Informationen zum Datenschutz
Um unsere Webseite für Sie optimal zu gestalten und fortlaufend verbessern zu können, verwenden wir Cookies. Durch die weitere Nutzung der Webseite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Wir nutzen auf Wunsch nur technisch erforderliche Cookies die nach dem Schließen des Browsers wieder gelöscht werden. Weitere Informationen zu Cookies erhalten Sie in unserer Datenschutzerklärung .  
Nur essentielle Cookies erlauben    Essentielle und Analysecookies erlauben

Impressum | Datenschutzerklärung
Blog

Weggefährten

Von jenen, die mich in meiner Entwicklung am stärksten geprägt haben, möchte ich in meinen Beiträgen erzählen...



Vorwort zu meinem Blog-Bereich „Weggefährten“

Es gibt Neues von mir! Zwischen dem 16. und 31. Dezember 2019 ist mein neues Buch „Weggefährten – Eine kleine Dankmusik“ erschienen, dessen Kapitel zugleich die Beiträge dieses Blog-Bereiches sind.

„Weggefährten“ entspringt einem ähnlichen Bedürfnis wie mein Vorgängerwerk „EUROPRISMA – Meine Seelenreisen“, nur möchte ich diesmal nicht Städten und Ländern danken, in denen ich zu Gast war. Diesmal geht es mir um Persönlichkeiten und Phänomene des 20. Jahrhunderts – einige gehen noch ein bisschen weiter zurück -, die mich zu der gemacht haben, die ich heute bin.

Natürlich kann man sagen: Was man wird und was man aus sich und seinem Leben macht, liegt in der eigenen Verantwortung. Gewiss. Doch zur geistig-seelischen Entwicklung eines Menschen gehören ebenso inspirierende oder gar entscheidende Anstöße und Impulse von außen.

Von jenen, die mich in meiner Entwicklung am stärksten geprägt haben, möchte ich in meinen Beiträgen erzählen und würde mich freuen, wenn auch IIhr mit einsteigen und von euren entscheiden-den Impulsgebern oder Wegweisern erzählen würdet.


15.08.2026 - Das Wirken der Menschen und der höheren Gewalten
Es half nichts! Einmal mehr mussten sie die Insel erkunden, um nach Wasser, Lebensmitteln und Menschen zu suchen, die ihnen helfen konnten, das Wrack ihres Schiffes wieder flott zu bekommen. Diesmal wählte Odysseus drei Männer und sandte sie unter der Führung seines verlässlichen Freundes Eutychos aus. Auf dem Weg durch einen dichten Wald stießen sie auf etliche Wildtiere; hier ein Affe, dort ein Bär, drüben ein Löwe, im Baum über ihnen ein Leopard. Doch zu ihrem Erstaunen floh keines der Tiere vor ihnen oder griff sie an, wie es dem üblichen Verhalten von Tieren in freier Wildbahn entsprochen hätte. Sie alle näherten sich dem Expeditionstrupp, zutraulich und sanftmütig, mit einem seltsamen Flehen in ihrem Blick. „Als seien es Menschen in Tiergestalt!“ Eutychos wurde es unbehaglich zu Mute; auf dieser Insel stimmte etwas nicht! Während seine drei Gefährten zu den Stufen eines weißen Palastes emporstiegen und das Tor durchschritten, blieb er draußen und verbarg sich im Schatten der Bäume. Und er tat gut daran, denn dies war die Insel Aiaia, Sitz der Zauberin Kirke, die zu ihrem Zeitvertreib fremde Besucher in Tiere verwandelte und sie so auf ihrer Insel festhielt. Sehr freundlich hieß Kirke die Fremden willkommen und lud sie an ihre reich gedeckte Tafel ein; doch die Männer aßen und tranken nicht lange, bis sie sich in Schweine verwandelten. Böse Zungen sagen an dieser Stelle, angesichts der Gier, mit der sich die erschöpften, ausgehungerten Männer auf die Speisen und Getränke stürzten und sie hinunterschlangen, wäre zu ihrer Verwandlung nicht mehr viel nötig gewesen… Als die drei Gefährten nicht zurückkehrten, von drinnen anstatt Männerstimmen auf einmal Grunzen und Quieken zu hören war und drei Mägde drei Hausschweine in den angrenzenden Stall trieben, machte sich Eutychos im Schutz der Äste davon, die ihn nach wie vor verborgen hielten. Er kehrte an den Strand zurück und erstattete Odysseus entsetzt Bericht. Prompt rüstete sich dieser mit Schwert und Schild und zog los, durch den Dschungel, auf das Haus der Kirke zu. Da trat ihm der Götterbote Hermes in den Weg und sagte ihm, er solle von dem Zauberkraut Moly essen, damit er gegen Kirkes Zauber immun blieb, und sie dann mit vorgehaltenem Schwert auffordern, seine Gefährten herauszugeben und wieder in Menschen zu verwandeln. Und so handelte Odysseus. Als aus drei Schweinen wieder Männer wurden, erwies sich Kirke als aufmerksame und großzügige Gastgeberin. An ihrem Tisch und in ihrem Haus fühlten sich die Männer aus Ithaka so wohl, dass sie blieben und fast ein Jahr nicht daran dachten, aufbrechen und nach Hause fahren zu wollen. Nur Odysseus dachte an seinen Palast, seine Frau und seinen Sohn, und schließlich hielt er es nicht mehr aus und bat Kirke, ihm zu helfen, nach Hause zurückzukehren. Sie sorgte dafür, dass er und die übriggebliebenen Männer seiner Besatzung ein neues seetüchtiges Schiff bekamen, und versah sie reichlicher und üppiger mit Proviant, als es Aiolos zuvor getan hatte. Dann erklärte Kirke, sie müssten vor der Pforte zum Hades mit einem Blutopfer aus zwei gesunden jungen Tieren den Schatten des Sehers Teiresias heraufbeschwören; nur er könne ihnen den Weg nach Hause sagen, und wie sie lebend und unversehrt dort ankamen. Und so brachen die Männer aus Ithaka nach dreihundertfünfzig Tagen mit einem neuen, voll beladenen Schiff von Aiaia auf.


Das Wirken der Menschen und der höheren Gewalten
 

Es half nichts! Einmal mehr mussten sie die Insel erkunden, um nach Wasser, Lebensmitteln und Menschen zu suchen, die ihnen helfen konnten, das Wrack ihres Schiffes wieder flott zu bekommen.

Diesmal wählte Odysseus drei Männer und sandte sie unter der Führung seines verlässlichen Freundes Eutychos aus. Auf dem Weg durch einen dichten Wald stießen sie auf etliche Wildtiere; hier ein Affe, dort ein Bär, drüben ein Löwe, im Baum über ihnen ein Leopard. Doch zu ihrem Erstaunen floh keines der Tiere vor ihnen oder griff sie an, wie es dem üblichen Verhalten von Tieren in freier Wildbahn entsprochen hätte. Sie alle näherten sich dem Expeditionstrupp, zutraulich und sanftmütig, mit einem seltsamen Flehen in ihrem Blick.

„Als seien es Menschen in Tiergestalt!“ Eutychos wurde es unbehaglich zu Mute; auf dieser Insel stimmte etwas nicht! Während seine drei Gefährten zu den Stufen eines weißen Palastes emporstiegen und das Tor durchschritten, blieb er draußen und verbarg sich im Schatten der Bäume. Und er tat gut daran, denn dies war die Insel Aiaia, Sitz der Zauberin Kirke, die zu ihrem Zeitvertreib fremde Besucher in Tiere verwandelte und sie so auf ihrer Insel festhielt.

Sehr freundlich hieß Kirke die Fremden willkommen und lud sie an ihre reich gedeckte Tafel ein; doch die Männer aßen und tranken nicht lange, bis sie sich in Schweine verwandelten. Böse Zungen sagen an dieser Stelle, angesichts der Gier, mit der sich die erschöpften, ausgehungerten Männer auf die Speisen und Getränke stürzten und sie hinunterschlangen, wäre zu ihrer Verwandlung nicht mehr viel nötig gewesen…

Als die drei Gefährten nicht zurückkehrten, von drinnen anstatt Männerstimmen auf einmal Grunzen und Quieken zu hören war und drei Mägde drei Hausschweine in den angrenzenden Stall trieben, machte sich Eutychos im Schutz der Äste davon, die ihn nach wie vor verborgen hielten. Er kehrte an den Strand zurück und erstattete Odysseus entsetzt Bericht.

Prompt rüstete sich dieser mit Schwert und Schild und zog los, durch den Dschungel, auf das Haus der Kirke zu.

Da trat ihm der Götterbote Hermes in den Weg und sagte ihm, er solle von dem Zauberkraut Moly essen, damit er gegen Kirkes Zauber immun blieb, und sie dann mit vorgehaltenem Schwert auffordern, seine Gefährten herauszugeben und wieder in Menschen zu verwandeln. Und so handelte Odysseus.

Als aus drei Schweinen wieder Männer wurden, erwies sich Kirke als aufmerksame und großzügige Gastgeberin. An ihrem Tisch und in ihrem Haus fühlten sich die Männer aus Ithaka so wohl, dass sie blieben und fast ein Jahr nicht daran dachten, aufbrechen und nach Hause fahren zu wollen.

Nur Odysseus dachte an seinen Palast, seine Frau und seinen Sohn, und schließlich hielt er es nicht mehr aus und bat Kirke, ihm zu helfen, nach Hause zurückzukehren.

Sie sorgte dafür, dass er und die übriggebliebenen Männer seiner Besatzung ein neues seetüchtiges Schiff bekamen, und versah sie reichlicher und üppiger mit Proviant, als es Aiolos zuvor getan hatte.

Dann erklärte Kirke, sie müssten vor der Pforte zum Hades mit einem Blutopfer aus zwei gesunden jungen Tieren den Schatten des Sehers Teiresias heraufbeschwören; nur er könne ihnen den Weg nach Hause sagen, und wie sie lebend und unversehrt dort ankamen. Und so brachen die Männer aus Ithaka nach dreihundertfünfzig Tagen mit einem neuen, voll beladenen Schiff von Aiaia auf.

Vor der Pforte des Hades ließ Odysseus eine Grube ausheben, eine junge Ziege und ein Schaf schlachten und die Grube mit ihrem Blut füllen. Und die Beschwörung gelang; Teiresias erschien tatsächlich aus dem Totenreich. Und dann erklärte er ihnen die einzig mögliche Route nach Hause:

Zuerst müssten sie an den Klippen der Sirenen vorbei und sich so weit wie möglich von den lockenden Stimmen der beiden ebenso verlockenden wie todbringenden Frauengestalten fernhalten. Dann führte die Passage durch eine Meeresenge, in der zur Rechten der Strudel der Charybdis und zur Linken der Fels der Skylla drohte.

Gerieten sie einmal in den Strudel der Charybdis, waren alle tot und mitsamt dem Schiff vernichtet. Hielten sie sich davon fern, werde Skylla auf ihrem Felsen mit ihren sechs Köpfen auf sechs Hälsen nach ihnen greifen und sich sechs Männer holen. Doch es gab keinen anderen Weg nach Hause; sie mussten durch die Meeresenge hindurch!

Mit Kurs nach Norden würden sie die Insel Thrinakria erreichen, auf der die weißen Rinder grasten, die dem Sonnengott Helios gehörten. Auf keinen Fall dürften sie auch nur eines der Rinder töten, um es zu schlachten und zu essen; dann würde niemand von ihnen lebend nach Hause zurückkehren!

Dann und nur dann würden Odysseus und seine verbliebenen Männer Ithaka lebend erreichen.

Nichts von dieser Route blieb ihm und dem Rest seiner Mannschaft erspart, nicht die Klippen der Sirenen mit ihrem Gesang, den Odysseus allein hörte, an den Mast seines Schiffes gefesselt, während die Ohren seiner Gefährten mit Wachs versiegelt waren; ein Gesang über alle Gefährten, die er im Kampf gegen Troja oder im Zug seiner Irrfahrten verloren hatte, so dass er ihm schier das Herz zerriss.

Nicht jene verhängnisvolle Passage durch die Meeresenge von Messina, bei der nur die Wahl zwischen der totalen Vernichtung und dem Opfer von sechs Menschen blieb, um das Schiff und die letzten Überlebenden des Trojanischen Krieges und der Odyssee zu retten.

