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Blog

Weggefährten

Von jenen, die mich in meiner Entwicklung am stärksten geprägt haben, möchte ich in meinen Beiträgen erzählen...



Vorwort zu meinem Blog-Bereich „Weggefährten“

Es gibt Neues von mir! Zwischen dem 16. und 31. Dezember 2019 ist mein neues Buch „Weggefährten – Eine kleine Dankmusik“ erschienen, dessen Kapitel zugleich die Beiträge dieses Blog-Bereiches sind.

„Weggefährten“ entspringt einem ähnlichen Bedürfnis wie mein Vorgängerwerk „EUROPRISMA – Meine Seelenreisen“, nur möchte ich diesmal nicht Städten und Ländern danken, in denen ich zu Gast war. Diesmal geht es mir um Persönlichkeiten und Phänomene des 20. Jahrhunderts – einige gehen noch ein bisschen weiter zurück -, die mich zu der gemacht haben, die ich heute bin.

Natürlich kann man sagen: Was man wird und was man aus sich und seinem Leben macht, liegt in der eigenen Verantwortung. Gewiss. Doch zur geistig-seelischen Entwicklung eines Menschen gehören ebenso inspirierende oder gar entscheidende Anstöße und Impulse von außen.

Von jenen, die mich in meiner Entwicklung am stärksten geprägt haben, möchte ich in meinen Beiträgen erzählen und würde mich freuen, wenn auch IIhr mit einsteigen und von euren entscheiden-den Impulsgebern oder Wegweisern erzählen würdet.


08.04.2026 - Was außer der Familie und der Musik sonst noch zählt
* Die Städte Berlin und Paris In Berlin wurde Reinhard Mey, wie bereits erwähnt, geboren, ist sein Leben lang bekennender Berliner geblieben und hat dort auch seinen festen Wohnsitz. Er hat diese Stadt zerbombt und in Trümmern liegend gesehen, die Flüge der „Rosinenbomber“ erlebt, die auf dem Flughafen Tempelhof landeten und starteten, den Mauerbau 1961 und den Mauerfall 1989. Er kennt die tiefen Wunden und Narben, die der Krieg und die Teilung in Ost- und West-Berlin in seiner Heimatstadt hinterlassen hat und die bis heute spürbar geblieben sind. Auch die Schwere und Schwermut, die seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges über unserem Land und seiner Hauptstadt lastet und zu der seit der Aufteilung in Ost und West der Eindruck von Kälte und Entfremdung hinzugekommen ist, blieb ihm sein Leben lang bewusst und in ihm lebendig. Auch über das schwierige, zum Teil schmerzhafte Verhältnis zu seiner Heimatstadt und unserem Land hat er immer wieder gesungen. Doch die andere Hälfte seiner Persönlichkeit gehört Frankreich und Paris, das seit den frühen 1950er Jahren zu seiner zweiten Heimat geworden ist. Aus Paris kommt bei Reinhard Mey die Fähigkeit zur Freude an den schönen und angenehmen Dingen des Lebens wie zum Beispiel am Zusammensitzen mit Freunden am Abend bei einem Glas Wein, und auch der Stil seiner Kompositionen. Der Fluss und die Textur seiner Melodien gehen bis heute auf seine großen Vorbilder Charles Aznavour und Charles Trenet, George Brassens und Boris Vian zurück, die er im Olympia und im Bobino gesehen und gehört hat. Sein Gitarrenspiel orientiert sich an Django Reinhardt und Stéphane Grappelli, die er beide live auf dem linken Seineufer erlebt hat, abends im "La Huchette" oder im "Deux Magots". Wo ihn die Schwere des deutschen Seins und Wesens zuweilen in Grund und Boden drückt, ist es die Leichtigkeit und der Lebensgenuss in "La Douce France", seiner zweiten Heimat, die ihm Auftrieb verleiht – und wo er bis heute bis heute als Frédéric Mey eine ebenso treue Fangemeinde hat wie in den deutschsprachigen Ländern.


Was außer der Familie und der Musik sonst noch zählt


Die Städte Berlin und Paris

In Berlin wurde Reinhard Mey, wie bereits erwähnt, geboren, ist sein Leben lang bekennender Berliner geblieben und hat dort auch seinen festen Wohnsitz. Er hat diese Stadt zerbombt und in Trümmern liegend gesehen, die Flüge der „Rosinenbomber“ erlebt, die auf dem Flughafen Tempelhof landeten und starteten, den Mauerbau 1961 und den Mauerfall 1989. Er kennt die tiefen Wunden und Narben, die der Krieg und die Teilung in Ost- und West-Berlin in seiner Heimatstadt hinterlassen hat und die bis heute spürbar geblieben sind.

Auch die Schwere und Schwermut, die seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges über unserem Land und seiner Hauptstadt lastet und zu der seit der Aufteilung in Ost und West der Eindruck von Kälte und Entfremdung hinzugekommen ist, blieb ihm sein Leben lang bewusst und in ihm lebendig. Auch über das schwierige, zum Teil schmerzhafte Verhältnis zu seiner Heimatstadt und unserem Land hat er immer wieder gesungen.

Doch die andere Hälfte seiner Persönlichkeit gehört Frankreich und Paris, das seit den frühen 1950er Jahren zu seiner zweiten Heimat geworden ist. Aus Paris kommt bei Reinhard Mey die Fähigkeit zur Freude an den schönen und angenehmen Dingen des Lebens wie zum Beispiel am Zusammensitzen mit Freunden am Abend bei einem Glas Wein, und auch der Stil seiner Kompositionen.

Der Fluss und die Textur seiner Melodien gehen bis heute auf seine großen Vorbilder Charles Aznavour und Charles Trenet, George Brassens und Boris Vian zurück, die er im Olympia und im Bobino gesehen und gehört hat. Sein Gitarrenspiel orientiert sich an Django Reinhardt und Stéphane Grappelli, die er beide live auf dem linken Seineufer erlebt hat, abends im La Huchette oder im Deux Magots.

Wo ihn die Schwere des deutschen Seins und Wesens zuweilen in Grund und Boden drückt, ist es die Leichtigkeit und der Lebensgenuss in La Douce France, seiner zweiten Heimat, die ihm Auftrieb verleiht – und wo er bis heute bis heute als Frédéric Mey eine ebenso treue Fangemeinde hat wie in den deutschsprachigen Ländern.


