mit einem Blutopfer aus zwei gesunden jungen Tieren den Schatten des Sehers Teiresias heraufbeschwören; nur er könne ihnen den Weg nach Hause sagen, und wie sie lebend und unversehrt dort ankamen. Und so brachen die Männer aus Ithaka nach dreihundertfünfzig Tagen mit einem neuen, voll beladenen Schiff von Aiaia auf.


Das Wirken der Menschen und der höheren Gewalten
 

Es half nichts! Einmal mehr mussten sie die Insel erkunden, um nach Wasser, Lebensmitteln und Menschen zu suchen, die ihnen helfen konnten, das Wrack ihres Schiffes wieder flott zu bekommen.

Diesmal wählte Odysseus drei Männer und sandte sie unter der Führung seines verlässlichen Freundes Eutychos aus. Auf dem Weg durch einen dichten Wald stießen sie auf etliche Wildtiere; hier ein Affe, dort ein Bär, drüben ein Löwe, im Baum über ihnen ein Leopard. Doch zu ihrem Erstaunen floh keines der Tiere vor ihnen oder griff sie an, wie es dem üblichen Verhalten von Tieren in freier Wildbahn entsprochen hätte. Sie alle näherten sich dem Expeditionstrupp, zutraulich und sanftmütig, mit einem seltsamen Flehen in ihrem Blick.

„Als seien es Menschen in Tiergestalt!“ Eutychos wurde es unbehaglich zu Mute; auf dieser Insel stimmte etwas nicht! Während seine drei Gefährten zu den Stufen eines weißen Palastes emporstiegen und das Tor durchschritten, blieb er draußen und verbarg sich im Schatten der Bäume. Und er tat gut daran, denn dies war die Insel Aiaia, Sitz der Zauberin Kirke, die zu ihrem Zeitvertreib fremde Besucher in Tiere verwandelte und sie so auf ihrer Insel festhielt.

Sehr freundlich hieß Kirke die Fremden willkommen und lud sie an ihre reich gedeckte Tafel ein; doch die Männer aßen und tranken nicht lange, bis sie sich in Schweine verwandelten. Böse Zungen sagen an dieser Stelle, angesichts der Gier, mit der sich die erschöpften, ausgehungerten Männer auf die Speisen und Getränke stürzten und sie hinunterschlangen, wäre zu ihrer Verwandlung nicht mehr viel nötig gewesen…

Als die drei Gefährten nicht zurückkehrten, von drinnen anstatt Männerstimmen auf einmal Grunzen und Quieken zu hören war und drei Mägde drei Hausschweine in den angrenzenden Stall trieben, machte sich Eutychos im Schutz der Äste davon, die ihn nach wie vor verborgen hielten. Er kehrte an den Strand zurück und erstattete Odysseus entsetzt Bericht.

Prompt rüstete sich dieser mit Schwert und Schild und zog los, durch den Dschungel, auf das Haus der Kirke zu.

Da trat ihm der Götterbote Hermes in den Weg und sagte ihm, er solle von dem Zauberkraut Moly essen, damit er gegen Kirkes Zauber immun blieb, und sie dann mit vorgehaltenem Schwert auffordern, seine Gefährten herauszugeben und wieder in Menschen zu verwandeln. Und so handelte Odysseus.

Als aus drei Schweinen wieder Männer wurden, erwies sich Kirke als aufmerksame und großzügige Gastgeberin. An ihrem Tisch und in ihrem Haus fühlten sich die Männer aus Ithaka so wohl, dass sie blieben und fast ein Jahr nicht daran dachten, aufbrechen und nach Hause fahren zu wollen.

Nur Odysseus dachte an seinen Palast, seine Frau und seinen Sohn, und schließlich hielt er es nicht mehr aus und bat Kirke, ihm zu helfen, nach Hause zurückzukehren.

Sie sorgte dafür, dass er und die übriggebliebenen Männer seiner Besatzung ein neues seetüchtiges Schiff bekamen, und versah sie reichlicher und üppiger mit Proviant, als es Aiolos zuvor getan hatte.