Und nicht die Ankunft auf Thrinakria, wo sie zuerst mit den Vorräten der Kirke gut versorgt waren, so dass sie die Rinder des Helios getrost ignorieren konnten. Doch sie hatten wochenlang anlandigen Wind aus Süden, so dass sie nicht ablegen und ihre Fahrt fortsetzen konnten; und schließlich gingen ihnen die Vorräte aus.

Aus schierem Hunger schlug einer der Gefährten vor, eines der Rinder zu schlachten und es Helios zum Opfer darzubringen; dies musste den Sonnengott doch milde stimmen! Und es sei gang und gäbe, Tiere nach dem Opferritual zu braten und zu essen.

Vor die Wahl zwischen dem Hungertod und dem Untergang aller gestellt, schrien die Männer nach Essen; Odysseus mochte ihnen ihr bevorstehendes Ende noch so eindringlich vor Augen führen. Und so wurde schließlich das erste Rind geschlachtet, dem Helios geweiht und gebraten. Odysseus allein weigerte sich, auch nur einen Bissen davon anzurühren, und wies dieses Scheinopfer zurück. Und es blieb nicht bei diesem einen Rind, das dran glauben musste...

Es kam, wie es kommen musste: Helios war über den Frevel an seinen Lieblingsrindern erzürnt und drohte, alle zu vernichten. Indes meinte Zeus, dass dies seinem Image als strahlendem, heiterem Sonnengott schaden werde. Er würde für eine Seebrise sorgen, und sobald dieses Schiff in See stach, würde er den Männern ihre Strafe zukommen lassen. Diesmal war es also nicht Poseidon, sondern der Göttervater Zeus persönlich, der den Orkan auf See heraufbeschwor und das Schiff hinein lenkte.

Es zerbarst in tausend Splitter und schickte alle noch verbleibenden Männer in den Tod. Allein Odysseus erhaschte eine Planke, die noch oben trieb, klammerte sich an sie und schloss die Augen, wusste nicht, ob er nun leben oder sterben würde. Viel lag ihm nicht mehr an seinem Leben; es waren zu viele Strapazen und Verluste, die er hinnehmen hatte müssen! Die Schiffsplanke trug den Bewusstlosen an einen Strand, auf dem er liegen blieb.

Dieser Strand gehörte zur Insel Ogygia, auf der die Zauberin Kalypso mit einigen Bediensteten, aber ohne Ehemann und Kinder lebte; und so ergab es sich, dass Kalypso eines Morgens, als sie den Strand nach Muscheln und Treibgut absuchte, dort einen Schiffbrüchigen in den zerfetzten und durchnässten Resten seiner Kleidung liegen sah. Sie veranlasste, dass vier ihrer Mägde ihn aufhoben, in ihr Haus brachten und ihm in ihrem Gemach eine Liegestatt bereiteten.

In den ersten Tagen und Nächten lag der Schiffbrüchige in einem heftigen Fieber, und die Worte und Satzfetzen, die er in seinen Fieberträumen von sich gab, verrieten Kalypso genug: Dieser Mann hatte Strapazen und Verluste erlebt, die manch ein anderer nicht überstanden hätte; und was ihn trotz aller Gefahren und Widrigkeiten am Leben hielt, war allein seine Sehnsucht nach seiner Heimat Ithaka, nach seiner Frau und seinem Sohn.

Als nun Kalypso die Wunden des mittellosen Fremden versorgte, ihm Getränke einflößte, die sein Fieber senkten und seine Nerven beruhigten, und ihn mit ihren Speisen nach und nach wieder zu Kräften brachte, fühlte sie sich von seinen Leiden ebenso berührt wie von seiner unwandelbaren Liebe und Treue zu Frau und Kind, und so schloss sie ihn rascher in ihr Herz, als sie es sich versah.

Diesen Mann konnte sie sich gut als ihren Mann und Gefährten vorstellen; und wenn er bei ihr blieb, war er fortan von künftigen Leiden und Strapazen verschont. Und kraft ihrer göttlichen Abstammung konnte sie ihm mit ihrer Fürsprache bei den Göttern des Olymp zu ewigem Leben, ja zum Rang eines Halbgottes verhelfen!

In der ersten Zeit befand sich Odysseus in einem Zustand, in dem er nichts tun konnte als ihre Fürsorge und Pflege annehmen; und als er sich erholte, empfand auch er bald aufrichtige Zuneigung zu dieser ihn hingebungsvoll liebenden Frau.

Nur konnte er sein Zuhause nicht vergessen und auch nicht die Sehnsucht nach seiner Penelope und seinem Telemachos, der bereits zu einem jungen Mann heranwuchs. Manchmal, wenn er abends Kalypso an ihrem Webstuhl sitzen sah, kam ihm der Anblick seiner Frau in den Sinn; und dann stahl er sich still aus ihrem Haus, zog sich an den Strand zurück und suchte mit seinem Blick am Horizont die Küstenlinie von Ithaka, die ihm wie ein ferner Traum erschien.

Es bedurfte der eindringlichen Fürsprache des Götterboten Hermes, um Kalypso dazu zu bewegen, den liebgewonnenen Fremden freizugeben und ihm die Heimfahrt nicht zu verwehren. Und so verschaffte sie Odysseus das Material – Holz, Harz, Taue und Segeltuch -, aus dem er sich selbst ein Boot baute, und rüstete ihn für die Fahrt mit Vorräten aus.

Als er Kalypso vor seiner Abreise fragte, wie lange er bei ihr gewesen sei, antwortete sie: „Sieben Jahre.“ Sieben Jahre, die wie im Flug vergangen waren…

Doch noch immer hatte Poseidon nicht genug! Sobald Odysseus mit etwas Schwimmendem auf See war, ließ er den nächsten Sturm los, der prompt sein Boot in Trümmer zerlegte. Nur dank des Schleiers, den ihm eine von Poseidons Töchtern heimlich zuwarf und den er sich um die Brust band, gelangte er an die nächstbeste fremde Küste.

Diesmal war es die Küste von Scheria; und es war Nausikaa, Tochter von Antinoos und Phädra, König und Königin der Phäaken, die ihn zwischen Schilf und Seetang fand.

Erschreckt über das vermeintliche Seeungeheuer wich Nausikaa vor ihm zurück; doch Odysseus rief ihr zu, dass er nur ein heimatloser Schiffbrüchiger sei und ihr kein Leid tun wolle. Er hüllte sich in den Schleier der Nymphe, so gut es gehen mochte, und erhob sich; und Nausikaa bedeutete ihm, zum Palast ihrer Eltern mitzukommen.

Das königliche Paar nahm den gestrandeten Fremden großzügig und gastfreundlich auf und lud ihn einen Abend später, als er sich gestärkt und ausgeruht hatte und wieder wie ein zivilisierter Mensch aussah, zum Festmahl an ihre Tafel ein.

An diesem Abend war auch ein blinder Sänger zu Gast; und es ergab sich, dass er Balladen vom Krieg gegen Troja sang, von Kämpfen und Gefallenen und vom Sturz und Untergang der einst so stolzen Stadt. Da verhüllte der gestrandete Gast sein Haupt und begann still zu weinen.

Als ihn Antinoos fragte, was ihm fehle, gab er sich zu erkennen – und dann war Odysseus an der Reihe, zu erzählen, was ihm nach dem Sieg gegen Troja bis jetzt widerfahren war.

Antinoos und Phädra zogen sich zu einem Gespräch unter vier Augen zurück, das nicht lange dauerte. Dann widmeten sie sich wieder ihrem Gast und sicherten ihm zu, ihn auf einem Schiff ihrer Flotte und unter sicherem Geleit nach Hause zu bringen.

Doch als Odysseus nach zehn Jahren Krieg und weiteren zehn Jahren Irrfahrt Ithaka erreichte, konnte er auf Grund der Lage vor Ort nicht einfach in seinen Palast spazieren und seinen Thron besteigen:

In seinem Saal hausten fünfzig Freier, die darauf warteten, dass Penelope einen von ihnen zu ihrem neuen Gatten erwählte. Sie hatten sich dort hemmungslos ausgebreitet, ein jeder benahm sich, als sei er längst Herr des Hauses, und gemeinsam verspeisten und vertranken sie nach und nach die Vorräte des Hofes auf Penelopes Kosten.

Als Odysseus den Strand von Ithaka bei Einbruch der Dunkelheit erreichte, verwandelte Pallas Athene ihn in einen zerlumpten, verwahrlosten Bettler. In dieser Gestalt sollte er um ein Essen und eine Unterkunft für die Nacht bitten, um Zutritt zum Palast zu erlangen und sich ein Bild von der Lage zu verschaffen, bevor er handelte.

Wie Odysseus sich seiner Gattin Penelope vorsichtig näherte und sie nach und nach zu überzeugen verstand, dass er es war; wie sie alle Freier zu einem Festmahl einlud, zu dem sie unbewaffnet kommen sollten, und erklärte, sie werde den zu ihrem Mann erwählen, der den Bogen ihres Mannes zu spannen und durch zwölf gekreuzte Äxte ins Ziel zu treffen vermochte; und wie Odysseus erst den Bogen spannte, dann mühelos ins Ziel traf und schließlich im Festsaal unter den Freiern „aufräumte“, ist das Ende der Legende…
 

Mein Fazit:


Ich möchte noch einmal auf die Tatsache zurückkommen, die ich in meiner Einleitung erwähnt habe: dass das Denken und Weltbild der Menschen im alten Griechenland und auch anderswo in Europa ein anderes war als unseres. Dies liegt zum Teil daran, dass ein Großteil der Inseln und Küstenlinien im Mittelmeer einschließlich der Gezeiten, Tiefen und Untiefen des Meeres noch unbekannt war und es auch noch keine Land- und Seekarten gab, die sie abgebildet haben.

Wer die Geographie Griechenlands grob vor Augen hat, weiß, dass es aus viel Küste und vielen Inseln besteht, so dass dort die Grundlagen der Seefahrt aus der schieren Notwendigkeit entstanden sind. In jenen fernen Tagen waren die seetauglichen Küstenschiffe mit bis zu zwanzig Ruderbänken an der Backbord- und Steuerbordseite, einem Mast mit einem großen Segel in der Mitte und einem Ruder nahe am Heck ausgestattet. Das war alles!

Mit diesen einfachen hölzernen Schiffen sind sie von Hafen zu Hafen gefahren, so dass sie sich rund um ihr eigenes Land mit der Zeit gut auskannten; doch niemand wusste damals genau, was jenseits der Küstenlinien und der Inseln im Ionischen Meer und in der Ägäis lag.

Die Welt, die jenseits des Horizontes von Himmel und See lag, musste größer und weiter sein und viel mehr bergen, als sie wussten und kannten! Das ahnten und spürten alle, die je zur See gefahren sind, und es bewahrheitete sich durch die greifbare, konkrete Erfahrung vor Ort. Von daher war jede Seefahrt ein Aufbruch in das große Unbekannte...

Da in den Tagen Homers niemand wusste, was jenseits der ihnen vertrauten Welt lag, konnte er seiner Vorstellungskraft ungehindert freien Lauf lassen und aufmarschieren lassen, was es so alles geben mochte: Riesenschlangen und menschenfressende Ungeheuer zu Lande und zur See, Menschen mit fremden Sitten und Gebräuchen, zum Teil mit übernatürlichen Kräften, die ihnen Götter vererbt hatten, die mit Menschenfrauen fremd gingen, allen voran Göttervater Zeus.

Letztlich hat Homer Odysseus in das Spannungsfeld zwischen Wind, See und Klippen geschickt, hinter dem man freundlich und feindlich gesinnte Götter vermutete.

Er mag in kritischen Situationen seinem Hang zur Eitelkeit und Überheblichkeit erlegen sein und dadurch den Zorn Poseidons auf sich und seine Schiffe gelenkt haben. Doch in den meisten Situationen, die Homer schildert, die ausnahmslos Tod und Untergang heraufbeschworen und rasches, rettendes Handeln erforderten, konnte er sich nicht in eine lange Meditation zurückziehen und die Götter fragen, was er tun sollte, wie es die Seherinnen und Seher in den Göttertempeln taten, wenn sie ihrer Gottheit eine bestimmte Frage zur Klärung und Entscheidung vorlegten.

In solchen Situationen kam ihm seine herausragende Fähigkeit zu Gute, die Pallas Athene und Hermes an ihm schätzten und beide bewogen, ihn zu unterstützen: sein rasch funktionierendes Gehirn und sein Einfallsreichtum, wenn es darum ging, den Hals aus der Schlinge zu ziehen und davonzukommen.

