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Blog

Weggefährten

Von jenen, die mich in meiner Entwicklung am stärksten geprägt haben, möchte ich in meinen Beiträgen erzählen...



Vorwort zu meinem Blog-Bereich „Weggefährten“

Es gibt Neues von mir! Zwischen dem 16. und 31. Dezember 2019 ist mein neues Buch „Weggefährten – Eine kleine Dankmusik“ erschienen, dessen Kapitel zugleich die Beiträge dieses Blog-Bereiches sind.

„Weggefährten“ entspringt einem ähnlichen Bedürfnis wie mein Vorgängerwerk „EUROPRISMA – Meine Seelenreisen“, nur möchte ich diesmal nicht Städten und Ländern danken, in denen ich zu Gast war. Diesmal geht es mir um Persönlichkeiten und Phänomene des 20. Jahrhunderts – einige gehen noch ein bisschen weiter zurück -, die mich zu der gemacht haben, die ich heute bin.

Natürlich kann man sagen: Was man wird und was man aus sich und seinem Leben macht, liegt in der eigenen Verantwortung. Gewiss. Doch zur geistig-seelischen Entwicklung eines Menschen gehören ebenso inspirierende oder gar entscheidende Anstöße und Impulse von außen.

Von jenen, die mich in meiner Entwicklung am stärksten geprägt haben, möchte ich in meinen Beiträgen erzählen und würde mich freuen, wenn auch IIhr mit einsteigen und von euren entscheiden-den Impulsgebern oder Wegweisern erzählen würdet.


07.06.2026 - Ravensburg - Eine Stadt nicht nur für Spiele
Wer von meinen älteren Leserinnen und Lesern in der Kindheit und Jugend oder auch später dann und wann vor einem Schach-, Mühle- oder Halmabrett saß und sich mit einem Partner duellierte, oder wer zwischen dem siebten und zehnten Lebensjahr Memory gespielt oder Quartette gesammelt und mit Freunden aus der Nachbarschaft oder der Schulklasse getauscht hat, ist mit Ravensburg in Berührung gekommen, ohne dass es ihr oder ihm bewusst war. Denn all die vorgenannten Brett- und Kartenspiele stammen aus dem Ravensburger Verlag, der 1892 von Otto Ritter gegründet wurde und sich im Lauf seiner Geschichte neben dem Schmidt-Verlag zum weltweit größten Erfinder und Produzenten von Spielen entwickelt hat. Wer sich abends oder an freien Wochenenden mit solchen Spielen die Zeit vertrieb, trainierte sein planmäßiges und strategisches Denken bzw. erweiterte über die mannigfaltigen Memory- und Quartettserien seine Merkfähigkeit und sein Allgemeinwissen. Seit dem Siegeszug des PC, des WWW und dem Fortschreiten der Digitalisierung ist diese Art von Spielen ins Hintertreffen geraten; doch bis heute sind aus Spielwarenabteilungen wie auch aus Buchhandlungen die Ravensburger Puzzles von 50 bis zu 5.000 Teilen und mit Motiven aus der Tier- und Pflanzenwelt, aus Landschaften und Städten und der klassischen Malerei nicht wegzudenken. Wie ich dazu komme, über die Ravensburger Spiele und Puzzles zu schreiben? Weil es sie im „Wohnzimmer“, dem Gesellschaftsraum der Reha-Klinik in Aulendorf stapelweise gibt und sich jede und jeder an ihnen frei bedienen kann und darf. Zwei Wochen nach meiner Ankunft begann die Arbeit auf dem Puzzletisch an einem Kolossalschinken mit 5.000 Teilen, und als ich drei Wochen später wieder nach Hause fuhr, war es noch weit davon entfernt, fertig zu werden. Es handelt sich um eine römische Gemäldegalerie aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. Sie ist in einem Palazzo mit einem Brunnen davor untergebracht, in dem sich über drei säulengestützte Galerien jede Menge Besucher im schwarzen Frack und Zylinder verteilen. Drei Galerien, bei denen der Marmor der Säulen, Balkone und Geländer ebenso grau-weiß-blau meliert ist wie der Rand des Brunnens vor dem Palazzo, die vom Boden bis zur Decke von einem Rahmen aus dunkelbraunem Holz und einem karmesinroten Samtvorhang eingefasst sind, und über denen der Himmel in demselben Blaugrün und Weiß schimmert wie das Wasser im Brunnen… Wie manch ein anderer Rehabilitand habe ich mich in Therapiepausen oder am Wochenende hin und wieder an diesem in 5.000 Einzelteile zerlegten Repro-Gemälde versucht. Ich saß und brütete an dunklen oder einfarbigen Ecken und Teilen, von denen kein einziges passen wollte. Und jedes Mal stellte ich fest, dass dieses Ding kein Puzzle, sondern eine Strafarbeit ist, und räumte nach zehn Minuten freiwillig das Feld! Als ich in Ulm kurz in die große Buchhandlung geschaut habe, waren im Erdgeschoss, wie von mir erwähnt, Ravensburger Puzzles in Massen ausgestellt. Mir fiel ein Bild des Fischerviertels bei Sonnenuntergang in die Hände, dessen Farben und Nuancen mich anzogen. Es wäre eine greifbare, dauerhafte Erinnerung an meine Zeit in Ulm gewesen! Nur war es leider in 2.000 Teile zerlegt, an denen ich irgendwann entnervt aufgegeben und das Puzzle auf einen Schrank oder das oberste Brett eines Regals verbannt hätte. Dafür war mir das schöne Bild zu schade… Doch Ravensburg beliefert die Welt nicht nur mit Spielen und Puzzles in vielerlei Gestalt; Ravensburg ist auch eine Kreisstadt im südlichen Oberschwaben, zu der Aulendorf gehört, und geht wie Ulm auf das Mittelalter zurück. Da sie in den einschlägigen Broschüren als sehenswert empfohlen wird, nahm ich mir auch diese Stadt für einen Samstagsausflug vor.


Ravensburg - Eine Stadt nicht nur für Spiele


Wer von meinen älteren Leserinnen und Lesern in der Kindheit und Jugend oder auch später dann und wann vor einem Schach-, Mühle- oder Halmabrett saß und sich mit einem Partner duellierte, oder wer zwischen dem siebten und zehnten Lebensjahr Memory gespielt oder Quartette gesammelt und mit Freunden aus der Nachbarschaft oder der Schulklasse getauscht hat, ist mit Ravensburg in Berührung gekommen, ohne dass es ihr oder ihm bewusst war. Denn all die vorgenannten Brett- und Kartenspiele stammen aus dem Ravensburger Verlag, der 1892 von Otto Ritter gegründet wurde und sich im Lauf seiner Geschichte neben dem Schmidt-Verlag zum weltweit größten Erfinder und Produzenten von Spielen entwickelt hat.

Wer sich abends oder an freien Wochenenden mit solchen Spielen die Zeit vertrieb, trainierte sein planmäßiges und strategisches Denken bzw. erweiterte über die mannigfaltigen Memory- und Quartettserien seine Merkfähigkeit und sein Allgemeinwissen.

Seit dem Siegeszug des PC, des WWW und dem Fortschreiten der Digitalisierung ist diese Art von Spielen ins Hintertreffen geraten; doch bis heute sind aus Spielwarenabteilungen wie auch aus Buchhandlungen die Ravensburger Puzzles von 50 bis zu 5.000 Teilen und mit Motiven aus der Tier- und Pflanzenwelt, aus Landschaften und Städten und der klassischen Malerei nicht wegzudenken.

Wie ich dazu komme, über die Ravensburger Spiele und Puzzles zu schreiben? Weil es sie im „Wohnzimmer“, dem Gesellschaftsraum der Reha-Klinik in Aulendorf stapelweise gibt und sich jede und jeder an ihnen frei bedienen kann und darf. Zwei Wochen nach meiner Ankunft begann die Arbeit auf dem Puzzletisch an einem Kolossalschinken mit 5.000 Teilen, und als ich drei Wochen später wieder nach Hause fuhr, war es noch weit davon entfernt, fertig zu werden.

Es handelt sich um eine römische Gemäldegalerie aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. Sie ist in einem Palazzo mit einem Brunnen davor untergebracht, in dem sich über drei säulengestützte Galerien jede Menge Besucher im schwarzen Frack und Zylinder verteilen. Drei Galerien, bei denen der Marmor der Säulen, Balkone und Geländer ebenso grau-weiß-blau meliert ist wie der Rand des Brunnens vor dem Palazzo, die vom Boden bis zur Decke von einem Rahmen aus dunkelbraunem Holz und einem karmesinroten Samtvorhang eingefasst sind, und über denen der Himmel in demselben Blaugrün und Weiß schimmert wie das Wasser im Brunnen…

Wie manch ein anderer Rehabilitand habe ich mich in Therapiepausen oder am Wochenende hin und wieder an diesem in 5.000 Einzelteile zerlegten Repro-Gemälde versucht. Ich saß und brütete an dunklen oder einfarbigen Ecken und Teilen, von denen kein einziges passen wollte. Und jedes Mal stellte ich fest, dass dieses Ding kein Puzzle, sondern eine Strafarbeit ist, und räumte nach zehn Minuten freiwillig das Feld!

Als ich in Ulm kurz in die große Buchhandlung geschaut habe, waren im Erdgeschoss, wie von mir erwähnt, Ravensburger Puzzles in Massen ausgestellt. Mir fiel ein Bild des Fischerviertels bei Sonnenuntergang in die Hände, dessen Farben und Nuancen mich anzogen. Es wäre eine greifbare, dauerhafte Erinnerung an meine Zeit in Ulm gewesen! Nur war es leider in 2.000 Teile zerlegt, an denen ich irgendwann entnervt aufgegeben und das Puzzle auf einen Schrank oder das oberste Brett eines Regals verbannt hätte. Dafür war mir das schöne Bild zu schade…

Doch Ravensburg beliefert die Welt nicht nur mit Spielen und Puzzles in vielerlei Gestalt; Ravensburg ist auch eine Kreisstadt im südlichen Oberschwaben, zu der Aulendorf gehört, und geht wie Ulm auf das Mittelalter zurück. Da sie in den einschlägigen Broschüren als sehenswert empfohlen wird, nahm ich mir auch diese Stadt für einen Samstagsausflug vor.

Einmal mehr machte ich mich am Samstag nach Christi Himmelfahrt auf den Weg vom Kurpark über den Schlossplatz hinunter zum Aulendorfer Bahnhof in der Talsenke. Doch vom 14. Mai bis zum 18. September 2026 ist der Schienenverkehr wegen Gleisbauarbeiten stark eingeschränkt, so dass es nach Ravensburg und weiter hinunter zum Bodensee nur Schienenersatzbusse gibt.

Zu meinem Glück kam genau zur richtigen Zeit ein Schienenersatzbus daher, der mein Ziel anfuhr; und nachdem ich mein Tagesticket am Fahrkartenautomaten gelöst hatte, fackelte ich nicht lange und schwang mich in den Bus. Allerdings bedeutet Schienenersatzverkehr auch, dass man über das Land und durch kleine Dörfer fährt und der Bus anders als der Zug an jeder Milchkanne hält, so dass die Fahrt gute zwanzig Minuten länger dauert als auf der Schiene.