Die Nordseeküste und das Segeln

Sobald Reinhard Mey an einem neuen Album arbeitet, zieht er sich von Anfang Mai bis Ende September in sein Haus in Kampen auf der Insel Sylt zurück, seine „Komponistenhütte“, in der er an jeder Textzeile und jeder melodischen Feinheit schleift und feilt. In dieser Zeit ist er für niemanden zu sprechen außer für seine Familienangehörigen.

Wenn er sich nach getaner Tagesarbeit entspannen will, kreuzt er mit seiner kleinen Segelyacht im Wattenmeer vor der Nordseeküste, um sich von der Seebrise den Kopf frei pusten zu lassen und im Spiel von Wind und Wellen zur Ruhe zu kommen, und kennt sich sowohl mit dem Gesetz von Luv und Lee als auch auf den friesischen Inseln und drumherum bestens aus.

Ihm ist das Spiel der Farben, Lichter und Stimmungen an der Küste und auf See im Wechsel der Tiden, Tages- und Jahreszeiten ebenso vertraut wie Siegfried Lenz, der die Nordseeküste und ihre Menschen in seiner Deutschstunde auf solch unvergessliche Weise porträtiert hat.

Sind seine Songs aus seiner Sicht reif für das neue Album, packt er seine Demo-Aufnahmen zusammen, kehrt von Sylt auf das Festland zurück und begibt sich nach Aachen, wo sein bewährter Wegbegleiter Manfred Leuchter in seinem Tonstudio die Aufnahmeleitung übernimmt, während Alex Jacobi an den Reglern und Registern seines Mischpults zugange ist.

Und dann feilen die drei und alle anderen an der Produktion Beteiligten, bis alles passt und das neue Album fertig ist; in der Regel Ende November.


Das Fliegen

Seit seine Mutter Hertha ihn regelmäßig zum Flughafen Tempelhof mitnahm, um mit ihm das Starten und Landen von Flugzeugen zu beobachten, war es um Reinhard Mey geschehen: Fortan war und blieb sein größter Traum der vom Fliegen, den er mit der ihm eigenen Konsequenz und Beharrlichkeit in die Tat umgesetzt hat.

Seit 1973 ist er offiziell im Besitz der Fluglizenz für Motorflugzeuge, hat seinen Flugschein um den für elektronisch gesteuerte Flugzeuge und sogar für Kunstflug erweitert. Ja, und seit 1984 ist er auch stolzer Besitzer einer zweimotorigen Cessna, mit der er eine Zeitlang zusammen mit einem befreundeten Piloten Charterflüge innerhalb von Europa unternommen hat.

Das heißt, wenn Reinhard Mey wollte, könnte er noch heute auf jedem beliebigen Flughafen starten und landen. Indes hat er seit 2013, mit siebzig Jahren, aus Sicherheitsgründen freiwillig aufgehört, aktiv als Pilot zu fliegen.

Doch von der lebenslangen Faszination und Leidenschaft des Fliegens hat er über die Jahre und Jahrzehnte hinweg immer wieder in seinen Liedern erzählt:

* Über den Wolken (1974) ist in den deutschsprachigen Ländern sein bekanntestes und beliebtestes Lied überhaupt, auch wenn es nur von der Sehnsucht nach dem Fliegen spricht, die jemand empfindet, der einem Flugzeug beim Starten zusieht, ohne dass derjenige selbst fliegt, weder aktiv noch passiv.

* Golf November (1996) erzählt von der spektakulären Rettungsaktion eines Hubschraubers der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft (DLRG), dessen diensthabender Pilot gemeinsam mit dem Arzt einen Tag vor Heiligabend ein Kind rettete, das am Steinhuder Meer im Eis einbrach und versank.

* Nachtflug (2012) beschreibt nicht mehr und nicht weniger als das, was der Titel des Liedes besagt: das Starten, Fliegen und Landen bei Nacht aus der Perspektive des Cockpits. Doch welch klare, plastische, anschauliche Worte spiegeln das Erlebnis des Fliegens wider, unter der Kuppel des sternfunkelnden Alls!

* Lilienthals Traum (2008), mit den Berliner Philharmonikern aufgenommen und eingespielt, erzählt vom Leben und Schaffen des Erfinders und Flugpioniers Otto Lilienthal, von der puren Faszination und Lust, gleich einem Vogel schwerelos in den Lüften zu schweben, und schließlich von jenem Tag im August 1891, als er mit seinem Segelflugzeug durch eine jäh einsetzende Steilbö abstürzte und starb.

Doch der nahende Tod hat für Lilienthal weder etwas Schreckliches noch gar etwas Vernichtendes. Ein letztes Mal dem Flug der Störche folgend, steigt er frei und schwerelos zum lichtdurchfluteten Blau des Himmels empor...



08.04.2026 - Im Dialog mit befreundeten Kollegen
Seit seinem zwölften Lebensjahr haben Reinhard Meys Eltern, die ihr Leben lang der klassischen Musik zugeneigt waren, dafür gesorgt, dass er privaten Klavierunterricht nahm und die Grundlagen der Harmonielehre erlernte. Doch als er mit vierzehn Jahren von einer seiner Tanten seine erste Gitarre geschenkt und die ersten Akkordgriffe und Zupfmuster gezeigt bekam, war von diesem Zeitpunkt die schlichte akustische Konzertgitarre sein Instrument, auf der ihn in Deutschland nur Hannes Wader zu übertreffen vermag, und bei seinen Live-Auftritten und -Konzerten hat er nie mehr als seine Gitarre, seine Stimme und sein Mikrophon gebraucht und gewollt. Wie bei seiner Kollegin Joan Baez ist auch bei Reinhard Mey sein Spiel nie ein bloßes Schrumm-schrumm der Akkorde auf dem Griffbrett, sondern eher ein leichter, anmutiger, schwereloser Tanz auf den Saiten seiner Gitarre. Nach seiner Lehre als Industriekaufmann studierte er in Berlin an der Technischen Universität BWL, um seine Eltern über den weiteren Verlauf seines Lebens zu beruhigen. Doch dann nahm er im Sommer 1964 erstmals am internationalen Bardentreffen auf der Burg Waldeck im Hunsrück teil, mit seinen ersten eigenen Liedern im Gepäck, und lernte Hannes Wader kennen, der auch seine Gitarre und ein paar eigene Lieder dabei hatte. Mit ihm hat er gejammt und vom britischen Kollegen Colin Wilkie das richtige Fingerpicking gelernt, ist abends nach dem Konzert mit ihm um die Häuser und durch die Kneipen gezogen – und hat für die kommenden drei Jahre mit ihm zusammengearbeitet. Beide hatten zu der Zeit rund zwölf eigene Lieder. Zu zweit wurden 24 daraus, und wenn sie für einen Abend nicht reichten, sangen sie bei ihren Konzerten manche ihrer Lieder noch einmal auf Französisch. Und so sind Reinhard Mey und Hannes Wader von 1964 bis 1967 zusammen durch Deutschland, Belgien, Luxemburg und Frankreich gezogen. Bis heute sind sie gute Freunde. Doch die Texte und Aussagen von Reinhard sind Hannes ein wenig zu lieb und zu nett formuliert, und die von Hannes erscheinen Reinhard eine Spur zu bitter und zu radikal, so dass beide ab 1967 ihr eigenes Ding machten und ihrer Solo-Karriere nachgingen. Unabhängig voneinander erlebten sie ab 1971 ihren Durchbruch und wurden fortan in den deutschsprachigen Ländern wahrgenommen und gern gesehen. Ebenfalls seit 1971 ist Konstantin Wecker erstmals öffentlich aufgetreten und hat in der Münchner Szene für Furore gesorgt. Doch obwohl Reinhard und Hannes das Leben in vollen Zügen genossen haben und nie Kinder von Traurigkeit waren, erschien ihnen Konstantin Wecker zu wild, zu exzessiv, zu extrem.