Was diesen Stoff aus der klassischen Antike bis in unserer Zeit lebendig erhalten hat, ist Homers Gabe, farbig und anschaulich zu erzählen, und die Tatsache, die für uns Menschen auch heute noch gilt: dass unser Leben mit seinen Prüfungen, Siegen und Niederlagen zur Hälfte von unseren Fähigkeiten und Eigenschaften bestimmt wird, und zur Hälfte von Mächten, die von außen in das Geschehen eingreifen und auf die wir bei all unserem Wissen und Können keinen Einfluss haben.

Mathematiker fassen diese Mächte unter dem Begriff Faktor X zusammen, Anhänger der Chaostheorie mit dem Schlagwort Schmetterlingseffekt. Viele nannten und nennen sie bis heute das Wirken Gottes oder der Götter. Wie man es auch nennen mag: Immer kann etwas geschehen, das uns unserer vermeintlichen Macht beraubt und vor dem wir machtlos stehen.



15.08.2026 - Fehlverhalten in entscheidenden Situationen und das Wirken der Götter
Das Wüten des Sturmes und das Tosen der See hörte nicht auf, bis die Schiffe Ithakas die Nordküste Afrikas erreichten, an der fruchtbaren Mündung des Nils unweit der Stadt Alexandria. Hier sollten sich drei Männer aus der Mannschaft umsehen und berichten, wer dort lebte und ob man Vorräte für die Fahrt nach Hause mitnehmen konnte. Die drei Gesandten machten ihr Beiboot klar und legten ab. Doch sie kehrten nicht zurück, weder am Abend noch in der Nacht. Am anderen Morgen sah Odysseus an Land nach dem Rechten und fand die drei Männer seines Landungstrupps am Ufer des Nils vor, wie sie im Schatten von Dattelpalmen lagen und, offenbar von den Einheimischen eingeladen, an Blüten von Lotosblumen kauten. Von freudestrahlendem Frieden erfüllt, verkündeten die drei Männer, sie wollten hierbleiben und dächten nicht daran, nach Hause zu fahren. Wozu die Strapazen der Seefahrt mit diesem ewigen Rudern auf sich nehmen? Auch Odysseus solle von den beglückenden Lotosblüten kosten! Dann werde er alles vergessen und Frieden finden... Stattdessen forderte er seine Mannen auf mitzukommen, packte sie herrisch bei den Armen und zog sie mit sich in sein Boot, während die Lotophagen am Ufer unter ihren Dattelpalmen zurückblieben und den Fremden ebenso verständnislos wie untätig hinterher sahen. Die drei Schiffe hielten Kurs gen Norden und erreichten Aiolia, die Insel des Windgottes Aiolos, der dort mit seinen sechs Söhnen und sechs Töchtern lebte. Aiolos war Poseidons Cousin, stand ihm aber weder nahe noch konnte er ihn leiden. Von daher hatte er kein Problem damit, Odysseus und seine Männer zu Speis und Trank und Nachtruhe einzuladen; und sie blieben mehrere Tage und ruhten sich aus. Beim abendlichen Festmahl berichteten die Männer Aiolos vom Krieg gegen Troja, vom Zorn Poseidons und von dem Sturm, den er auf sie losgelassen hatte. Im Gegenzug führte Aiolos seinen Gästen vor, was geschah, wenn seine Söhne und Töchter Musik machten. Denn jedem seiner Kinder gehörte ein bestimmter Wind, und wer von ihnen Flöte, Schalmei, Horn, Posaune oder Tuba blies, ließ damit seinen Wind auf die Welt los. Kein Instrument bedeutete keine Bewegung auf dem glatten Spiegel der See. Eine Flöte: ein leichtes Kräuseln der Meeresoberfläche. Eine Schalmei: erste kleine Wellen, aber noch kaum Bewegung. Beim Horn geriet die See erstmals ins Wogen und Wallen. Beim siebten Instrument, der Posaune, türmten sich die Wogen zu Bergen und Tälern, und auf ihren Kämmen schäumte die weiße Gischt. Und wenn alle zwölf Kinder des Aiolos musizierten, sah man nicht mehr, wo oben oder unten war und rundum nichts als weißen Schaum; dann tobte der Orkan! Odysseus erklärte Aiolos, dass Winde und Stürme ihre Feinde waren, die sie daran hinderten, nach Hause zurückzukehren. Als seine Gäste schließlich nach Hause aufbrachen, stattete der Gott der Winde sie reichlich mit Lebensmittelvorräten aus, auch mit ein paar Schläuchen voll Retsina, den man zur Zeit der Antike nur vertrug, wenn man den schweren, der Haltbarkeit wegen mit Harz versetzten Wein mit viel Wasser mischte. Aiolos nahm Odysseus beiseite, ergriff einen großen Sack, fing darin die Winde ein, die über dem Mittelmeer unterwegs waren, und band ihn mit einer dicken silbernen Kordel zu. Er schärfte ihm ein, diesen Sack zu hüten und auf keinen Fall zu öffnen, bis seine Schiffe sicher im Hafen von Ithaka angekommen waren; dann könne kein Wind ihm, seinen Männern und seinen Schiffen etwas anhaben. Und so legten die Schiffe schließlich ab. Einen Wind hatte Aiolos übrig gelassen, der von Süden nach Norden wehte und die drei Schiffe sanft aber stetig voran trieb; und jede Nacht ruhte Odysseus mit Kopf und Nacken auf dem zugebundenen Sack mit der silbernen Kordel.


Fehlverhalten in entscheidenden Situationen und das Wirken der Götter
 

Das Wüten des Sturmes und das Tosen der See hörte nicht auf, bis die Schiffe Ithakas die Nordküste Afrikas erreichten, an der fruchtbaren Mündung des Nils unweit der Stadt Alexandria. Hier sollten sich drei Männer aus der Mannschaft umsehen und berichten, wer dort lebte und ob man Vorräte für die Fahrt nach Hause mitnehmen konnte. Die drei Gesandten machten ihr Beiboot klar und legten ab.

Doch sie kehrten nicht zurück, weder am Abend noch in der Nacht. Am anderen Morgen sah Odysseus an Land nach dem Rechten und fand die drei Männer seines Landungstrupps am Ufer des Nils vor, wie sie im Schatten von Dattelpalmen lagen und, offenbar von den Einheimischen eingeladen, an Blüten von Lotosblumen kauten.

Von freudestrahlendem Frieden erfüllt, verkündeten die drei Männer, sie wollten hierbleiben und dächten nicht daran, nach Hause zu fahren. Wozu die Strapazen der Seefahrt mit diesem ewigen Rudern auf sich nehmen? Auch Odysseus solle von den beglückenden Lotosblüten kosten! Dann werde er alles vergessen und Frieden finden...

Stattdessen forderte er seine Mannen auf mitzukommen, packte sie herrisch bei den Armen und zog sie mit sich in sein Boot, während die Lotophagen am Ufer unter ihren Dattelpalmen zurückblieben und den Fremden ebenso verständnislos wie untätig hinterher sahen.

Die drei Schiffe hielten Kurs gen Norden und erreichten Aiolia, die Insel des Windgottes Aiolos, der dort mit seinen sechs Söhnen und sechs Töchtern lebte. Aiolos war Poseidons Cousin, stand ihm aber weder nahe noch konnte er ihn leiden. Von daher hatte er kein Problem damit, Odysseus und seine Männer zu Speis und Trank und Nachtruhe einzuladen; und sie blieben mehrere Tage und ruhten sich aus.

Beim abendlichen Festmahl berichteten die Männer Aiolos vom Krieg gegen Troja, vom Zorn Poseidons und von dem Sturm, den er auf sie losgelassen hatte. Im Gegenzug führte Aiolos seinen Gästen vor, was geschah, wenn seine Söhne und Töchter Musik machten. Denn jedem seiner Kinder gehörte ein bestimmter Wind, und wer von ihnen Flöte, Schalmei, Horn, Posaune oder Tuba blies, ließ damit seinen Wind auf die Welt los.

Kein Instrument bedeutete keine Bewegung auf dem glatten Spiegel der See. Eine Flöte: ein leichtes Kräuseln der Meeresoberfläche. Eine Schalmei: erste kleine Wellen, aber noch kaum Bewegung. Beim Horn geriet die See erstmals ins Wogen und Wallen. Beim siebten Instrument, der Posaune, türmten sich die Wogen zu Bergen und Tälern, und auf ihren Kämmen schäumte die weiße Gischt. Und wenn alle zwölf Kinder des Aiolos musizierten, sah man nicht mehr, wo oben oder unten war und rundum nichts als weißen Schaum; dann tobte der Orkan!

Odysseus erklärte Aiolos, dass Winde und Stürme ihre Feinde waren, die sie daran hinderten, nach Hause zurückzukehren. Als seine Gäste schließlich nach Hause aufbrachen, stattete der Gott der Winde sie reichlich mit Lebensmittelvorräten aus, auch mit ein paar Schläuchen voll Retsina, den man zur Zeit der Antike nur vertrug, wenn man den schweren, der Haltbarkeit wegen mit Harz versetzten Wein mit viel Wasser mischte.

Aiolos nahm Odysseus beiseite, ergriff einen großen Sack, fing darin die Winde ein, die über dem Mittelmeer unterwegs waren, und band ihn mit einer dicken silbernen Kordel zu. Er schärfte ihm ein, diesen Sack zu hüten und auf keinen Fall zu öffnen, bis seine Schiffe sicher im Hafen von Ithaka angekommen waren; dann könne kein Wind ihm, seinen Männern und seinen Schiffen etwas anhaben.

Und so legten die Schiffe schließlich ab. Einen Wind hatte Aiolos übrig gelassen, der von Süden nach Norden wehte und die drei Schiffe sanft aber stetig voran trieb; und jede Nacht ruhte Odysseus mit Kopf und Nacken auf dem zugebundenen Sack mit der silbernen Kordel.

Bald entstand in der Mannschaft das Gerücht, dieser Sack berge in Wahrheit Gold, Silber und kostbares Geschmeide, und Odysseus behaupte nur, es sei ein Sack voller Winde, weil er seine Schätze nicht mit den anderen teilen wolle. Dieses Gerücht breitete sich aus und schwoll an wie ein unterschwelliger, flüsternder, hörbarer Wind.

Nach zwei Tagen und zwei Nächten kam bei Sonnenuntergang am Abend des dritten Tages eine Küstenlinie in Sicht: Ithaka! Nach zehn Jahren Krieg lag die Heimat zum Greifen nahe vor den Augen aller. Am nächsten Morgen würde die einsetzende Ebbe ihre Schiffe in den Hafen bringen, nach Hause!

Überglücklich und zu Tode erschöpft legte sich Odysseus nach Sonnenuntergang auf den Decksplanken zum Schlafen nieder, den Sack des Aiolos wie immer als Kissen unter Kopf und Nacken.

Doch mittlerweile hatte die Ungeduld und Neugier der Männer auf die vermeintlichen Schätze den Siedepunkt erreicht. Es ist nicht von Bedeutung, wer es schließlich tat; doch einer aus der Mannschaft nahm Odysseus den Sack unter dem Kopf weg, ohne dass er erwachte. Während sich die anderen im Kreis um ihn versammelten, löste er den Knoten der silbernen Kordel, nahm sie ab und öffnete den Sack...

Prompt brach die Hölle los, über und unter ihnen und um sie herum! Mannshohe Wellenberge türmten sich, die Gischt schäumte und sprühte! Die losgelassenen Winde trieben die drei Schiffe Ithakas mit unerbittlicher Kraft erneut südwärts, fort von der Heimat, fort von der Küste, die noch gestern zum Greifen nahe gewesen war, ohne die leiseste Chance, bei solch einem Sturm gegenzusteuern.

Als der Sturm nachließ, erreichten die Schiffe Ithakas eine grüne, mit Kräutern und Sträuchern dicht bewachsene Insel, von deren Graten die Töne kleiner Glocken zu ihnen her überwehten, so wie sie seit jeher Tiere um den Hals tragen, die im Freien auf einer Weide unterwegs sind und als Herde einem Besitzer gehören.

Es war Zeit, von den Strapazen des Sturmes auszuruhen, die Schäden an den Schiffen auszubessern und die Wasser- und Lebensmittelvorräte aufzufüllen; und die Glöckchen der noch unsichtbaren Herde klangen den Mannschaften verheißungsvoll in den Ohren. Und so brach Odysseus mit zwölf Gefährten auf, um sich auf der Insel umzusehen und den Besitzer dieser Tiere um ein Nachtlager und Vorräte zu bitten.