Doch ich erreichte Ravensburg relativ früh am Vormittag. Wie in Ulm liegt auch in dieser Stadt der Bahnhof mitten in der Innenstadt, und auch hier erstreckt sich vor dem Bahnhofsvorplatz ein großer Busbahnhof für den Stadt- und Regionalverkehr. Von hier aus kommt man mit dem Bus nach Lindau, Meersburg, Friedrichshafen, Überlingen und Konstanz; sprich, man erreicht alle wichtigen Städte am Nordufer des Bodensees, und das viel schneller als mit dem Zug und ohne Umsteigen!

Und auch in Ravensburg gelangt man zu Fuß in zehn Minuten ins Zentrum der Altstadt. Wenn man sich am Busbahnhof halb nach rechts wendet, erhebt sich hinter dem großen gläsernen Funkhaus und Redaktionsgebäude des Südwestdeutschen Rundfunks (SWR) der Gemalte Turm, neben dem „Mehlsack“, dem weißen Rundturm, der sich neben der Veitsburg über der Stadt erhebt, eines der markanten Wahrzeichen Ravensburgs. Direkt an den Gemalten Turm schließt sich die Stadtmauer an, die hinter einer Allee aus Laubbäumen den Stadtkern umschließt wie in Nürnberg, Nördlingen oder Rothenburg ob der Tauber; nur, dass die Stadtmauer von Ravensburg nicht so hoch, wuchtig und massiv ist wie in den vorgenannten Städten.

Wo die Mauer endet, führt die Charlottenstraße direkt ins Herz der Altstadt. Wegen Straßen- und Tiefbauarbeiten sind nicht nur die Häuser mittelalterlich, sondern die Straße selbst: Es gibt hier weder Asphalt noch Kopfsteinpflaster, nur festgestampften Lehm und Kies. Doch folgt man der Charlottenstraße einfach schnurgeradeaus, endet sie genau vor dem Herzen der Stadt, sprich am Marienplatz gegenüber dem Blaserturm. Am Marienplatz? Jawohl!

Wie in München ist auch in Ravensburg der Marienplatz das Zentrum der Stadt, von dem alles ausgeht. Nur, dass der Marienplatz kein Quadrat ist wie in München, sondern eher eine Straße, die zwar breit ist, bei der aber die Länge deutlich überwiegt, ähnlich wie beim Wenzelsplatz in Prag.Und wie in Prag säumen auch in Ravensburg die Häuser den Platz in hellen Pastellfarben: beige, blassblau, hellorange, maigrün, zartgelb.

In Ravensburg streitet das Fachwerk mit dem gewölbten und geschweiften Barock um den Vorrang. Alle Häuser am Marienplatz und in den Gassen, die von ihm abzweigen, müssen zu Beginn der 2000er Jahre frisch getüncht worden sein, denn ihre Farben strahlen klar und rein.

Wie in Ulm findet auch in Ravensburg an jedem Samstag ein großer Markt statt. Er bietet nicht nur Obst, Gemüse und Lebensmittel, auch Strümpfe und Socken, Schuhe, Hemden und Shirts, Schreibwaren, Andenken und vieles mehr, ähnlich wie die Auer Dult am Mariahilfplatz. Auch gibt es auf diesem Markt jede Menge Essbuden und -hütten, die Maultaschen mit vielerlei Füllung, Dinnete mit vielerlei Belag und Käsespätzle servieren, nicht nur in der klassischen Urform mit Röstzwiebeln, auch mit Bärlauch-Pesto, Chili-Limetten-Sauce, Trüffelcreme etc.

Anstatt für die „Einsamkeitsspätzle“ mit Knoblauch und Zwiebeln entschied ich mich lieber für die „Winterspätzle“ mit einem Schwall eingekochter Preiselbeeren unter den Röstzwiebeln und habe meine Wahl nicht bereut. Während die oberbayerischen Kasspatz’n zuweilen eine recht trockene Angelegenheit sind, waren diese Spätzle aus dem Schwabenland frisch und saftig.

Auch eine Dinnete kann ich wärmstens empfehlen! Ich wählte die schwäbische Variante der Pizza, mit Frischkäse bestrichen und mit Rucola, Kirschtomaten und rohem Schwarzwälder Schinken belegt, und konnte mit meinem Fladen, seinem großzügigen Belag und seinem runden, vollmundigen Geschmack nur zufrieden sein.

Mir ist aufgefallen, dass Ravensburg in einem Aspekt Nürnberg ebenso ähnelt wie Ulm: Beides sind Bürgerstädte, in deren Blütezeit die Kaufleute und vor allem die Zünfte und Gilden der Handwerker das Sagen hatten.

Denn das Lederhaus, das ehemalige Zunfthaus der Gerber mit seinen hellgrauen Sgraffito-Malereien im weißgetünchten Mauerwerk, ist seiner Fläche nach größer als das Rathaus. Und das zartgelbe Kornhaus mit seinen grünen Fensterläden, früher der Speicher und zentrale Umschlagplatz für Getreide, erhebt sich so hoch und wuchtig wie eine Trutzburg auf einer eigenen Anhöhe über die Altstadt; nur der Wehrturm fehlt dem Kornhaus zu einer Burg.

Das Rathaus, obgleich scharlachrot getüncht und mit weißen Kanten verbrämt, nimmt sich neben dem Kornhaus und dem Lederhaus geradezu klein und kompakt aus. Auch das Zunfthaus der Tuchglätter und -färber, ein klassischer dreistöckiger Fachwerkbau mit schwarzem Gebälk, weißem Mauerwerk und dunkelgrünen Fensterläden, nimmt einen ganzen Häuserblock ein. Heute ist hier eine traditionsreiche Apotheke untergebracht, doch auch dieses Gebäude stellt in seiner Größe und Ausdehnung das Rathaus in den Schatten…

Besonderes Ansehen genießt in Ravensburg die Feuerwehr, deren Leitzentrale in einem großen freistehenden Fachwerkhaus nahe der Stadtmauer untergebracht ist. Denn so solide und massiv Fachwerkhäuser auch gebaut sind, gilt für sie leider auch eine Tatsache: Fängt es einmal Feuer, dann brennt das knochentrockene Holz des Daches und des Gebälks wie Zunder. Und dann ist der Alarm des Wächters auf dem Blaserturm und der Einsatz der Feuerwehr gefragt!

Zuletzt ist dies 1989 geschehen, als der Frauentorturm nahe der Stadtmauer in Flammen aufging. Bei ihren Bemühungen, das Baudenkmal und die angrenzenden Häuser der Altstadt zu retten, kamen zwei Feuerwehrmänner ums Leben; und zum Gedenken an diesen Brand und den Tod der beiden Männer in den Flammen hat man jedem eine eigene Straße gewidmet.

Doch nicht nur die Zunfthäuser der Gilden und Handwerker machen die Ravensburger Altstadt bemerkenswert. Vom Marienplatz zweigen enge Gassen und stille lauschige Winkel mit alten verwitterten Mauern ab, an denen sich Efeu, Weinlaub, Rosen oder Trichterwinden ranken und den Eindruck erschaffen, dass hier seit Jahrhunderten die Zeit stillsteht...

Auch fallen auf dem Streifzug durch die Stadt die vielen Türme ins Auge: der Gemalte Turm an der Stadtmauer, der Blaserturm, der höchste Punkt der Altstadt und die Achse, um die sie sich dreht; der Goldene Turm hinter dem Kornhaus, der diesen Namen seinem mit vergoldeten Schindeln gedeckten Spitzdach verdankt; und der schlichte runde Turm des Unteren Tores am südlichen Ende des Stadtkerns, der dem Wall des Heiliggeistspitals schräg gegenüber liegt.

Wie in Nürnberg zählt auch dieses Heiliggeistspital zu den ältesten öffentlichen Krankenhäusern Deutschlands, die für die Armen und Bedürftigen erbaut wurden. Heute ist im Frontispiz eine Gaststätte und im Längstrakt die Stadtbibliothek untergebracht.

So weit kam ich, um festzustellen, dass ich umkehren und zum zentralen Busbahnhof zurück musste, um zum Schienenersatzbus und mit ihm zum Aulendorfer Bahnhof zu gelangen! Denn auf mich wartete einmal mehr der Aufstieg zum Kurpark und der leidige, unausweichliche „Abendappell“ auf meiner Station...

Immerhin gelang es mir, in der Buchhandlung Osiander am Marienplatz noch einen Reiseführer über Oberschwaben mitzunehmen, um zu Hause nachzulesen, was ich an Sehenswertem verpasst hatte bzw. nicht hatte mitnehmen können.

So hat sich mir zwar leider nur flüchtig, aber dennoch eindrucksvoll ein Guckloch in eine Region aufgetan, von der ich vorher nichts wusste, in der ich mich aber nie unwohl gefühlt habe und die sich mir ausnahmslos licht und freundlich gezeigt hat, wo auch immer ich in den fünf Wochen meines Aufenthalts unterwegs war.

 