Im Dialog mit befreundeten Kollegen

Seit seinem zwölften Lebensjahr haben Reinhard Meys Eltern, die ihr Leben lang der klassischen Musik zugeneigt waren, dafür gesorgt, dass er privaten Klavierunterricht nahm und die Grundlagen der Harmonielehre erlernte.

Doch als er mit vierzehn Jahren von einer seiner Tanten seine erste Gitarre geschenkt und die ersten Akkordgriffe und Zupfmuster gezeigt bekam, war von diesem Zeitpunkt die schlichte akustische Konzertgitarre sein Instrument, auf der ihn in Deutschland nur Hannes Wader zu übertreffen vermag, und bei seinen Live-Auftritten und -Konzerten hat er nie mehr als seine Gitarre, seine Stimme und sein Mikrophon gebraucht und gewollt.

Wie bei seiner Kollegin Joan Baez ist auch bei Reinhard Mey sein Spiel nie ein bloßes Schrumm-schrumm der Akkorde auf dem Griffbrett, sondern eher ein leichter, anmutiger, schwereloser Tanz auf den Saiten seiner Gitarre.

Nach seiner Lehre als Industriekaufmann studierte er in Berlin an der Technischen Universität BWL, um seine Eltern über den weiteren Verlauf seines Lebens zu beruhigen. Doch dann nahm er im Sommer 1964 erstmals am internationalen Bardentreffen auf der Burg Waldeck im Hunsrück teil, mit seinen ersten eigenen Liedern im Gepäck, und lernte Hannes Wader kennen, der auch seine Gitarre und ein paar eigene Lieder dabei hatte.

Mit ihm hat er gejammt und vom britischen Kollegen Colin Wilkie das richtige Fingerpicking gelernt, ist abends nach dem Konzert mit ihm um die Häuser und durch die Kneipen gezogen – und hat für die kommenden drei Jahre mit ihm zusammengearbeitet. Beide hatten zu der Zeit rund zwölf eigene Lieder. Zu zweit wurden 24 daraus, und wenn sie für einen Abend nicht reichten, sangen sie bei ihren Konzerten manche ihrer Lieder noch einmal auf Französisch. Und so sind Reinhard Mey und Hannes Wader von 1964 bis 1967 zusammen durch Deutschland, Belgien, Luxemburg und Frankreich gezogen.

Bis heute sind sie gute Freunde. Doch die Texte und Aussagen von Reinhard sind Hannes ein wenig zu lieb und zu nett formuliert, und die von Hannes erscheinen Reinhard eine Spur zu bitter und zu radikal, so dass beide ab 1967 ihr eigenes Ding machten und ihrer Solo-Karriere nachgingen. Unabhängig voneinander erlebten sie ab 1971 ihren Durchbruch und wurden fortan in den deutschsprachigen Ländern wahrgenommen und gern gesehen.

Ebenfalls seit 1971 ist Konstantin Wecker erstmals öffentlich aufgetreten und hat in der Münchner Szene für Furore gesorgt. Doch obwohl Reinhard und Hannes das Leben in vollen Zügen genossen haben und nie Kinder von Traurigkeit waren, erschien ihnen Konstantin Wecker zu wild, zu exzessiv, zu extrem.

Bis die drei in gereiftem Alter erkannten, dass sie einige elementare Dinge gemeinsam haben:

1. Sowohl Reinhard Mey als auch Hannes Wader und Konstantin Wecker legen Wert auf handgemachte Musik, d.h. nur mit der eigenen Stimme und einer Gitarre bzw. bei Konstantin Wecker einem Flügel.

2. Obwohl unterschiedlich in ihren Stilen und Ausdrucksformen, waren und sind sich Mey, Wader und Wecker in bestimmten Prinzipien und Haltungen einig: Toleranz und Akzeptanz des Andersseins. Klare Haltung gegen Krieg, Rassismus und Antisemitismus in jeder Form. Klares Erkennen und Benennen von Missständen des Zeitgeistes und der Gesellschaft.

3. Alle drei sind das, was ich emotional aufrichtig nennen möchte. Wenn ihnen etwas nicht gefällt, wenn etwas für sie weder gut noch schön, sondern mies und schlimm ist, dann sagen sie es, stehen dazu und meinen es so. Diese emotionale Aufrichtigkeit verleiht ihnen allen die Ausstrahlung von Wärme und Echtheit, jedem auf seine ganz persönliche Art.

Und wie es sich bei den Songs an einem Sommerabend auf der Wiese vor dem Kloster Banz und 2002 bei dem Dreifach-Konzert Mey – Wader – Wecker herausgestellt hat, sind sie bereit, das Schaffen, den Stil und das Können der anderen zu schätzen und zu respektieren. Deshalb gelingt es ihnen, zu dritt auf einer Bühne mit Witz und und Selbstironie zu musizieren und zu singen. Ja, ihre Stimmen ertönen sogar in perfektem Dreiklang, wenn sie wollen…

Welchen Eindruck ich von diesen Sanges- und Spielbrüdern gewonnen habe?

Von diesem Trio ist Reinhard Mey der Stillste und Sanfteste, einer, der grundsätzlich nach Ausgleich und Harmonie strebt, ohne sich je anzubiedern, vor jemandem den Kopf einzuziehen oder gar zu kriechen. Er steht für das ein und auf, was er zu sagen und zu singen hat, ohne dass er es nötig hat, laut zu werden.