Bald erreichte der Expeditionstrupp eine Höhle, in der sie Schafskäse in Schalen aus Ton und vergorene Schafmilch in Schläuchen an den Wänden hängen sahen; und in friedlich-erwartungsvoller Stimmung erwarteten sie die Rückkehr des Hirten und Höhlenbewohners. Bald hörte man das Blöken von Schafen und das Trappeln ihrer Hufe, das sich rasch näherte: zwölf Schafe, ein Widder als Leittier vorneweg, und der Bewohner der Höhle hinterher.

Ein Riese mit mächtigen Gliedmaßen und einem Kopf, so hoch wie ein Berggipfel, der mit seinen Händen Menschen wie Spielpuppen packen und heben konnte, aber mit nur einem Auge in der Mitte seiner hohen spitzen Stirn; ein Zyklop. Als er als letzter die Höhle betrat, wälzte er einen riesigen Felsblock vor den Eingang.

Odysseus erklärte dem heimgekehrten Zyklopen, er und seine Gefährten seien Schiffbrüchige, die dringend etwas zu essen und zu trinken und ein wenig Ruhe nötig hätten, und bat um ein Abendessen und ein Nachtquartier. Der einäugige Riese stellte sich als Polyphem vor und erklärte, er mache sich nichts aus Menschen, und Gastfreundschaft hätten sie von ihm nicht zu erwarten. Er fragte den, der das Wort an ihn gerichtet hatte, nach seinem Namen.

Einer spontanen Eingebung folgend nannte sich Odysseus Niemand, auf Altgriechisch Udeis. „Nun, du namenloser Niemand, etwas zu essen ist gut – für mich...“

Bevor sich die Gefährten versahen, hatte der Riese zwei von ihnen mit seinen Fäusten gepackt, schlug ihre Köpfe auf den Boden, pellte sie aus ihrer Kleidung und verschlang sie vor den entsetzten Augen aller mit Haut und Haaren! Am nächsten Morgen verspeiste er zwei weitere Männer zum Frühstück, bevor er mit seiner Schafherde ins Freie aufbrach und den Felsblock wieder vor den Höhleneingang wälzte.

Geschockt, trauernd und wütend blieben von zwölf Männern acht zurück. Odysseus schwor ihnen, dass er den Tod seiner Getreuen rächen und dafür sorgen werde, dass sie die Höhle verließen. Er nahm einen Holzpfahl, spitzte ihn an einem Ende zu und härtete die Spitze in der noch schwelenden Glut des Lagerfeuers.

Da es ihnen unmöglich war, den Felsblock vor dem Eingang der Höhle zu bewegen, geschweige denn fortzuwälzen, blieb ihnen nichts anderes übrig, als den Abend abzuwarten, wenn der Zyklop mit seiner Herde zurückkehrte.

So geschah es. Polyphem ließ seine Schafe hinein, wälzte den Felsblock vor und ließ es sich nicht nehmen, noch zwei Männer zum Abendessen roh und ungebraten zu verspeisen. Da rief Odysseus zu, zu essen ohne zu trinken mache durstig; ob er ihm nicht etwas von seinem Wein anbieten dürfe?

Die verbliebenen sechs Männer schafften eilends die Schläuche mit dem Retsina herbei, und Polyphem leerte einen Sack nach dem anderen bis zum letzten.

Bald verursachte ihm der schwere, unverdünnte Wein Kopfschmerzen, Benommenheit und vor allem Übelkeit. Als er sich erbrach, hatten die fünf überlebenden Gefährten die kaum verdauten Überreste ihrer Freunde vor Augen. Odysseus sagte später, dies sei der abscheulichste Anblick, den er in seinem Leben je gesehen hatte… In einer Lache aus Wein, Milch und Menschenfleisch ließ Polyphem sich sinken und schlief ein.

Dies war die einzige Chance! Odysseus packte den Holzpfahl, dessen Spitze er in der Glut des Herdes noch einmal erhitzt hatte, und rammte ihn dem schlafenden Riesen in sein Auge.

Prompt begann Polyphem zu klagen und zu brüllen. Sein Geheul und Wehgeschrei hallte von den Höhlenwänden wider und drang zu den Zyklopen in seiner Nachbarschaft durch, die herbei gestampft kamen und ihn fragten, was geschehen sei.

„Niemand hat mich geblendet, Niemand will mich berauben, Niemand ist ein Mörder!“

„Wenn niemand dir etwas zu Leide tut, was brüllst du dann herum?“

Damit wandten sich die anderen Zyklopen ab und gingen wieder in ihrer Wege.

Indes banden die sechs Männer von den zwölf Schafen jeweils drei nebeneinander und verbargen sich in der dichten Wolle unter ihren Bäuchen. Odysseus kroch unter den Bauch des Widders, des stärksten und größten Tieres, und so warteten sie den Anbruch des Morgens ab.

Trotz seiner Blindheit und seiner Schmerzen wälzte Polyphem auch diesmal den Felsblock vom Eingang der Höhle weg.

Halb liebkosend, halb nach etwaigen Menschenkörpern tastend, grub er seine Finger in das weiche Fell seiner Schafe; doch weil sich die Männer unter den Körpern verborgen hielten, bekam er sie nicht zu fassen.

Es erstaunte ihn nur, dass der Widder, der sonst der Herde als Leittier voraus ging, diesmal als Letzter kam. „Bist du heute der Letzte? Sonst kannst du es nicht erwarten, als erster ins Freie zu stürmen... Ach, gutes Tier, spürst du den Schmerz deines Herrn und leistest ihm Gesellschaft?“

Auch den Widder liebkoste er mit seinen Fingern; dann ließ er ihn ziehen, und so gelang es schließlich auch Odysseus, die Höhle des Zyklopen zu verlassen. Als die überlebenden Gefährten auf ihr Schiff zurückkehrten und ablegten, konnte er es sich nicht verkneifen, sich umzudrehen und dem seiner Sehkraft und seiner Macht beraubten Zyklopen zuzurufen: „Wisse, Polyphem, dass es kein Niemand war, der dich geblendet und überlistet hat. Es war das Werk von Odysseus, Sohn des Laertes, König von Ithaka!“

Polyphem sank in die Knie und brüllte: „Poseidon, mein Vater, sieh deinen Sohn! Sieh, wie Odysseus mich geblendet, geschändet und gedemütigt hat! Vater, räche mein Leiden!“

Und Poseidon erhörte den Appell seines Sohnes. Mit dem Sturm, den er nun schickte, zerschmetterte er zwei Schiffe und ließ alle Männer mitsamt den Schiffen untergehen. Auch das Flaggschiff des Odysseus zerlegte er in Trümmer, wobei er und seine Männer sich mit knapper Not zu retten vermochten, einmal mehr an den Strand einer ihnen völlig fremden Insel.



15.08.2026 - Homers "Illias" und "Odyssee" - Zwei Werke für die Ewigkeit
Erst vor kurzem ist ein Film in den Kinos dieser Welt erschienen, in dem der Regisseur und Oscar-Preisträger Christopher Nolan einen Stoff neu zu deuten versucht, der ca. 1.000 Jahre vor der ersten Zeitenwende entstand und Menschen seither über Jahrtausende hinweg gefesselt und bewegt hat: Homers "Illias", das Epos vom Krieg gegen Troja und vom Untergang einer Stadt, die als uneinnehmbar galt, und die sich der Illias anschließende "Odyssee", die zehn Jahre währende Irrfahrt des Odysseus kreuz und quer durchs Mittelmeer, erst mit drei Schiffen und schließlich als einziger Überlebender. Nolan versucht, die Odyssee auf der Grundlage der modernen Psychologie als Krise eines schwer traumatisierten Mannes zu deuten, dem es auf Grund der Auswirkungen seiner Traumata nicht gelingt, den Weg nach Hause zu finden, und der sich dazu erst wiederfinden und dann überwinden muss. Doch es handelt sich bei der "Illias" und der "Odyssee" um einen Stoff aus einer archaischen Vorzeit, in der das Weltbild und Denken der Menschen ein anderes war als unseres. Und der Dreh- und Angelpunkt dieses alten Stoffes, an dem Nolan leider achtlos vorbeigeht, ist: Wieviel von dem, was der Mensch erlebt und überlebt, verdankt er sich und seinen Fähigkeiten, und wieviel hängt von Gewalten ab, die größer und mächtiger sind als er? Da dies aus meiner Sicht eine alters- und zeitlose Frage ist, verdienen es die "Illias" und die "Odyssee", dass ich diesen beiden großen Epen der Weltliteratur, von denen eines das andere bedingt, meine Feder bzw. meinen PC leihe und in Worte zu fassen versuche, was der blinde Barde Homer uns bis heute zu sagen hat. Die Menschen im antiken Griechenland, denen unser Wissen über die Elemente dieser Erde noch völlig fern lag, betrachteten Erscheinungen wie Winde und Stürme, das Wogen der See, Erdbeben, Vulkanausbrüche und Feuersbrünste und allein die Pflanzen- und Tierwelt und deren Gedeihen als Verkörperungen von Gottheiten, die auf ihrem Gebiet über große Macht und Gewalt verfügten und dies immer wieder eindrucksvoll bewiesen. Doch es waren Gottheiten, deren Handeln alles andere als tadellos und nicht selten von allzu menschlichen Verhaltensweisen bestimmt war: Eifersucht, Eitelkeit, Rachsucht, Streit und Zank waren ihnen nie fremd. Nicht nur unsterbliche und mächtige Götter bevölkerten den Olymp, auch die Nachkommen göttlicher Väter und sterblicher Mütter, oder es gelang sterblichen Helden, durch ihre Taten und/oder eine Hochzeit in den Rang von Göttern erhoben zu werden. Von daher ist das Bild jenes Kino-Werbespots, der die Götter des Olymp als in Saus und Braus lebendes Partyvolk zeigt, das Zeus mit Musik, Speis und Trank bei Laune hält, nicht weit vom Götterbild der alten Griechen entfernt: In der Tat haben die Götter des Olymp Aufstiege von Sterblichen und Hochzeiten mit großen Gelagen gefeiert!


Homers Illias und Odyssee - Zwei Werke für die Ewigkeit
 

Erst vor kurzem ist ein Film in den Kinos dieser Welt erschienen, in dem der Regisseur und Oscar-Preisträger Christopher Nolan einen Stoff neu zu deuten versucht, der ca. 1.000 Jahre vor der ersten Zeitenwende entstand und Menschen seither über Jahrtausende hinweg gefesselt und bewegt hat:

Homers Illias, das Epos vom Krieg gegen Troja und vom Untergang einer Stadt, die als uneinnehmbar galt, und die sich der Illias anschließende Odyssee, die zehn Jahre währende Irrfahrt des Odysseus kreuz und quer durchs Mittelmeer, erst mit drei Schiffen und schließlich als einziger Überlebender.

Nolan versucht, die Odyssee auf der Grundlage der modernen Psychologie als Krise eines schwer traumatisierten Mannes zu deuten, dem es auf Grund der Auswirkungen seiner Traumata nicht gelingt, den Weg nach Hause zu finden, und der sich dazu erst wiederfinden und dann überwinden muss.

Doch es handelt sich bei der Illias und der Odyssee um einen Stoff aus einer archaischen Vorzeit, in der das Weltbild und Denken der Menschen ein anderes war als unseres. Und der Dreh- und Angelpunkt dieses alten Stoffes, an dem Nolan leider achtlos vorbei geht, ist: Wieviel von dem, was der Mensch erlebt und überlebt, verdankt er sich und seinen Fähigkeiten, und wieviel hängt von Gewalten ab, die größer und mächtiger sind als er?

Da dies aus meiner Sicht eine alters- und zeitlose Frage ist, verdienen es die Illias und die Odyssee, dass ich diesen beiden großen Epen der Weltliteratur, von denen eines das andere bedingt, meine Feder bzw. meinen PC leihe und in Worte zu fassen versuche, was der blinde Barde Homer uns bis heute zu sagen hat.

Die Menschen im antiken Griechenland, denen unser Wissen über die Elemente dieser Erde noch völlig fern lag, betrachteten Erscheinungen wie Winde und Stürme, das Wogen der See, Erdbeben, Vulkanausbrüche und Feuersbrünste und allein die Pflanzen- und Tierwelt und deren Gedeihen als Verkörperungen von Gottheiten, die auf ihrem Gebiet über große Macht und Gewalt verfügten und dies immer wieder eindrucksvoll bewiesen.