07.06.2026 - Ulm - Viele Wege führen zum Münster
Dass es mich an meinem zweiten freien Samstag nach Ulm verschlagen hat, liegt daran, dass ich ein bestimmtes Ziel nicht zu erreichen vermochte, das ich ins Auge gefasst hatte. Laut der einschlägigen Portale im Internet hätte es eine bestimmte Buslinie geben müssen, mit der man von der Schwaben-Therme bzw. vom Schlossplatz in Aulendorf zum Museumsdorf Kürnbach bei Bad Schussenried gelangt. Und so machte ich mich an jenem Samstagmorgen zu Fuß zum „Ufo“ der Schwaben-Therme auf und umkreiste auf den Kies- und Zufahrtswegen das Bauwerk mit dem angrenzenden Kurhotel Thermal. Doch hier war weit und breit keine einzige Bushaltestelle zu sehen! Noch nicht entmutigt kehrte ich um und ging vom „Ufo“ zum Schlossplatz hinunter, denn hier sind gegenüber dem barocken Gebäudeteil des Schlosses Aulendorf einige Bushaltestellen angelegt. Doch die Linien, die dort ausgeschrieben sind, führen zu allen möglichen Orten in der Nachbarschaft, aber weder nach Bad Schussenried noch zum Museumsdorf Kürnbach. Zu meinem Glück war an diesem Samstagmorgen eine Einheimische zu Fuß unterwegs wie ich, die ich nach diesem einen Bus fragte. „I han hier obe no nia an Bus fahre sehe“, eröffnete mir die ältere Dame in aller Seelenruhe und im reinsten Oberschwäbisch. „Da müsset Sie zum Bahnhof laufe, da fahre die Busse weg. Oifach hier der Straß’ nach und g’radaus die Allee ´nunter.“ Sie wies auf die Straße, die in der Tat über eine kleine von Bäumen gesäumte Allee steil aber direkt in den Talgrund hinab führte. Ich bedankte mich bei der freundlichen älteren Dame, machte mich auf den Weg und erreichte den Bahnhof von Aulendorf nach etwa zehn Minuten zu Fuß bergab. In der Tat liegt hier der Bahnhof, der aktuell umgebaut wird und um den herum zusätzlich Gleisbauarbeiten stattfinden, so dass nicht alle Züge fahren, die sonst auf dieser Trasse verkehren; und vor dem Bahnhof gibt es einen gar nicht so kleinen Busbahnhof, an dem auch Busse halten und abfahren. Die Schienenersatzbusse fahren, wie sich beim Blick auf die Anzeigetafeln herausstellte, nach Bad Saulgau, Sigmaringen, Tuttlingen, Ravensburg, ja sogar bis Friedrichshafen - nur nicht nach Bad Schussenried und zum Museumsdorf Kürnbach. - Hm! Selbst wenn ich es schaffte, auf Umwegen dorthin zu gelangen, wie kam ich wieder zurück nach Aulendorf? Ohne einen PKW oder wenigstens ein E-Bike war ich hier auf dem Land aufgeschmissen! Dann sah ich, dass zumindest der Regionalzug von und nach Ulm und Stuttgart regelmäßig direkt vor dem Bahnhofsgebäude abfährt und auch dort hält. Ulm ist eine Großstadt mit einem ausgebauten Nahverkehrsnetz; dort würde ich weiterkommen und nicht in einem mir völlig fremden Niemandsland stranden! Kurzerhand warf ich meinen Plan über den Haufen, besorgte mir aus dem Fahrkartenautomaten ein Tagesticket von Aulendorf nach Ulm und zurück für € 22,-- und stieg am Gleis 1 in den bereitstehenden Zug. Am Wochenende sind Regionalzüge mit Tagesausflüglern und Touristen in dieser Gegend recht gut ausgelastet, doch ich war früh genug dran, um noch einen Sitzplatz zu finden. Und so schaukelte ich über die sanften hügeligen Wiesen und Dörfer und die kleine Stadt Biberach gen Norden und erreichte in gut dreißig Minuten den Ulmer Hauptbahnhof. An dieser Stelle sollte ich für alle Reisenden, die hier umsteigen müssen, eine Warnung aussprechen: Nur über eine Hochbrücke gelangt man von einem Bahnsteig zum nächsten, und nicht an allen Bahnsteigen funktioniert der Aufzug. Zuweilen muss man eine recht hohe Treppe hinauf- und am richtigen Bahnsteig wieder hinuntersteigen. Mit leisem Grauen kam mir mein großer bleischwerer Trolley in den Sinn, dessen Gewicht sich durch eine vollgepackte Reisetasche noch zusätzlich erhöhte… Nein! Dieses Monstrum würde ich nicht im Ulmer Hauptbahnhof die Treppen hinauf und hinunter wuchten; das würde ich mir bei meiner Rückfahrt kostenlos mit Hermes nach Hause senden und nur das draußen lassen, was ich an meinen letzten anderthalb Tagen in Aulendorf brauchte, und es in ein paar Stofftüten verstauen! Über das Gleis 1 gelangt man zum Ausgang und damit zum Bahnhofsvorplatz; und direkt davor liegt der große Busbahnhof für den Stadt- und Regionalverkehr und eine Trambahn-Trasse. Und zu meiner Freude spitzt der Turm des Ulmer Münsters - der bis 2025 der höchste Kirchturm der Welt war, bis ihn der Christusturm von Antonio Gaudis Kathedrale Sagrada Familia in Barcelona überholt hat - bereits hier zwischen den Häuserblöcken hindurch. Das heißt, vom Bahnhof ist es nur ein kleiner Fußweg ins Zentrum der Altstadt, sprich zum Münsterplatz.


Ulm - Viele Wege führen zum Münster


Dass es mich an meinem zweiten freien Samstag nach Ulm verschlagen hat, liegt daran, dass ich ein bestimmtes Ziel nicht zu erreichen vermochte, das ich ins Auge gefasst hatte.

Laut der einschlägigen Portale im Internet hätte es eine bestimmte Buslinie geben müssen, mit der man von der Schwaben-Therme bzw. vom Schlossplatz in Aulendorf zum Museumsdorf Kürnbach bei Bad Schussenried gelangt. Und so machte ich mich an jenem Samstagmorgen zu Fuß zum „Ufo“ der Schwaben-Therme auf und umkreiste auf den Kies- und Zufahrtswegen das Bauwerk mit dem angrenzenden Kurhotel Thermal. Doch hier war weit und breit keine einzige Bushaltestelle zu sehen!

Noch nicht entmutigt kehrte ich um und ging vom „Ufo“ zum Schlossplatz hinunter, denn hier sind gegenüber dem barocken Gebäudeteil des Schlosses Aulendorf einige Bushaltestellen angelegt. Doch die Linien, die dort ausgeschrieben sind, führen zu allen möglichen Orten in der Nachbarschaft, aber weder nach Bad Schussenried noch zum Museumsdorf Kürnbach.

Zu meinem Glück war an diesem Samstagmorgen eine Einheimische zu Fuß unterwegs wie ich, die ich nach diesem einen Bus fragte.

„I han hier obe no nia an Bus fahre sehe“, eröffnete mir die ältere Dame in aller Seelenruhe und im reinsten Oberschwäbisch. „Da müsset Sie zum Bahnhof laufe, da fahre die Busse weg. Oifach hier der Straß’ nach und g’radaus die Allee ´nunter.“ Sie wies auf die Straße, die in der Tat über eine kleine von Bäumen gesäumte Allee steil aber direkt in den Talgrund hinab führte.

Ich bedankte mich bei der freundlichen älteren Dame, machte mich auf den Weg und erreichte den Bahnhof von Aulendorf nach etwa zehn Minuten zu Fuß bergab.

In der Tat liegt hier der Bahnhof, der aktuell umgebaut wird und um den herum zusätzlich Gleisbauarbeiten stattfinden, so dass nicht alle Züge fahren, die sonst auf dieser Trasse verkehren; und vor dem Bahnhof gibt es einen gar nicht so kleinen Busbahnhof, an dem auch Busse halten und abfahren.

Die Schienenersatzbusse fahren, wie sich beim Blick auf die Anzeigetafeln herausstellte, nach Bad Saulgau, Sigmaringen, Tuttlingen, Ravensburg, ja sogar bis Friedrichshafen - nur nicht nach Bad Schussenried und zum Museumsdorf Kürnbach. - Hm! Selbst wenn ich es schaffte, auf Umwegen dorthin zu gelangen, wie kam ich wieder zurück nach Aulendorf? Ohne einen PKW oder wenigstens ein E-Bike war ich hier auf dem Land aufgeschmissen!

Dann sah ich, dass zumindest der Regionalzug von und nach Ulm und Stuttgart regelmäßig direkt vor dem Bahnhofsgebäude abfährt und auch dort hält. Ulm ist eine Großstadt mit einem ausgebauten Nahverkehrsnetz; dort würde ich weiterkommen und nicht in einem mir völlig fremden Niemandsland stranden!

Kurzerhand warf ich meinen Plan über den Haufen, besorgte mir aus dem Fahrkartenautomaten ein Tagesticket von Aulendorf nach Ulm und zurück für € 22,-- und stieg am Gleis 1 in den bereitstehenden Zug. Am Wochenende sind Regionalzüge mit Tagesausflüglern und Touristen in dieser Gegend recht gut ausgelastet, doch ich war früh genug dran, um noch einen Sitzplatz zu finden. Und so schaukelte ich über die sanften hügeligen Wiesen und Dörfer und die kleine Stadt Biberach gen Norden und erreichte in gut dreißig Minuten den Ulmer Hauptbahnhof.

An dieser Stelle sollte ich für alle Reisenden, die hier umsteigen müssen, eine Warnung aussprechen: Nur über eine Hochbrücke gelangt man von einem Bahnsteig zum nächsten, und nicht an allen Bahnsteigen funktioniert der Aufzug. Zuweilen muss man eine recht hohe Treppe hinauf- und am richtigen Bahnsteig wieder hinuntersteigen.

Mit leisem Grauen kam mir mein großer bleischwerer Trolley in den Sinn, dessen Gewicht sich durch eine vollgepackte Reisetasche noch zusätzlich erhöhte… Nein! Dieses Monstrum würde ich nicht im Ulmer Hauptbahnhof die Treppen hinauf und hinunter wuchten; das würde ich mir bei meiner Rückfahrt kostenlos mit Hermes nach Hause senden und nur das draußen lassen, was ich an meinen letzten anderthalb Tagen in Aulendorf brauchte, und es in ein paar Stofftüten verstauen!

Über das Gleis 1 gelangt man zum Ausgang und damit zum Bahnhofsvorplatz; und direkt davor liegt der große Busbahnhof für den Stadt- und Regionalverkehr und eine Trambahn-Trasse. Und zu meiner Freude spitzt der Turm des Ulmer Münsters - der bis 2025 der höchste Kirchturm der Welt war, bis ihn der Christusturm von Antonio Gaudis Kathedrale Sagrada Familia in Barcelona überholt hat - bereits hier zwischen den Häuserblöcken hindurch. Das heißt, vom Bahnhof ist es nur ein kleiner Fußweg ins Zentrum der Altstadt, sprich zum Münsterplatz.

Man könnte schnurstracks geradeaus die Bahnhofstraße hinunter gehen. Man könnte sich leicht nach rechts wenden und einem kleinen Kanal folgen. Oder man könnte links und rechts neben der Bahnhofstraße auf einer der zahlreichen Brücken die Donau überqueren: Das Herz von Ulm ist aus jeder Richtung leicht zu erreichen, da nicht zu übersehen!

Da mir einmal Ulm nicht reichte, war ich an zwei Samstagen dort und kann von zwei Fußwegen berichten, auf denen ich an mein Ziel kam. Auf dem geraden Weg, sprich auf der Bahnhofstraße betritt man die Fußgängerzone und damit die erste der beiden zentralen Einkaufsmeilen dieser Stadt.

Wie bei uns am Marienplatz gibt es auch hier eine Galeria, größer, mächtiger, einladender und eleganter eingerichtet als bei uns. Auch hier gibt es im fünften Stock ein Restaurant, sogar auf mehreren Stufen mit verschiedenen Sitzbereichen. Hier kostet jedes Stück Kuchen € 2,50 und ein Kaffee dasselbe, und das 5+1-Frühstück – d.h. fünf Teile vom Buffet mit einem Heißgetränk nach Wahl – bekommt man hier noch für € 5,--, während man in unserer Galeria am Marienplatz dafür mittlerweile € 10,-- hinlegt.

Auf den Weg durch die Fußgängerzone habe ich festgestellt, dass hier mehr große Mode- und Kaufhäuser überlebt haben als in München und weit weniger Geschäfte leer stehen. Offenbar halten hier private Inhaber ihre Hand eisern über ihrem Laden, und es gibt weniger der großen europaweit bekannten Ketten.

Auch findet man in der Fußgängerzone eine große, gut sortierte Buchhandlung auf mehreren Etagen, in deren Erdgeschoss stapelweise Puzzles ausgestellt sind. Doch auf sie komme ich zu sprechen, wenn ich mich der Stadt Ravensburg widme, denn auch sie ist eine Reise und ein eigenes Kapitel wert!

Auf meinem ersten Tagesausflug gelangte ich auf einem anderen Weg ins Altstadtzentrum, weil ich einem Neoneis folgte, das mich von schräg rechts anblinkte, und mich an einem Wehr mit Blick auf die Blau, einen kleinen Seitenarm der Donau, und das wogende Grün der Laubbäume, die das kleine träge Flüsschen säumen, für eine Weile niederließ.

Die Blau bzw. der Kanal, der aus ihr erschaffen wurde, reguliert samt dem Wehr die Donau und verhindert, dass sie über die Ufer tritt wie zur Zeit der großen Hochwasser zu Beginn der 2000er Jahre, als nahezu alle Städte, die sich an den Ufern eines großen Stromes erstrecken, in den Fluten davonzuschwimmen drohten. Und nebenbei spendet der kleine Kanal an heißen Sommertagen angenehme Kühle und der Baumbestand an seinen Ufern ausreichend Schatten, so dass er zum Verweilen geradezu auffordert.