Dann erklärte Kirke, sie müssten vor der Pforte zum Hades mit einem Blutopfer aus zwei gesunden jungen Tieren den Schatten des Sehers Teiresias heraufbeschwören; nur er könne ihnen den Weg nach Hause sagen, und wie sie lebend und unversehrt dort ankamen. Und so brachen die Männer aus Ithaka nach dreihundertfünfzig Tagen mit einem neuen, voll beladenen Schiff von Aiaia auf.

Vor der Pforte des Hades ließ Odysseus eine Grube ausheben, eine junge Ziege und ein Schaf schlachten und die Grube mit ihrem Blut füllen. Und die Beschwörung gelang; Teiresias erschien tatsächlich aus dem Totenreich. Und dann erklärte er ihnen die einzig mögliche Route nach Hause:

Zuerst müssten sie an den Klippen der Sirenen vorbei und sich so weit wie möglich von den lockenden Stimmen der beiden ebenso verlockenden wie todbringenden Frauengestalten fernhalten. Dann führte die Passage durch eine Meeresenge, in der zur Rechten der Strudel der Charybdis und zur Linken der Fels der Skylla drohte.

Gerieten sie einmal in den Strudel der Charybdis, waren alle tot und mitsamt dem Schiff vernichtet. Hielten sie sich davon fern, werde Skylla auf ihrem Felsen mit ihren sechs Köpfen auf sechs Hälsen nach ihnen greifen und sich sechs Männer holen. Doch es gab keinen anderen Weg nach Hause; sie mussten durch die Meeresenge hindurch!

Mit Kurs nach Norden würden sie die Insel Thrinakria erreichen, auf der die weißen Rinder grasten, die dem Sonnengott Helios gehörten. Auf keinen Fall dürften sie auch nur eines der Rinder töten, um es zu schlachten und zu essen; dann würde niemand von ihnen lebend nach Hause zurückkehren!

Dann und nur dann würden Odysseus und seine verbliebenen Männer Ithaka lebend erreichen.

Nichts von dieser Route blieb ihm und dem Rest seiner Mannschaft erspart, nicht die Klippen der Sirenen mit ihrem Gesang, den Odysseus allein hörte, an den Mast seines Schiffes gefesselt, während die Ohren seiner Gefährten mit Wachs versiegelt waren; ein Gesang über alle Gefährten, die er im Kampf gegen Troja oder im Zug seiner Irrfahrten verloren hatte, so dass er ihm schier das Herz zerriss.

Nicht jene verhängnisvolle Passage durch die Meeresenge von Messina, bei der nur die Wahl zwischen der totalen Vernichtung und dem Opfer von sechs Menschen blieb, um das Schiff und die letzten Überlebenden des Trojanischen Krieges und der Odyssee zu retten.

Und nicht die Ankunft auf Thrinakria, wo sie zuerst mit den Vorräten der Kirke gut versorgt waren, so dass sie die Rinder des Helios getrost ignorieren konnten. Doch sie hatten wochenlang anlandigen Wind aus Süden, so dass sie nicht ablegen und ihre Fahrt fortsetzen konnten; und schließlich gingen ihnen die Vorräte aus.

Aus schierem Hunger schlug einer der Gefährten vor, eines der Rinder zu schlachten und es Helios zum Opfer darzubringen; dies musste den Sonnengott doch milde stimmen! Und es sei gang und gäbe, Tiere nach dem Opferritual zu braten und zu essen.

Vor die Wahl zwischen dem Hungertod und dem Untergang aller gestellt, schrien die Männer nach Essen; Odysseus mochte ihnen ihr bevorstehendes Ende noch so eindringlich vor Augen führen. Und so wurde schließlich das erste Rind geschlachtet, dem Helios geweiht und gebraten. Odysseus allein weigerte sich, auch nur einen Bissen davon anzurühren, und wies dieses Scheinopfer zurück. Und es blieb nicht bei diesem einen Rind, das dran glauben musste...

