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Blog

Weggefährten

Von jenen, die mich in meiner Entwicklung am stärksten geprägt haben, möchte ich in meinen Beiträgen erzählen...



Vorwort zu meinem Blog-Bereich „Weggefährten“

Es gibt Neues von mir! Zwischen dem 16. und 31. Dezember 2019 ist mein neues Buch „Weggefährten – Eine kleine Dankmusik“ erschienen, dessen Kapitel zugleich die Beiträge dieses Blog-Bereiches sind.

„Weggefährten“ entspringt einem ähnlichen Bedürfnis wie mein Vorgängerwerk „EUROPRISMA – Meine Seelenreisen“, nur möchte ich diesmal nicht Städten und Ländern danken, in denen ich zu Gast war. Diesmal geht es mir um Persönlichkeiten und Phänomene des 20. Jahrhunderts – einige gehen noch ein bisschen weiter zurück -, die mich zu der gemacht haben, die ich heute bin.

Natürlich kann man sagen: Was man wird und was man aus sich und seinem Leben macht, liegt in der eigenen Verantwortung. Gewiss. Doch zur geistig-seelischen Entwicklung eines Menschen gehören ebenso inspirierende oder gar entscheidende Anstöße und Impulse von außen.

Von jenen, die mich in meiner Entwicklung am stärksten geprägt haben, möchte ich in meinen Beiträgen erzählen und würde mich freuen, wenn auch IIhr mit einsteigen und von euren entscheiden-den Impulsgebern oder Wegweisern erzählen würdet.


04.07.2020 - Mein Plädoyer für menschliche Werte und Menschenwürde
Eigentlich wollte ich an diesem Wochenende über andere Themen schreiben und sie hochladen; aber momentan liegen Tendenzen und Stimmungen in der Luft, die mir sagen, dass meine beiden folgenden Artikel, die ich parallel auch ins Englische bzw. ins Deutsche übersetzt habe, derzeit wichtiger und dringlicher sind. Der erste Artikel ist mein kleiner "Senf" zur allgemeinen Gemengelage in Deutschland, Europa und weltweit.


Mein Plädoyer für menschliche Werte und Menschenwürde

Seit Donald Trump zum Präsidenten der USA ernannt wurde und weltweit die Flüchtlingsströme immer mehr zugenommen haben – sprich, seit etwa 2015 – habe ich mich immer wieder gefragt, was Menschen in Deutschland, Europa und weltweit so bitter, unzufrieden und wütend macht, dass sie einander entweder verbal im Internet und den Social Media oder konkret auf den Straßen und Plätzen unserer Städte angreifen und zu Hackfleisch verarbeiten.

Heute glaube ich, es liegt hauptsächlich daran, dass sich etwa seit diesem Zeitpunkt eine geistige Strömung ausgebreitet hat, die alle Lebensbereiche erfasst und durchdringt und die Menschen ihrer Ziele, ihrer Orientierung und des Sinnes ihres Daseins beraubt, indem sie ihre Werte und Ziele als null und nichtig, als unnütz und sinnlos, ja, sogar als schädlich für uns und für künftige Generationen erklärt.

Dabei werden wir Menschen alle von Motivationsfaktoren angetrieben, nach denen wir uns ausrichten und in denen wir den Sinn unseres Daseins sehen:

Da sind die Faktoren der Seele, des Gemütes:

die Verbundenheit mit und Zuneigung zu Familienangehörigen und/oder Lebenspartnern und/oder Freunden und Bekannten, denen wir Solidarität und Empathie mit Worten, Gesten und Berührungen bekunden, wenn wir einander begegnen.

Da sind die Faktoren des Geistes, des Verstandes:

die Kenntnisse und Fähigkeiten, die wir uns im Lauf unseres Lebens teils bewusst aneignen und die teils auf Grund unserer Erfahrungen und Erkenntnisse in uns wachsen und reifen.

Und da sind die schöpferischen Prozesse, die Summe des Zusammenwirkens von Geist und Seele:

Ein Impuls oder Anstoß, der uns trifft und den Ansatz zu einem Gemälde oder einer Skulptur, zu einem Lied, einer Sonate oder einer Melodie, zu Sätzen und Absätzen auf dem Papier bzw. zu Szenen und Dialogen auf der Theaterbühne oder Kinoleinwand in uns weckt.

Diese drei elementaren Motivationsfaktoren begründen unsere menschlichen Werte; darin drückt sich unsere Menschenwürde aus. Nur nicht in Daten und Zahlen, die man in eine Anwendermaske oder ein Formular eingeben, die man als Daten- und Zahlenmaterial speichern und zu Statistiken auswerten und hochrechnen kann.

Und alles, was sich nicht in Daten und Zahlen um- und hochrechnen lässt, ist für diese geistige Strömung wert- und nutzlos. Daraus ist eine Ideologie der Negierung und Verachtung menschlicher Werte – sprich, des Zynismus - entstanden, die Politik und Wirtschaft, Kunst und Wissenschaft sowie alle Gesellschaftsschichten im Lauf weniger Jahre erfasst und durchdrungen hat.

Das ist es, was Menschen in Deutschland, in Europa, auf der ganzen Welt bemerken, erkennen und fühlen, ohne es in Worte fassen zu können.

Entweder ergeben sie sich, weil sie diesem allumfassenden Zynismus hilflos und ohnmächtig gegenüberstehen: dann vergeht ihr Geist und ihre Seele und erlischt schließlich.

Oder sie bäumen sich gegen diesen Zynismus auf und wehren sich entweder mit Worten oder mit physischer Gewalt gegen die geistig-seelische Vergewaltigung, die ihnen angetan wird.

Doch diese Ideologie der Negierung und Verachtung menschlicher Werte, dieser Zynismus stellt Gegenpole einander gegenüber, hebt ihre negativsten Eigenschaften hervor und malt sie an die Wand, spielt sie so gegeneinander aus und hetzt sie gegeneinander auf:

Analoge gegen Digitale, regional gegen international-Denkende, Nationalisten gegen Multikulturelle, Traditionsbewahrer gegen Innovative etc. etc.