Hannes Wader ist um einiges skeptischer und bitterer in seiner Sicht auf die Welt und die Menschen und auch verletzlicher. Im Gegensatz zu seinen beiden Kollegen, die mit diesem Genre kaum etwas am Hut haben, gräbt er hin und wieder alte deutsche Volkslieder aus, die er auf schlichte und zugleich liebevolle Weise neu zur Geltung bringt.

Und Konstantin Wecker ist für mich der wilde Hund mit dem großen warmen Herzen, zwar auch klar in seiner Haltung und seinen Aussagen, aber von den dreien derjenige, der eher Geschichten aus dem persönlich-privaten Bereich erzählt, als dass er mit seinen Aussagen relevant sein möchte.

 



08.04.2026 - Sein Leben für seine Familie
Als Jahrgang 1943 gehört Reinhard Mey zu der Generation, die mitten in den Zweiten Weltkrieg hineingeboren wurde, und dies ausgerechnet in Berlin, das ab 1943 von den Fliegerstaffeln der Alliierten bombardiert, in Schutt und Asche gelegt und dann zwischen den Siegermächten aufgeteilt wurde. Wie im Fall so vieler Familien war es auch in seiner: Sein Vater war an der Front, und seine Mutter organisierte für ihren Sohn und sich – ihre ältere Tochter wurde im Rahmen der Kinderlandverschickung evakuiert und in Sicherheit, d.h. aufs Land gebracht - mit dem Bollerwagen das Nötigste und Wichtigste zum Leben. Zugleich waren seine Eltern, die zur gebildeten und gut situierten Gesellschaftsschicht zählten – sein Vater war Rechtsanwalt, seine Mutter Lehrerin – freigeistige, selbstständig denkende und handelnde Menschen, für die es Freund-Feind-Kategorien nicht gab. Im Zuge der deutsch-französischen Freundschaft, die zwischen Konrad Adenauer und Charles de Gaulle Anfang der 1950er Jahre vereinbart und in die Tat umgesetzt wurde, gehörte Reinhard Mey mit dreizehn Jahren zur ersten Generation von Kindern und Jugendlichen, die am Schüleraustausch teilgenommen haben; sprich, die ein paar Wochen im Jahr bei einer französischen Gastfamilie verbracht und eine französische Schule besucht haben, was im Jahr darauf in umgekehrter Richtung erwidert wurde. In seinem Fall waren die Eltern seiner Gastfamilie schon vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs mit seinen Eltern befreundet gewesen, und beide Elternpaare haben einander geschworen, dass der Krieg ihrer Freundschaft nichts anhaben würde und ihre Kinder die Familie im anderen Land besuchen und die Landessprache vor Ort erlernen sollten. Und so hat er ebenfalls von Kindesbeinen an neben der deutschen auch die französische Kultur in sich aufgesogen und sein Abitur zweisprachig, d.h. auf Deutsch und Französisch abgelegt. Von 1967 bis 1976 hat er sogar in Frankreich gelebt und war mit seiner Jugendfreundin Christine verheiratet. Bis er seine spätere Frau Hella kennenlernte, die derart bei ihm einschlug, dass es für ihn keine andere Frau mehr gab und auch künftig nicht mehr geben sollte. 1977 heiratete Reinhard Mey seine Hella in Berlin, und über Jahrzehnte hinweg hat er ihr immer wieder stille, unsentimentale und zugleich warm und aufrichtig gemeinte Liebeslieder gewidmet.


Sein Leben für seine Familie


Als Jahrgang 1943 gehört Reinhard Mey zu der Generation, die mitten in den Zweiten Weltkrieg hineingeboren wurde, und dies ausgerechnet in Berlin, das ab 1943 von den Fliegerstaffeln der Alliierten bombardiert, in Schutt und Asche gelegt und dann zwischen den Siegermächten aufgeteilt wurde.

Wie im Fall so vieler Familien war es auch in seiner: Sein Vater war an der Front, und seine Mutter organisierte für ihren Sohn und sich – ihre ältere Tochter wurde im Rahmen der Kinderlandverschickung evakuiert und in Sicherheit, d.h. aufs Land gebracht - mit dem Bollerwagen das Nötigste und Wichtigste zum Leben.

Zugleich waren seine Eltern, die zur gebildeten und gut situierten Gesellschaftsschicht zählten – sein Vater war Rechtsanwalt, seine Mutter Lehrerin – freigeistige, selbstständig denkende und handelnde Menschen, für die es Freund-Feind-Kategorien nicht gab.

Im Zuge der deutsch-französischen Freundschaft, die zwischen Konrad Adenauer und Charles de Gaulle Anfang der 1950er Jahre vereinbart und in die Tat umgesetzt wurde, gehörte Reinhard Mey mit dreizehn Jahren zur ersten Generation von Kindern und Jugendlichen, die am Schüleraustausch teilgenommen haben; sprich, die ein paar Wochen im Jahr bei einer französischen Gastfamilie verbracht und eine französische Schule besucht haben, was im Jahr darauf in umgekehrter Richtung erwidert wurde.

In seinem Fall waren die Eltern seiner Gastfamilie schon vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs mit seinen Eltern befreundet gewesen, und beide Elternpaare haben einander geschworen, dass der Krieg ihrer Freundschaft nichts anhaben würde und ihre Kinder die Familie im anderen Land besuchen und die Landessprache vor Ort erlernen sollten.

Und so hat er ebenfalls von Kindesbeinen an neben der deutschen auch die französische Kultur in sich aufgesogen und sein Abitur zweisprachig, d.h. auf Deutsch und Französisch abgelegt. Von 1967 bis 1976 hat er sogar in Frankreich gelebt und war mit seiner Jugendfreundin Christine verheiratet.

Bis er seine spätere Frau Hella kennenlernte, die derart bei ihm einschlug, dass es für ihn keine andere Frau mehr gab und auch künftig nicht mehr geben sollte. 1977 heiratete Reinhard Mey seine Hella in Berlin, und über Jahrzehnte hinweg hat er ihr immer wieder stille, unsentimentale und zugleich warm und aufrichtig gemeinte Liebeslieder gewidmet.