Wo die Blau in die Donau mündet, spannen sich etliche Brücken über den mächtigen Strom, der hier deutlich anschwillt, sich weitet und an Kraft und Zug der Strömung zulegt.

Eine kleine Brücke mit einem aus Holz gedrechselten Geländer hat eine Besonderheit, die sonst keine andere hat: Unter ihr sind die hohlen hölzernen Rohre einer Marimba angebracht, und jeder Passant, der die Brücke überquert, schlägt das Marimba mit den Füßen an und spielt eine kleine leise Melodie. Bei jedem Fußgänger fällt die Melodie anders aus, je nachdem, wie nahe man am Geländer entlang geht, ob man einfach geradeaus oder im Zickzack läuft oder auf der Brücke hin und her hüpft. Eine kleine Bremse auf dem Weg in die Altstadt, die für ein paar Minuten zu Achtsamkeit und Besinnlichkeit einlädt…

Auf der anderen Seite der Marimba-Brücke stößt man auf das Gasthaus Zur Zill, ein beliebtes Ausflugslokal, von denen es in dieser Stadt viele gibt; und der Name dieses Gasthauses hängt mit der wichtigen Bedeutung der Boote zusammen, die hier verkehren.

Denn eine Zill oder Zille ist ein einfaches schmales Ruderboot aus Holz, das von zwei Personen mit je einem langen Ruder gepaddelt wird. Hauptsächlich wird sie verwendet, um Menschen un leichte Frachten von einem Ufer zum anderen überzusetzen, und lässt sich mit entsprechendem Geschick leicht und wendig manövrieren. Als zu Beginn der 2000er Jahre die Donau die Städte an ihren Ufern massiv überflutete, erwies sich dieses schlichte schmale Holzboot als am besten geeignet, um die Bewohner von Häusern, die von den Fluten eingeschlossen und damit von der Welt abgeschnitten waren, samt dem nötigsten Hausrat zu evakuieren.

Das markante hellgrün getünchte Gasthaus Zur Zill markiert den Anfang des Fischerviertels, wo noch heute Renken, Saiblinge, Zander und andere Fische aus dem Strom geholt werden. Auch sind von hier aus im 18. Jahrhundert viele junge Schwaben allein oder mit ihren Familien auf den Ulmer Schachteln – Zillen im Großformat, die Platz für bis zu 36 Personen boten und in der Mitte eine Kabine als Schutz bei Schlechtwetter hatten - den großen Strom hinuntergefahren, um sich in Ungarn oder im Banat auf Einladung und mit einer Urkunde der Kaiserin Maria Theresia anzusiedeln, um das Land zu bevölkern und es urbar zu machen.

Für all jene, die sich auf den Weg machten, war es eine Reise ohne Wiederkehr; und dies deshalb, weil die Ulmer Schachteln nur zur Fahrt flussabwärts taugten – stromaufwärts hätten sie der starken Strömung und den Strudeln der Donau nicht Stand gehalten -, und weil die schwäbischen Familien, sobald sie den Ort ihrer Neuansiedlung erreichten, ihr Boot zerlegten und die Planken und Bootswände als Brenn- und Bauholz weiterverkauften.

Leider blieb mir zur näheren Erkundung des Fischerviertels nicht ausreichend Zeit. Dafür hätte ich mindestens einen zusätzlichen Tag gebraucht, und ähnlich wie im Fall der Stadt Ravensburg und der Gräfin Paula-Führung hatte ich auch in Bezug auf Ulm eine Wahl zu treffen: ob ich lieber den alten, ursprünglichen Kern der Stadt oder das Fischerviertel sehen wollte, und meine Wahl fiel auf Ersteres.

Und bereut habe ich meine Wahl keineswegs; denn an Größe und Weitläufigkeit kann es der Münsterplatz in Ulm durchaus mit dem Marienplatz in München, dem Augsburger Rathausplatz oder dem Hauptmarkt in Nürnberg aufnehmen.

Übrigens hat Ulm mit Nürnberg einige wesentliche Elemente gemeinsam: Anhand des Baustils und des klar umrissenen Stadtkerns sieht man, dass beide Städte im Mittelalter und in der Renaissance ihre Blütezeit hatten. Damals zählte sowohl Ulm auch als Nürnberg zu den freien Reichsstädten, die nur den Weisungen des Kaisers des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation unterstanden und sonst keinem Herzog, Markgrafen, Freiherrn oder einem anderen Landesfürsten. In beiden Städten hatten die fleißigen, regsamen Bürger das Sagen, vor allem die Zünfte und Gilden der Handwerker und die Kaufleute.

Ulm ist meines Wissens die einzige Stadt in Deutschland, in welcher der erste Bürgermeister noch heute am sogenannten Schwörmontag – dem Montag nach dem dritten Sonntag im Juli - vor dem Stadtrat und der Bürgerversammlung schwört, die Artikel der Verfassung zu achten und zu wahren und dem Wohl der Stadt und ihrer Bürger zu dienen.

An den Häusern rund um den Münsterplatz und in den Gassen dahinter liest man bis auf den heutigen Tag Namen, die es nur in dieser Stadt und der umliegenden Region gibt; hier konnten die Allerweltsketten noch nicht einbrechen, die es sonst in allen Altstädten Deutschlands gibt und dafür gesorgt haben, dass sich die Fußgängerzonen unserer Städte mittlerweile ähneln wie ein Ei dem anderen.

Der historische Kern von Ulm hat sich bis heute seine ureigene Gestalt bewahrt; höchstens, dass alle Häuser um die Jahrtausendwende frisch getüncht wurden und heute in reinem Weiß oder frischen Pastellfarben erstrahlen.

Auch folgen die Häuser am Münsterplatz und dahinter, vor allem in der Kohl- und Rabengasse, noch nicht den Gesetzen der Flurbereinigung: Ein Haus springt ein wenig in die Gasse vor, das Nachbarhaus weicht etwas zurück, und einige stehen nicht ganz lotrecht an ihrem Platz. Doch was soll’s, wenn ihr Fundament solide und ihr Mauerwerk fest genug ist?

Außerdem hat in den kleinen engen Gassen der Altstadt eine Bauweise überlebt, die früher für Deutschland typisch war und heute aus unseren Großstädten nahezu verschwunden ist: die Fachwerkarchitektur mit ihren Dachstühlen, Rahmen und Gerüsten aus Holz, die mit Mauerwerk aufgefüllt werden. Das Mauerwerk ist weiß getüncht, während das Holzgebälk, welches das Gebäude stützt, trägt und zusammenhält, in bestimmten Farben lasiert ist: schwarz, weinrot, hellblau oder lindgrün.

Und kein Haus gleicht dem anderen. Eines hat eine glatte einheitliche Front, die vom schwarzen Holzdach abgeschlossen wird, das daneben in der Mitte einen kleinen Turm, ein anderes wiederum zwei Erker, die seitlich aus dem Mauerwerk hervorspringen. Bei einem Haus ist das Dach spitzgiebelig, beim anderen ein halbrund gewölbtes Walmdach, beim nächsten wabenförmig. Eines aber ist bei allen gleich: Jedes Fachwerkhaus hat hölzerne Türen und Fensterläden, die schwarz, weinrot, hellblau oder lindgrün lasiert sind.

Eine ganz andere Architektur, als ich sie aus München und Oberbayern kenne! Alles in allem verleiht sie den Straßen und Gassen etwas Skurril-Verspieltes, etwas, dass sich mit einem gewissen Trotz selbst gehört und genügt.

Und die Bewohner sind darauf bedacht, ihre Traditionen zu wahren. Eine Fischerfamilie betreibt ihr eigenes Lokal, in dem seit Generationen ihr eigenes Wappen an der Wand hängt: die Heilbronner Fischereigaststätte. Sowohl der Sandjackel als auch der Goldene Ochse bedient die gutbürgerliche, eher fleischlastige Küche, in der Spätzle und Maultaschen nie fehlen.

Noch immer backt die Bäckerei Zaidler Ulmer Zuckerbrot nach ihrem Originalrezept, das in seiner Konsistenz einem Hefezopf ähnelt, aber leichter und lockerer ist, mit Anissamen und Kümmel gewürzt und vor dem Backen mit Rosensirup und Malagawein bepinselt wird. Beim Auspacken und Anschneiden duftet und schmeckt es köstlich und frisch, aber nicht zu süß.

Die Conditorei Lanwehr hat sich auf Spatzen und Knöpfle spezialisiert, Konfektsorten, die es ebenfalls nur in Ulm gibt. Auch gibt es kleine Brauereien, die ihr eigenes Bier ausschenken, Kleiderboutiquen und Schreibwarenläden…

So viel hätte es für mich zu sehen und zu erkunden gegeben; und so wenig Zeit blieb mir im Rahmen meines Tagesausfluges!

Doch immerhin habe ich mir ein Zuckerbrot nach Hause mitgenommen, im Obergeschoss der Heilbronner Fischereigaststätte eine Pfanne mit frisch frittierten Garnelen und in einem Restaurant mit Spezialitäten aus Eritrea eine Gemüsepfanne mit N’jeera (Fladenbrot) und Kochbananen in Schokoladensauce gegessen, und war auf einen Kaffee und ein Stück Kuchen in der regional bekannten Bäckerei Staidl…

Und nicht zuletzt habe ich von 12:00 bis 12:30 an den kleinen kostenlosen Orgelandachten teilgenommen, die unter dem Titel Punkt Zwölf täglich im Ulmer Münster stattfinden.

Wie das Straßburger Münster, der Kölner Dom und die Nürnberger Lorenzkirche ist auch das Ulmer Münster ein Paradebeispiel für den Stil der Hochgotik.

Was haben hier die Baumeister geleistet, die sich im Domkapitel zusammenfanden, um ein Werk für die Ewigkeit zu erschaffen, an dem Generationen gearbeitet haben, die wussten, wie das Endergebnis aussehen sollte, es aber zu ihren Lebzeiten nie in seiner Vollendung zu sehen bekamen!

Unglaublich, wie hoch und mächtig die Türme der Gotik aufragen, in welch schwindelerregende Höhen die Kirchenschiffe emporschießen - und wie grazil und federleicht sie zugleich sind, sowohl außen als auch innen! Außen häkeln sich an Kanten, Schrägen und Türmen Blumen, Zepter und Kreuze entlang. Die spitz zulaufenden Tür- und Fensterstöcke sind mehrfach ineinander verschachtelt und in den Krümmungen mit Ornamenten und Figuren versehen. Innen brechen Spitzbögen, Bündelsäulen und Kreuzrippengewölbe das Mauerwerk auf und heben es so weit in die Höhe, wie es irgend geht. Zum Teil ist die Deckenkonstruktion so filigran wie ein Spinnennetz.

Im Ulmer Münster ist eines anders als in der Lorenzkirche, im Kölner Dom, in den Kathedralen von Reims und Chartres und in Notre Dame von Paris: Innen ist das Mauerwerk nicht düster-dunkelgrau, sondern im hellen und zugleich weichen Ton von Sanddünen gehalten. Dadurch strahlt der gesamte Innenraum Licht und Wärme aus, ohne die Augen je zu blenden.