Und so sehen diese Gegenpole im jeweils anderen Pol das Übel der Menschheit, das es auszurotten gilt, und gehen einander verbal oder körperlich an die Kehle, anstatt sich der Ideologie des Zynismus entgegenzustellen, die in wenigen Jahren zu einer Meinungsdiktatur herangewachsen ist, wie sie die Menschheit nie zuvor gekannt und erlebt hat!

Wie können wir dieser Ideologie der Menschenverachtung und des Zynismus, dieser Meinungsdiktatur entgegentreten und sie bekämpfen?

Noch gestern hätte ich mit dem walisischen Dichter Dylan Thomas gesagt:

„Do not go gentle into that good night.

Rage, rage against the dying of the light!“


Doch wenn wir der Ideologie des Zynismus mit Wut, Zorn und Hass begegnen, zerfleischen und vernichten wir nur einander und uns selbst.


Unser Kampf muss schlicht und einfach darin bestehen, dass wir weiter tun, was uns zu Menschen macht:

Einander unterstützen, zueinander stehen, einander Halt und Wärme geben und, wo und wann es möglich ist, einander ein wenig Freude und Glück bereiten.

Unsere Kenntnisse und Fähigkeiten, die wir erworben haben und die uns zu dem formen, was wir sind, behalten, in uns verwahren und weiter von ihnen Gebrauch machen.

Und als Kreative, als freischaffende Künstler unsere Werke weiter vollenden und den Menschen anbieten. Mögen sie sie annehmen oder nicht; es ist ihre freie Entscheidung.


Und so sage ich

den Malern und Skulpturisten:       

Nehmt Eure Werke in unsere Parks und Gärten mit! Sprecht über sie mit den Menschen, die stehenbleiben und sie bewusst ansehen!
 

den Musikern und Sängern:

Spielt und singt eure Stücke und Lieder auf den Straßen und Plätzen unserer Städte!


den Dramatikern und Filmregisseuren sowie den Tänzern, Darstellern und Schauspielern:

Geht mit euren Stücken ins Netz, vor allem aber auf die Freiluftbühnen und -arenen und zeigt sie dort!


Und den Schriftstellern und Dichtern:

Schreibt und vollendet weiter eure Werke! Stellt sie ins Netz und in die Bücherregale, denn dort werden sie bleiben!



18.06.2020 - Les Misérables oder der Valjean-Javert-Effekt
Natürlich ist Victor Hugos Epos mehr als das Musical, das sich notwendigerweise auf die Hauptfiguren und deren Schicksal konzentrieren muss. "Les Miserables" ist ein monumentales Sittengemälde aus der Zeit von 1815 bis zur Julirevolution von 1832. Es gibt kaum ein Thema, kaum eine Strömung des Zeitgeistes und der Moden, zu der Hugo nicht Stellung bezieht: Von der Rolle der Religion nach der Ära der Säkularisation über die Trends und Vergnügungen auf den Boulevards und den technischen Veränderungen auf den Straßen und Gassen von Paris bis hin zur Sprachbildung und -entwicklung in unterschiedlichen Milieus und zu einem Genrebild der Pariser Bohême, sprich, des Studenten- und Künstlervolks um 1832.


Les Misérables oder der Valjean-Javert-Effekt

Wenn aus Klassikern der Weltliteratur wie Oliver Twist von Charles Dickens oder Das Phantom der Oper von Gaston Leroux Musicals entstehen, erhebt sich meist zeitgleich mit der Uraufführung des Musicals ein Sturm der Empörung in der Welt der Literaten und Bibliophilen: Schmach und Schande! Wieder hat die eitle, glitzernde Welt des Showbusiness zugeschlagen und ein hochstehendes literarisches Werk banalisiert und trivialisiert!

Andererseits sorgen gerade solche Inszenierungen dafür, dass besagte Klassiker nicht in Vergessenheit geraten; ja, dass an ihnen in den Menschen aufs Neue lebhaftes Interesse erwacht.

Bei der Musical-Adaption von Victor Hugos Klassiker war dies nicht anders. Was mich angeht, kann ich zum Thema „Wiederbelebungseffekt“ nur sagen: Hätte ich nicht zuerst die Doppel-CD mit der Originalbesetzung aus der Royal Albert Hall gehört, wäre ich womöglich nie auf die Idee gekommen, mir die Romanvorlage in der englischen Übersetzung nach Hause zu holen.

Natürlich ist Victor Hugos Epos mehr als das Musical, das sich notwendigerweise auf die Hauptfiguren und deren Schicksal konzentrieren muss.

Les Misérables ist ein monumentales Sittengemälde aus der Zeit von 1815 bis zur Julirevolution von 1832. Es gibt kaum ein Thema, kaum eine Strömung des Zeitgeistes und der Moden, zu der Hugo nicht Stellung bezieht: Von der Rolle der Religion nach der Ära der Säkularisation über die Trends und Vergnügungen auf den Boulevards und den technischen Veränderungen auf den Straßen und Gassen von Paris bis hin zur Sprachbildung und -entwicklung in unterschiedlichen Milieus und zu einem Genrebild der Pariser Bohême, sprich, des Studenten- und Künstlervolks um 1832.

All dies kann weder ein Musical noch ein Film schildern und zeigen; hierfür ist eindeutig das geschriebene Wort da.

Aus solch einem Mammutwerk den Kern, den wesentlichen Gehalt zu destillieren und ihn so spannend, ja packend aufzubereiten, dass Victor Hugos Werk noch heute Zuschauer auf der ganzen Welt zu fesseln vermag, ist aus meiner Sicht das größte Verdienst von Alain Boubil als Textdichter und Claude-Michel Schönberg als Komponist; ebenso groß wie die Leistung, als Franzosen ein Musical auf die Bühne zu wuchten, das sich seit über fünfundzwanzig Jahren gegenüber der Dominanz von Tim Rice und Andrew Lloyd Webber zu behaupten vermag.