Doch es waren Gottheiten, deren Handeln alles andere als tadellos und nicht selten von allzu menschlichen Verhaltensweisen bestimmt war: Eifersucht, Eitelkeit, Rachsucht, Streit und Zank waren ihnen nie fremd.

Nicht nur unsterbliche und mächtige Götter bevölkerten den Olymp, auch die Nachkommen göttlicher Väter und sterblicher Mütter, oder es gelang sterblichen Helden, durch ihre Taten und/oder eine Hochzeit in den Rang von Göttern erhoben zu werden.

Von daher ist das Bild jenes Kino-Werbespots, der die Götter des Olymp als in Saus und Braus lebendes Partyvolk zeigt, das Zeus mit Musik, Speis und Trank bei Laune hält, nicht weit vom Götterbild der alten Griechen entfernt: In der Tat haben die Götter des Olymp Aufstiege von Sterblichen und Hochzeiten mit großen Gelagen gefeiert!

Indes geschah es zu der Zeit, als Homer seine beiden Epen unter das Volk brachte, dass sich die Menschen von den Göttern abzuwenden begannen, ihren eigenen Verstand und ihre Kräfte entdeckten.

Der Physiker Archimedes entdeckte das Prinzip des Auftriebs, das mit etwas Göttlichem, wie er feststellte, nichts zu tun hatte.

Der Astronom und Philosoph Aristoteles äußerte erstmals den Gedanken, das Weltall sei in Sphären aufgebaut, in denen Planeten und Sterne auf ihren ewigen Bahnen kreisten, lange vor Kopernikus und Galilei.

Der Arzt und Naturforscher Hippokrates entdeckte Grundlegendes über den Organismus des Menschen und dessen Funktionen und Wechselwirkungen.

Und der Mathematiker Pythagoras legte den Grundstein zur Geometrie und Trigonometrie.

Angesichts dieser Entwicklungen beschloss Homer, seinen Helden Odysseus als einen Mann zu porträtieren, dessen Einfallsreichtum und geistige Wendigkeit ihm half, Bedrängnissen zu entkommen und sie zu überleben. Indes hat Homer den Göttern des Olymp ihren machtvollen Einfluss nie aberkannt. Im Zusammenhang mit Odysseus schuf er den Begriff der Hybris: die Überheblichkeit eines Menschen, der sich seines Sieges rühmt, ohne den Göttern den Lobpreis und das Dankopfer zu erbringen, das er ihnen für ihre Unterstützung schuldet.

Wie ich es später schildern werde, liegt in Odysseus’ Überheblichkeit die Ursache, weshalb aus seiner Heimreise eine Irrfahrt wird; doch sie ist nicht der einzige Grund dafür, dass sie zehn lange Jahre nicht endet. Diese lange Zeitspanne verdankt er an zwei Stationen dem Fehlverhalten seiner Männer und zum Großteil der aufrichtigen, ernst gemeinten Liebe einer Frau; doch auch hierzu komme ich an geeigneter Stelle.



07.06.2026 - Ravensburg - Eine Stadt nicht nur für Spiele
Wer von meinen älteren Leserinnen und Lesern in der Kindheit und Jugend oder auch später dann und wann vor einem Schach-, Mühle- oder Halmabrett saß und sich mit einem Partner duellierte, oder wer zwischen dem siebten und zehnten Lebensjahr Memory gespielt oder Quartette gesammelt und mit Freunden aus der Nachbarschaft oder der Schulklasse getauscht hat, ist mit Ravensburg in Berührung gekommen, ohne dass es ihr oder ihm bewusst war. Denn all die vorgenannten Brett- und Kartenspiele stammen aus dem Ravensburger Verlag, der 1892 von Otto Ritter gegründet wurde und sich im Lauf seiner Geschichte neben dem Schmidt-Verlag zum weltweit größten Erfinder und Produzenten von Spielen entwickelt hat. Wer sich abends oder an freien Wochenenden mit solchen Spielen die Zeit vertrieb, trainierte sein planmäßiges und strategisches Denken bzw. erweiterte über die mannigfaltigen Memory- und Quartettserien seine Merkfähigkeit und sein Allgemeinwissen. Seit dem Siegeszug des PC, des WWW und dem Fortschreiten der Digitalisierung ist diese Art von Spielen ins Hintertreffen geraten; doch bis heute sind aus Spielwarenabteilungen wie auch aus Buchhandlungen die Ravensburger Puzzles von 50 bis zu 5.000 Teilen und mit Motiven aus der Tier- und Pflanzenwelt, aus Landschaften und Städten und der klassischen Malerei nicht wegzudenken. Wie ich dazu komme, über die Ravensburger Spiele und Puzzles zu schreiben? Weil es sie im „Wohnzimmer“, dem Gesellschaftsraum der Reha-Klinik in Aulendorf stapelweise gibt und sich jede und jeder an ihnen frei bedienen kann und darf. Zwei Wochen nach meiner Ankunft begann die Arbeit auf dem Puzzletisch an einem Kolossalschinken mit 5.000 Teilen, und als ich drei Wochen später wieder nach Hause fuhr, war es noch weit davon entfernt, fertig zu werden. Es handelt sich um eine römische Gemäldegalerie aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. Sie ist in einem Palazzo mit einem Brunnen davor untergebracht, in dem sich über drei säulengestützte Galerien jede Menge Besucher im schwarzen Frack und Zylinder verteilen. Drei Galerien, bei denen der Marmor der Säulen, Balkone und Geländer ebenso grau-weiß-blau meliert ist wie der Rand des Brunnens vor dem Palazzo, die vom Boden bis zur Decke von einem Rahmen aus dunkelbraunem Holz und einem karmesinroten Samtvorhang eingefasst sind, und über denen der Himmel in demselben Blaugrün und Weiß schimmert wie das Wasser im Brunnen… Wie manch ein anderer Rehabilitand habe ich mich in Therapiepausen oder am Wochenende hin und wieder an diesem in 5.000 Einzelteile zerlegten Repro-Gemälde versucht. Ich saß und brütete an dunklen oder einfarbigen Ecken und Teilen, von denen kein einziges passen wollte. Und jedes Mal stellte ich fest, dass dieses Ding kein Puzzle, sondern eine Strafarbeit ist, und räumte nach zehn Minuten freiwillig das Feld! Als ich in Ulm kurz in die große Buchhandlung geschaut habe, waren im Erdgeschoss, wie von mir erwähnt, Ravensburger Puzzles in Massen ausgestellt. Mir fiel ein Bild des Fischerviertels bei Sonnenuntergang in die Hände, dessen Farben und Nuancen mich anzogen. Es wäre eine greifbare, dauerhafte Erinnerung an meine Zeit in Ulm gewesen! Nur war es leider in 2.000 Teile zerlegt, an denen ich irgendwann entnervt aufgegeben und das Puzzle auf einen Schrank oder das oberste Brett eines Regals verbannt hätte. Dafür war mir das schöne Bild zu schade… Doch Ravensburg beliefert die Welt nicht nur mit Spielen und Puzzles in vielerlei Gestalt; Ravensburg ist auch eine Kreisstadt im südlichen Oberschwaben, zu der Aulendorf gehört, und geht wie Ulm auf das Mittelalter zurück. Da sie in den einschlägigen Broschüren als sehenswert empfohlen wird, nahm ich mir auch diese Stadt für einen Samstagsausflug vor.


Ravensburg - Eine Stadt nicht nur für Spiele


Wer von meinen älteren Leserinnen und Lesern in der Kindheit und Jugend oder auch später dann und wann vor einem Schach-, Mühle- oder Halmabrett saß und sich mit einem Partner duellierte, oder wer zwischen dem siebten und zehnten Lebensjahr Memory gespielt oder Quartette gesammelt und mit Freunden aus der Nachbarschaft oder der Schulklasse getauscht hat, ist mit Ravensburg in Berührung gekommen, ohne dass es ihr oder ihm bewusst war. Denn all die vorgenannten Brett- und Kartenspiele stammen aus dem Ravensburger Verlag, der 1892 von Otto Ritter gegründet wurde und sich im Lauf seiner Geschichte neben dem Schmidt-Verlag zum weltweit größten Erfinder und Produzenten von Spielen entwickelt hat.

Wer sich abends oder an freien Wochenenden mit solchen Spielen die Zeit vertrieb, trainierte sein planmäßiges und strategisches Denken bzw. erweiterte über die mannigfaltigen Memory- und Quartettserien seine Merkfähigkeit und sein Allgemeinwissen.

Seit dem Siegeszug des PC, des WWW und dem Fortschreiten der Digitalisierung ist diese Art von Spielen ins Hintertreffen geraten; doch bis heute sind aus Spielwarenabteilungen wie auch aus Buchhandlungen die Ravensburger Puzzles von 50 bis zu 5.000 Teilen und mit Motiven aus der Tier- und Pflanzenwelt, aus Landschaften und Städten und der klassischen Malerei nicht wegzudenken.

Wie ich dazu komme, über die Ravensburger Spiele und Puzzles zu schreiben? Weil es sie im „Wohnzimmer“, dem Gesellschaftsraum der Reha-Klinik in Aulendorf stapelweise gibt und sich jede und jeder an ihnen frei bedienen kann und darf. Zwei Wochen nach meiner Ankunft begann die Arbeit auf dem Puzzletisch an einem Kolossalschinken mit 5.000 Teilen, und als ich drei Wochen später wieder nach Hause fuhr, war es noch weit davon entfernt, fertig zu werden.

Es handelt sich um eine römische Gemäldegalerie aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. Sie ist in einem Palazzo mit einem Brunnen davor untergebracht, in dem sich über drei säulengestützte Galerien jede Menge Besucher im schwarzen Frack und Zylinder verteilen. Drei Galerien, bei denen der Marmor der Säulen, Balkone und Geländer ebenso grau-weiß-blau meliert ist wie der Rand des Brunnens vor dem Palazzo, die vom Boden bis zur Decke von einem Rahmen aus dunkelbraunem Holz und einem karmesinroten Samtvorhang eingefasst sind, und über denen der Himmel in demselben Blaugrün und Weiß schimmert wie das Wasser im Brunnen…

Wie manch ein anderer Rehabilitand habe ich mich in Therapiepausen oder am Wochenende hin und wieder an diesem in 5.000 Einzelteile zerlegten Repro-Gemälde versucht. Ich saß und brütete an dunklen oder einfarbigen Ecken und Teilen, von denen kein einziges passen wollte. Und jedes Mal stellte ich fest, dass dieses Ding kein Puzzle, sondern eine Strafarbeit ist, und räumte nach zehn Minuten freiwillig das Feld!

Als ich in Ulm kurz in die große Buchhandlung geschaut habe, waren im Erdgeschoss, wie von mir erwähnt, Ravensburger Puzzles in Massen ausgestellt. Mir fiel ein Bild des Fischerviertels bei Sonnenuntergang in die Hände, dessen Farben und Nuancen mich anzogen. Es wäre eine greifbare, dauerhafte Erinnerung an meine Zeit in Ulm gewesen! Nur war es leider in 2.000 Teile zerlegt, an denen ich irgendwann entnervt aufgegeben und das Puzzle auf einen Schrank oder das oberste Brett eines Regals verbannt hätte. Dafür war mir das schöne Bild zu schade…

Doch Ravensburg beliefert die Welt nicht nur mit Spielen und Puzzles in vielerlei Gestalt; Ravensburg ist auch eine Kreisstadt im südlichen Oberschwaben, zu der Aulendorf gehört, und geht wie Ulm auf das Mittelalter zurück. Da sie in den einschlägigen Broschüren als sehenswert empfohlen wird, nahm ich mir auch diese Stadt für einen Samstagsausflug vor.

Einmal mehr machte ich mich am Samstag nach Christi Himmelfahrt auf den Weg vom Kurpark über den Schlossplatz hinunter zum Aulendorfer Bahnhof in der Talsenke. Doch vom 14. Mai bis zum 18. September 2026 ist der Schienenverkehr wegen Gleisbauarbeiten stark eingeschränkt, so dass es nach Ravensburg und weiter hinunter zum Bodensee nur Schienenersatzbusse gibt.

Zu meinem Glück kam genau zur richtigen Zeit ein Schienenersatzbus daher, der mein Ziel anfuhr; und nachdem ich mein Tagesticket am Fahrkartenautomaten gelöst hatte, fackelte ich nicht lange und schwang mich in den Bus. Allerdings bedeutet Schienenersatzverkehr auch, dass man über das Land und durch kleine Dörfer fährt und der Bus anders als der Zug an jeder Milchkanne hält, so dass die Fahrt gute zwanzig Minuten länger dauert als auf der Schiene.