Leider sind die Buntglasfenster in den beiden Seitenschiffen den Bombenangriffen des Zweiten Weltkrieges zum Opfer gefallen, doch seit Beginn der 1960er Jahre hat man sie teils aufwändig restauriert, teils neu erschaffen, und seit Ende der 1980er Jahre glitzern und funkeln sie wieder wie vielgestaltige Prismen, die das Sonnenlicht in tausend Farben brechen.

Bei einer der beiden Punkt Zwölf-Orgelandachten, an denen ich teilgenommen habe, sorgte die zweite Organistin des Münsters, Huei Yuan Lin, bei mir für unerwartete Überraschungen. So ist es zu meinem Erstaunen möglich, mit zwei Orgelpfeifen und einem bestimmten Register den Ruf des Kuckucks fast naturgetreu wiederzugeben und die atmosphärische Stimmung und das Spiel von Licht und Schatten einzufangen, das für einen Wald im Frühling typisch ist.

Und während ich den Klang der metallenen Orgelpfeifen in einem deutschen Sakralbau in den tiefen Lagen oft als wuchtig, ja in Grund und Boden schmetternd und in den Höhenlagen wie Splitter empfinde, die kalt, spitz und scharf durch den Raum klirren, ließ mich Huei-Yuan Lin an diesem Tag zum ersten Mal hören, dass die hohen Töne einer Orgel auch wie Schleier aus buntem Licht klingen können, die federleicht, zart und weich im Raum schweben…

Gegen Ende des Konzerts, sozusagen als Rausschmeißer für die Besucher der Andacht, brachte die junge Organistin in den tiefen Lagen ihr Instrument gar zum Rocken und Grooven, wenn ich mir diese sehr weltliche Ausdrucksweise erlauben darf; aber es war eindeutig der Rhythmus und Beat des Rock, den ich hörte!

Doch wie bereits erwähnt, blieb mir im Rahmen meiner Tagesausflüge für Ulm viel zu wenig Zeit. Denn jeden Abend, egal ob unter der Woche, an einem Feiertag oder am Wochenende, gab es um 17:00 Uhr Abendessen, und zwischen 17:45 und 18:45 hatten wir uns bei der diensthabenden Schwester auf dem Stockwerk, auf dem wir untergebracht waren, persönlich zu zeigen.

Das bedeutete, dass ich um 16:00 Uhr mit dem Zug in Aulendorf ankommen musste, denn dann musste ich mich zu Fuß die steile Anhöhe zum Schloss und weiter zur Klinik unter dem Kurpark hinauf mühen und mich vor dem Abendessen und -appell noch ein wenig frisch machen. Und spätestens um 22:00 wurde die Eingangstür bis 6:00 morgens verschlossen, und in dieser Zeit hatten wir auf unseren Zimmern zu sein.

Indes ist mir von Ulm der Eindruck von etwas Leichtem, Frischem, zum Teil gar Lieblichem geblieben, von Genuss und Sinnenfreude mit einem Hauch Skurrilität – und dass ich nicht zum letzten Mal dort war, wenn mir meine Zeit, mein Budget und meine Umstände einen längeren Aufenthalt erlauben!

 

 



07.06.2026 - Aulendorf - Die kleine Stadt mit dem großen Schloss
Da ich während meiner Studienzeit in Erlangen und seit Beginn meines Berufslebens in München mit Freundinnen zu tun hatte und habe, die das für Ulm und Umgebung typische Schwäbisch sprechen, ist mir dieser Dialekt vertraut; doch Oberschwaben, das Land, aus dem sie stammen, habe ich bisher noch nicht gekannt. Um die Ufer der Donau herum ist das Land überwiegend flach und eben. Richtung Süden faltet es sich in sanfte grüne Hügel auf, die mit Laubbäumen bewaldet, von Flüssen durchzogen und mit Dörfern, Schlössern und Kirchen gesprenkelt sind. Hinter diesen sanften grünen Hügeln steigt der dunkle Rücken des östlichen Schwarzwaldes empor; und dahinter wiederum versteckt sich der Bodensee in einer tiefen Senke, während sich an seinem südlichen Ufer die Kette der Alpen abzeichnet wie eine grau-weiße Wolkenwand, die nie vergeht, sich in ihrer Gestalt kaum ändert und bei Föhn besonders klar und deutlich zu sehen ist. Diesen Panoramablick hatten wir jeden Morgen, Mittag und Abend, wenn wir in im Speisesaal der Klinik unsere Mahlzeiten einnahmen, denn sie liegt auf dem Rücken eines Hochplateaus, das gemeinsam mit dem Park, der sich schräg hinter ihr erhebt, den höchsten Punkt in dieser Gegend bildet. Drei Eindrücke fallen jedem Besucher auf, der zum ersten Mal hierher kommt: Hier ist es steil, grün und still. Der Bahnhof, ein wichtiger Knotenpunkt für den Verkehr nach Norden und Süden, liegt in einem Talgrund, und wer hier etwas zu erledigen hat, muss mit wenigen Ausnahmen fast immer eine steile Anhöhe erklimmen. Eine relativ sanfte Straße gibt es, die sich nach und nach aufwärts schwingt – genau gesagt der südliche Teil der Hauptstraße -, aber auf ihr fährt oder geht man einen endlos langen Umweg. Sonst führen zwei Straßenzüge steil und direkt und ein humanerer in einer Serpentinenschleife nach oben. Wie auch immer, ein Autofahrer braucht gut funktionierende Bremsen und Gangschaltungen, ein Radfahrer tut gut daran, auf ein E-Bike oder gleich auf ein Mountainbike umzusatteln, und ein Fußgänger meint eine gute halbe Stunde lang, sich auf eine Bergwanderung zu begeben. Und ich weiß, wovon ich rede, denn ich bin jedes Mal schwungvoll den Weg zum Bahnhof hinuntermarschiert und bei meiner Rückkehr von der Talsohle zum Hochplateau hinaufgeächzt, wenn ich an meinem freien Samstag auf Tagestouren ging! Auch überwiegen an diesem Ort die Bäume gegenüber den Häusern. Wie bereits erwähnt, ist der höchste Punkt der Stadtpark schräg hinter der Klinik, den ich wegen seiner Lage und seiner gepflegten, stilvollen Eleganz ohne zu zögern Kurpark nenne. Manche der Bäume, die sich licht und locker über einen sanften Hügelkamm verteilen, Buchen, Eichen, Ulmen, Rotdorne, Thujen, Mammutbäume und andere, sind an die 250 bis 300 Jahre alt und mit mächtigen, ausladenden Kronen bestückt.


Aulendorf - Die kleine Stadt mit dem großen Schloss


Als erstes sollte ich etwas zu der Gegend sagen, in der sich mein Aufenthalt und alles, was damit verbunden war, abgespielt hat.

Die meisten Menschen denken, wenn sie von der Donau hören, an weltbekannte Städte wie Passau, Wien, Bratislava und Budapest, die der mächtige Strom auf seinem Weg durchquert, bis er schließlich bei Constanţa im Osten Rumäniens ins Schwarze Meer mündet.

Doch die Donau beginnt als stille kleine Quelle im Schwarzwald bei Donaueschingen in einem weißen Marmorbecken und fließt eher als Bachlauf denn als Fluss durch einen Auwald von Westen nach Osten. Die erste größere Stadt, welche die Donau durchquert und dort ihr Bett deutlich sichtbar erweitert, ist Ulm, bevor sie ihre Reise nach Ingolstadt und Regensburg fortsetzt, den nächsten größeren Städten.

Zu Ulm komme ich später, da diese Stadt es durchaus verdient, dass ich mich ihr separat widme, ebenso wie Ravensburg; aber an dieser Stelle halte ich erst einmal fest, dass sich zwischen dem Schwarzwald, der Quelle der Donau und dem Bodensee Baden-Württemberg erstreckt, das Schwabenland.

Da ich während meiner Studienzeit in Erlangen und seit Beginn meines Berufslebens in München mit Freundinnen zu tun hatte und habe, die das für Ulm und Umgebung typische Schwäbisch sprechen, ist mir dieser Dialekt vertraut; doch Oberschwaben, das Land, aus dem sie stammen, habe ich bisher noch nicht gekannt.

Um die Ufer der Donau herum ist das Land überwiegend flach und eben. Richtung Süden faltet es sich in sanfte grüne Hügel auf, die mit Laubbäumen bewaldet, von Flüssen durchzogen und mit Dörfern, Schlössern und Kirchen gesprenkelt sind.

Hinter diesen sanften grünen Hügeln steigt der dunkle Rücken des östlichen Schwarzwaldes empor; und dahinter wiederum versteckt sich der Bodensee in einer tiefen Senke, während sich an seinem südlichen Ufer die Kette der Alpen abzeichnet wie eine grau-weiße Wolkenwand, die nie vergeht, sich in ihrer Gestalt kaum ändert und bei Föhn besonders klar und deutlich zu sehen ist.

Diesen Panoramablick hatten wir jeden Morgen, Mittag und Abend, wenn wir in im Speisesaal der Klinik unsere Mahlzeiten einnahmen, denn sie liegt auf dem Rücken eines Hochplateaus, das gemeinsam mit dem Park, der sich schräg hinter ihr erhebt, den höchsten Punkt in dieser Gegend bildet.

Drei Eindrücke fallen jedem Besucher auf, der zum ersten Mal hierher kommt: Hier ist es steil, grün und still.

Der Bahnhof, ein wichtiger Knotenpunkt für den Verkehr nach Norden und Süden, liegt in einem Talgrund, und wer hier etwas zu erledigen hat, muss mit wenigen Ausnahmen fast immer eine steile Anhöhe erklimmen. Eine relativ sanfte Straße gibt es, die sich nach und nach aufwärts schwingt – genau gesagt der südliche Teil der Hauptstraße -, aber auf ihr fährt oder geht man einen endlos langen Umweg. Sonst führen zwei Straßenzüge steil und direkt und ein humanerer in einer Serpentinenschleife nach oben.

Wie auch immer, ein Autofahrer braucht gut funktionierende Bremsen und Gangschaltungen, ein Radfahrer tut gut daran, auf ein E-Bike oder gleich auf ein Mountainbike umzusatteln, und ein Fußgänger meint eine gute halbe Stunde lang, sich auf eine Bergwanderung zu begeben. Und ich weiß, wovon ich rede, denn ich bin jedes Mal schwungvoll den Weg zum Bahnhof hinuntermarschiert und bei meiner Rückkehr von der Talsohle zum Hochplateau hinaufgeächzt, wenn ich an meinem freien Samstag auf Tagestouren ging!

Auch überwiegen an diesem Ort die Bäume gegenüber den Häusern. Wie bereits erwähnt, ist der höchste Punkt der Stadtpark schräg hinter der Klinik, den ich wegen seiner Lage und seiner gepflegten, stilvollen Eleganz ohne zu zögern Kurpark nenne. Manche der Bäume, die sich licht und locker über einen sanften Hügelkamm verteilen, Buchen, Eichen, Ulmen, Rotdorne, Thujen, Mammutbäume und andere, sind an die 250 bis 300 Jahre alt und mit mächtigen, ausladenden Kronen bestückt.