Übrigens war es Hella, die im März 2020 im Dachgeschoss seines Hauses sein „Wohnzimmerkonzert“ mit der Kamera festgehalten und verewigt hat, das er für seine Fans im deutschsprachigen Raum aufnahm und per Live-Stream ins Netz stellte. Für sie hat er noch einmal jene Worte gesungen, die er heute noch so meint wie damals, als er sie niederschrieb:

„Ich liebe dich. Ich brauche dich,
vertrau’ auf dich und bau’ auf dich,
wollte nicht leben ohne dich…“

Als er dies sang, geriet die Kamera vor ihm leicht ins Wackeln…

1979 kam ihr erster Sohn Frédéric zur Welt, der zuerst Zimmermann und später Pilot wurde. 1982 folgte Maximilian, den es früh in die Welt hinaus zog, der in Kambodscha, Vietnam, Thailand und Korea die Sprache des jeweiligen Landes erlernte und seine Kultur studierte und auch eigene Texte und Songs aufnahm, nur, dass es ihn eher in Richtung Comedy und Kabarett zog.

Bis er eines Abends mit siebenundzwanzig Jahren wegen einer verschleppten Lungenentzündung und einer aus ihr resultierenden Herzbeutelentzündung in seiner Wohnung leblos zusammenbrach. Den Sanitätern, die seine damalige Freundin rief, gelang es, ihn zu reanimieren, doch Maximilian fiel in ein Wachkoma.

Seit 2009 haben Reinhard und Hella, seine jüngere Schwester und seine Freundin an Maximilians Krankenbett gewacht und gehofft und mit den Therapeuten, die ihn betreuten, alles versucht, um ihn in die bewusste und gegenständliche Welt zurückzuholen. Doch 2014 erlitt Maximilian eine weitere Lungenentzündung und erwachte bis zu seinem Tod mit zweiunddreißig Jahren nie mehr aus seinem Wachkoma.

Reinhard Mey hat Maximilian die Alben gewidmet, die mehr als alle anderen von Schmerz und Trauer geprägt sind, Mairegen aus der Zeit, in der er mit seiner Familie um das Leben seines Sohnes rang, und Dann mach’s gut, als er ihn schweren Herzens losließ und von ihm Abschied nahm. Traurig und ernst klingen hier seine Lieder, aber nie bitter oder hadernd..

Geblieben sind Reinhard Mey bis heute seine Frau Hella, sein ältester Sohn Frédéric und seine jüngste Tochter Viktoria Luise, die 1985 zur Welt kam und der er nach ihrer Geburt Mein Apfelbäumchen und später Kleines Mädchen auf meinem Schoß gewidmet hat. Viktoria Luise hat in London Kunst und Graphikdesign studiert und arbeitet als Silberschmiedin, Graphikdesignerin, Fotografin und Kamerafrau.

Auf den Alben Mr. Lee und Das Haus an der Ampel war sie jeweils an zwei Songs als Mit-Sängerin beteiligt, und sein „Open Air-Konzert“ vom Juni 2020 hat sie im Garten ihres Vaters aufgenommen und ins Netz gestellt. Für sie hat er bei dieser Gelegenheit noch einmal Mein Apfelbäumchen gesungen…

Sowohl sein „Wohnzimmer-“ als auch sein „Open Air-Konzert“ von 2020 zeigen aus meiner Sicht sowohl das liebevolle Verhältnis, das ihn mit seiner Frau und seiner Tochter bis heute verbindet, als auch die warme Fürsorge, mit der er damals die vielen Menschen in Deutschland, Österreich und der Schweiz grüßte und versuchte, ihnen auf seine Weise ein wenig Trost und Zuversicht zu spenden.



08.04.2026 - Reinhard Mey - Einer der stillen Aufrechten im Lande
Udo Jürgens, über den ich im Zusammenhang mit der Versteigerung aus seinem Nachlass bei Sotheby’s und seinem autobiographischen Familienroman "Der Mann mit dem Fagott" geschrieben habe, ist in Deutschland, Österreich und der Schweiz auch zwölf Jahre nach seinem plötzlichen Tod im Dezember des Jahres 2014 nach wie vor bekannt wie ein bunter Hund. Doch seit Anfang der 1970er Jahre hört man neben Udos strahlender, markanter Stimme immer wieder eine sanfte, ruhige, die nie laut wird, sich indes in ihren Aussagen stets klar und deutlich zu Wort meldet: die des Textdichters und Komponisten Reinhard Mey, der es sich vorbehält, seine Lieder selbst und auf der Bühne allein zu singen und zu spielen. Ich möchte weder ihn noch einen seiner Kollegen einen Liedermacher nennen, denn dieses Wort hat für mich den Beiklang von etwas Plumpem, Einfältigem und Stümperhaftem (wie ist man seinerzeit auf dieses Wort gekommen?), und auf seine Liedtexte und sein Gitarrenspiel hat keine dieser Eigenschaften jemals zugetroffen. Auch nicht auf Hannes Wader, Klaus Hoffmann und Konstantin Wecker oder Kollegen aus Österreich vom Kaliber eines Ludwig Hirsch, Georg Danzer, André Heller, Rainhard Fendrich etc... Vielmehr zählt Reinhard Mey zu den wenigen noch lebenden deutschen Textdichtern und Komponisten, die sich mit Fug und Recht Chansonnier nennen dürfen; denn ihm ist es in Paris als einem der wenigen Deutschen immer wieder gelungen, vom Bobino oder Olympia engagiert zu werden und diese beiden ehrwürdigen Chanson-Institutionen bis auf den letzten Platz zu füllen. Obwohl er über seine Frau Hella und seine Kinder stets offen, anschaulich und voller Wärme gesprochen und gesungen hat, war er nie darauf aus, sich im Licht der Öffentlichkeit zu produzieren. Bescheidenheit und Unaufdringlichkeit waren und sind seit jeher seine Markenzeichen; doch zugleich hat er es sich seit jeher vorbehalten, zu sagen und zu singen, was er will und meint, ohne dass er sich von irgendjemandem hineinreden oder etwas vorschreiben lässt.


Reinhard Mey - Einer der stillen Aufrechten im Lande


Udo Jürgens, über den ich im Zusammenhang mit der Versteigerung aus seinem Nachlass bei Sotheby’s und seinem autobiographischen Familienroman Der Mann mit dem Fagott geschrieben habe, ist in Deutschland, Österreich und der Schweiz auch zwölf Jahre nach seinem plötzlichen Tod im Dezember des Jahres 2014 nach wie vor bekannt wie ein bunter Hund.

Doch seit Anfang der 1970er Jahre hört man neben Udos strahlender, markanter Stimme immer wieder eine sanfte, ruhige, die nie laut wird, sich indes in ihren Aussagen stets klar und deutlich zu Wort meldet: die des Textdichters und Komponisten Reinhard Mey, der es sich vorbehält, seine Lieder selbst und auf der Bühne allein zu singen und zu spielen.