Dies ist umso erstaunlicher, als die Texte und Melodien der Arien und Rezitative in der englischen Übersetzung den Fluss und die Eigenheiten der französischen Sprache beibehalten: jenes flache, rasche Dahineilen der Stimme ohne große Hebungen und Senkungen, die Dominanz der Konsonanten gegenüber den Vokalen, die Eigenart, Sätze und Worte, die ohnehin schon kurz genug sind, noch mehr zu verkürzen, woraus sich ein hartes, geradezu metallisches Stakkato ergibt.

Am deutlichsten hört man dies in der Massenszene „At the End of the Day“ oder in Jean Valjeans Konflikt-Monologen, und genau diesem Faktor verdankt das Musical Les Misérables wohl seinen dauerhaften Erfolg: die gelungene Übertragung der treibenden, vorwärtsdrängenden Kraft der französischen Sprache ins Englische.

Der zweite Faktor ist der Reichtum an ehrlichem, tief empfundenem Gefühl, das mit seichter Sentimentalität oder Banalität nichts zu tun hat, sondern sich aus der Tiefe empor ans Licht kämpft.

Wenn Jean Valjean, nachdem er auf frischer Tat beim Diebstahl ertappt wird und vom Bischof von Digne statt einer Strafe eine reelle Chance bekommt, sich zu bewähren, zu seinem ersten großen Monolog „What Have I Done?“ ansetzt, dann spricht aus ihm genau das, was er in diesem Moment ist: ein hungriges, waidwund geschundenes Tier, eine Bestie in Menschengestalt; und dann der Wandel, den das Handeln und die Worte des Bischofs von Digne in ihm auslösen.

Wenn Fantine, ihres Haars und zweier Zähne beraubt und ohne einen Sou in der Tasche und ein Dach über dem Kopf, sich erstmals einem Mann für Geld zur Bedienung anbietet, hört und spürt man am Ende von „Lovely Ladies“ ihren Abscheu und Hass gegen diesen Mann, gegen dieses Leben und gegen sich selbst.

Und wenn Eponine, die Tochter des Gangster-Ehepaares Thénardier, mager und in Lumpen gekleidet durch das nächtliche Paris irrt, um für jemanden, der sie keine Sekunde lang und nicht einmal mit einem Funken liebt, eine wichtige Warnung auszurichten, dann spürt und begreift man in „On My Own“, dass allein das Wesen des Mannes, den sie liebt, ihr reicht, um ihr einsames, erbärmliches Leben mit Glanz und Licht zu erfüllen.

Was Les Misérables aus dem Schmutz der Gosse erhebt und diesem Stück seinen tiefen, edlen Glanz verleiht, ist die Weigerung der Mutigen, Tapferen, die niemand sieht und beachtet, das ihnen zugedachte Schicksal klaglos hinzunehmen, ihr Kampf, sich aus Schlamm und Schmutz zu erheben, in den die Welt sie ständig stoßen will, und der Freiheit und dem Licht entgegen zu streben.

Denn wenn es ein großes Unrecht, eine himmelschreiende Gemeinheit auf Erden gibt, dann sind es die Häme und Selbstgerechtigkeit, mit der die sogenannte gutbürgerliche Gesellschaft jene verurteilt, straft und bis an ihr Lebensende verfolgt, die sich ein Vergehen zuschulden haben kommen lassen, dessen Bestrafung in keinem Verhältnis zu dem steht, was sie getan haben.

Wer einmal gestrauchelt und gefallen ist, kann sich noch so sehr bemühen, aus dem Sumpf herauszukommen und etwas Besseres zu erreichen als das, was er hatte: Irgendeinen oder irgendetwas gibt es immer, das ihn in den Dreck zurückstoßen und -treten will.

Genauso ergeht es Jean Valjean ein Leben lang mit Inspektor Javert: Er kann mit seinem Startkapital aus eigener Kraft zum erfolgreichen Unternehmer, ja sogar zum Bürgermeister aufsteigen – Inspektor Javert ist und bleibt auf seiner Spur, lauert Tag für Tag, Jahr für Jahr darauf, dass seine Beute einen Fehler macht und fällt, um sie dorthin zu schicken, wohin sie seiner Meinung nach gehört. Genau dorthin zurück, wohin Valjean nie wieder möchte: zurück in die alte Schuld, in sein altes Vergehen.

Nichts als die melodramatische Erfindung eines Romanciers oder Dramatikers? Kalter Kaffee aus Urgroßvaters Zeiten? Keineswegs! Auch in unserer Zeit funktioniert der Valjean-Javert-Effekt noch einwandfrei.

Man erinnere sich an den denkwürdigen Opernabend an der Mailänder Scala, als Maria Callas wegen einer Erkältung ihre Stimme verlor und die Aufführung platzen ließ. Genau dieses eine menschliche Versagen haben ihr Reporter weltweit immer wieder vorgehalten, und das über Jahrzehnte hinweg, bis ans Ende ihres Lebens.

Oder man denke an den Satz, den Fürstin Gloria von Thurn und Taxis einmal vom Stapel ließ: „Die Afrikaner schnackseln halt gerne.“ Genau mit diesem Satz wird sie seit Jahrzehnten von der Presse und von ihren Gegnern ins rechte Lager gedrängt und in die Nähe des Rassismus gebracht, wohin sie weder gehört noch was je in ihrer Absicht lag; es war eine bloße Gedankenlosigkeit von ihr, die seither immer wieder gegen sie verwendet wird.

Und nicht zuletzt Angela Merkels Satz „Wir schaffen das“ aus dem Jahr 2015, den das gesamte rechte Spektrum als Feindparole missbraucht, an dem es sich seither aufgeilt und den es bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit ans Licht zerrt.

Wenn es eine Eigenschaft der menschlichen Natur gibt, die mir mehr Entsetzen, ja Grauen einflößt als alle anderen, dann ist es das höhnische, hämische Lauern auf eine Schwäche, ein Fehlverhalten eines Anderen, um ihn zu Fall zu bringen und eine Waffe zu haben, mit der man nach Belieben auf seinen Gegner einprügeln kann.