Doch ich erreichte Ravensburg relativ früh am Vormittag. Wie in Ulm liegt auch in dieser Stadt der Bahnhof mitten in der Innenstadt, und auch hier erstreckt sich vor dem Bahnhofsvorplatz ein großer Busbahnhof für den Stadt- und Regionalverkehr. Von hier aus kommt man mit dem Bus nach Lindau, Meersburg, Friedrichshafen, Überlingen und Konstanz; sprich, man erreicht alle wichtigen Städte am Nordufer des Bodensees, und das viel schneller als mit dem Zug und ohne Umsteigen!

Und auch in Ravensburg gelangt man zu Fuß in zehn Minuten ins Zentrum der Altstadt. Wenn man sich am Busbahnhof halb nach rechts wendet, erhebt sich hinter dem großen gläsernen Funkhaus und Redaktionsgebäude des Südwestdeutschen Rundfunks (SWR) der Gemalte Turm, neben dem „Mehlsack“, dem weißen Rundturm, der sich neben der Veitsburg über der Stadt erhebt, eines der markanten Wahrzeichen Ravensburgs. Direkt an den Gemalten Turm schließt sich die Stadtmauer an, die hinter einer Allee aus Laubbäumen den Stadtkern umschließt wie in Nürnberg, Nördlingen oder Rothenburg ob der Tauber; nur, dass die Stadtmauer von Ravensburg nicht so hoch, wuchtig und massiv ist wie in den vorgenannten Städten.

Wo die Mauer endet, führt die Charlottenstraße direkt ins Herz der Altstadt. Wegen Straßen- und Tiefbauarbeiten sind nicht nur die Häuser mittelalterlich, sondern die Straße selbst: Es gibt hier weder Asphalt noch Kopfsteinpflaster, nur festgestampften Lehm und Kies. Doch folgt man der Charlottenstraße einfach schnurgeradeaus, endet sie genau vor dem Herzen der Stadt, sprich am Marienplatz gegenüber dem Blaserturm. Am Marienplatz? Jawohl!

Wie in München ist auch in Ravensburg der Marienplatz das Zentrum der Stadt, von dem alles ausgeht. Nur, dass der Marienplatz kein Quadrat ist wie in München, sondern eher eine Straße, die zwar breit ist, bei der aber die Länge deutlich überwiegt, ähnlich wie beim Wenzelsplatz in Prag.Und wie in Prag säumen auch in Ravensburg die Häuser den Platz in hellen Pastellfarben: beige, blassblau, hellorange, maigrün, zartgelb.

In Ravensburg streitet das Fachwerk mit dem gewölbten und geschweiften Barock um den Vorrang. Alle Häuser am Marienplatz und in den Gassen, die von ihm abzweigen, müssen zu Beginn der 2000er Jahre frisch getüncht worden sein, denn ihre Farben strahlen klar und rein.

Wie in Ulm findet auch in Ravensburg an jedem Samstag ein großer Markt statt. Er bietet nicht nur Obst, Gemüse und Lebensmittel, auch Strümpfe und Socken, Schuhe, Hemden und Shirts, Schreibwaren, Andenken und vieles mehr, ähnlich wie die Auer Dult am Mariahilfplatz. Auch gibt es auf diesem Markt jede Menge Essbuden und -hütten, die Maultaschen mit vielerlei Füllung, Dinnete mit vielerlei Belag und Käsespätzle servieren, nicht nur in der klassischen Urform mit Röstzwiebeln, auch mit Bärlauch-Pesto, Chili-Limetten-Sauce, Trüffelcreme etc.

Anstatt für die „Einsamkeitsspätzle“ mit Knoblauch und Zwiebeln entschied ich mich lieber für die „Winterspätzle“ mit einem Schwall eingekochter Preiselbeeren unter den Röstzwiebeln und habe meine Wahl nicht bereut. Während die oberbayerischen Kasspatz’n zuweilen eine recht trockene Angelegenheit sind, waren diese Spätzle aus dem Schwabenland frisch und saftig.

Auch eine Dinnete kann ich wärmstens empfehlen! Ich wählte die schwäbische Variante der Pizza, mit Frischkäse bestrichen und mit Rucola, Kirschtomaten und rohem Schwarzwälder Schinken belegt, und konnte mit meinem Fladen, seinem großzügigen Belag und seinem runden, vollmundigen Geschmack nur zufrieden sein.

Mir ist aufgefallen, dass Ravensburg in einem Aspekt Nürnberg ebenso ähnelt wie Ulm: Beides sind Bürgerstädte, in deren Blütezeit die Kaufleute und vor allem die Zünfte und Gilden der Handwerker das Sagen hatten.

Denn das Lederhaus, das ehemalige Zunfthaus der Gerber mit seinen hellgrauen Sgraffito-Malereien im weißgetünchten Mauerwerk, ist seiner Fläche nach größer als das Rathaus. Und das zartgelbe Kornhaus mit seinen grünen Fensterläden, früher der Speicher und zentrale Umschlagplatz für Getreide, erhebt sich so hoch und wuchtig wie eine Trutzburg auf einer eigenen Anhöhe über die Altstadt; nur der Wehrturm fehlt dem Kornhaus zu einer Burg.

Das Rathaus, obgleich scharlachrot getüncht und mit weißen Kanten verbrämt, nimmt sich neben dem Kornhaus und dem Lederhaus geradezu klein und kompakt aus. Auch das Zunfthaus der Tuchglätter und -färber, ein klassischer dreistöckiger Fachwerkbau mit schwarzem Gebälk, weißem Mauerwerk und dunkelgrünen Fensterläden, nimmt einen ganzen Häuserblock ein. Heute ist hier eine traditionsreiche Apotheke untergebracht, doch auch dieses Gebäude stellt in seiner Größe und Ausdehnung das Rathaus in den Schatten…

Besonderes Ansehen genießt in Ravensburg die Feuerwehr, deren Leitzentrale in einem großen freistehenden Fachwerkhaus nahe der Stadtmauer untergebracht ist. Denn so solide und massiv Fachwerkhäuser auch gebaut sind, gilt für sie leider auch eine Tatsache: Fängt es einmal Feuer, dann brennt das knochentrockene Holz des Daches und des Gebälks wie Zunder. Und dann ist der Alarm des Wächters auf dem Blaserturm und der Einsatz der Feuerwehr gefragt!

Zuletzt ist dies 1989 geschehen, als der Frauentorturm nahe der Stadtmauer in Flammen aufging. Bei ihren Bemühungen, das Baudenkmal und die angrenzenden Häuser der Altstadt zu retten, kamen zwei Feuerwehrmänner ums Leben; und zum Gedenken an diesen Brand und den Tod der beiden Männer in den Flammen hat man jedem eine eigene Straße gewidmet.

Doch nicht nur die Zunfthäuser der Gilden und Handwerker machen die Ravensburger Altstadt bemerkenswert. Vom Marienplatz zweigen enge Gassen und stille lauschige Winkel mit alten verwitterten Mauern ab, an denen sich Efeu, Weinlaub, Rosen oder Trichterwinden ranken und den Eindruck erschaffen, dass hier seit Jahrhunderten die Zeit stillsteht...

Auch fallen auf dem Streifzug durch die Stadt die vielen Türme ins Auge: der Gemalte Turm an der Stadtmauer, der Blaserturm, der höchste Punkt der Altstadt und die Achse, um die sie sich dreht; der Goldene Turm hinter dem Kornhaus, der diesen Namen seinem mit vergoldeten Schindeln gedeckten Spitzdach verdankt; und der schlichte runde Turm des Unteren Tores am südlichen Ende des Stadtkerns, der dem Wall des Heiliggeistspitals schräg gegenüber liegt.

Wie in Nürnberg zählt auch dieses Heiliggeistspital zu den ältesten öffentlichen Krankenhäusern Deutschlands, die für die Armen und Bedürftigen erbaut wurden. Heute ist im Frontispiz eine Gaststätte und im Längstrakt die Stadtbibliothek untergebracht.

So weit kam ich, um festzustellen, dass ich umkehren und zum zentralen Busbahnhof zurück musste, um zum Schienenersatzbus und mit ihm zum Aulendorfer Bahnhof zu gelangen! Denn auf mich wartete einmal mehr der Aufstieg zum Kurpark und der leidige, unausweichliche „Abendappell“ auf meiner Station...

Immerhin gelang es mir, in der Buchhandlung Osiander am Marienplatz noch einen Reiseführer über Oberschwaben mitzunehmen, um zu Hause nachzulesen, was ich an Sehenswertem verpasst hatte bzw. nicht hatte mitnehmen können.

So hat sich mir zwar leider nur flüchtig, aber dennoch eindrucksvoll ein Guckloch in eine Region aufgetan, von der ich vorher nichts wusste, in der ich mich aber nie unwohl gefühlt habe und die sich mir ausnahmslos licht und freundlich gezeigt hat, wo auch immer ich in den fünf Wochen meines Aufenthalts unterwegs war.

 



07.06.2026 - Ulm - Viele Wege führen zum Münster
Dass es mich an meinem zweiten freien Samstag nach Ulm verschlagen hat, liegt daran, dass ich ein bestimmtes Ziel nicht zu erreichen vermochte, das ich ins Auge gefasst hatte. Laut der einschlägigen Portale im Internet hätte es eine bestimmte Buslinie geben müssen, mit der man von der Schwaben-Therme bzw. vom Schlossplatz in Aulendorf zum Museumsdorf Kürnbach bei Bad Schussenried gelangt. Und so machte ich mich an jenem Samstagmorgen zu Fuß zum „Ufo“ der Schwaben-Therme auf und umkreiste auf den Kies- und Zufahrtswegen das Bauwerk mit dem angrenzenden Kurhotel Thermal. Doch hier war weit und breit keine einzige Bushaltestelle zu sehen! Noch nicht entmutigt kehrte ich um und ging vom „Ufo“ zum Schlossplatz hinunter, denn hier sind gegenüber dem barocken Gebäudeteil des Schlosses Aulendorf einige Bushaltestellen angelegt. Doch die Linien, die dort ausgeschrieben sind, führen zu allen möglichen Orten in der Nachbarschaft, aber weder nach Bad Schussenried noch zum Museumsdorf Kürnbach. Zu meinem Glück war an diesem Samstagmorgen eine Einheimische zu Fuß unterwegs wie ich, die ich nach diesem einen Bus fragte. „I han hier obe no nia an Bus fahre sehe“, eröffnete mir die ältere Dame in aller Seelenruhe und im reinsten Oberschwäbisch. „Da müsset Sie zum Bahnhof laufe, da fahre die Busse weg. Oifach hier der Straß’ nach und g’radaus die Allee ´nunter.“ Sie wies auf die Straße, die in der Tat über eine kleine von Bäumen gesäumte Allee steil aber direkt in den Talgrund hinab führte. Ich bedankte mich bei der freundlichen älteren Dame, machte mich auf den Weg und erreichte den Bahnhof von Aulendorf nach etwa zehn Minuten zu Fuß bergab. In der Tat liegt hier der Bahnhof, der aktuell umgebaut wird und um den herum zusätzlich Gleisbauarbeiten stattfinden, so dass nicht alle Züge fahren, die sonst auf dieser Trasse verkehren; und vor dem Bahnhof gibt es einen gar nicht so kleinen Busbahnhof, an dem auch Busse halten und abfahren. Die Schienenersatzbusse fahren, wie sich beim Blick auf die Anzeigetafeln herausstellte, nach Bad Saulgau, Sigmaringen, Tuttlingen, Ravensburg, ja sogar bis Friedrichshafen - nur nicht nach Bad Schussenried und zum Museumsdorf Kürnbach. - Hm! Selbst wenn ich es schaffte, auf Umwegen dorthin zu gelangen, wie kam ich wieder zurück nach Aulendorf? Ohne einen PKW oder wenigstens ein E-Bike war ich hier auf dem Land aufgeschmissen! Dann sah ich, dass zumindest der Regionalzug von und nach Ulm und Stuttgart regelmäßig direkt vor dem Bahnhofsgebäude abfährt und auch dort hält. Ulm ist eine Großstadt mit einem ausgebauten Nahverkehrsnetz; dort würde ich weiterkommen und nicht in einem mir völlig fremden Niemandsland stranden! Kurzerhand warf ich meinen Plan über den Haufen, besorgte mir aus dem Fahrkartenautomaten ein Tagesticket von Aulendorf nach Ulm und zurück für € 22,-- und stieg am Gleis 1 in den bereitstehenden Zug. Am Wochenende sind Regionalzüge mit Tagesausflüglern und Touristen in dieser Gegend recht gut ausgelastet, doch ich war früh genug dran, um noch einen Sitzplatz zu finden. Und so schaukelte ich über die sanften hügeligen Wiesen und Dörfer und die kleine Stadt Biberach gen Norden und erreichte in gut dreißig Minuten den Ulmer Hauptbahnhof. An dieser Stelle sollte ich für alle Reisenden, die hier umsteigen müssen, eine Warnung aussprechen: Nur über eine Hochbrücke gelangt man von einem Bahnsteig zum nächsten, und nicht an allen Bahnsteigen funktioniert der Aufzug. Zuweilen muss man eine recht hohe Treppe hinauf- und am richtigen Bahnsteig wieder hinuntersteigen. Mit leisem Grauen kam mir mein großer bleischwerer Trolley in den Sinn, dessen Gewicht sich durch eine vollgepackte Reisetasche noch zusätzlich erhöhte… Nein! Dieses Monstrum würde ich nicht im Ulmer Hauptbahnhof die Treppen hinauf und hinunter wuchten; das würde ich mir bei meiner Rückfahrt kostenlos mit Hermes nach Hause senden und nur das draußen lassen, was ich an meinen letzten anderthalb Tagen in Aulendorf brauchte, und es in ein paar Stofftüten verstauen! Über das Gleis 1 gelangt man zum Ausgang und damit zum Bahnhofsvorplatz; und direkt davor liegt der große Busbahnhof für den Stadt- und Regionalverkehr und eine Trambahn-Trasse. Und zu meiner Freude spitzt der Turm des Ulmer Münsters - der bis 2025 der höchste Kirchturm der Welt war, bis ihn der Christusturm von Antonio Gaudis Kathedrale Sagrada Familia in Barcelona überholt hat - bereits hier zwischen den Häuserblöcken hindurch. Das heißt, vom Bahnhof ist es nur ein kleiner Fußweg ins Zentrum der Altstadt, sprich zum Münsterplatz.