Während sich der Kurpark in seiner schlichten Natürlichkeit an den Landschaftsparks britischer Herrensitze orientiert, folgt der Hofgarten, der etwas tiefer auf ebener Erde liegt, dem Modell einer französischen Parkanlage aus dem 17. und 18. Jahrhundert. Alle Beete und Wege sind wie mit dem Winkelmesser geschnitten, ein Springbrunnen bildet das Zentrum und sechs Pappeln ein Tor, von dem ein Spalier aus kegelförmig zurechtgestutzten Taxusbäumen auf einen kleinen Biergarten zu führt, der sich in den Schatten eines Gebäudes im klassizistischen Stil duckt. Auch im Hofgarten säumen einige mächtige alte Laubbäume die Flanierwege, die aber nicht zurechtgestutzt werden bzw. nur, soweit es nötig ist, um sie gesund zu erhalten.

Das üppige Grün der Laubbäume säumt auch den Spazierweg, der von der Anhöhe über eine gemauerte Treppe hinunter an den Steeger See führt, ein stiller Moorsee, der im Sommer zum Baden einlädt und von einem flachen bewaldeten Spazierweg umgeben ist, auf dem man das ganze Jahr hindurch lustwandeln kann.

Überall, im Kurpark, im Hofgarten, auf dem Weg zum Steeger See und an seinen Ufern ist es fast immer ruhig und still; eine Ruhe und Stille, die auch über den Häusern der kleinen Stadt Aulendorf liegt.

Stadt? Im Grunde ist Aulendorf ein beschauliches Dörfchen, das von den Dingen, die man zum Leben braucht, alles in bescheidenen, aber ausreichenden Maßen hat und am Samstag ab 13:00 Uhr die Gehsteige hochklappt - wenn es nicht die Reha-Klinik, die Schwaben-Therme, die ich wegen ihrem kreisrunden Flachdach gerne „das Ufo“ nenne, und das Parksanatorium gäbe, die drei wichtigsten Institutionen, von denen dieser Ort lebt und gedeiht.

Und wenn es nicht Schloss Aulendorf gäbe, das unter dem Park und den Kliniken liegt. Man muss sagen: ein kleiner Ort mit einem riesigen Schloss, das vom 15. bis zum späten 18. Jahrhundert vom Geschlecht derer von Königsegg-Aulendorf beständig ausgebaut und erweitert wurde.

Der Palas und der älteste Teil der Burgmauer im hintersten Winkel der Schlossanlage und damit die ältesten in ihrer ursprünglichen Gestalt existierenden Bauelemente gehen auf das Jahr 1462 zurück, und seither haben auch die Freiherren von Königsegg-Aulendorf von sich reden gemacht, die mit den Welfen, Staufern und den heute noch lebenden Hohenzollern um ein paar Ecken verwandt sind.

Um 1562 herum wurde die Anlage um eine gewaltige Mauerfront mit Zinnen und einen sieben Stockwerke hohen Wehrturm erweitert. Diese weißgetünchte Front, die samt dem Wehrturm alle anderen Häuser überragt, sieht man vom Bahnhof im Talgrund aus.

1646 wurde der bisherige Freiherr Johann Georg von Königsegg auf Grund seiner Verdienste im Dreißigjährigen Krieg in den Stand eines Reichsgrafen erhoben, was bedeutete, dass er sich nur den Weisungen des Kaisers des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation und ansonsten niemandem fügen musste. Dieser Reichsgraf Johann Georg von Königsegg hat den Bau des barocken Flügels veranlasst, der an der Hauptstraße liegt und mit dem Schlossgarten und der gemauerten Treppe zum Steeger See endet.

Doch gewohnt hat diese Adelsfamilie stets im ältesten Teil des Schlosses, dem Palas mit dem angrenzenden Renaissance-Flügel, der heute das Rathaus umfasst, das sich im Wehrturm auf sage und schreibe sieben Etagen verteilt. - Wofür um alles in der Welt braucht ein Rathaus gleich sieben Stockwerke?

Auf der siebten und obersten Etage liegt der Besprechungsraum; darunter, im sechsten Stock, die Stadtkämmerei und das Bauamt. Im fünften Stock hat der Bürgermeister sein Büro, im vierten Stock der Stadtrat. Im dritten Stock finden die Bürger von Aulendorf alle wichtigen Ämter und das Bürgerbüro.

Im zweiten Stock auf der Bel Etage befinden sich die historischen Räume, der Marmorsaal, der Musiksalon, der Gelbe und der Blaue Saal, in denen seit dem 18. Jahrhundert und heute wieder Gäste empfangen werden und besondere Veranstaltungen stattfinden.

Und im Hochparterre liegt der Eingang zur Touristik-Zentrale, zum Bürgerbüro, zu den Ämtern - und zur Playmobil-Ausstellung, die in diesem Jahr vom 18. April bis zum 31. Mai hier gastierte.

Hier komme ich zu einem recht schrägen Kuriosum, denn die Exponate von Playmobil waren in den Räumen der Bel Etage untergebracht. Jawohl, hier gab es die charakteristischen Figuren mit ihren runden Köpfen und Augen und ihren freundlichen Mienen ebenso wie die Vorlagen zu sehen, nach denen die Bausätze für Kaufmannsläden, Polizeiwachen, Burgen, Schlösser, die Welten und Raumschiffe aus Star Trek, Star Wars und vieles mehr Generationen von Kindern und jung gebliebenen Erwachsenen beglückt haben.

Die vom Diorama-Künstler Ulrich Schaffer liebevoll und aufwändig gestalteten und illuminierten Phantasiewelten wie Neptuns Reich auf dem Meeresgrund, Cinderellas Schloss in wechselnden Beleuchtungen, eine Drachenburg im Wechsel der vier Jahreszeiten, ein skurril-versponnener Zauberwald, ja sogar die U.S.S. Enterprise und das Klingonen-Kampfschiff der Bird of Prey-Klasse vor dem implodierenden Planeten Genesis waren in leerstehenden Räumen untergebracht, in denen sie eindrucksvoll zur Geltung kamen und ihre Wirkung entfalteten.

Doch manche Schlösser und Bauten waren in derart schreiend-kitschigen Farben gehalten, dass sie vor der Kulisse des dezent und geschmackvoll gestalteten Marmorsaals wie ein Schlag auf beide Augen wirkten!

Der zum Reichsgrafen erhobene Johann Georg aus dem 17. Jahrhundert verlegte übrigens während seiner Wirkungszeit seinen Hauptwohnsitz auf die vorherige Sommerresidenz Schloss Königsegg bei Waldburg, die bis heute der ständige Wohnsitz der nach wie vor existierenden Adelsfamilie ist.

Im 18. Jahrhundert, unter dem Reichsgrafen Franz Xaver, mit dem Kaiser Franz I. von Österreich-Ungarn in einem intensiven Austausch stand und der den Marmorsaal von Schloss Aulendorf sogar einmal auf einen Kaffee im Stehen besucht hat, entstand der klassizistische Gebäudetrakt auf der gegenüberliegenden Straßenseite, der über den ebenfalls von Franz Xaver in Auftrag gegebenen Hofgarten hinweg blickt; und auf ihn geht auch die Planung und Gestaltung des Stadt- bzw. Kurparks zurück.

Später war die k.u.k. Donaumonarchie sogar noch enger mit dem Geschlecht derer von Königsegg-Aulendorf verwoben, denn Paula von Bellegarde, die in dieses Adelsgeschlecht eingeheiratet hat, war geraume Zeit die erste Hofdame der Kaiserin Elisabeth.

Übrigens kann man diese Epoche an ausgesuchten Samstagen oder Sonntagen heute wieder miterleben: Zwei Damen schlüpfen in die Kostüme der Gräfin Paula von Aulendorf und ihrer Kammerzofe, berichten vom Leben in der Wiener Hofburg und in Schloss Schönbrunn an der Seite der Kaiserin – und kredenzen ihren Gästen sogar im Gelben Saal Suppe, Kaffee und Kuchen!

Ich weiß, dass es diese Führungen hin und wieder gibt, habe es aber leider nicht geschafft, daran teilzunehmen, da ich mich entscheiden musste, was ich während meines Aufenthaltes an den freien Wochenenden unternehmen wollte und die Stadt Ravensburg für mich den Ausschlag gab. Unter der Woche finden die Gräfin Paula-Führungen leider nicht statt, einmal abgesehen davon, dass ich mich weder lange noch weit von der Reha-Klinik entfernen konnte, da ich von Montag bis Freitag einem straff und präzise durchgetakteten Stundenplan folgte.

Mit dem Tod der Kaiserin Elisabeth und dem Erlöschen der k.u.k. Donaumonarchie am Ende des Ersten Weltkrieges wurde es still um Schloss Aulendorf, und seit den Wirren des Zweiten Weltkrieges kümmerte sich niemand mehr darum, nicht einmal die Grafenfamilie, die sich ganz auf Schloss Königsegg zurückgezogen hatte und deren Stammschloss für sie zu einer ebenso lästigen wie kostspieligen Bürde geworden war.

In den 1950er Jahren versuchte man, hier Kriegs- und Flüchtlingswaisen unterzubringen. Zeitzeugen, die damals Kinder waren und zu Beginn der 2000er Jahre noch lebten, haben in einer Fernseh-Dokumentation berichtet, wie vergammelt die Möbel und Einrichtungen waren, sofern sie zu dieser Zeit überhaupt noch existierten; dass es weder Toiletten mit Wasserspülung noch Bäder gab; dass die Räume im Winter eiskalt und im Sommer brütend heiß waren – in Kürze, dass es für die Kriegswaisen der pure Horror war, hier zu leben!

Im Jahr 1989 kaufte die Stadt Aulendorf der Grafenfamilie ihr Schloss für eine Mark ab. Der Grund für diesen nominellen Preis liegt darin, dass Architekten, Zimmerleute, Dachdecker und andere Handwerker feststellten, dass die Bausubstanz marode und heruntergekommen war, alle Wände, Böden, Decken und Dächer. Doch dann beschlossen einige zahlungskräftige Sponsoren gemeinsam mit den Bürgern von Aulendorf, ihr Schloss wieder herzurichten, bis es seit den frühen 2000er Jahren wieder in seiner alten Pracht und Herrlichkeit erstrahlt. Und wenn sich heute Leben regt, dann hier!

Die Schlossbrauerei und die angeschlossene Nobel-Gaststätte Schalander im klassizistischen Gebäudetrakt laden an den Wochenenden und Feiertagen zu Spezialitäten-Wochen ein. Das Eiscafé im rechten Winkel dazu ist der Treffpunkt von Aulendorf schlechthin. Und an sonnigen Sonn- und Feiertagen finden im Schlossgarten am Ende des Barock-Baus bei Kaffee und köstlichen Muffins, Kuchen und Torten aus einer kleinen Privatbäckerei Open Air-Konzerte zum Nulltarif statt.

Ein Umstand hat mich allerdings nicht wenig erschreckt: Seit ich auf meiner Website meine Essays hochlade, habe ich regelmäßig den Niedergang traditioneller Läden und Geschäfte in München und das damit einhergehende Veröden und Verarmen meiner Stadt beklagt. Und leider ist Aulendorf von dieser Entwicklung ebenso stark betroffen.

An der Hauptstraße, der Lebensader und zentralen Einkaufsmeile des Ortes, gähnt gut ein Drittel der Häuser ebenso leer und öde vor sich hin wie der einstige Karstadt-Komplex an der Schützenstraße und das Gebäude der Familie Zechbauer, die frühere Galeria am Stachus. Und in einer Kleinstadt macht sich der Niedergang eines vormals blühenden Ortes weit schlimmer und drastischer bemerkbar als in einer Großstadt wie München!