Doch was ist die geeignete Waffe dagegen? Jegliche Schwäche, jeglichen Makel in sich auszumärzen? Oder sich hinter einer aalglatten, eiskalten Fassade zu verstecken? Danach strebt, das versucht gerade unser Zeitgeist mit aller Macht, und die Hetze der Medien trägt mit Eifer dazu bei, diese Tendenz zu verstärken.

Andererseits: Was sind wir, wenn wir jederzeit perfekt und tadellos sind, wenn wir nur noch als geleckte, glatt gebügelte, tadel- und reibungslos funktionierende Maschinen herumlaufen?

Weiter nichts als grausame, seelenlose Ungeheuer, vor denen andere nur entsetzt fliehen können, weil sie damit rechnen müssen, von ihnen gnadenlos niedergemacht zu werden!

So entsteht eine Atmosphäre der zunehmenden Angst und Lähmung. So entsteht Unterdrückung. Bis die Schwachen, Unterlegenen sich mit der letzten, oft einzigen Waffe wehren, die ihnen bleibt: mit Hass und Gewalt, mit der sie zeitgleich mit ihrem Feind auch sich selbst zerstören und vernichten…

So betrachtet, ist Les Misérables eine zeitlos gültige Warnung und Mahnung: Seht hinab! Seht hinab in den Abgrund, zu den Verstoßenen und Verachteten! Lasst ihnen gegenüber Gnade vor Recht ergehen und helft ihnen, sich selbst zu helfen, oder sie werden sich eines Tages erheben und gegen euch wenden!

 



24.04.2020 - Truman Capote, who was not In Cold Blood at all
Referring to In Cold Blood, news speakers said that the title bore reference to the ice-cold way devoid of any sympathy in which the members of this family were killed; to the mechanisms of justice in the U.S. and their progress towards the sentence of Death and execution; and, last but not least, to the way Truman Capote gained the trust of both assassins during their arrest, wrote about them, and seemed to accept their execution without being moved in any way in order to finish his novel as he had planned it. I did not know and learn more about him then, when I was just fourteen years of age. As the name „Capote“ sounded to me like „Al Capone“, and as he obviously had been on regular terms with people committing capital crimes, I thought that he was some sort of Mafia boss who occasionally wrote novels, just like: „I make him an offer he can’t refuse.“ I did not want to have any relation to any writer of such a kind; neither did I want to read anything he wrote. And that was the long and the short of it.


Truman Capote, who was not In Cold Blood at all

It was in 1984 I first heard the name of Truman Capote mentioned when the news of his Death were spread around the world. In their epitaphs, news speakers mentioned In Cold Blood, his factitious novel which was awarded with the Pulitzer price. It deals with the brutal robbery and murder committed by two petty gangsters who wiped out a family in the South just for about US$ 300 in cash, and the period from their arrest to their execution on the electric chair.

Referring to In Cold Blood, news speakers said that the title bore reference to the ice-cold way devoid of any sympathy in which the members of this family were killed; to the mechanisms of justice in the U.S. and their progress towards the sentence of Death and execution; and, last but not least, to the way Truman Capote gained the trust of both assassins during their arrest, wrote about them, and seemed to accept their execution without being moved in any way in order to finish his novel as he had planned it.

I did not know and learn more about him then, when I was just fourteen years of age. As the name „Capote“ sounded to me like „Al Capone“, and as he obviously had been on regular terms with people committing capital crimes, I thought that he was some sort of Mafia boss who occasionally wrote novels, just like: „I make him an offer he can’t refuse.“

I did not want to have any relation to any writer of such a kind; neither did I want to read anything he wrote. And that was the long and the short of it.

Till Christmas day three years ago, when a lady, who once lived next to me in our house at Gauting, gave me Breakfast at Tiffany’s as a present. In Germany, this novel has nearly sunk into oblivion nowadays; but many people still know the famous movie with Audrey Hepburn as Holly Golightly, which made her an icon of the 1960s.

Breakfast at Tiffany‘s starts with the sentence: „I am one who is drawn back to places he once lived in.“ The narrator enters a bar he regularly visited when he lived there in order to say a couple of words to George the bar keeper, who is a good friend of his.

While they are talking, they somehow come back to Holly Golightly, a party girl in New York who was regularly visited by high society people of repute, and whose big ambition was to marry a multi millionaire one day. Till that day when she needed to get out of New York at God’s speed, and took the next plane that left for Brazil, continuing her search for her multi millionaire there.

Nothing has been heard or seen from her for years until a proof of her being still alive suddenly creeps up somewhere in the West of Africa: in the shape of a little figure bearing her features, which an African, who obviously is still in love with her, has carved from wood to keep a reminder of her.
It seems that she has moved on again as she has done so often before…

Both George and the narrator still remember Holly Golightly well, too. Both of them loved her, each of them in his own way, and never forgot her. There is a certain sort of people, and they do not even need to be rich and famous. There is something special about them in their radiance, in their ways, in their nature that attracts you to them, that makes you never forget them. But they don’t stay with you, or you don’t stay with them – you just cannot hold them.

For me, such a person was a teacher of history we had in the seventh grade. She looked plain and unassuming and was dressed plainly and unassumingly; but she was able to tell us of the ancient Egyptians, the ancient Greek, the ancient Romans with such an abundance of imagination and vivacity that, with her in class, history was never dull but a thrilling, captivating adventure – the adventure of Mankind.

And such a person was a lecturer we had in „Translations of arts-related Subjects from German into English“ at the Institute for Languages and Foreign Studies at Erlangen. There was a liveliness and a joy of living in this woman which I have rarely seen in anybody else, as well as she never grew tired in her enthusiasm for the culture of Great Britain and Ireland, and their great personalities in arts and literature.

No matter how you look at it: By the time I arrived at the end of Breakfast at Tiffany‘s, I told myself that someone who is able to paint portraits of people so warmly and with so much life and truth can never be a gangster or even a Mafia boss, let alone a cold-blooded man with neither a conscience nor any sympathy in him.

It happened that, just at the time when my neighbor gave me this novel for a present, the small but independent publishing house Kein und Aber Verlag relaunched Truman Capote’s entire literary catalogue, including novels and short stories which had not been known before... I got hooked and had to follow the traces he had left in me.

