Was außer der Familie und der Musik sonst noch zählt
Die Städte Berlin und Paris
In Berlin wurde Reinhard Mey, wie bereits erwähnt, geboren, ist sein Leben lang bekennender Berliner geblieben und hat dort auch seinen festen Wohnsitz. Er hat diese Stadt zerbombt und in Trümmern liegend gesehen, die Flüge der „Rosinenbomber“ erlebt, die auf dem Flughafen Tempelhof landeten und starteten, den Mauerbau 1961 und den Mauerfall 1989. Er kennt die tiefen Wunden und Narben, die der Krieg und die Teilung in Ost- und West-Berlin in seiner Heimatstadt hinterlassen hat und die bis heute spürbar geblieben sind.
Auch die Schwere und Schwermut, die seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges über unserem Land und seiner Hauptstadt lastet und zu der seit der Aufteilung in Ost und West der Eindruck von Kälte und Entfremdung hinzugekommen ist, blieb ihm sein Leben lang bewusst und in ihm lebendig. Auch über das schwierige, zum Teil schmerzhafte Verhältnis zu seiner Heimatstadt und unserem Land hat er immer wieder gesungen.
Doch die andere Hälfte seiner Persönlichkeit gehört Frankreich und Paris, das seit den frühen 1950er Jahren zu seiner zweiten Heimat geworden ist. Aus Paris kommt bei Reinhard Mey die Fähigkeit zur Freude an den schönen und angenehmen Dingen des Lebens wie zum Beispiel am Zusammensitzen mit Freunden am Abend bei einem Glas Wein, und auch der Stil seiner Kompositionen.
Der Fluss und die Textur seiner Melodien gehen bis heute auf seine großen Vorbilder Charles Aznavour und Charles Trenet, George Brassens und Boris Vian zurück, die er im Olympia und im Bobino gesehen und gehört hat. Sein Gitarrenspiel orientiert sich an Django Reinhardt und Stéphane Grappelli, die er beide live auf dem linken Seineufer erlebt hat, abends im La Huchette oder im Deux Magots.
Wo ihn die Schwere des deutschen Seins und Wesens zuweilen in Grund und Boden drückt, ist es die Leichtigkeit und der Lebensgenuss in La Douce France, seiner zweiten Heimat, die ihm Auftrieb verleiht – und wo er bis heute bis heute als Frédéric Mey eine ebenso treue Fangemeinde hat wie in den deutschsprachigen Ländern.
Die Nordseeküste und das Segeln
Sobald Reinhard Mey an einem neuen Album arbeitet, zieht er sich von Anfang Mai bis Ende September in sein Haus in Kampen auf der Insel Sylt zurück, seine „Komponistenhütte“, in der er an jeder Textzeile und jeder melodischen Feinheit schleift und feilt. In dieser Zeit ist er für niemanden zu sprechen außer für seine Familienangehörigen.
Wenn er sich nach getaner Tagesarbeit entspannen will, kreuzt er mit seiner kleinen Segelyacht im Wattenmeer vor der Nordseeküste, um sich von der Seebrise den Kopf frei pusten zu lassen und im Spiel von Wind und Wellen zur Ruhe zu kommen, und kennt sich sowohl mit dem Gesetz von Luv und Lee als auch auf den friesischen Inseln und drumherum bestens aus.
Ihm ist das Spiel der Farben, Lichter und Stimmungen an der Küste und auf See im Wechsel der Tiden, Tages- und Jahreszeiten ebenso vertraut wie Siegfried Lenz, der die Nordseeküste und ihre Menschen in seiner Deutschstunde auf solch unvergessliche Weise porträtiert hat.
Sind seine Songs aus seiner Sicht reif für das neue Album, packt er seine Demo-Aufnahmen zusammen, kehrt von Sylt auf das Festland zurück und begibt sich nach Aachen, wo sein bewährter Wegbegleiter Manfred Leuchter in seinem Tonstudio die Aufnahmeleitung übernimmt, während Alex Jacobi an den Reglern und Registern seines Mischpults zugange ist.
Und dann feilen die drei und alle anderen an der Produktion Beteiligten, bis alles passt und das neue Album fertig ist; in der Regel Ende November.
Das Fliegen
Seit seine Mutter Hertha ihn regelmäßig zum Flughafen Tempelhof mitnahm, um mit ihm das Starten und Landen von Flugzeugen zu beobachten, war es um Reinhard Mey geschehen: Fortan war und blieb sein größter Traum der vom Fliegen, den er mit der ihm eigenen Konsequenz und Beharrlichkeit in die Tat umgesetzt hat.
Seit 1973 ist er offiziell im Besitz der Fluglizenz für Motorflugzeuge, hat seinen Flugschein um den für elektronisch gesteuerte Flugzeuge und sogar für Kunstflug erweitert. Ja, und seit 1984 ist er auch stolzer Besitzer einer zweimotorigen Cessna, mit der er eine Zeitlang zusammen mit einem befreundeten Piloten Charterflüge innerhalb von Europa unternommen hat.
Das heißt, wenn Reinhard Mey wollte, könnte er noch heute auf jedem beliebigen Flughafen starten und landen. Indes hat er seit 2013, mit siebzig Jahren, aus Sicherheitsgründen freiwillig aufgehört, aktiv als Pilot zu fliegen.
Doch von der lebenslangen Faszination und Leidenschaft des Fliegens hat er über die Jahre und Jahrzehnte hinweg immer wieder in seinen Liedern erzählt:
* Über den Wolken (1974) ist in den deutschsprachigen Ländern sein bekanntestes und beliebtestes Lied überhaupt, auch wenn es nur von der Sehnsucht nach dem Fliegen spricht, die jemand empfindet, der einem Flugzeug beim Starten zusieht, ohne dass derjenige selbst fliegt, weder aktiv noch passiv.
* Golf November (1996) erzählt von der spektakulären Rettungsaktion eines Hubschraubers der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft (DLRG), dessen diensthabender Pilot gemeinsam mit dem Arzt einen Tag vor Heiligabend ein Kind rettete, das am Steinhuder Meer im Eis einbrach und versank.
* Nachtflug (2012) beschreibt nicht mehr und nicht weniger als das, was der Titel des Liedes besagt: das Starten, Fliegen und Landen bei Nacht aus der Perspektive des Cockpits. Doch welch klare, plastische, anschauliche Worte spiegeln das Erlebnis des Fliegens wider, unter der Kuppel des sternfunkelnden Alls!
* Lilienthals Traum (2008), mit den Berliner Philharmonikern aufgenommen und eingespielt, erzählt vom Leben und Schaffen des Erfinders und Flugpioniers Otto Lilienthal, von der puren Faszination und Lust, gleich einem Vogel schwerelos in den Lüften zu schweben, und schließlich von jenem Tag im August 1891, als er mit seinem Segelflugzeug durch eine jäh einsetzende Steilbö abstürzte und starb.
Doch der nahende Tod hat für Lilienthal weder etwas Schreckliches noch gar etwas Vernichtendes. Ein letztes Mal dem Flug der Störche folgend, steigt er frei und schwerelos zum lichtdurchfluteten Blau des Himmels empor...