Ich möchte weder ihn noch einen seiner Kollegen einen Liedermacher nennen, denn dieses Wort hat für mich den Beiklang von etwas Plumpem, Einfältigem und Stümperhaftem (wie ist man seinerzeit auf dieses Wort gekommen?), und auf seine Liedtexte und sein Gitarrenspiel hat keine dieser Eigenschaften jemals zugetroffen. Auch nicht auf Hannes Wader, Klaus Hoffmann und Konstantin Wecker oder Kollegen aus Österreich vom Kaliber eines Ludwig Hirsch, Georg Danzer, André Heller, Rainhard Fendrich etc...

Vielmehr zählt Reinhard Mey zu den wenigen noch lebenden deutschen Textdichtern und Komponisten, die sich mit Fug und Recht Chansonnier nennen dürfen; denn ihm ist es in Paris als einem der wenigen Deutschen immer wieder gelungen, vom Bobino oder Olympia engagiert zu werden und diese beiden ehrwürdigen Chanson-Institutionen bis auf den letzten Platz zu füllen.

Obwohl er über seine Frau Hella und seine Kinder stets offen, anschaulich und voller Wärme gesprochen und gesungen hat, war er nie darauf aus, sich im Licht der Öffentlichkeit zu produzieren. Bescheidenheit und Unaufdringlichkeit waren und sind seit jeher seine Markenzeichen; doch zugleich hat er es sich seit jeher vorbehalten, zu sagen und zu singen, was er will und meint, ohne dass er sich von irgendjemandem hineinreden oder etwas vorschreiben lässt.

Und anders als bei Sängern und Musikern jeglicher Couleur und jeglichen Geschlechts, die es genießen, auf rauschenden Parties im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen, galt für ihn, nach dessen Auffassung Glamour und Eitelkeit den Geist eines Menschen verblöden, stets sein eigenes Motto: „Halt’s Maul! Mach’ deinen Job!“

Andererseits hat er klar und deutlich Stellung bezogen, wenn ihm in diesem unserem Land etwas nicht gefiel, und was er vom Leben und seinen Wechselfällen denkt und hält, die uns Menschen im Lauf der Jahre und Jahrzehnte heimsuchen. Wie übrigens auch seine Kollegen Hannes Wader und Konstantin Wecker, mit denen er sich trotz der unterschiedlichen Stile und Ausdrucksformen gut versteht.

Ich finde, ein Textdichter, der es in seiner Klarheit und Einfachheit bei gleichzeitiger Anschaulichkeit mit Siegfried Lenz und an Beobachtungsgabe und scharf geschliffenem Witz mit dem früh verstorbenen Roger Willemsen jederzeit aufnehmen kann – wer außer ihm wäre zu Textzeilen fähg wie:

„Einen Antrag auf Erteilung eines Antragsformulars
zur Bestätigung der Richtigkeit des Durchschriftsexemplars…“

(Das Antragsformular)

oder:

„Ihr Jojotum ist verbogen und Ihr Nabelbein zu lang,
Ihr Appendix überzogen und Ihr Plexus nicht in Gang…“


(Dr. Nahtlos, Dr. Sägeberg und Dr. Hein)

oder:

„Sind es Verzückte, still Beglückte
oder einfach nur Verrückte? (…)

Sind so kleine Hände,
bringen nie etwas zu Ende...“


(Männer im Baumarkt),


und der seit 1971 alle zwei Jahre, seit 2014 alle drei Jahre ein neues Album herausbringt – sein jüngstes, Nach Haus, ist eben erst erschienen -, verdient es, dass ich seinem Sein und Schaffen meine neue Artikelreihe widme.

Auch wenn wir erst April haben und noch nicht Mai – die Zeit, wenn Reinhard Mey mit seinem neuen Album in Deutschland, Österreich und der Schweiz auf Tournee geht und für seine treue Fangemeinde bis zu 60 Konzerte gibt…

 



22.02.2026 - Ein Abend und eine Nacht in Venedig
Im Lauf des späten Nachmittags sind wir in unserem Fesselballon vom Gipfel des Monte Baldo aufgestiegen und lassen uns mit dem Wind aus Norden beständig nach Südosten treiben. Vom Korb unserer Montgolfiere aus sehen wir, wie die letzten Ausläufer der Alpen verschwinden und das Land in eine flache Ebene übergeht, durch die sich die Brenta gleich einem silbernen Band zieht, vorbei an manch einem idyllisch anmutenden Landsitz im Grünen. Da uns der Wind kraftvoll und stetig vorantreibt und weder aussetzt noch umschlägt, taucht am Horizont bald das Ziel unserer Reise auf: die über hundert kleinen und winzigen Inseln, durch ebenso viele Brücken und Brückchen miteinander verbunden, aus denen sich die Stadt und Republik Venedig zusammensetzt. Aus der Höhe unserer Montgolfiere zeichnet sich vor unserem Fernrohr die doppelte S-Kurve des Canal Grande ab, die sich als Lebensader durch die Stadt windet, und die kleinen und größeren Seitenkanäle, die von ihr abzweigen. Und schon liegt unser Landeplatz vor uns: der Molo des Bacino di San Marco mit Dogenpalast und Campanile, die Inseln San Giorgio Maggiore und La Giudecca, die dem Molo gegenüberliegen, und die Landzunge, auf der die Dogana und die Kathedrale Santa Maria della Salute steht und die zugleich die südliche Einfahrt in den Canal Grande markiert. Wohin wir auch blicken: Alle Konturen der Landzungen und Vorsprünge, Kathedralen und Paläste heben sich so klar und scharf wie mit dem Winkelmesser gezogen ab; und all dies wirkt so leicht, schwerelos und grazil, als ruhe es nicht auf Pfählen und Fundamenten, sondern treibe in den blaugrünen, goldschimmernden Fluten der Lagune. Als der Korb unseres Fesselballons in sicherer Entfernung zum Hafenbecken auf dem Molo aufsetzt, geht gerade die Sonne unter. Ihr Feuerball taucht Himmel und Meer in loderndes Karmensinrot und Gold, das überall dort aufgleißt, wo der Kiel eines Schiffes oder Bootes eine Spur durch die stille See zieht, während sich die Kathedralen und Paläste als schwarze Silhouetten gegen den feurigen Goldgrund des Abendhimmels abzeichnen. Es wird still, und die Stille bleibt, bis die letzten Strahlen der Sonne im Meer versunken sind. Auf den Einbruch der Dunkelheit hat die ganze Stadt gewartet! In Scharen strömen die Menschen auf die Plätze und Brücken, Straßen und Uferbefestigungen hinaus und drängen sich an den Orten zusammen, die freien Blick über den Canal Grande oder das Hafenbecken gewähren, während sich die blauen und schwarzen Schatten der Nacht herabsenken.