Gleichwohl unternehmen die Bewohner von Aulendorf alles, um ihre kleine Stadt am Leben zu erhalten, und konzentrieren sich dabei auf Kurpatienten und Wochenend-Ausflügler.

So gibt es nahe der Bahngleise im Talgrund ein Hofgut mit Streichelzoo, Gastronomie und Gästehaus samt einem angrenzenden Adventure-Golfplatz, der Besucher anlocken soll, die nicht zu den Reichen und Mächtigen zählen, aber den Umgang mit einem Golfschläger in einer gepflegten Parklandschaft gern einmal ausprobieren möchten. Der Parcours führt über kleine Felsen und Brücken, Burganlagen, durch einen Wald, an einem Weiher entlang…

Wer befürchtet, mit dem ersten Abschlag seinen Golfball in die Krone eines Baumes oder mitten in einen Teich zu befördern, sollte vielleicht erst einmal auf der kleinen, aber liebevoll gepflegten Minigolf-Anlage üben, die in der linken hinteren Ecke des Hofgartens liegt.

Für € 3,50 bzw. für Gutschein-Besitzer umsonst bekommt man von dem Besitzer und Betreiber der Anlage einen Schläger, ein Sortiment von vier Bällen und eine grüne Score-Karte in die Hand gedrückt, und damit wandert man über den Parcours, der teils im Schatten der hohen Laubbäume, teils auch an der Sonne liegt und 18 Stationen umfasst. An jeder Station hat man insgesamt sieben Versuche, um sein Bällchen mit dem Schläger ins Loch zu kloppen, und je nach der eingebauten Raffinesse gelingt einem dies mal mehr, mal weniger gut.

Ich habe an einem sonnigen, aber nicht zu heißen Nachmittag in gut anderthalb Stunden alle 18 Löcher bespielt. Das hieß, dass ich 18 Mal meine Score-Karte und mein Ballsortiment ablegte, ein Bällchen auswählte und auf den Abschlagspunkt setzte, um mein Bällchen einzulochen, es hinterher aufzuheben und zur nächsten Station zu wandern. Am Ende war meine Score-Karte bei mir als blutiger Anfängerin unter aller Kanone…

Macht nichts! Spaß hat es mir trotzdem gemacht; und dieser Spaß hat mich nichts gekostet außer eine Flasche Birnenschorle, die von einem Obstgarten aus der Bodenseeregion stammte und die ich mir vor der Clubhütte an einem der Tische im Freien einverleibte, nachdem ich meinen Schläger und alle Bälle beim Inhaber und Betreiber abgegeben hatte.

An manchen Freitag- und Samstagabenden gibt es für junge Leute Live-Musik im Heuboda an der Hauptstraße; für ältere Semester im Restaurant Reck eine Steilkurve tiefer im sogenannten Mühlviertel. Nicht weit davon entfernt liegt der Ritter- oder auch Arthushof, in dem man mit einer Gesellschaft ab 15 Personen Abende mit einem mittelalterlichen Rittermahl buchen kann wie früher in der Welser-Kuchl, im Kellergewölbe der Münchner Residenz.

Und dann hat sich die Stadtverwaltung von Aulendorf eine recht lukrative Idee einfallen lassen: Die Gästekarte, die man als Reha- oder Kurpatient in der Touristik-Zentrale im Rathaus abholen kann und die den Gast zusammen mit einem Gutscheinheft im Broschürenformat zu manchen kostenlosen oder sehr günstigen Eintritten und Ermäßigungen berechtigt. Und diese Idee lohnt sich durchaus für Gäste, die länger als nur über das Wochenende bleiben.

So bekam ich dank dieser Gutscheinkarte und des Broschürenheftes während der fünf Wochen meines Aufenthalts:

Eine Führung durch Schloss Aulendorf am Sonntag um 10:00 Uhr für € 1,50, einen kostenlosen Eintritt zur Playmobil-Ausstellung und zur Minigolf-Anlage, ein Gratis-Getränk zum Hauptgericht in der Schlossbrauerei-Gaststätte, einen Cappuccino im Eiscafé, eine Tüte Salbeibonbons zu meinem Einkauf in der Schlossapotheke, einen Kaffee in der Konditorei Leser und noch einen in der Bäckerei Usenbenz zu meinem gewählten und bezahlten Stück Torte, und ein Heißgetränk und ein Gebäckstück nach Wahl für € 2,50 in einem Edeka, der nahe der Bahntrasse liegt und zu dem man ein gutes Stück nach Süden wandern muss, fast aus dem Ort hinaus.

Und die Gräfin Paula-Führung hätte es laut Gutscheinheft für € 10,-- anstatt für € 20,-- gegeben. Noch heute bedaure ich aufrichtig, dass ich nicht dabei sein konnte.

Doch an diesem Samstagnachmittag kam ich kurz vor 16:00 Uhr mit dem Schienenersatzbus aus Ravensburg am Busbahnhof von Aulendorf an, genau zu der Zeit, als die Führung in Schloss Aulendorf begann. Nach meiner Tagestour durch Ravensburg bezweifle ich, dass mir nach dem Aufstieg die steile Anhöhe zum Schloss hinauf meine Energie für die Führung durch die Räumlichkeiten noch gereicht hätte; und spätestens bis 18:45 Uhr musste ich mich in der Klinik wie an jedem Abend persönlich bei den Schwestern auf meiner Station melden wie alle anderen Rehabilitanden.

Kurz und bündig: Aus der Gräfin Paula-Führung wäre bei mir ein von Erschöpfung und Zeitnot geprägtes Erlebnis geworden, und dafür war sie mir zu schade.



07.06.2026 - Impressionen aus dem Schwabenland
Unter alltäglichen Umständen hätte ich seit Anfang 2024 weder die Möglichkeit noch die Mittel gehabt, eine Urlaubsreise zu unternehmen und eine neue Gegend zu erkunden. Doch seit Anfang 2019 habe ich in Umständen gelebt, die von mir das Äußerste an Einsatz und Kampf und im Frühjahr 2026 ihren Tribut gefordert haben: Ich war an Körper, Geist und Seele derart ausgelaugt, dass bei mir nichts mehr ging, so dass meine Hausärztin und ich eine Reha von fünf Wochen beantragten, die ich einschließlich meiner An- und Rückreise sowie meiner Unterbringung, Verpflegung und aller für mich vorgesehenen Maßnahmen von der Deutschen Rentenversicherung ohne Beanstandungen und in vollem Umfang bewilligt bekam. Wenige Wochen vor meiner Abreise landete ich für zehn Tage im Krankenhaus, als mich - begünstigt durch meine allgemeine Schwäche - mein altes Leiden wieder heimsuchte, mit dem ich mich seit November 2018 mehrmals herumgeschlagen habe. Über die Details meiner Reha-Maßnahme möchte ich mich, um die Privat- und Intimsphäre der Ärzte, Therapeuten, Pfleger und Patienten vor Ort zu wahren, nicht näher äußern – nur in Fällen, in denen sie mich betrafen - und lediglich drei allgemeingültige Tatsachen erwähnen: 1. Auf Grund der vielfältigen Therapien und Vorträge und der Konfrontation mit Ärzten und Therapeuten ebenso wie mit den Schicksalen der Mit-Rehabilitanden, die man im Lauf der Zeit mitbekommt, hat ein Reha-Aufenthalt seine fordernden, zuweilen gar anstrengenden Seiten; er ist kein Spaziergang und auch kein Urlaub mit Nichtstun. 2. Zugleich ist der Ort, an dem ich mich in den letzten fünf Wochen überwiegend aufgehalten habe, eine wahre Fundgrube für Körper, Geist und Seele. Es gibt Sporthallen mit Fitness-Geräten und Sportutensilien in Mengen; und fehlen einem bestimmte Dinge wie Nordic-Walking-Stöcke, die bei manchen Patienten zum Reha-Programm gehören, kann man sie sich auch ausleihen. Daneben gibt es Säle für Kunst- und Ergotherapie mit allen erdenklichen Materialien, aus denen man etwas formen und gestalten kann, eine Bibliothek mit Nachschlagewerken, gehobener Literatur und Schmökern zur Unterhaltung, Tische mit Puzzles und Brettspielen, einen Billard-Pool und Tischtennis-Platten, und all dies in hell und freundlich gestalteten, mit gediegenen, haltbaren Möbeln ausgestatteten Räumen. 3. Man lebt in einem stabilen, geschützten Rahmen. Damit meine ich, dass man an zwei Buffet-Anrichten und drei Essens-Ausgaben mit Frühstück, Mittag- und Abendessen wie auch mit Tee, Kaffee, Milch und Tafelwasser versorgt wird; dass es auf den Patientenzimmern weder an ebenso behaglichen wie auch geräumigen Möbeln mit vielen Ablagefächern noch an freiem WLAN, TV und Telefon fehlt; und dass Stress, Hektik und Leistungsdruck, die einen sonst im Alltags- und Berufsleben umgeben, an diesem Ort außen vor bleiben. Wichtig sind hier ausnahmsweise nur die Therapien und Veranstaltungen, die täglichen Mahlzeiten und das, was man in seiner Freizeit unternimmt. Damit genug zum Thema Reha! Für mich gab es in den letzten fünf Wochen darüber hinaus viel Schönes und Sehenswertes zu erkunden, von dem ich in meiner neuen Artikelreihe erzählen möchte.


Impressionen aus dem Schwabenland


Unter alltäglichen Umständen hätte ich seit Anfang 2024 weder die Möglichkeit noch die Mittel gehabt, eine Urlaubsreise zu unternehmen und eine neue Gegend zu erkunden.

Doch seit Anfang 2019 habe ich in Umständen gelebt, die von mir das Äußerste an Einsatz und Kampf und Ende 2025 zunehmend ihren Tribut gefordert haben: Ich war an Körper, Geist und Seele derart ausgelaugt, dass bei mir nichts mehr ging, so dass meine Hausärztin und ich eine Reha von fünf Wochen beantragten, die ich einschließlich meiner An- und Rückreise sowie meiner Unterbringung, Verpflegung und aller für mich vorgesehenen Maßnahmen von der Deutschen Rentenversicherung ohne Beanstandungen und in vollem Umfang bewilligt bekam.

Wenige Wochen vor meiner Abreise landete ich für zehn Tage im Krankenhaus, als mich -  begünstigt durch meine allgemeine Schwäche - mein altes Leiden wieder heimsuchte, mit dem ich mich seit November 2018 mehrmals herumgeschlagen habe.

Über die Details meiner Reha-Maßnahme möchte ich mich, um die Privat- und Intimsphäre der Ärzte, Therapeuten, Pfleger und Patienten vor Ort zu wahren, nicht näher äußern – nur in Fällen, in denen sie mich betrafen - und lediglich drei allgemeingültige Tatsachen erwähnen:

1. Auf Grund der vielfältigen Therapien und Vorträge und der Konfrontation mit Ärzten und Therapeuten ebenso wie mit den Schicksalen der Mit-Rehabilitanden, die man im Lauf der Zeit mitbekommt, hat ein Reha-Aufenthalt seine fordernden, zuweilen gar anstrengenden Seiten; er ist kein Spaziergang und auch kein Urlaub mit Nichtstun.