During the weeks and months that followed, I gradually got myself:

„The Grass Harp“, a gentle, wistful tale of flourishing and failing life dreams; the novel „Other Voices, Other Rooms“ straight from the swamps of Alabama – and straight from a fever swamp in which the eleven-year-old half-orphan, his aunt, his cousin and the mental and physical wreck that is his father seem to sink, and drown; „The Tree of Night“, a collection of short stories and narratives relating to human beings and the fate that befalls them; and, last but not least, „The Dogs Bark“ – a summary of his portraits and interviews of celebrities of the 1950s and 1960s which were issued in „Esquire“, „Harper’s Bazaar“, and „The New Yorker“.

From what I read, it were not only all those people he met in the course of his life and his journeys who emerged before my mental eye, but also Truman Capote himself:

The little boy whom his mother left without any words in order to move to New York and become famous and who, one day, quitted her life with an overdose of Veronal. His father who, after his wife had left him, did not know what to do with his son, and handed him over to the care of his two unmarried sisters.

Later, his mother and his father alternately raised claims for him again; but hardly did he arrive at their place when they neglected and slighted him again, taking care of their own interests and the social spheres they lived in.

The little boy who was left alone for a long time and quite often and, in order to have some occupation and company, took books from the shelf, one by one, devouring them, first at his aunts‘ home in Alabama, then at his mother’s in New York, till he started to write on his own and only knew one goal for his life: to become an author. As he started reading and writing at an early stage in his life, his precocious frame of mind developed into what people call „a little professor“.

And the little boy who barely survived the bite of a mocassin snake and a perforated appendix and, since then, knows what the fear of Death is, and what it means to fight against it.

If being a child means living without any care or worry, not knowing any sorrow, feeling well-kept and comforted, then Truman Capote never was a child; rather, an adult in the frame of a child.

And this is how he must have appeared in the spheres of New York he was into: a small, a bit stout man with fair hair and round eye glasses who talked with a high voice that sounded child-like, and wore scarfs, caps, hats and rings as accessories.

In short: an oddball, a strange kind of fellow. Other people will not take such a guy seriously, he is out of their games. At the same time, however, they will open up and tell him things they would not even confide to their relatives.

And Truman Capote had one quality which made him a sort of human whisperer: He talked to all people he met on their level. He never placed himself above a person, but adjusted his view to whom he was talking to. And he listened to every woman and every man, and left them in their nature and ways just as they were.

He once said that, as he was accustomed to observing people so closely and his memory was brilliant, he knew exactly how to get people on his side so that they gave him what he wanted. And he also said that everything he wrote was conceived, planned and elaborated in technique and style.

But as far as his inner self was concerned, he was neither a analyst scrutinizing the nature of Man under a microscope without feeling nor pity, nor a cold, technical virtuoso of language.

Otherwise, he could never have written about Elizabeth Taylor and Marilyn Monroe the way he did: Not like a journalist who hoists up a star or tears her down, depending on the current fashion or trend in society. More like a friend who makes a close friend of his appear as she really was.

Otherwise, he could never have portrayed his aunt Sook Faulk who, during all her life, never got beyond the mental stage of a twelve-year-old child, as such a wise woman with such a gentle, kind heart as he did in Thanksgiving Day, and in his Christmas memories.

And otherwise, his factitious novel In Cold Blood would not have drained all his faculties, and broken the spine of his mind and soul so that, after this novel, he was able to write yet, but no longer able to create another great, outstanding piece of his art.

He spent the last couple of years within the care of a good friend he had in New York until he died at the age of sixty years, almost left completely lonely, and with his physical and mental health ruined. However, two days before he died, he finished his last commemoration „Memories of Willa Cather“, an author from the South like him. In this respect, he remained faithful to himself; he remained an author to the end…



05.04.2020 - 9. Symphonie von Antonín Dvořak - Aus der Neuen Welt
Nach meiner Kategorisierung sollte eine Symphonie eigentlich in den Bereich „Musik und Emotionen“ gehören. Doch neben der Moldau und Bedřich Smetanas Vaterland-Zyklus hat mich kein Orchesterwerk länger und treuer durch mein Leben begleitet als Antonín Dvořaks 9. Symphonie, Aus der Neuen Welt. Sobald diese Symphonie in meinem Leben auftauchte, zeigte sie mir die Landschaften Nordamerikas, die ich gerne einmal gesehen hätte, aber bis heute für mich ein ferner Sehnsuchtstraum geblieben sind. Doch auf meiner persönlichen kleinen Kinoleinwand waren mir die Bilder, die ich hier präsentiere, immer sofort gegenwärtig… Los geht’s! Gehen wir für dieses Wochenende zum letzten Mal in Gedanken auf Reisen!


9. Symphonie „Aus der Neuen Welt“ von Antonín Dvořak

Nach meiner Kategorisierung sollte eine Symphonie eigentlich in den Bereich „Musik und Emotionen“ gehören. Doch neben der Moldau und Bedřich Smetanas Vaterland-Zyklus hat mich kein Orchesterwerk länger und treuer durch mein Leben begleitet als Antonín Dvořaks 9. Symphonie, Aus der Neuen Welt.

Sobald diese Symphonie in meinem Leben auftauchte, zeigte sie mir die Landschaften Nordamerikas, die ich gerne einmal gesehen hätte, aber bis heute für mich ein ferner Sehnsuchtstraum geblieben sind. Doch auf meiner persönlichen kleinen Kinoleinwand waren mir die Bilder, die ich hier präsentiere, immer sofort gegenwärtig… Los geht’s! Gehen wir für dieses Wochenende zum letzten Mal in Gedanken auf Reisen!
 

1. Satz – Adagio – Allegro molto
 

In den breiten getragenen Melodiebögen der Streichinstrumente, die langsam und leise einsetzen, tun sich die Weiten der Prärie des Mittleren Westens auf. Die Sonne spendet ein mildes, leicht gefiltertes Licht, in dem das dichte üppige Gras der Hügellandschaft wie flüssiges Gold schimmert.