Es kam, wie es kommen musste: Helios war über den Frevel an seinen Lieblingsrindern erzürnt und drohte, alle zu vernichten. Indes meinte Zeus, dass dies seinem Image als strahlendem, heiterem Sonnengott schaden werde. Er würde für eine Seebrise sorgen, und sobald dieses Schiff in See stach, würde er den Männern ihre Strafe zukommen lassen. Diesmal war es also nicht Poseidon, sondern der Göttervater Zeus persönlich, der den Orkan auf See heraufbeschwor und das Schiff hinein lenkte.

Es zerbarst in tausend Splitter und schickte alle noch verbleibenden Männer in den Tod. Allein Odysseus erhaschte eine Planke, die noch oben trieb, klammerte sich an sie und schloss die Augen, wusste nicht, ob er nun leben oder sterben würde. Viel lag ihm nicht mehr an seinem Leben; es waren zu viele Strapazen und Verluste, die er hinnehmen hatte müssen! Die Schiffsplanke trug den Bewusstlosen an einen Strand, auf dem er liegen blieb.

Dieser Strand gehörte zur Insel Ogygia, auf der die Zauberin Kalypso mit einigen Bediensteten, aber ohne Ehemann und Kinder lebte; und so ergab es sich, dass Kalypso eines Morgens, als sie den Strand nach Muscheln und Treibgut absuchte, dort einen Schiffbrüchigen in den zerfetzten und durchnässten Resten seiner Kleidung liegen sah. Sie veranlasste, dass vier ihrer Mägde ihn aufhoben, in ihr Haus brachten und ihm in ihrem Gemach eine Liegestatt bereiteten.

In den ersten Tagen und Nächten lag der Schiffbrüchige in einem heftigen Fieber, und die Worte und Satzfetzen, die er in seinen Fieberträumen von sich gab, verrieten Kalypso genug: Dieser Mann hatte Strapazen und Verluste erlebt, die manch ein anderer nicht überstanden hätte; und was ihn trotz aller Gefahren und Widrigkeiten am Leben hielt, war allein seine Sehnsucht nach seiner Heimat Ithaka, nach seiner Frau und seinem Sohn.

Als nun Kalypso die Wunden des mittellosen Fremden versorgte, ihm Getränke einflößte, die sein Fieber senkten und seine Nerven beruhigten, und ihn mit ihren Speisen nach und nach wieder zu Kräften brachte, fühlte sie sich von seinen Leiden ebenso berührt wie von seiner unwandelbaren Liebe und Treue zu Frau und Kind, und so schloss sie ihn rascher in ihr Herz, als sie es sich versah.

Diesen Mann konnte sie sich gut als ihren Mann und Gefährten vorstellen; und wenn er bei ihr blieb, war er fortan von künftigen Leiden und Strapazen verschont. Und kraft ihrer göttlichen Abstammung konnte sie ihm mit ihrer Fürsprache bei den Göttern des Olymp zu ewigem Leben, ja zum Rang eines Halbgottes verhelfen!

In der ersten Zeit befand sich Odysseus in einem Zustand, in dem er nichts tun konnte als ihre Fürsorge und Pflege annehmen; und als er sich erholte, empfand auch er bald aufrichtige Zuneigung zu dieser ihn hingebungsvoll liebenden Frau.

Nur konnte er sein Zuhause nicht vergessen und auch nicht die Sehnsucht nach seiner Penelope und seinem Telemachos, der bereits zu einem jungen Mann heranwuchs. Manchmal, wenn er abends Kalypso an ihrem Webstuhl sitzen sah, kam ihm der Anblick seiner Frau in den Sinn; und dann stahl er sich still aus ihrem Haus, zog sich an den Strand zurück und suchte mit seinem Blick am Horizont die Küstenlinie von Ithaka, die ihm wie ein ferner Traum erschien.

Es bedurfte der eindringlichen Fürsprache des Götterboten Hermes, um Kalypso dazu zu bewegen, den liebgewonnenen Fremden freizugeben und ihm die Heimfahrt nicht zu verwehren. Und so verschaffte sie Odysseus das Material – Holz, Harz, Taue und Segeltuch -, aus dem er sich selbst ein Boot baute, und rüstete ihn für die Fahrt mit Vorräten aus.