Ein Abend und eine Nacht in Venedig


Im Lauf des späten Nachmittags sind wir in unserem Fesselballon vom Gipfel des Monte Baldo aufgestiegen und lassen uns mit dem Wind aus Norden beständig nach Südosten treiben. Vom Korb unserer Montgolfiere aus sehen wir, wie die letzten Ausläufer der Alpen verschwinden und das Land in eine flache Ebene übergeht, durch die sich die Brenta gleich einem silbernen Band zieht, vorbei an manch einem idyllisch anmutenden Landsitz im Grünen.

Da uns der Wind kraftvoll und stetig vorantreibt und weder aussetzt noch umschlägt, taucht am Horizont bald das Ziel unserer Reise auf: die über hundert kleinen und winzigen Inseln, durch ebenso viele Brücken und Brückchen miteinander verbunden, aus denen sich die Stadt und Republik Venedig zusammensetzt.

Aus der Höhe unserer Montgolfiere zeichnet sich vor unserem Fernrohr die doppelte S-Kurve des Canal Grande ab, die sich als Lebensader durch die Stadt windet, und die kleinen und größeren Seitenkanäle, die von ihr abzweigen. Und schon liegt unser Landeplatz vor uns: der Molo des Bacino di San Marco mit Dogenpalast und Campanile, die Inseln San Giorgio Maggiore und La Giudecca, die dem Molo gegenüberliegen, und die Landzunge, auf der die Dogana und die Kathedrale Santa Maria della Salute steht und die zugleich die südliche Einfahrt in den Canal Grande markiert.

Wohin wir auch blicken: Alle Konturen der Landzungen und Vorsprünge, Kathedralen und Paläste heben sich so klar und scharf wie mit dem Winkelmesser gezogen ab; und all dies wirkt so leicht, schwerelos und grazil, als ruhe es nicht auf Pfählen und Fundamenten, sondern treibe in den blaugrünen, goldschimmernden Fluten der Lagune.

Als der Korb unseres Fesselballons in sicherer Entfernung zum Hafenbecken auf dem Molo aufsetzt, geht gerade die Sonne unter. Ihr Feuerball taucht Himmel und Meer in loderndes Karmensinrot und Gold, das überall dort aufgleißt, wo der Kiel eines Schiffes oder Bootes eine Spur durch die stille See zieht, während sich die Kathedralen und Paläste als schwarze Silhouetten gegen den feurigen Goldgrund des Abendhimmels abzeichnen. Es wird still, und die Stille bleibt, bis die letzten Strahlen der Sonne im Meer versunken sind.

Auf den Einbruch der Dunkelheit hat die ganze Stadt gewartet! In Scharen strömen die Menschen auf die Plätze und Brücken, Straßen und Uferbefestigungen hinaus und drängen sich an den Orten zusammen, die freien Blick über den Canal Grande oder das Hafenbecken gewähren, während sich die blauen und schwarzen Schatten der Nacht herabsenken.

Und dann schießen unter Prasseln und Knattern Feuergarben gen Himmel, in einer einzigen Explosion des Lichtes und der Farben! An den Fondamenti Nuove, über der Rialtobrücke und dem Molo bis nach La Giudecca, überall sprühen Fontänen in Silber, Gold, Granatrot, Smaragdgrün und Saphirblau auf, zeichnen Blumen, Ähren und Baumkronen an den samtblauen Nachthimmel.

Während in luftiger Höhe das Feuerwerk Funken sprüht und Geist und Seele der Menschen mit sich emporreißt, setzt sich an den Fondamenti Nuove alles in Bewegung, was schwimmen und gerudert werden kann. Galeeren und Barkassen, Flöße und Pontons, Barken und Boote gleiten schwerelos, aber ohne Eile in einer feierlichen Prozession den Canal Grande hinunter und dem Molo von San Marco entgegen.

Alles, was schwimmt und gleitet, ist festlich geschmückt, mit Unmengen an Blumen und brennenden Kerzen, mit wehenden Bändern und Standarten, die zwischen Booten oder Gondeln in Dreierformation gespannt sind und von ihren Besatzungen gehalten und gezogen werden.

Die Menschen, die auf den Brücken, Plätzen und Uferbefestigungen stehen und dem Schauspiel beiwohnen, stoßen mit Sekt und Wein an, naschen heißes Spritzgebäck, bewundern das Feuerwerk, winken den Besatzungen der Schiffe, Boote und Gondeln zu. Alles schaut und staunt und jubelt und ruft und winkt, als gäbe es kein Morgen.

Als die Fontänen und Feuergarben erlöschen und das Prasseln und Knattern des Feuerwerks verstummt, setzt auf den Galeeren, Barkassen und Gondeln Musik ein, teils von Bläsergruppen mit Hörnern, Trompeten und Fanfaren, teils von Streichquartetten, die deutlich leiser, aber klar und silberhell ihre Melodien empor senden.

Doch nicht nur draußen auf den Plätzen, Straßen und Brücken wird gefeiert. In den leicht und grazil anmutenden Palästen, die den Canal Grande und das Hafenbecken säumen, sind alle Innenhöfe, Treppen und Säulengalerien von Kerzen- und Fackelschein hell erleuchtet.

Auf den Treppen wimmeln Füße in blendend weißen Strümpfen und weichen Seidenschühchen, steigen unablässig treppauf und treppab und huschen an den Galerien entlang, während Damen in Reifröcken, spitzengesäumten Dekolletés und hoch aufgetürmten Frisuren und Herren in Seidenröcken, Spitzenhemden und Kniehosen sich verneigen, über einen Fächer hinweg lächeln und neugierig-verschmitzte Blicke tauschen.

Alle Räume sind erfüllt von Musik, wohin das Ohr lauscht, und Kerzenschimmer, wohin das Auge blickt. Champagner schäumt in die Sektgläser, begleitet von Lachen und Kichern, und ein Tablett nach dem anderen wandert an den Gästen vorbei, beladen mit Pralinen und Petits fours oder frittierten Knabbereien und Meeresfrüchten.