Ein jähes Poltern und Krachen der Kesselpauken, dann ein langes Innehalten des letzten Tons seitens der Holz- und Blechbläser. Wieder das Poltern und Krachen – und Stillstand. Zum dritten Mal erhebt sich der wuchtige Lärm.

Offenbar ist der schwer beladene Planwagen einer Siedlerfamilie, der langsam und mühselig ihrem von der Regierung zugeteilten Grundstück entgegen schaukelt, in einer Senke stecken geblieben, und unter knallenden Peitschenhieben bemühen sich Pferde und Menschen, im wahrsten Sinne des Wortes ihren Karren aus dem Dreck zu ziehen.

Anderswo, fern der Sicht- und Hörweite der Siedlerfamilie, erhebt sich das kraftvolle Aufstampfen einer Vielzahl von Füßen, die im Kreis tanzen: eine Gruppe Plains-Indianer, die sich versammelt haben, um in ihrem Tanz den Gott oder den schützenden Geist der Büffel für ihre bevorstehende Jagd gnädig zu stimmen.

Offenbar zeigt die Beschwörung Wirkung: In einem wuchtigen, kraftvollen Schwall zieht eine riesige Büffelherde über einen Hügelkamm ins Tal hinunter. Als die Jäger ihre Pferde besteigen und sie den Bisons entgegen treiben, donnert die Herde in einem schweren, wuchtigen Galopp dröhnend über die Prärie und bringt die Erde unter ihren Hufen zum Beben, während die Indianer auf ihren Pferden wie flinke, flüchtige Schemen an den Flanken der Herde entlanghuschen und sich bemühen, die Bisons zusammenzuhalten und ein paar Tiere zu erwischen.

Die Büffel wie auch die Pferde mit ihren Reitern scheinen förmlich über die Prärie hinweg zu tanzen, und die Grashügel des weiten Landes scheinen den wogenden, wallenden Tanz aufzunehmen.

Von dem Land, den Tieren und den Eingeborenen geht ein immenser Vorrat an unverbrauchter Kraft aus, eine Kraft, aus der Intaktheit und Ursprünglichkeit der Natur und der Erde geboren.

 

2. Satz – Largo


Ein anderes Bild, eine andere Gegend: An einem Sommerabend pflügt ein dreistöckiger Raddampfer den Mississippi stromaufwärts, Richtung St. Louis. Die Schaufeln seiner riesigen Räder wühlen sich durch den breiten, träge dahinfließenden Strom, während der Himmel in Flammen steht und der rote Feuerball der Sonne nach und nach zur Linie des westlichen Horizontes herabsinkt.

Leise und aus weiter Ferne weht das Solo der Oboe heran; eine stille, wehmütige Melodie, die an Swing Low, Sweet Chariot erinnert. Eine träumerische Stimmung breitet sich aus, getragen von den warmen weichen Rottönen des Abendhimmels und vom Ol‘ Man River, der lautlos und ohne Eile wie flüssiges Gold dahinströmt. Friede, Stille und tiefe Geborgenheit liegen über dem Fluss und dem weiten Land.

Dann verschwindet der letzte Rest Sonne unter der Linie des Horizonts. Die Nacht senkt sich mit ihren blauen und schwarzen Schatten über die Welt und hüllt die Welt in Dunkelheit; ein kühler Windhauch erhebt sich. Mit dem Wind kommen Erinnerungen an das schwere Leid, das dieser Fluss über Jahrhunderte hinweg gesehen und getragen hat; denn über den Mississippi kamen auch die Schiffe, die Tausende und Abertausende Menschen der Gefangenschaft und Sklavenarbeit auslieferten, aus der sie Zeit ihres Lebens nicht herauskamen, so oft sie auch versuchten zu fliehen und dagegen zu kämpfen.

Bis die Sklaverei und Gefangenschaft mit dem Sezessionskrieg, der den Afro-Amerikanern zur Freiheit verhalf, zu Ende ging. Für sie war es nicht nur ein Hoffnungsschimmer, sondern ein erster Triumph! Auch hiervon erzählt die Musik, die mit einem Mal in Jubeln, Singen und Tanzen umschlägt.

Doch sowohl in der Musik als auch in der Geschichte sind Jubel und Freude nur ein flüchtiger Moment; dann kehren die schweren, lastenden Erinnerungen zurück. Weitere hundertfünfzig Jahre haben die Afro-Amerikaner zäh und erbittert um ihre Rechte kämpfen müssen, bis einer der ihren erstmals Präsident der Vereinigten Staaten wurde.

Doch das Dunkel der Nacht und der Mississippi verströmen ihren stillen, tiefen, von Menschen und ihren Schicksalen unberührten Frieden…

 

3. Satz – Scherzo – Allegro molto vivace

Mit diesem Satz kehren wir in die Prärie zurück, und zwar dorthin, wo sie an die Baumwoll- und Zuckerplantagen der Südstaaten grenzt. Jetzt jagen die Indianer keine Büffel mehr, sondern ziehen in den Krieg gegen die Weißen, die ihnen zusehends ihr Land rauben; die die Büffel und damit ihre Lebensgrundlage gedankenlos abschlachten; die sie an den Rand ihrer Existenz drängen!

Still und leise kreisen sie einen Siedler-Konvoi ein, werfen sich zu Boden und bringen Pfeil und Bogen in Stellung. Erneut erhebt sich ein Rhythmus und eine Melodie, die auf einen Tanz schließen lässt; doch diesmal deutlich wilder, drängender und entschlossener als im ersten Satz.

Ein Krachen der Pauken – Die Indianer springen auf, ihr Angriff beginnt! Von allen Seiten stürmen sie heran, schwirren ihre Pfeile durch die Luft. Plötzlich ist der Konvoi Tod und Verderben ausgesetzt; mit Flinten und Revolvern wehren sich die neuen Siedler ihrer Haut.

Ein zweites Mal versammeln sich die Indianer und legen sich auf die Lauer, um den nächsten Treck zu überfallen, der herangezogen kommt. Doch diesmal rückt die U.S.-Kavallerie heran, schlägt zurück und macht dem Angriff ein jähes Ende.