Als er Kalypso vor seiner Abreise fragte, wie lange er bei ihr gewesen sei, antwortete sie: „Sieben Jahre.“ Sieben Jahre, die wie im Flug vergangen waren…

Doch noch immer hatte Poseidon nicht genug! Sobald Odysseus mit etwas Schwimmendem auf See war, ließ er den nächsten Sturm los, der prompt sein Boot in Trümmer zerlegte. Nur dank des Schleiers, den ihm eine von Poseidons Töchtern heimlich zuwarf und den er sich um die Brust band, gelangte er an die nächstbeste fremde Küste.

Diesmal war es die Küste von Scheria; und es war Nausikaa, Tochter von Antinoos und Phädra, König und Königin der Phäaken, die ihn zwischen Schilf und Seetang fand.

Erschreckt über das vermeintliche Seeungeheuer wich Nausikaa vor ihm zurück; doch Odysseus rief ihr zu, dass er nur ein heimatloser Schiffbrüchiger sei und ihr kein Leid tun wolle. Er hüllte sich in den Schleier der Nymphe, so gut es gehen mochte, und erhob sich; und Nausikaa bedeutete ihm, zum Palast ihrer Eltern mitzukommen.

Das königliche Paar nahm den gestrandeten Fremden großzügig und gastfreundlich auf und lud ihn einen Abend später, als er sich gestärkt und ausgeruht hatte und wieder wie ein zivilisierter Mensch aussah, zum Festmahl an ihre Tafel ein.

An diesem Abend war auch ein blinder Sänger zu Gast; und es ergab sich, dass er Balladen vom Krieg gegen Troja sang, von Kämpfen und Gefallenen und vom Sturz und Untergang der einst so stolzen Stadt. Da verhüllte der gestrandete Gast sein Haupt und begann still zu weinen.

Als ihn Antinoos fragte, was ihm fehle, gab er sich zu erkennen – und dann war Odysseus an der Reihe, zu erzählen, was ihm nach dem Sieg gegen Troja bis jetzt widerfahren war.

Antinoos und Phädra zogen sich zu einem Gespräch unter vier Augen zurück, das nicht lange dauerte. Dann widmeten sie sich wieder ihrem Gast und sicherten ihm zu, ihn auf einem Schiff ihrer Flotte und unter sicherem Geleit nach Hause zu bringen.

Doch als Odysseus nach zehn Jahren Krieg und weiteren zehn Jahren Irrfahrt Ithaka erreichte, konnte er auf Grund der Lage vor Ort nicht einfach in seinen Palast spazieren und seinen Thron besteigen:

In seinem Saal hausten fünfzig Freier, die darauf warteten, dass Penelope einen von ihnen zu ihrem neuen Gatten erwählte. Sie hatten sich dort hemmungslos ausgebreitet, ein jeder benahm sich, als sei er längst Herr des Hauses, und gemeinsam verspeisten und vertranken sie nach und nach die Vorräte des Hofes auf Penelopes Kosten.

Als Odysseus den Strand von Ithaka bei Einbruch der Dunkelheit erreichte, verwandelte Pallas Athene ihn in einen zerlumpten, verwahrlosten Bettler. In dieser Gestalt sollte er um ein Essen und eine Unterkunft für die Nacht bitten, um Zutritt zum Palast zu erlangen und sich ein Bild von der Lage zu verschaffen, bevor er handelte.

Wie Odysseus sich seiner Gattin Penelope vorsichtig näherte und sie nach und nach zu überzeugen verstand, dass er es war; wie sie alle Freier zu einem Festmahl einlud, zu dem sie unbewaffnet kommen sollten, und erklärte, sie werde den zu ihrem Mann erwählen, der den Bogen ihres Mannes zu spannen und durch zwölf gekreuzte Äxte ins Ziel zu treffen vermochte; und wie Odysseus erst den Bogen spannte, dann mühelos ins Ziel traf und schließlich im Festsaal unter den Freiern „aufräumte“, ist das Ende der Legende…
 

Mein Fazit:


Ich möchte noch einmal auf die Tatsache zurückkommen, die ich in meiner Einleitung erwähnt habe: dass das Denken und Weltbild der Menschen im alten Griechenland und auch anderswo in Europa ein anderes war als unseres. Dies liegt zum Teil daran, dass ein Großteil der Inseln und Küstenlinien im Mittelmeer einschließlich der Gezeiten, Tiefen und Untiefen des Meeres noch unbekannt war und es auch noch keine Land- und Seekarten gab, die sie abgebildet haben.