Ulm - Viele Wege führen zum Münster


Dass es mich an meinem zweiten freien Samstag nach Ulm verschlagen hat, liegt daran, dass ich ein bestimmtes Ziel nicht zu erreichen vermochte, das ich ins Auge gefasst hatte.

Laut der einschlägigen Portale im Internet hätte es eine bestimmte Buslinie geben müssen, mit der man von der Schwaben-Therme bzw. vom Schlossplatz in Aulendorf zum Museumsdorf Kürnbach bei Bad Schussenried gelangt. Und so machte ich mich an jenem Samstagmorgen zu Fuß zum „Ufo“ der Schwaben-Therme auf und umkreiste auf den Kies- und Zufahrtswegen das Bauwerk mit dem angrenzenden Kurhotel Thermal. Doch hier war weit und breit keine einzige Bushaltestelle zu sehen!

Noch nicht entmutigt kehrte ich um und ging vom „Ufo“ zum Schlossplatz hinunter, denn hier sind gegenüber dem barocken Gebäudeteil des Schlosses Aulendorf einige Bushaltestellen angelegt. Doch die Linien, die dort ausgeschrieben sind, führen zu allen möglichen Orten in der Nachbarschaft, aber weder nach Bad Schussenried noch zum Museumsdorf Kürnbach.

Zu meinem Glück war an diesem Samstagmorgen eine Einheimische zu Fuß unterwegs wie ich, die ich nach diesem einen Bus fragte.

„I han hier obe no nia an Bus fahre sehe“, eröffnete mir die ältere Dame in aller Seelenruhe und im reinsten Oberschwäbisch. „Da müsset Sie zum Bahnhof laufe, da fahre die Busse weg. Oifach hier der Straß’ nach und g’radaus die Allee ´nunter.“ Sie wies auf die Straße, die in der Tat über eine kleine von Bäumen gesäumte Allee steil aber direkt in den Talgrund hinab führte.

Ich bedankte mich bei der freundlichen älteren Dame, machte mich auf den Weg und erreichte den Bahnhof von Aulendorf nach etwa zehn Minuten zu Fuß bergab.

In der Tat liegt hier der Bahnhof, der aktuell umgebaut wird und um den herum zusätzlich Gleisbauarbeiten stattfinden, so dass nicht alle Züge fahren, die sonst auf dieser Trasse verkehren; und vor dem Bahnhof gibt es einen gar nicht so kleinen Busbahnhof, an dem auch Busse halten und abfahren.

Die Schienenersatzbusse fahren, wie sich beim Blick auf die Anzeigetafeln herausstellte, nach Bad Saulgau, Sigmaringen, Tuttlingen, Ravensburg, ja sogar bis Friedrichshafen - nur nicht nach Bad Schussenried und zum Museumsdorf Kürnbach. - Hm! Selbst wenn ich es schaffte, auf Umwegen dorthin zu gelangen, wie kam ich wieder zurück nach Aulendorf? Ohne einen PKW oder wenigstens ein E-Bike war ich hier auf dem Land aufgeschmissen!

Dann sah ich, dass zumindest der Regionalzug von und nach Ulm und Stuttgart regelmäßig direkt vor dem Bahnhofsgebäude abfährt und auch dort hält. Ulm ist eine Großstadt mit einem ausgebauten Nahverkehrsnetz; dort würde ich weiterkommen und nicht in einem mir völlig fremden Niemandsland stranden!

Kurzerhand warf ich meinen Plan über den Haufen, besorgte mir aus dem Fahrkartenautomaten ein Tagesticket von Aulendorf nach Ulm und zurück für € 22,-- und stieg am Gleis 1 in den bereitstehenden Zug. Am Wochenende sind Regionalzüge mit Tagesausflüglern und Touristen in dieser Gegend recht gut ausgelastet, doch ich war früh genug dran, um noch einen Sitzplatz zu finden. Und so schaukelte ich über die sanften hügeligen Wiesen und Dörfer und die kleine Stadt Biberach gen Norden und erreichte in gut dreißig Minuten den Ulmer Hauptbahnhof.

An dieser Stelle sollte ich für alle Reisenden, die hier umsteigen müssen, eine Warnung aussprechen: Nur über eine Hochbrücke gelangt man von einem Bahnsteig zum nächsten, und nicht an allen Bahnsteigen funktioniert der Aufzug. Zuweilen muss man eine recht hohe Treppe hinauf- und am richtigen Bahnsteig wieder hinuntersteigen.

Mit leisem Grauen kam mir mein großer bleischwerer Trolley in den Sinn, dessen Gewicht sich durch eine vollgepackte Reisetasche noch zusätzlich erhöhte… Nein! Dieses Monstrum würde ich nicht im Ulmer Hauptbahnhof die Treppen hinauf und hinunter wuchten; das würde ich mir bei meiner Rückfahrt kostenlos mit Hermes nach Hause senden und nur das draußen lassen, was ich an meinen letzten anderthalb Tagen in Aulendorf brauchte, und es in ein paar Stofftüten verstauen!

Über das Gleis 1 gelangt man zum Ausgang und damit zum Bahnhofsvorplatz; und direkt davor liegt der große Busbahnhof für den Stadt- und Regionalverkehr und eine Trambahn-Trasse. Und zu meiner Freude spitzt der Turm des Ulmer Münsters - der bis 2025 der höchste Kirchturm der Welt war, bis ihn der Christusturm von Antonio Gaudis Kathedrale Sagrada Familia in Barcelona überholt hat - bereits hier zwischen den Häuserblöcken hindurch. Das heißt, vom Bahnhof ist es nur ein kleiner Fußweg ins Zentrum der Altstadt, sprich zum Münsterplatz.

Man könnte schnurstracks geradeaus die Bahnhofstraße hinunter gehen. Man könnte sich leicht nach rechts wenden und einem kleinen Kanal folgen. Oder man könnte links und rechts neben der Bahnhofstraße auf einer der zahlreichen Brücken die Donau überqueren: Das Herz von Ulm ist aus jeder Richtung leicht zu erreichen, da nicht zu übersehen!

Da mir einmal Ulm nicht reichte, war ich an zwei Samstagen dort und kann von zwei Fußwegen berichten, auf denen ich an mein Ziel kam. Auf dem geraden Weg, sprich auf der Bahnhofstraße betritt man die Fußgängerzone und damit die erste der beiden zentralen Einkaufsmeilen dieser Stadt.

Wie bei uns am Marienplatz gibt es auch hier eine Galeria, größer, mächtiger, einladender und eleganter eingerichtet als bei uns. Auch hier gibt es im fünften Stock ein Restaurant, sogar auf mehreren Stufen mit verschiedenen Sitzbereichen. Hier kostet jedes Stück Kuchen € 2,50 und ein Kaffee dasselbe, und das 5+1-Frühstück – d.h. fünf Teile vom Buffet mit einem Heißgetränk nach Wahl – bekommt man hier noch für € 5,--, während man in unserer Galeria am Marienplatz dafür mittlerweile € 10,-- hinlegt.

Auf den Weg durch die Fußgängerzone habe ich festgestellt, dass hier mehr große Mode- und Kaufhäuser überlebt haben als in München und weit weniger Geschäfte leer stehen. Offenbar halten hier private Inhaber ihre Hand eisern über ihrem Laden, und es gibt weniger der großen europaweit bekannten Ketten.

Auch findet man in der Fußgängerzone eine große, gut sortierte Buchhandlung auf mehreren Etagen, in deren Erdgeschoss stapelweise Puzzles ausgestellt sind. Doch auf sie komme ich zu sprechen, wenn ich mich der Stadt Ravensburg widme, denn auch sie ist eine Reise und ein eigenes Kapitel wert!

Auf meinem ersten Tagesausflug gelangte ich auf einem anderen Weg ins Altstadtzentrum, weil ich einem Neoneis folgte, das mich von schräg rechts anblinkte, und mich an einem Wehr mit Blick auf die Blau, einen kleinen Seitenarm der Donau, und das wogende Grün der Laubbäume, die das kleine träge Flüsschen säumen, für eine Weile niederließ.

Die Blau bzw. der Kanal, der aus ihr erschaffen wurde, reguliert samt dem Wehr die Donau und verhindert, dass sie über die Ufer tritt wie zur Zeit der großen Hochwasser zu Beginn der 2000er Jahre, als nahezu alle Städte, die sich an den Ufern eines großen Stromes erstrecken, in den Fluten davonzuschwimmen drohten. Und nebenbei spendet der kleine Kanal an heißen Sommertagen angenehme Kühle und der Baumbestand an seinen Ufern ausreichend Schatten, so dass er zum Verweilen geradezu auffordert.

Wo die Blau in die Donau mündet, spannen sich etliche Brücken über den mächtigen Strom, der hier deutlich anschwillt, sich weitet und an Kraft und Zug der Strömung zulegt.

Eine kleine Brücke mit einem aus Holz gedrechselten Geländer hat eine Besonderheit, die sonst keine andere hat: Unter ihr sind die hohlen hölzernen Rohre einer Marimba angebracht, und jeder Passant, der die Brücke überquert, schlägt das Marimba mit den Füßen an und spielt eine kleine leise Melodie. Bei jedem Fußgänger fällt die Melodie anders aus, je nachdem, wie nahe man am Geländer entlang geht, ob man einfach geradeaus oder im Zickzack läuft oder auf der Brücke hin und her hüpft. Eine kleine Bremse auf dem Weg in die Altstadt, die für ein paar Minuten zu Achtsamkeit und Besinnlichkeit einlädt…

Auf der anderen Seite der Marimba-Brücke stößt man auf das Gasthaus Zur Zill, ein beliebtes Ausflugslokal, von denen es in dieser Stadt viele gibt; und der Name dieses Gasthauses hängt mit der wichtigen Bedeutung der Boote zusammen, die hier verkehren.

Denn eine Zill oder Zille ist ein einfaches schmales Ruderboot aus Holz, das von zwei Personen mit je einem langen Ruder gepaddelt wird. Hauptsächlich wird sie verwendet, um Menschen un leichte Frachten von einem Ufer zum anderen überzusetzen, und lässt sich mit entsprechendem Geschick leicht und wendig manövrieren. Als zu Beginn der 2000er Jahre die Donau die Städte an ihren Ufern massiv überflutete, erwies sich dieses schlichte schmale Holzboot als am besten geeignet, um die Bewohner von Häusern, die von den Fluten eingeschlossen und damit von der Welt abgeschnitten waren, samt dem nötigsten Hausrat zu evakuieren.