Szenenwechsel. Mit einem Mal entwerfen die Streich- und Blasinstrumente das Bild wogender Baumwollfelder und Korkeichenwälder. Es ist Frühling, alle Bäume und Blumen stehen in voller Blüte. Auf der Veranda einer Südstaaten-Villa stehen Damen in Krinolinen und leichten, hellen Musselin-Kleidern und plaudern mit Kavalieren in Cutaway und gestärkter Hemdbrust. Aus dem Wogen und Rauschen der Streicher und Bläser formt sich ein Dreivierteltakt; die Herren und Damen verneigen sich und beginnen, sich auf dem Rasen vor der Veranda im Walzer zu drehen. Das Bild einer heiteren, unbeschwerten Idylle…

Doch draußen in der Prärie, nicht weit von den Bäumen und Baumwollfeldern der Plantage entfernt, toben die Kämpfe zwischen Indianern und Siedlern weiter. Wieder umzingelt ein Stammesverband einen Konvoi und greift mit Pfeil und Bogen an. Wieder rücken die Militärtruppen an, und diesmal setzen sie dem Angriff ein jähes, vernichtendes Ende…

Noch einmal geht es auf die Baumwoll- und Korkeichenplantage zurück. Es ist Thanksgiving Day, und diesmal ist die Stimmung noch heiterer, ja geradezu ausgelassen. Zwei Tafeln biegen sich unter ihren Lasten: Truthähne in Honig gegrillt, Reispfanne mit Fisch und Okra, Kastanienpüree, Maisschnitten, dazu frische Zitronen- und Orangenlimonade; kurz, alles, was die Südstaatenküche an Köstlichkeiten zu bieten hat! Und zwischen den beiden Tafeln tanzen die Herren und Damen vergnügter denn je…

Es sind die zwei Gesichter des amerikanischen Südens, die sich in diesem Satz ausdrücken: auf der einen Seite die gnadenlose, systematische Ausbeutung und Unterdrückung entrechteter Völker; auf der anderen Seite Schönheit, Stil und Lebensgenuss in verschwenderischer Fülle.

Und beide Gesichter sind Tatsache.

 

4. Satz –Allegro con fuoco


Mit dem letzten Satz der Symphonie wechselt noch einmal das Bild.

In der schmetternden Fanfare der Trompeten und Posaunen tun sich vor dem inneren Auge die Abgründe des Grand Canyon auf und flammen in der feurigen Glut des Abendrots. Über den Klüften und Schluchten breitet ein Adler seine Schwingen und zieht gemessen und majestätisch seine Kreise.

Am Rand des Grand Canyon steht ein Schamane der Navajo in Schmuck und festlicher Kleidung, um das alte heilige Ritual seines Volkes zu vollziehen: Er segnet die Schlucht und das Land, indem er den rechten Arm hebt, seine Faust öffnet und eine Mischung aus geweihten Kräutern und Salz in die Winde streut. Dann wendet er sich den Gefährten seines Stammes zu, die ihn bei der Opferhandlung mit ihren Gesängen und Gebeten begleitet haben. Alle sammeln sich zum Aufbruch, besteigen ihre Pferde und galoppieren am Rand des Abgrunds entlang, auf der Spur des Adlers der sinkenden Sonne entgegen.

Doch den Komponisten, der die Landschaften Nordamerikas in seiner Musik in solch starken, leuchtenden Farben gemalt hat, überkommt mit einem Mal die Sehnsucht nach seiner böhmischen Heimat. Die indianisch angehauchten Rhythmen und Klänge weichen der Polka- und Dumky und werden immer leiser und wehmütiger. Das Heimweh - touhá po domové – hat ihn am Wickel und lässt ihn nicht mehr los.

Und so verabschiedet er sich in kurzen Rückblicken von den Regionen Nordamerikas, die er porträtiert hat, und kehrt so schnell er kann und frohen Sinnes nach Hause zurück.



14.03.2020 - Das Salz in der Suppe unserer Städte - Ralph Kiefer und die Münchner Straßenmusikanten
Meiner bescheidenen Meinung nach verdient Ralph Kiefer für seinen Mut, momentan in der Münchner Fußgängerzone auf der Straße aufzutreten, unsere Unterstützung. Er würde sich wünschen, dass man seine Musik kauft oder auf seine Website www.ralphkiefer.com geht.


Das Salz in der Suppe unserer Städte -

- Ralph Kiefer und die Münchner Straßenmusikanten -


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Jemand, der in der Fußgängerzone von München bzw. in irgendeiner Stadt in Deutschland oder Europa als Musikant auftritt, sollte nicht nur sein Instrument bzw. seine Stimme sicher im Griff haben – wer es nicht tut, geht auf der Straße schlicht und einfach unter –, sondern auch eiserne Nerven und ein dickes Fell.

Dass einer, der auf der Straße spielt und/oder singt, bei der Mehrheit der Passanten auf eine Mauer aus Gleichgültigkeit, Verdruss und Zeitdruck stößt, gehört zum Alltag eines Straßenmusikanten ganz einfach dazu. Mag das Publikum sein Lied oder Stück nicht, wird er sofort ausgebuht; mag es ihn nicht, aus welchem Grund auch immer, wird er beschimpft oder gar angepöbelt.

Seit in Europa und natürlich auch in München das Corona-Virus umgeht, ist der Umgang der Menschen miteinander, der schon seit 2015 kälter und rauer geworden ist, noch eine Spur gröber, je nach Laune und Nervenkostüm sogar ausfallend geworden.

Dass heute eine Verkäuferin mir gegenüber anmerkte, es gäbe Leute, die das Schicksal, sprich das Corona-Virus unnötig herausfordern, allein indem sie in der Stadt unterwegs sind, ist harmlos.

Wenn indes die Zeitungsmeldung wahr ist, dass ein Chinese, der die Straße entlang ging, einfach so, aus gottfreien Stücken mit „Corona, Corona“ angerufen und angespuckt wurde, ist das nicht mehr lustig.