Wer die Geographie Griechenlands grob vor Augen hat, weiß, dass es aus viel Küste und vielen Inseln besteht, so dass dort die Grundlagen der Seefahrt aus der schieren Notwendigkeit entstanden sind. In jenen fernen Tagen waren die seetauglichen Küstenschiffe mit bis zu zwanzig Ruderbänken an der Backbord- und Steuerbordseite, einem Mast mit einem großen Segel in der Mitte und einem Ruder nahe am Heck ausgestattet. Das war alles!

Mit diesen einfachen hölzernen Schiffen sind sie von Hafen zu Hafen gefahren, so dass sie sich rund um ihr eigenes Land mit der Zeit gut auskannten; doch niemand wusste damals genau, was jenseits der Küstenlinien und der Inseln im Ionischen Meer und in der Ägäis lag.

Die Welt, die jenseits des Horizontes von Himmel und See lag, musste größer und weiter sein und viel mehr bergen, als sie wussten und kannten! Das ahnten und spürten alle, die je zur See gefahren sind, und es bewahrheitete sich durch die greifbare, konkrete Erfahrung vor Ort. Von daher war jede Seefahrt ein Aufbruch in das große Unbekannte...

Da in den Tagen Homers niemand wusste, was jenseits der ihnen vertrauten Welt lag, konnte er seiner Vorstellungskraft ungehindert freien Lauf lassen und aufmarschieren lassen, was es so alles geben mochte: Riesenschlangen und menschenfressende Ungeheuer zu Lande und zur See, Menschen mit fremden Sitten und Gebräuchen, zum Teil mit übernatürlichen Kräften, die ihnen Götter vererbt hatten, die mit Menschenfrauen fremd gingen, allen voran Göttervater Zeus.

Letztlich hat Homer Odysseus in das Spannungsfeld zwischen Wind, See und Klippen geschickt, hinter dem man freundlich und feindlich gesinnte Götter vermutete.

Er mag in kritischen Situationen seinem Hang zur Eitelkeit und Überheblichkeit erlegen sein und dadurch den Zorn Poseidons auf sich und seine Schiffe gelenkt haben. Doch in den meisten Situationen, die Homer schildert, die ausnahmslos Tod und Untergang heraufbeschworen und rasches, rettendes Handeln erforderten, konnte er sich nicht in eine lange Meditation zurückziehen und die Götter fragen, was er tun sollte, wie es die Seherinnen und Seher in den Göttertempeln taten, wenn sie ihrer Gottheit eine bestimmte Frage zur Klärung und Entscheidung vorlegten.

In solchen Situationen kam ihm seine herausragende Fähigkeit zu Gute, die Pallas Athene und Hermes an ihm schätzten und beide bewogen, ihn zu unterstützen: sein rasch funktionierendes Gehirn und sein Einfallsreichtum, wenn es darum ging, den Hals aus der Schlinge zu ziehen und davonzukommen.

Was diesen Stoff aus der klassischen Antike bis in unserer Zeit lebendig erhalten hat, ist Homers Gabe, farbig und anschaulich zu erzählen, und die Tatsache, die für uns Menschen auch heute noch gilt: dass unser Leben mit seinen Prüfungen, Siegen und Niederlagen zur Hälfte von unseren Fähigkeiten und Eigenschaften bestimmt wird, und zur Hälfte von Mächten, die von außen in das Geschehen eingreifen und auf die wir bei all unserem Wissen und Können keinen Einfluss haben.

Mathematiker fassen diese Mächte unter dem Begriff Faktor X zusammen, Anhänger der Chaostheorie mit dem Schlagwort Schmetterlingseffekt. Viele nannten und nennen sie bis heute das Wirken Gottes oder der Götter. Wie man es auch nennen mag: Immer kann etwas geschehen, das uns unserer vermeintlichen Macht beraubt und vor dem wir machtlos stehen.