Das markante hellgrün getünchte Gasthaus Zur Zill markiert den Anfang des Fischerviertels, wo noch heute Renken, Saiblinge, Zander und andere Fische aus dem Strom geholt werden. Auch sind von hier aus im 18. Jahrhundert viele junge Schwaben allein oder mit ihren Familien auf den Ulmer Schachteln – Zillen im Großformat, die Platz für bis zu 36 Personen boten und in der Mitte eine Kabine als Schutz bei Schlechtwetter hatten - den großen Strom hinuntergefahren, um sich in Ungarn oder im Banat auf Einladung und mit einer Urkunde der Kaiserin Maria Theresia anzusiedeln, um das Land zu bevölkern und es urbar zu machen.

Für all jene, die sich auf den Weg machten, war es eine Reise ohne Wiederkehr; und dies deshalb, weil die Ulmer Schachteln nur zur Fahrt flussabwärts taugten – stromaufwärts hätten sie der starken Strömung und den Strudeln der Donau nicht Stand gehalten -, und weil die schwäbischen Familien, sobald sie den Ort ihrer Neuansiedlung erreichten, ihr Boot zerlegten und die Planken und Bootswände als Brenn- und Bauholz weiterverkauften.

Leider blieb mir zur näheren Erkundung des Fischerviertels nicht ausreichend Zeit. Dafür hätte ich mindestens einen zusätzlichen Tag gebraucht, und ähnlich wie im Fall der Stadt Ravensburg und der Gräfin Paula-Führung hatte ich auch in Bezug auf Ulm eine Wahl zu treffen: ob ich lieber den alten, ursprünglichen Kern der Stadt oder das Fischerviertel sehen wollte, und meine Wahl fiel auf Ersteres.

Und bereut habe ich meine Wahl keineswegs; denn an Größe und Weitläufigkeit kann es der Münsterplatz in Ulm durchaus mit dem Marienplatz in München, dem Augsburger Rathausplatz oder dem Hauptmarkt in Nürnberg aufnehmen.

Übrigens hat Ulm mit Nürnberg einige wesentliche Elemente gemeinsam: Anhand des Baustils und des klar umrissenen Stadtkerns sieht man, dass beide Städte im Mittelalter und in der Renaissance ihre Blütezeit hatten. Damals zählte sowohl Ulm auch als Nürnberg zu den freien Reichsstädten, die nur den Weisungen des Kaisers des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation unterstanden und sonst keinem Herzog, Markgrafen, Freiherrn oder einem anderen Landesfürsten. In beiden Städten hatten die fleißigen, regsamen Bürger das Sagen, vor allem die Zünfte und Gilden der Handwerker und die Kaufleute.

Ulm ist meines Wissens die einzige Stadt in Deutschland, in welcher der erste Bürgermeister noch heute am sogenannten Schwörmontag – dem Montag nach dem dritten Sonntag im Juli - vor dem Stadtrat und der Bürgerversammlung schwört, die Artikel der Verfassung zu achten und zu wahren und dem Wohl der Stadt und ihrer Bürger zu dienen.

An den Häusern rund um den Münsterplatz und in den Gassen dahinter liest man bis auf den heutigen Tag Namen, die es nur in dieser Stadt und der umliegenden Region gibt; hier konnten die Allerweltsketten noch nicht einbrechen, die es sonst in allen Altstädten Deutschlands gibt und dafür gesorgt haben, dass sich die Fußgängerzonen unserer Städte mittlerweile ähneln wie ein Ei dem anderen.

Der historische Kern von Ulm hat sich bis heute seine ureigene Gestalt bewahrt; höchstens, dass alle Häuser um die Jahrtausendwende frisch getüncht wurden und heute in reinem Weiß oder frischen Pastellfarben erstrahlen.

Auch folgen die Häuser am Münsterplatz und dahinter, vor allem in der Kohl- und Rabengasse, noch nicht den Gesetzen der Flurbereinigung: Ein Haus springt ein wenig in die Gasse vor, das Nachbarhaus weicht etwas zurück, und einige stehen nicht ganz lotrecht an ihrem Platz. Doch was soll’s, wenn ihr Fundament solide und ihr Mauerwerk fest genug ist?

Außerdem hat in den kleinen engen Gassen der Altstadt eine Bauweise überlebt, die früher für Deutschland typisch war und heute aus unseren Großstädten nahezu verschwunden ist: die Fachwerkarchitektur mit ihren Dachstühlen, Rahmen und Gerüsten aus Holz, die mit Mauerwerk aufgefüllt werden. Das Mauerwerk ist weiß getüncht, während das Holzgebälk, welches das Gebäude stützt, trägt und zusammenhält, in bestimmten Farben lasiert ist: schwarz, weinrot, hellblau oder lindgrün.

Und kein Haus gleicht dem anderen. Eines hat eine glatte einheitliche Front, die vom schwarzen Holzdach abgeschlossen wird, das daneben in der Mitte einen kleinen Turm, ein anderes wiederum zwei Erker, die seitlich aus dem Mauerwerk hervorspringen. Bei einem Haus ist das Dach spitzgiebelig, beim anderen ein halbrund gewölbtes Walmdach, beim nächsten wabenförmig. Eines aber ist bei allen gleich: Jedes Fachwerkhaus hat hölzerne Türen und Fensterläden, die schwarz, weinrot, hellblau oder lindgrün lasiert sind.

Eine ganz andere Architektur, als ich sie aus München und Oberbayern kenne! Alles in allem verleiht sie den Straßen und Gassen etwas Skurril-Verspieltes, etwas, dass sich mit einem gewissen Trotz selbst gehört und genügt.

Und die Bewohner sind darauf bedacht, ihre Traditionen zu wahren. Eine Fischerfamilie betreibt ihr eigenes Lokal, in dem seit Generationen ihr eigenes Wappen an der Wand hängt: die Heilbronner Fischereigaststätte. Sowohl der Sandjackel als auch der Goldene Ochse bedient die gutbürgerliche, eher fleischlastige Küche, in der Spätzle und Maultaschen nie fehlen.

Noch immer backt die Bäckerei Zaidler Ulmer Zuckerbrot nach ihrem Originalrezept, das in seiner Konsistenz einem Hefezopf ähnelt, aber leichter und lockerer ist, mit Anissamen und Kümmel gewürzt und vor dem Backen mit Rosensirup und Malagawein bepinselt wird. Beim Auspacken und Anschneiden duftet und schmeckt es köstlich und frisch, aber nicht zu süß.

Die Conditorei Lanwehr hat sich auf Spatzen und Knöpfle spezialisiert, Konfektsorten, die es ebenfalls nur in Ulm gibt. Auch gibt es kleine Brauereien, die ihr eigenes Bier ausschenken, Kleiderboutiquen und Schreibwarenläden…

So viel hätte es für mich zu sehen und zu erkunden gegeben; und so wenig Zeit blieb mir im Rahmen meines Tagesausfluges!

Doch immerhin habe ich mir ein Zuckerbrot nach Hause mitgenommen, im Obergeschoss der Heilbronner Fischereigaststätte eine Pfanne mit frisch frittierten Garnelen und in einem Restaurant mit Spezialitäten aus Eritrea eine Gemüsepfanne mit N’jeera (Fladenbrot) und Kochbananen in Schokoladensauce gegessen, und war auf einen Kaffee und ein Stück Kuchen in der regional bekannten Bäckerei Staidl…

Und nicht zuletzt habe ich von 12:00 bis 12:30 an den kleinen kostenlosen Orgelandachten teilgenommen, die unter dem Titel Punkt Zwölf täglich im Ulmer Münster stattfinden.

Wie das Straßburger Münster, der Kölner Dom und die Nürnberger Lorenzkirche ist auch das Ulmer Münster ein Paradebeispiel für den Stil der Hochgotik.

Was haben hier die Baumeister geleistet, die sich im Domkapitel zusammenfanden, um ein Werk für die Ewigkeit zu erschaffen, an dem Generationen gearbeitet haben, die wussten, wie das Endergebnis aussehen sollte, es aber zu ihren Lebzeiten nie in seiner Vollendung zu sehen bekamen!

Unglaublich, wie hoch und mächtig die Türme der Gotik aufragen, in welch schwindelerregende Höhen die Kirchenschiffe emporschießen - und wie grazil und federleicht sie zugleich sind, sowohl außen als auch innen! Außen häkeln sich an Kanten, Schrägen und Türmen Blumen, Zepter und Kreuze entlang. Die spitz zulaufenden Tür- und Fensterstöcke sind mehrfach ineinander verschachtelt und in den Krümmungen mit Ornamenten und Figuren versehen. Innen brechen Spitzbögen, Bündelsäulen und Kreuzrippengewölbe das Mauerwerk auf und heben es so weit in die Höhe, wie es irgend geht. Zum Teil ist die Deckenkonstruktion so filigran wie ein Spinnennetz.

Im Ulmer Münster ist eines anders als in der Lorenzkirche, im Kölner Dom, in den Kathedralen von Reims und Chartres und in Notre Dame von Paris: Innen ist das Mauerwerk nicht düster-dunkelgrau, sondern im hellen und zugleich weichen Ton von Sanddünen gehalten. Dadurch strahlt der gesamte Innenraum Licht und Wärme aus, ohne die Augen je zu blenden.

Leider sind die Buntglasfenster in den beiden Seitenschiffen den Bombenangriffen des Zweiten Weltkrieges zum Opfer gefallen, doch seit Beginn der 1960er Jahre hat man sie teils aufwändig restauriert, teils neu erschaffen, und seit Ende der 1980er Jahre glitzern und funkeln sie wieder wie vielgestaltige Prismen, die das Sonnenlicht in tausend Farben brechen.

Bei einer der beiden Punkt Zwölf-Orgelandachten, an denen ich teilgenommen habe, sorgte die zweite Organistin des Münsters, Huei Yuan Lin, bei mir für unerwartete Überraschungen. So ist es zu meinem Erstaunen möglich, mit zwei Orgelpfeifen und einem bestimmten Register den Ruf des Kuckucks fast naturgetreu wiederzugeben und die atmosphärische Stimmung und das Spiel von Licht und Schatten einzufangen, das für einen Wald im Frühling typisch ist.

Und während ich den Klang der metallenen Orgelpfeifen in einem deutschen Sakralbau in den tiefen Lagen oft als wuchtig, ja in Grund und Boden schmetternd und in den Höhenlagen wie Splitter empfinde, die kalt, spitz und scharf durch den Raum klirren, ließ mich Huei-Yuan Lin an diesem Tag zum ersten Mal hören, dass die hohen Töne einer Orgel auch wie Schleier aus buntem Licht klingen können, die federleicht, zart und weich im Raum schweben…

Gegen Ende des Konzerts, sozusagen als Rausschmeißer für die Besucher der Andacht, brachte die junge Organistin in den tiefen Lagen ihr Instrument gar zum Rocken und Grooven, wenn ich mir diese sehr weltliche Ausdrucksweise erlauben darf; aber es war eindeutig der Rhythmus und Beat des Rock, den ich hörte!

Doch wie bereits erwähnt, blieb mir im Rahmen meiner Tagesausflüge für Ulm viel zu wenig Zeit. Denn jeden Abend, egal ob unter der Woche, an einem Feiertag oder am Wochenende, gab es um 17:00 Uhr Abendessen, und zwischen 17:45 und 18:45 hatten wir uns bei der diensthabenden Schwester auf dem Stockwerk, auf dem wir untergebracht waren, persönlich zu zeigen.

Das bedeutete, dass ich um 16:00 Uhr mit dem Zug in Aulendorf ankommen musste, denn dann musste ich mich zu Fuß die steile Anhöhe zum Schloss und weiter zur Klinik unter dem Kurpark hinauf mühen und mich vor dem Abendessen und -appell noch ein wenig frisch machen. Und spätestens um 22:00 wurde die Eingangstür bis 6:00 morgens verschlossen, und in dieser Zeit hatten wir auf unseren Zimmern zu sein.

Indes ist mir von Ulm der Eindruck von etwas Leichtem, Frischem, zum Teil gar Lieblichem geblieben, von Genuss und Sinnenfreude mit einem Hauch Skurrilität – und dass ich nicht zum letzten Mal dort war, wenn mir meine Zeit, mein Budget und meine Umstände einen längeren Aufenthalt erlauben!