Unterdessen findet zur selben Zeit auf dem Trapez des Markusplatzes ein Turnier der Kavaliere statt, oder sagen wir eher die Choreographie eines Turniers. In enger Formation kommen die vier besten Reiter und Fechter der Leichten Kavallerie auf ihren Pferden herbeigesprengt. In vollem Galopp und mit wehenden Federhüten, Allongeperücken und Capes stürmen sie den Markusplatz. Während die Linke die Zügel des Pferdes hält, schwingt die Rechte den Degen, so dass die Klingen der Reiterquadrille gegeneinander klirren.

Die vier Herren von der Leichten Kavallerie verkörpern die Gestalten der vier Musketiere; und jeder weiß, dass sie zu Pferde und mit dem Degen nicht zu schlagen sind, solange sie ihrem alten Schwur gemäß vereint reiten und zuschlagen: „Einer für alle und alle für einen!“

Während die Fantasia zu Pferde auf dem Markusplatz mit klappernden Hufen und klirrenden Degen Runde um Runde ihren Lauf nimmt, findet zur selben Zeit im Dogenpalast ein großer Empfang statt.

Auf der obersten Stufe der Scala d’Oro, der Goldenen Treppe steht der Doge in seinem weiß-goldenen Gewand, von seinem Hermelin-Umhang umflossen, und empfängt die Ratsherren des Senats und Botschafter und Gesandte aus aller Herren Länder, die sich auf der Goldenen Treppe aneinanderreihen wie Perlen an einer Schnur, allein um mit dem Dogen ein paar Worte zu wechseln und sich seiner Zuwendung zu versichern.

Während auf den Straßen, Plätzen und Brücken, in den Palästen und Villen das pure Leben braust, brodelt und schäumt, geht es andernorts stiller und verschwiegener zu.

Entlang der kleinen Seitenkanäle, die vom Canal Grande abzweigen bzw. in ihn münden, ist nur das Licht der Straßenlaternen und Kerzenschimmer aus den Fenstern zu sehen, das Mauerwerk und Kanal in ein warmes orangerotes Licht taucht; ein flackernder Schein, der auf dem Grund tiefer Dunkelheit aufflammt.

Nur von diesem warm und intim anmutenden Schein begleitet, zieht eine Gondel auf dem Kanal still und leise ihre Bahn. In einem ruhigen gemessenen Rhythmus führt der Gondoliere sein Ruder, lässt sie lautlos und fast ohne Stoß und Druck durch die Dunkelheit gleiten.

Auf der Sitzbank ruht die Gestalt einer Dame in einer schwarzen, mit golddurchwirkten Rüschen verzierten Robe. Da eine Mantilla aus mit Goldstickerei verbrämter schwarzer Spitze ihr Gesicht verhüllt, ist von ihr nur wenig zu sehen; doch ihr volles lockiges Haar, der tiefe Glanz ihrer Augen und das, was der Schein der Kerzenflammen von ihren Zügen aus der Dunkelheit reißt und aufflammen lässt, ist von edlem Schimmer erfüllt.

Schließlich legt die Gondel an einem der Poller an, die sich vor dem Eingangsportal der Paläste erheben. Der Gondoliere vertäut seine Barke am Poller, wechselt vom Heck auf das Ufer hinüber und reicht der Dame eine Hand als Stütze.

In einer fließenden Bewegung erhebt sie sich von der Sitzbank, schwingt sich zur Uferbefestigung empor und klopft an das Portal. Schon öffnet sich die Eingangstür und hat ihre Gestalt verschlungen. Was mag sie hierher führen? Ein Geheimnis, das sie jemand Bestimmtem in diesem Palast nur zu dieser Stunde anvertrauen kann? Eine Liebe, die nicht sein darf? Niemand wird es erfahren, denn die Kanäle Venedigs sind diskret und bewahren ihr Schweigen…

In der Nacht nach diesem rauschenden Fest haben all jene, die erschöpft aber glücklich in ihre Kissen sinken und einschlafen, diesen einen Traum:

Ihnen ist, als sei die Stadt zum Meeresgrund hinabgesunken und als seien es Algen, Fische und Meerestiere, die nun zwischen den Palästen, Brücken und Kanälen dahintreiben und die Welt unter Wasser mit ihrem wogenden, tanzenden Leben erfüllen…

 

Karneval als Mahnmal der Vergänglichkeit


Anders als in Rio de Janeiro, an den Ufern des Rheins und im alemannischen Raum ist der Karneval in Venedig nicht primär eine lärmende, ausgelassene Angelegenheit. Gewiss sind Lebensfreude und Genuss durchaus geboten und gegeben, doch viele der Masken und Kostüme, die am Auge des Betrachters vorüberziehen, strahlen eher Stille und Verschwiegenheit aus, manche etwas Nachdenkliches, andere zum Teil etwas Melancholisches, fast Tragisches.

Die Starre und das blendende Weiß der Masken, hinter denen die Augen ausnahmslos dunkel und tief wirken, haben etwas Gespenstisch-Spukhaftes an sich, und immer wieder erscheinen Gestalten, die nicht winken, lächeln oder lachen, sondern stumm bleiben und einem nachdenklich oder hintergründig in die Augen sehen, bevor sie sich mit einer Verneigung oder einem Nicken abwenden.

Und ganz gleich, in welch verschwenderischer Fülle all diese Hauben, Hüte, Masken und Kostüme gestaltet und geschmückt sind: Ihrer Schönheit haftet der Schimmer von etwas Zerbrechlichem, Unwirklichem an, das sich in den Schatten der Nacht auflöst und vergeht.

Eine Tatsache lässt sich auch nicht abstreiten: Ganz gleich, wie ausgelassen die Menge getanzt und gejubelt, gezecht und geschmaust und das Leben genossen hat, früher oder später geht dieser rauschhafte Reigen zu Ende.

Am Abend des Faschingsdienstags wird die Figur des Arlecchino zwischen den Säulen von San Marco und San Todaro an einem Seil aufgehängt, und um Mitternacht, wenn die tiefste Glocke des Campanile von San Marco über den Molo und die Piazzetta hallt, wird diese Figur angezündet. Und während der Arlecchino verbrennt und die Glocke tönt, spricht die Menge die Worte: „Vorbei! Vorbei! Der Karneval ist vorbei!“

So ist der Karneval in Venedig nicht zuletzt ein Spiegelbild von Werden und Vergehen, von strahlendem Triumph und unausweichlichem Untergang, von Flüchtig-Vergänglichem und Zeitlos-Ewigem, von Leben und Tod.