2. Zugleich ist der Ort, an dem ich mich in den letzten fünf Wochen überwiegend aufgehalten habe, eine wahre Fundgrube für Körper, Geist und Seele. Es gibt Sporthallen mit Fitness-Geräten und Sportutensilien in Mengen; und fehlen einem bestimmte Dinge wie Nordic-Walking-Stöcke, die bei manchen Patienten zum Reha-Programm gehören, kann man sie sich auch ausleihen. Daneben gibt es Säle für Kunst- und Ergotherapie mit allen erdenklichen Materialien, aus denen man etwas formen und gestalten kann, eine Bibliothek mit Nachschlagewerken, gehobener Literatur und Schmökern zur Unterhaltung, Tische mit Puzzles und Brettspielen, einen Billard-Pool und Tischtennis-Platten, und all dies in hell und freundlich gestalteten, mit gediegenen, haltbaren Möbeln ausgestatteten Räumen.

3. Man lebt in einem stabilen, geschützten Rahmen. Damit meine ich, dass man an zwei Buffet-Anrichten und drei Essens-Ausgaben mit Frühstück, Mittag- und Abendessen wie auch mit Tee, Kaffee, Milch und Tafelwasser versorgt wird; dass es auf den Patientenzimmern weder an ebenso behaglichen wie auch geräumigen Möbeln mit vielen Ablagefächern noch an freiem WLAN, TV und Telefon fehlt; und dass Stress, Hektik und Leistungsdruck, die einen sonst im Alltags- und Berufsleben umgeben, an diesem Ort außen vor bleiben. Wichtig sind hier ausnahmsweise nur die Therapien und Veranstaltungen, die täglichen Mahlzeiten und das, was man in seiner Freizeit unternimmt.

Damit genug zum Thema Reha! Für mich gab es in den letzten fünf Wochen darüber hinaus viel Schönes und Sehenswertes zu erkunden, von dem ich in meiner neuen Artikelreihe erzählen möchte.

 



08.04.2026 - Was außer der Familie und der Musik sonst noch zählt
* Die Städte Berlin und Paris In Berlin wurde Reinhard Mey, wie bereits erwähnt, geboren, ist sein Leben lang bekennender Berliner geblieben und hat dort auch seinen festen Wohnsitz. Er hat diese Stadt zerbombt und in Trümmern liegend gesehen, die Flüge der „Rosinenbomber“ erlebt, die auf dem Flughafen Tempelhof landeten und starteten, den Mauerbau 1961 und den Mauerfall 1989. Er kennt die tiefen Wunden und Narben, die der Krieg und die Teilung in Ost- und West-Berlin in seiner Heimatstadt hinterlassen hat und die bis heute spürbar geblieben sind. Auch die Schwere und Schwermut, die seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges über unserem Land und seiner Hauptstadt lastet und zu der seit der Aufteilung in Ost und West der Eindruck von Kälte und Entfremdung hinzugekommen ist, blieb ihm sein Leben lang bewusst und in ihm lebendig. Auch über das schwierige, zum Teil schmerzhafte Verhältnis zu seiner Heimatstadt und unserem Land hat er immer wieder gesungen. Doch die andere Hälfte seiner Persönlichkeit gehört Frankreich und Paris, das seit den frühen 1950er Jahren zu seiner zweiten Heimat geworden ist. Aus Paris kommt bei Reinhard Mey die Fähigkeit zur Freude an den schönen und angenehmen Dingen des Lebens wie zum Beispiel am Zusammensitzen mit Freunden am Abend bei einem Glas Wein, und auch der Stil seiner Kompositionen. Der Fluss und die Textur seiner Melodien gehen bis heute auf seine großen Vorbilder Charles Aznavour und Charles Trenet, George Brassens und Boris Vian zurück, die er im Olympia und im Bobino gesehen und gehört hat. Sein Gitarrenspiel orientiert sich an Django Reinhardt und Stéphane Grappelli, die er beide live auf dem linken Seineufer erlebt hat, abends im "La Huchette" oder im "Deux Magots". Wo ihn die Schwere des deutschen Seins und Wesens zuweilen in Grund und Boden drückt, ist es die Leichtigkeit und der Lebensgenuss in "La Douce France", seiner zweiten Heimat, die ihm Auftrieb verleiht – und wo er bis heute bis heute als Frédéric Mey eine ebenso treue Fangemeinde hat wie in den deutschsprachigen Ländern.


Was außer der Familie und der Musik sonst noch zählt


Die Städte Berlin und Paris

In Berlin wurde Reinhard Mey, wie bereits erwähnt, geboren, ist sein Leben lang bekennender Berliner geblieben und hat dort auch seinen festen Wohnsitz. Er hat diese Stadt zerbombt und in Trümmern liegend gesehen, die Flüge der „Rosinenbomber“ erlebt, die auf dem Flughafen Tempelhof landeten und starteten, den Mauerbau 1961 und den Mauerfall 1989. Er kennt die tiefen Wunden und Narben, die der Krieg und die Teilung in Ost- und West-Berlin in seiner Heimatstadt hinterlassen hat und die bis heute spürbar geblieben sind.

Auch die Schwere und Schwermut, die seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges über unserem Land und seiner Hauptstadt lastet und zu der seit der Aufteilung in Ost und West der Eindruck von Kälte und Entfremdung hinzugekommen ist, blieb ihm sein Leben lang bewusst und in ihm lebendig. Auch über das schwierige, zum Teil schmerzhafte Verhältnis zu seiner Heimatstadt und unserem Land hat er immer wieder gesungen.

Doch die andere Hälfte seiner Persönlichkeit gehört Frankreich und Paris, das seit den frühen 1950er Jahren zu seiner zweiten Heimat geworden ist. Aus Paris kommt bei Reinhard Mey die Fähigkeit zur Freude an den schönen und angenehmen Dingen des Lebens wie zum Beispiel am Zusammensitzen mit Freunden am Abend bei einem Glas Wein, und auch der Stil seiner Kompositionen.

Der Fluss und die Textur seiner Melodien gehen bis heute auf seine großen Vorbilder Charles Aznavour und Charles Trenet, George Brassens und Boris Vian zurück, die er im Olympia und im Bobino gesehen und gehört hat. Sein Gitarrenspiel orientiert sich an Django Reinhardt und Stéphane Grappelli, die er beide live auf dem linken Seineufer erlebt hat, abends im La Huchette oder im Deux Magots.

Wo ihn die Schwere des deutschen Seins und Wesens zuweilen in Grund und Boden drückt, ist es die Leichtigkeit und der Lebensgenuss in La Douce France, seiner zweiten Heimat, die ihm Auftrieb verleiht – und wo er bis heute bis heute als Frédéric Mey eine ebenso treue Fangemeinde hat wie in den deutschsprachigen Ländern.


Die Nordseeküste und das Segeln

Sobald Reinhard Mey an einem neuen Album arbeitet, zieht er sich von Anfang Mai bis Ende September in sein Haus in Kampen auf der Insel Sylt zurück, seine „Komponistenhütte“, in der er an jeder Textzeile und jeder melodischen Feinheit schleift und feilt. In dieser Zeit ist er für niemanden zu sprechen außer für seine Familienangehörigen.

Wenn er sich nach getaner Tagesarbeit entspannen will, kreuzt er mit seiner kleinen Segelyacht im Wattenmeer vor der Nordseeküste, um sich von der Seebrise den Kopf frei pusten zu lassen und im Spiel von Wind und Wellen zur Ruhe zu kommen, und kennt sich sowohl mit dem Gesetz von Luv und Lee als auch auf den friesischen Inseln und drumherum bestens aus.

Ihm ist das Spiel der Farben, Lichter und Stimmungen an der Küste und auf See im Wechsel der Tiden, Tages- und Jahreszeiten ebenso vertraut wie Siegfried Lenz, der die Nordseeküste und ihre Menschen in seiner Deutschstunde auf solch unvergessliche Weise porträtiert hat.

Sind seine Songs aus seiner Sicht reif für das neue Album, packt er seine Demo-Aufnahmen zusammen, kehrt von Sylt auf das Festland zurück und begibt sich nach Aachen, wo sein bewährter Wegbegleiter Manfred Leuchter in seinem Tonstudio die Aufnahmeleitung übernimmt, während Alex Jacobi an den Reglern und Registern seines Mischpults zugange ist.

Und dann feilen die drei und alle anderen an der Produktion Beteiligten, bis alles passt und das neue Album fertig ist; in der Regel Ende November.


Das Fliegen

Seit seine Mutter Hertha ihn regelmäßig zum Flughafen Tempelhof mitnahm, um mit ihm das Starten und Landen von Flugzeugen zu beobachten, war es um Reinhard Mey geschehen: Fortan war und blieb sein größter Traum der vom Fliegen, den er mit der ihm eigenen Konsequenz und Beharrlichkeit in die Tat umgesetzt hat.

Seit 1973 ist er offiziell im Besitz der Fluglizenz für Motorflugzeuge, hat seinen Flugschein um den für elektronisch gesteuerte Flugzeuge und sogar für Kunstflug erweitert. Ja, und seit 1984 ist er auch stolzer Besitzer einer zweimotorigen Cessna, mit der er eine Zeitlang zusammen mit einem befreundeten Piloten Charterflüge innerhalb von Europa unternommen hat.

Das heißt, wenn Reinhard Mey wollte, könnte er noch heute auf jedem beliebigen Flughafen starten und landen. Indes hat er seit 2013, mit siebzig Jahren, aus Sicherheitsgründen freiwillig aufgehört, aktiv als Pilot zu fliegen.

Doch von der lebenslangen Faszination und Leidenschaft des Fliegens hat er über die Jahre und Jahrzehnte hinweg immer wieder in seinen Liedern erzählt:

* Über den Wolken (1974) ist in den deutschsprachigen Ländern sein bekanntestes und beliebtestes Lied überhaupt, auch wenn es nur von der Sehnsucht nach dem Fliegen spricht, die jemand empfindet, der einem Flugzeug beim Starten zusieht, ohne dass derjenige selbst fliegt, weder aktiv noch passiv.

* Golf November (1996) erzählt von der spektakulären Rettungsaktion eines Hubschraubers der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft (DLRG), dessen diensthabender Pilot gemeinsam mit dem Arzt einen Tag vor Heiligabend ein Kind rettete, das am Steinhuder Meer im Eis einbrach und versank.

* Nachtflug (2012) beschreibt nicht mehr und nicht weniger als das, was der Titel des Liedes besagt: das Starten, Fliegen und Landen bei Nacht aus der Perspektive des Cockpits. Doch welch klare, plastische, anschauliche Worte spiegeln das Erlebnis des Fliegens wider, unter der Kuppel des sternfunkelnden Alls!

* Lilienthals Traum (2008), mit den Berliner Philharmonikern aufgenommen und eingespielt, erzählt vom Leben und Schaffen des Erfinders und Flugpioniers Otto Lilienthal, von der puren Faszination und Lust, gleich einem Vogel schwerelos in den Lüften zu schweben, und schließlich von jenem Tag im August 1891, als er mit seinem Segelflugzeug durch eine jäh einsetzende Steilbö abstürzte und starb.

Doch der nahende Tod hat für Lilienthal weder etwas Schreckliches noch gar etwas Vernichtendes. Ein letztes Mal dem Flug der Störche folgend, steigt er frei und schwerelos zum lichtdurchfluteten Blau des Himmels empor...