Auch nicht die Geschichte, die mir gestern eine ältere Dame in Neuried erzählte, als wir beide die Sparkassen-Filiale verließen: Sie hätte sich wegen eines Kratzens und Brennens im Hals von ihrem Hausarzt untersuchen lassen, der eine leichte erkältungsbedingte Angina feststellte. Danach wollte sie ihr Rezept in der Apotheke abholen und wickelte, um ihre Umgebung und sich selbst zu schützen, ihren Schal um ihre Mundpartie und ihren Hals.

Als sie die Apotheke betrat, stieß eine andere ältere Dame sie mit dem Ellbogen zurück und fuhr sie an, was ihr einfalle, überhaupt auf der Straße unterwegs zu sein. Nur dank des beherzten Eingreifens einer anderen Kundin, die zu der Zeit auch in der Apotheke stand, konnte die ältere Dame in Ruhe ihr Medikament in Empfang nehmen und einstecken.

Nur als kleines Beispiel für die aktuelle Stimmungslage hier bei uns in München und Umland.

Wenn bei solch einer Stimmungslage einer oder mehrere Straßenmusikanten es noch wagen, in der Fußgängerzone aufzutreten, gehört dazu momentan ungewöhnlich viel Mut, Gelassenheit und Selbstvertrauen.

Und doch gab es heute einen Straßenmusikanten, der dies wagte; Ralph Kiefer, mit dem ich heute ausgemacht habe, dass ich über ihn diesen  Artikel schreibe und ihn beim Namen nenne.

Er hatte sein trag- und fahrbares Klavier aufgebaut, um die Pedale einige einfache kleine Trommeln gruppiert und spielte seine eigenen Klavierstücke, lächelte dabei freundlich und tiefenentspannt und maß sein Publikum - einige Passanten einschließlich meinereine trauten sich, stehenzubleiben und ihm eine Weile zuzuhören – mit ruhigem, klugem, gelassenem Blick.

Eine klassische Klaviersonate, ein Präludium von Bach oder eine Etüde von Chopin war es nicht; einfacher, seichter Pop auch nicht. Sein Stück oder seine Collage aus verschiedenen Stücken klang leicht, fließend und entspannend, ein wenig wie die Jazz-Piano-Stücke, die Ryan Gosling in LaLaLand spielt. Für einige Augenblicke gelang es ihm, die angespannt-gereizte Atmosphäre zu beruhigen und für ein Aufatmen, ja sogar ein wenig Heiterkeit zu sorgen..

Meiner bescheidenen Meinung nach verdient Ralph Kiefer allein für seinen Mut, momentan überhaupt öffentlich aufzutreten, unsere Unterstützung. Er würde sich wünschen, dass man seine Musik kauft oder auf seine Website www.ralphkiefer.com geht.

Genau diese Musik, die in den Straßen und Gassen einer Stadt ertönt, ist für mich das Salz in der Suppe. Gerade in München sind immer wieder gute Gruppen, Ensembles und Solisten unterwegs, und damit meine ich nicht nur die Lateinamerikaner, die jahrelang unser Bild von Straßenmusikanten geprägt haben.

Da ist dieses eine Quartett mit Geige, Bratsche, Cello und Klarinette, das nicht nur Bach, Pachelbel und Albinoni spielt, sondern auch die Ouvertüre zu Rossinis „Die diebische Elster“, Bizets „Carmen“ oder Mozarts Klarinettenkonzert.

Einst ging ein Bayer in Lodenjacke und mit Filzhut an den Musikern vorbei und hörte stumm zu. Als das Stück endete, zupfte er kurz an seinem Hut und brummte in seinen Bart: „Leit, deat’s eier Pulver aussa; de san guad!“ (Übersetzung für Nichtbayern: „Leute, rückt eure Kohle raus; die sind gut!“)

Da sind im Frühjahr oder frühen Herbst drei Klezmer mit Klarinette, Gitarre und Akkordeon, die ihre rasanten Rhythmen durch die Straße tanzen lassen, Rebbe Elimelech oder Un az der Rebbe tanzt singen und das eine Lied, bei dem ich leider nicht mitkomme und nur  „…mir wellen tanzen, ojojoj“ verstehe. Der Refrain ist allerdings einfach, nur: „Ojojojojoj… Ojojojojoj…“

Im November und in der Adventszeit wiederum tritt ein mongolisches Ensemble aus dem Altai-Gebirge auf. Einer spielt die Pferdekopf-Geige, ein anderer Hackbrett, und zwei zeigen ihr Können im „Khöömi“-Gesang, dem Obertonsingen, bei dem der Bass fast tiefer grollt als beim seligen Ivan Rebroff - leider nicht so melodisch -, und die hohen Töne so scharf und metallisch klingen, als hätten die Sänger eine Piccoloflöte verschluckt.

Den einen New Yorker Marimba-Virtuosen mit der Kippa auf seinem schwarzen Lockenkopf, der auf seinem Instrument mit vier Klöppeln jederzeit und ohne Mühe eine Gitarre, ein Klavier, ja eine Orgel zu ersetzen vermochte, habe ich schon lange nicht mehr gesehen.

Auch nicht das kleine ungarische Ensemble mit Geige, Klarinette und Cymbalon oder die Dame mit der Glasharfe aus pyramidenartig aufgebauten Kristallgläsern, die unterschiedlich hoch mit Wasser gefüllt sind und, wenn sie sie mit ihren grazilen flinken Fingern anstrich, einen unwirklich zarten, reinen und klaren Klang ergeben.

Von einer Gruppe ehemaliger Straßenmusikanten – zumindest einer ist es heute wieder, zwei andere gesellen sich hin und wieder dazu -, die noch heute in Deutschland, ja in ganz Europa und auch den USA bekannt ist, werde ich gesondert und etwas ausführlicher erzählen, denn ihre Geschichte ist so außergewöhnlich, und diese Gruppe hat so viel geleistet, dass sie ein eigenes Kapitel verdient: die Kelly Family. Doch zu ihnen komme ich morgen Abend im Blog-Bereich "Musik und Emotionen", aus Anlass des St. Patrick’s Day, den wir sonst zwischen Siegestor und Odeonsplatz und auch anderswo gefeiert hätten...